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Brave New World (Schöne neue Welt)

Kapitel 1-2

Zusammenfassung

​​In der Brut- und Normzentrale wird eine Gruppe Studenten durch die sterilen Befruchtungsräume geführt. Der Direktor legt den Wert dabei auf Einzelheiten. Für einen Gesamtüberblick ist keine Zeit und ein solcher wird von der Gesellschaft auch nicht angestrebt. Der Direktor erklärt das Befruchtungsverfahren, für das eine Frau einen Eierstock spendet. Nach der Befruchtung und entsprechenden Aufbereitung schließt sich die Separierung in Alphas, Betas, Gammas, Deltas und Epsilons an. Die Studenten notieren eifrig. Die letzten drei Gruppen werden nach 36 Stunden dem Bokanowsky-Verfahren unterzogen. Bestimmte Eingriffe wie Röntgenstrahlung, Alkohol oder Kälte führen zur Knospung des Eis: Statt nur einem Embryo entstehen 96 völlig identische Geschwister, auch Dutzendlinge genannt. Sie sichern die Stabilität der Gesellschaft. Eine einheitliche Gruppe bildet die Belegschaft für eine ganze Fabrik. Henry Päppler wird vom Direktor zur Gruppe gewunken und berichtet begeistert von den Erfolgen der Zentrale. Die Lähmann-Methode ermöglicht eine Beschleunigung dieser Prozesse bis in den fünfstelligen Bereich und man stellt sich die Frage, wie weit man gehen kann. Es herrscht ein geheimer Wettbewerb zwischen den Brutzentralen.

Die Gruppe erreicht die Befüllstation am Fließband. Die Brutflaschen werden beschriftet und den Abteilungen zur sozialen Bestimmung zugeordnet. Im Embryonendepot wandern die Embryonen in Flaschen, in denen sie 267 Tage verbleiben, durch ein fein abgestimmtes System bis zur Entkorkung. Der menschliche Körper wird simuliert und die nötigen Nährstoffe extern zugeführt. 70 Prozent der weiblichen Embryonen werden mit männlichen Sexualhormonen behandelt, um garantiert empfängnisfrei zu sein. Laut Päppler sei der einzige Nachteil ein schwacher Bartwuchs. Fruchtbarkeit gilt als lästig und die hohe Zahl von 30 Prozent wird nur für eine ausreichende Auswahl aufrecht erhalten. Päppler drückt seine Begeisterung über die menschlichen Erfindungen aus, die die Natur übertreffen.

Noch vor der Entkorkung ist klar, welchen Platz die Menschen in der Gesellschaft einnehmen werden. Epsilons werden zum Beispiel Kanalreiniger, Alphas nehmen Führungspositionen ein. Mit Hilfe von Methoden wie Sauerstoffverknappung werden Epsilons unter dem Durchschnitt gehalten. Die Nachfrage eines Studenten wird vom Direktor schroff beantwortet: Nicht nur das Erbmaterial, auch das Umfeld muss einem Epsilon entsprechen. Päppler träumt davon, die Heranreifung der Epsilons zu beschleunigen, schließlich bräuchten diese keine Intelligenz. Doch bisherige Versuche lieferten nicht die gewünschten Erfolge. Weitere Einflüsse wie die Temperatur sorgen für die Normung auf das spätere Umfeld. Lenina, eine hübsche Arbeiterin, impft gerade einige Embryonen, die später in den Tropen arbeiten sollen. Henry verabredet sich mit ihr für den Nachmittag auf dem Dach. Der Direktor tätschelt sie mit ein paar Klapsen.
Zur Besichtigung für die Konditionierung der Alphas bleibt keine Zeit mehr. Die Gruppe wirft aber noch einen kurzen Blick ins Entkorkungszimmer.

Der Direktor und die Studenten betreten die Kleinkinderverwahranstalt. Pflegekräfte in weißer steriler Kleidung verteilen Schalen mit Rosenblättern auf dem Boden und stellen nach der Anweisung des Direktors Kinderbücher dazu. Identische Kleinkinder, circa acht Monate alt, werden hereingebracht. Ihre khakifarbene Kleidung weist auf die Delta-Kaste hin. Der Direktor gibt knappe und strenge Anweisungen. Die Kinder krabbeln auf die Auslagen zu. Plötzlich ertönt eine Sirene. Die Kinder erhalten elektrische Schläge über den Fußboden. Angst und Geschrei machen sich unter den Deltas breit. Die Kinder werden konditioniert und verknüpfen Blüten und Bücher von nun an mit dieser Erfahrung. Ein Student erkennt den Sinn hinter den Büchern – Deltas sollen ihre Zeit nicht mit Lesen vergeuden oder gar etwas darin finden, was nicht für sie bestimmt ist. Der Direktor erklärt weiterhin die Abneigung zu Blumen, womit die Liebe zur Natur unterdrückt und Fabriken in Gang gehalten werden sollen.

