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Brave New World (Schöne neue Welt)

Kapitel 11-12

Zusammenfassung

Die Ereignisse sorgen für Furore. Der Direktor legt sein Amt nieder. Alle sind neugierig auf den jungen Mann aus der Wildnis, der von seinem Vater spricht. Filine dagegen will niemand sehen, aber das ist ihr egal. Nun hat sie wieder Soma, mit dem sie sich der Wirklichkeit entziehen kann. Sie nimmt sehr hohe Dosen, die die allgemeine Empfehlung weit überschreiten. Der Arzt vertraut Sigmund an, dass es sie umbringen wird, aber das sei gut, da er sie nicht verjüngen könne. Michel hat seine Einwände, muss aber nachgeben. Filine befindet sich in einem ununterbrochenen Soma-Traum und verlässt das Bett nicht mehr.

Sigmund agiert als Michels Wächter. Auf einmal sind die Leute gut auf ihn zu sprechen, um so an den Wilden heranzukommen. Sigmund genießt es, wichtig zu sein. Jetzt sind auch die Frauen an ihm interessiert. Stinni behauptet, sie sei angenehm überrascht gewesen. Die Liste von prominenten Besuchern wird immer länger.
Sigmunds Prahlen macht Helmholtz traurig. Sigmund kündigt ihm die Freundschaft. Jetzt wo er angesehen ist, hat er nichts mehr an der zivilisierten Welt auszusetzen. Trotzdem spart er nicht an Kritik, um sich wichtig zu fühlen. Insgeheim genießt Sigmund aber die Freuden, die die Welt zu bieten hat. Sein Verhalten gegenüber den Leuten veranlasst sie dazu, wieder hinter seinem Rücken zu lästern. Sie prophezeien ihm ein böses Ende, geben sich aber in seiner Gegenwart höflich. Sigmund fühlt sich unbeschwert.

Sigmund und Michel besichtigen einen Flugturm, von dem Michel unbeeindruckt ist. In Berichten teilt Sigmund dem WAR seine Beobachtungen über den Wilden mit. Mustafa Mannesmann ist über Sigmunds Wichtigtuerei empört, doch er amüsiert sich auch darüber. Die Möglichkeit, ihm eine Lektion zu erteilen, zieht er in Betracht, aber er entscheidet sich dagegen.
Es findet ein weiterer Besuch in einer Fabrik statt. Der Personalleiter ist stolz auf seine Belegschaft, die aus identischen Deltas, Gammas und Epsilons besteht. Michel hält es nicht aus. Er flieht aus der Fabrik und übergibt sich im Gebüsch. Sigmund berichtet über Michels Weigerung, Soma zu nehmen und sein Sehnen nach Filine, das sich in häufigen Besuchen zeigt. Beim Besuch der Oberschule fürchtet Michel erneut, die identischen Geschwister sehen zu müssen. Es handelt sich aber um eine Schule für höhere Kasten, sodass aus einem Ei nur ein Mensch gezeugt wurde. Der Unterricht ist für Michel verstörend. Er erhält Einblicke in den Verhütungsdrill und hört die Schüler lachen, als sie einen Film sehen, der zeigt, wie die Wilden Buße tun. Sigmund nutzt die Gelegenheit, um sich der Oberlehrerin Fräulein Fordsched zu nähern, wie er es sonst nie gewagt hätte. Seine Einladung zu einer seiner Abendgesellschaften nimmt sie an.
Michel fragt, ob in der Schule auch Shakespeare behandelt würde, was mit Schamesröte verneint wird. In der Bücherei finden sich nur Nachschlagewerke. Zerstreuung bietet das Fühlkino.
Eine Schülergruppe kommt von einem Ausflug ins Krematorium zurück. Die Normung auf den Tod ist eine Selbstverständlichkeit.
Michel beobachtet Arbeiter, die nach ihrer Schicht ihre Tagesration Soma erhalten.