Der Direktor erzählt die Geschichte von Ruben Rabinowitsch, einem Kind polnischer Eltern. Sowohl die polnische Sprache als auch das Konstrukt »Eltern« existieren nicht mehr. Die Begriffe »Mutter« und »Vater« sind den Studenten unangenehm und peinlich. Rubens Eltern vergaßen eines Abends, das Radio auszustellen. Am folgenden Tag wiederholte ihr Sohn die Worte, die er über Nacht aufgeschnappt hatte. Forscher machten sich dies zunutze. Allerdings konnte über dieses Verfahren kein tiefgründiges Wissen, sondern nur Themen vermittelt werden, die kein Verständnis bedürfen. Das Prinzip der Schlafschule oder auch Hypnopädie war geboren, mit dem die sittliche Bildung vermittelt wird.

Die Gruppe befindet sich nun im 13. Stock, wo per Lautsprecher um Ruhe gebeten wird. Sie betreten einen Raum mit 80 schlafenden Kindern. Klare Stimmen erzählen diesen, wie gut es sei, ein Beta zu sein und nicht den niederen Kasten anzugehören. Die Worte für die Schlafschule haben keinen tiefgründigen Sinn, sie runden die Normung ab und stärken das soziale Gefüge. Die unzähligen Wiederholungen brennen sich in den Köpfen der Kinder ein und prägen ihren Verstand für das gesamte Leben. Die Begeisterung des Direktors über dieses Verfahren reist die Kleinen aus dem Schlaf.

Analyse

Das 1. Kapitel beginnt mit der Beschreibung der Brut- Normzentrale durch elliptische Sätze, als ob diesem nicht viel Bedeutung beigemessen werden müsse. Tatsächlich widmet sich die Zentrale aber einer der fundamentalen Stützen der Gesellschaft. Die Lesenden können bereits anhand der beschriebenen Fassade das Szenario in der Zukunft einordnen: Ein Weltstaat existiert, der einem Wahlspruch unterliegt. Die Erwähnung von nur 34 Stockwerken (vgl. 20) macht die Fortschrittlichkeit hinsichtlich Technik und Architektur deutlich. Zur Entstehungszeit des Romans in den 1930er Jahren wäre dies außerordentlich hoch gewesen. (Peters, 86) Schauplatz ist Berlin. (In der für diese Lektürehilfe verwendete Ausgabe vom Übersetzer nach Deutschland übertragen, Original: London)

Die Beschreibung des Baus und seiner Arbeiter taucht die Szene in ein kaltes und steriles Licht, welches den Grundstein für die Atmosphäre in der Neuen Welt legt. Auch die Abwesenheit von Kunst wird schon auf der ersten Seite deutlich: »und suchte gierig irgendeine drapierte Gliederpuppe, den blassen Umriß eines fröstelnden Modells, fand aber nur das Glas und Nickel und frostig glänzende Porzellan. Kälte stieß auf Kälte.« (20) Obwohl in der Zentrale Leben erzeugt wird, ist der Bezug zum Tod auffällig, was sich in »leichenfarbenen Gummihandschuhen« (20) und »[d]as Licht war kalt, tot, gespenstisch« (20) zeigt.
Die Ankunft der jungen Studenten durchbricht die Leblosigkeit. Schnell wird ihre Unterwürfigkeit gegenüber dem Bund, dem Direktor der Zentrale, deutlich, die Huxley für erste satirischen Spitzen nutzt: »›Ich werde beim Anfang beginnen‹, sagte der BUND, und die ganz Gewissenhaften unter den Studenten vermerkten seine Absichten in ihren Heften: Beim Anfang beginnen!« (21).

Der Wahlspruch des Weltstaates »Gemeinschaftlichkeit, Einheitlichkeit, Beständigkeit« (20) erinnert an das Motto der französischen Revolution »Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit« und lässt den Leser auf ein demokratisches System schließen. (Hasenbach, 91) Aber bereits auf der nächsten Seite (und folgenden) bekommt diese Annahme Risse. Der Direktor will eine zu genaue Vorstellung von den Arbeitsvorgängen vermeiden, damit die Studenten »brauchbare und zufriedene Mitglieder der Gesellschaft werden« (21). Das gezielte Verschweigen von Informationen verschiebt das Machtverhältnis und teilt es autoritären Personen wie dem Direktor zu. Die Unterteilung der Menschen in Kasten, die durch zugeordnete Farben zusätzlich veranschaulicht wird, schließt Gleichheit und Demokratie aus.

Die Verfahren selbst zeigen den totalitären Eingriff in Ethik und Menschenrechte: Embryonen werden künstlich erzeugt, in fünf Gruppen segmentiert und ihr Genmaterial entsprechend manipuliert. Noch bevor die Kinder »entkorkt« werden, steht ihre berufliche Laufbahn, ihr gesellschaftlicher Stand und Lebensort bereits fest. Das Wort »entkorkt« ist ein Beispiel für die Übertragung von vertrauten Wörtern in einen neuen Kontext. Der Einsatz von wissenschaftlichen Begriffen und Verfahren untermauert die Glaubwürdigkeit des düsteren Zukunftsszenarios. Der Erzähler stellt in dem Vergleich des Emryonendepots in dem Zitat: »pupurn wie das Dunkel hinter geschlossenen Lidern an einem Sommernachmittag« oder auch dem Ausdruck »[d]ie bauchigen Wandungen« (27) einen Bezug zum menschlichen Körper her. Tatsächlich sind die Embryonen weit von einem solchen entfernt.

Die Frage nach Menschlichkeit und Ethik lässt sich insbesondere auch im 2. Kapitel stellen. Die Studenten erleben die Normung von Kleinkindern der Delta-Kaste. Nach der Vorlage von Ivan Pawlow, einem russischen Wissenschaftler, der das konditionierte und konditionierbare Verhalten von Lebewesen erforschte und belegte, werden die Kinder genormt. Der Fokus liegt auf der Erschaffung von willigen Arbeitskräften. Die Angst vor Büchern und Blumen bewirkt die spätere Abwendung von Literatur, Wissensaneignung und Natur. Die Deltas sollen von Informationen und Ablenkungen ferngehalten werden. All dies dient der Stabilisierung des Systems, in welchem die Menschen eine Funktion erfüllen, nicht aber ihre individuelle Freiheit oder das persönliche Glück finden oder überhaupt suchen werden.

Die Institution Familie existiert nicht mehr. Begriffe wie »Mutter« oder »Vater« lösen bei den jungen Studenten regelrecht Schocks aus, die durch die Lautmalerei »Vater - krach! - und Mutter - bum!« (39) sprachlich verdeutlicht werden. Diese Reaktion ist ebenfalls ein Resultat der Normung. Neben der pawlowschen Konditionierung wird Hypnopädie angewandt, die zur Verinnerlichung von Leitsätzen – und damit der Propaganda des Weltstaates – dient. Diese wird auch genutzt, um die Kastenzugehörigkeit zu stärken: »Alphakinder tragen Grau. Sie arbeiten viel mehr als wir, weil sie so schrecklich klug sind. Oh, wie froh bin ich, daß ich ein Beta bin und nicht so viel arbeiten muß!« (43) Die Früchte dieser Maßnahme werden im Verlauf der Handlung insbesondere durch die Beta Lenina Braun verdeutlicht.

Lenina tritt bereits im 1. Kapitel kurz auf. Die Begegnung mit Henry Päppler und dem Direktor, der ihr sogar mehrmals leicht auf den Po schlägt, erweckt bei den Lesenden die Fragen a) in welchem Verhältnis die Figuren zueinander stehen und b) wie Partnerschaft und Beziehung im Weltstaat gelebt wird. Der Körperkontakt des Direktor quittiert Lenina mit einem »etwas unterwürfige[m] Lächeln« (33). Eine Verabredung besteht jedoch mit Henry.

Nach den ersten beiden Kapiteln sind die Lesenden bereits mit zahlreichen Informationen zum Weltstaat und dem darin vorherrschenden System vertraut. Gleichzeitig wird durch noch rätselhafte Aussagen wie das Jahr »632 n.F.« (21), den hierarchischen Verhältnissen zwischen den Figuren und allgemein den Maßnahmen des Weltstaates Neugierde und die Aussicht auf mögliches Konfliktpotenzial geweckt. Der Erzähler ist auktorial. Teilweise kommt es zur Verwendung von erlebter Rede, wodurch das Innenleben der Figuren sichtbarer wird.

Veröffentlicht am 14. Oktober 2024. Zuletzt aktualisiert am 14. Oktober 2024.