Lenina ist aufgeregt, weil sie heute Abend den Wilden ins Fühlkino begleiten soll. Durch ihren Kontakt zu Sigmund und Michel hat sie Bekanntheitsstatus erlangt. Sie erhält zahlreiche Einladungen und gibt Interviews. Lenina genießt die Aufmerksamkeit, hält sie aber nicht für gerechtfertigt. Alle wollen von ihr wissen, wie die Liebe mit einem Wilden sei. Doch diese Frage kann sie nicht beantworten. Sie findet ihn attraktiv, wird aber aus seinem Verhalten nicht schlau. Er wirkt zurückhaltend, dabei hat sie ihn schon manchmal beim Starren erwischt. Lenina hofft auf eine Gelegenheit beim gemeinsamen Abend.
Die Darbietung im Fühlkino spricht alle Sinne an und zeigt eine Geschichte mit Liebesszenen, Entführung, Befreiung und Happy End. Lenina ist von dem Film berauscht. Michel spürt seine Zuneigung zu ihr, schämt sich aber dafür. Er bemerkt, dass er den Film grässlich fand, was Lenina nicht nachvollziehen kann. Michel ermahnt sich, sie nicht zu berühren. Lenina hingegen hofft auf eine gemeinsame Nacht, wird aber enttäuscht. Michel verabschiedet sich mit gequältem Gesicht. Zuhause liest er »Othello«, während Lenina ihren Kummer mit Soma betäubt.

Michel weigert sich Sigmunds Abendveranstaltung beizuwohnen. Sigmund ist verzweifelt. Seine Gäste sind verärgert darüber, den Wilden nicht zu Gesicht zu bekommen. Sie kehren zu den alten Anschuldigungen zurück.
Lenina sitzt still in einer Ecke. Sie hatte heimlich die Vorfreude gehegt, Michel wiederzusehen. Als Sigmund verkündet, dass dieser nicht erscheinen würde, ist Lenina furchtbaren Gefühlen ausgeliefert. Sie kommt zu dem Schluss, dass Michel sie nicht mag.
Die Gäste lästern über Sigmund. Sein Selbstvertrauen ist dahin. Er bittet die Gäste zu bleiben und versucht, sie mit einer erneuten Einladung zu besänftigen. Die Gäste ignorieren ihn und bedienen sich am Buffet.
Als der Erzchormeister sich verabschiedet, stellt sich Sigmund ihm in den Weg, um ihn aufzuhalten. Der Abend sollte ein Triumph werden, aber er wird für Sigmund zur Demütigung. Der Erzchormeister rät ihm, sich zu bessern. Er fordert Lenina auf, mit ihm zu gehen. Diese ist sich dieser Ehre bewusst, aber trotzdem nicht erfreut. Alle weiteren Gäste folgen den beiden mit Abstand. Sigmund bleibt allein zurück. Er sinkt auf einem Stuhl zusammen und weint, bis er sich besinnt und zu Soma greift.

Michel liest währenddessen »Romeo und Julia« und verliert sich in Shakespeares Worten. Der Erzchormeister mahnt Lenina sich zu beeilen. Sie hatte sich auf dem Dach dem Anblick des Mondes hingegeben. Sie will Soma nehmen, bevor sie dem Erzchormeister näherkommt.

Der Weltaufsichtsrat liest ein neues Werk der Biologie. Obwohl er es für herausragend hält, gibt er es nicht zur Veröffentlichung frei. Der Inhalt zur Zweckbestimmung könnte die gesellschaftliche Ordnung gefährden.

Sigmund erwacht aus seinem Soma-Schlaf. Er muss zur Arbeit und befindet sich wieder in der Position des Außenseiters, was sich nun noch schwerer anfühlt. Michel zeigt seine Anteilnahme. Er erkennt den alten Sigmund wieder. Im Gegensatz zu ihm bevorzugt Michel es, unglücklich zu sein, anstatt in falschem Glück zu schwelgen. Sigmund gibt Michel die Schuld für sein Unglück, sieht dann aber ein, dass Michels Einschätzung der Leute richtig war. Sigmund wählt Michel insgeheim als Ventil für seinen Groll.

Als zweites Opfer wählt er Helmholtz. Dieser beweist Charakterstärke und vergibt Sigmund. Die beiden sind wieder Freunde. Für Sigmund ist dies eine noch größere Demütigung, für die er sich am liebsten ebenfalls rächen würde.
Helmholtz erzählt, dass er ebenfalls in Schwierigkeiten gewesen sei. Er habe bei einer Vorlesung eigens gedichtete Verse über Einsamkeit vorgelesen. Er wollte bei den Schülern Gefühle hervorrufen und sorgte dementsprechend für Aufruhr. Ihm wurde mit Entlassung gedroht. Helmholtz liest ihm die Verse vor und Sigmund bestätigt deren provozierende Wirkung. Helmholtz aber ist glücklich, da er endlich etwas gefunden hat, worüber er schreiben kann.

Michel und Helmholtz sind gute Freunde geworden. Sigmund ist auf deren Verbindung eifersüchtig und wünscht sich, die beiden einander nie vorgestellt zu haben. Er schämt sich für dieses Gefühl, kann es aber auch nicht unterdrücken. Helmholtz teilt seine Verse mit Michel, der ihm darauf Shakespeare vorliest. Helmholtz ist von der Dichtkunst ergriffen. Sigmund stört die beiden, um sich zu rächen. Helmholtz ist wütend auf ihn. Doch als Michel inbrünstig »Romeo und Julia« rezitiert, wobei er an Lenina und sich denkt, bricht Helmholtz bei den Worten über Mutter und Zwangshochzeit in heftiges Gelächter aus. Michel ist sauer und packt das Buch weg. Helmholtz beruhigt sich und erkennt, dass es Wahnwitz braucht, um imponierende Worte zu verfassen. Begrifflichkeiten um das Thema Familie sind für ihn zu komisch. Doch er fragt sich, wo er sonst solche aufwühlenden Worte finden könne.

Analyse

Der abweichende Umgang mit Filine und Michel wird im 11. Kapitel fortgeführt. Während Michel sich zu einer Attraktion entwickelt, wird Filine ignoriert. Diese verfällt einer Soma-Sucht als Ventil für ihre Leiden. Obwohl sie die hohen Dosen umbringen werden, hält der Arzt sie nicht davon ab. Filines Leben wird aufgrund ihres Alterungsprozesses als nicht lebenswert angesehen.

Im selben Zuge befindet sich Sigmund auf dem Höhepunkt. Seine Anerkennung ist jedoch vollkommen von Michel abhängig. Sigmund scheint das jedoch nicht zu stören. Alle Unzulänglichkeiten der Neuen Welt sind vergessen, was erneut zeigt, dass diese ausschließlich auf seinem Außenseitertum und seinem pessimistischen Selbstwert beruhten. Dies hat sich nun geändert. Sigmund offenbart seinen wahren Charakter, der ausschließlich an sich selbst denkt. Das führt auch zum Bruch mit Helmholtz. Sein Gefühl wird mit der Metapher »leichter als Luft« (160) ausgedrückt. Auffällig ist die Prophezeiung, die seinen Fall ankündigt. (vgl. 160) Sigmund sonnt sich in Selbstüberschätzung, die sich in den unangebrachten Briefen an den Weltaufsichtsrat zeigt.

Für Michel hingegen schreitet die Desillusionierung fort. Der Anblick der Dutzendlinge ist für ihn besonders schockierend, der Unterricht in der Oberschule über die Wilden im Reservat verletzt ihn und er erhascht einen ersten Blick auf die routinierte Soma-Ausgabe. Michel ist außerdem davon betroffen, dass die Schüler nichts über Shakespeare lernen, dessen Werke sogar verboten sind. Darin verbirgt sich die totalitäre Kontrolle des Systems über Information- und Wissensvergabe. Im 12. Kapitel entscheidet sich der WAR dazu, ein Werk über Biologie nicht zur Veröffentlichung zuzulassen: »Es war ein Meisterwerk. Aber wenn man erst einmal Erklärungen zum Thema der Zweckbestimmung zuließ – ja, dann waren die Folgen nicht absehbar.« (178) Das Buch könnte eine Gefahr für die Stabilität der Gesellschaft bedeuten. Mannesmanns Interesse an solchem Wissen scheint in seiner Argumentation allerdings durch. Besonders das Zitat: »Wie glücklich könnte man sein, [...] wenn man nicht an das Glück denken müßte!« (179) bereitet seine Perspektive am Ende des Romans vor.

Der Besuch im Fühlkino zeigt die Kultur der Neuen Welt – betörend für alle Sinne, aber ohne Inhalt. Bei dem gezeigten Film handelt es sich um eine Adaption von Shakespeares »Othello«, die sich allerdings sehr weit vom Original entfernt und unter der Ideologie der Neuen Welt steht. (Hasenbach, 80) Die unterschiedlichen Meinungen von Lenina und Michel zu der Darbietung verdeutlichen ihre stark voneinander abweichende Weltanschauung. Die Zuneigung der beiden besteht und wächst. Allerdings haben sie Schwierigkeiten, die Kluft zu überwinden. Lenina entwickelt ihr bis dahin unbekannte Gefühle. Plötzlich gibt sie sich der Betrachtung des Mondes hin. (vgl. 178) Darin zeigt sich ihre Sehnsucht. Die »Ehre« mit dem Erzchormeister zu schlafen, kann sie nur durch Soma ertragen.
Der Erzchormeister selbst ist eine satirische Figur Huxleys und spielt auf den Erzbischof an, ein geistlicher, der eigentlich für Enthaltsamkeit steht. Der Erzchormeister in »Schöne neue Welt« hingegen wählt seine Partnerinnen nach Belieben. Ihre Zustimmung wird vorausgesetzt.

Michel entscheidet sich dazu, nicht länger an Sigmunds Abendveranstaltungen teilzunehmen. Darin liegt sein erster aktiver Schritt gegen die Menschen und Richtlinien des Systems. Besonders deutlich wird dies durch die verschlossene Tür, durch die er mit Sigmund kommuniziert. Er lehnt das »unechte, gleisnerische Glück« (180) ab, das er beruhend auf seinen ernüchternden Erfahrungen kennengelernt hat. Stattdessen zieht er es vor, unglücklich zu sein.

Wo Michel mit Zorn reagiert, bleibt Sigmund nur Jammer. Mit Michels Rückzug aus der Öffentlichkeit kommt es zu Sigmunds Fall: »Was die Krönung seiner ganzen Laufbahn hätte sein sollen, war für Sigmund zur tiefsten Demütigung geworden.« (177) Die Verwendung des Superlativs im Zitat deutet das Ausmaß für Sigmund an. Sein Vorhaben ist gescheitert. Er tröstet sich mit Soma, das er früher abgelehnt hat. Anstatt Eigenverantwortung zu übernehmen, sucht er die Schuld bei seinen Freunden Michel und Helmholtz. Es ist leichter für ihn, seinen Groll auf sie zu übertragen. Seine Schwäche wird ihm insbesondere in Helmholtz’ Vergebung vor Augen geführt. Sigmunds mangelnde Reife wird an seiner Eifersucht zu ihrer Freundschaft deutlich.

Anders als Sigmund, der nur zur eigenen Profilierung Kritik am System übte, hat Helmholtz andere Ansichten. Nach seiner Provokation in der Universität machen ihm die folgenden Drohungen nichts aus. Für ihn überwiegt die Freude, einen Weg zu finden, sich auszudrücken. Das begründet auch seine Freundschaft zu Michel. Allerdings zeigt sich auch hier die Diskrepanz zwischen den Welten. Shakespeares Worte sind Helmholtz zu fremd, als dass er sich ihrer annehmen könne. Michel ist davon verletzt, was herausstellt, wie viel ihm Shakespeares Dichtungen bedeuten. Sie bieten ihm Trost, wenn es ihm nicht gut geht. Wo die Menschen der Neuen Welt Soma nehmen, greift Michel zu Shakespeare.

Veröffentlicht am 14. Oktober 2024. Zuletzt aktualisiert am 14. Oktober 2024.