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Brave New World (Schöne neue Welt)

Kapitel 13-14

Zusammenfassung

Henry lädt Lenina ins Fühlkino ein. Diese lehnt schweigend ab, obwohl sie keine anderen Pläne hat. Henry glaubt, dass sie krank sei und redet auf sie ein, bis Lenina ihn energisch stoppt. Sie denkt an Michel und wird nachlässig bei der Arbeit. Stinni macht ihre schwere Vorwürfe, sich so auf einen Mann zu versteifen. Sie macht den Vorschlag, Lenina solle sich Michel einfach nehmen, aber Lenina fürchtet sich davor. Stinnis Lösung lautet: Soma.

Als es klingelt und Michel die Tür öffnet, erwartet er Helmholtz, dem er endlich von Lenina erzählen will. Doch Lenina steht vor der Tür. Sie hat Soma genommen und fühlt sich bereit, ihren Plan auszuführen. Michel ist überrascht. Lenina glaubt erst, dass er sich über ihren Besuch nicht freue. Doch Michel fällt auf die Knie und gesteht seine Bewunderung. Dann schreckt er aber zurück. Er will sich Lenina erst würdig oder ihr zumindest einen großen Dienst erweisen, wie er es aus Malpais kennt. Lenina ist über seine Zurückhaltung und seine Ansichten verärgert. Die beiden geraten in eine Diskussion. Lenina fragt Michel direkt, ob er sie liebe oder nicht. Michel gesteht seine Liebe. Die beiden küssen sich. Lenina schmiegt sich an ihn, aber Michel wird sich wieder seiner Ehre und Shakespeares Worte bewusst. Er versucht sich zu befreien. Lenina weicht von ihm. Michel hofft, dass sie ihn nun endlich versteht, aber stattdessen beginnt Lenina sich zu entkleiden. Lenina kommt nackt auf ihn zu und umgarnt ihn. Michel stößt sie von sich. Sie kann nicht verstehen, warum er sich so verhält. Sein Gesichtsausdruck ängstigt sie. Michel beschimpft sie als Dirne, gerät außer sich, schlägt nach ihr und befiehlt ihr zu gehen. Lenina flüchtet ins Badezimmer. Sie verlangt nach ihren Kleidern, aber wagt es nicht, die Tür zu öffnen. Michel reicht sie ihr über den Lüftungsspalt. Lenina sucht nach einer Lösung, wie sie die Wohnung sicher verlassen kann. Da erhält Michel einen Anruf. Jemand sei krank und befinde sich nicht mehr in seiner Wohnung. Michel macht sich sofort auf den Weg zu der genannten Adresse. Lenina wagt sich ins Freie. Sie rennt. Erst im Fahrstuhl fühlt sie sich sicher.

Michel besucht die Moribundenklinik. Mit laufenden Fernsehgeräten und wechselnden Düften soll für die Patient*innen eine angenehme Atmosphäre geschaffen werden. Michel fragt eine Pflegerin, ob für seine Mutter noch Hoffnung bestünde. Diese macht deutlich, dass dies nicht der Fall sei, sonst wäre Filine nicht hier. Sie ist überrascht über das bleiche Gesicht des Wilden und wird rot bei dem Kommentar zu seinem Verwandtschaftsverhältnis.

Michel ist von den jugendlich aussehenden Sterbenden entsetzt. Filine befindet sich in einem Soma-Traum. Selig lächelnd schaut sie entweder fern oder schläft. Ihr Körper zeigt den deutlichen Verfall. Michel setzt sich zu ihr und nennt ihren Namen. Sie drückt seine Hand, dann schläft sie wieder. Michel kommen die Tränen. Er schwelgt in Erinnerungen. Plötzlich auftretendes Geschrei kündigt eine Gruppe achtjähriger identischer Deltas an. Die Kinder starren die Patient*innen an, insbesondere Filine, die durch ihr gealtertes Aussehen heraussticht. Michel gerät in Rage und verpasst einem der Dutzendlinge eine Ohrfeige. Die Pflegerin eilt herbei und weist Michel zurecht. Michel verlangt, dass die Kinder von Filines Bett fernbleiben. Er bezeichnet das Verhalten der Kinder als schändlich. Die Pflegerin erklärt, dass die Kinder auf den Tod genormt würden und warnt Michel, ihn rausschmeißen zu lassen. Michels Körpersprache ist ebenfalls drohend, aber er setzt sich zurück ins Bett. Die Pflegerin führt die Kinder weg. Sie wiederholt ihre Worte, ist aber auch von Michel eingeschüchtert.

Michel will die Erinnerungen wieder aufleben lassen, aber diesmal kommen nur die schlechten hervor. Filine murmelt Popés Namen. Michel fragt Filine immer wieder, ob sie ihn nicht erkenne. Er berührt ihre Hand und küsst sie. Aber Filine spricht nur von Popé. Michel wird wütend und schüttelt sie. Filine erkennt ihn, webt dies jedoch in ihren Traum ein, in dem Michel sie und Popé auseinanderbringen will. Filine fällt das Atmen schwer, Panik macht sich auf ihrem Gesicht breit. Michel ruft nach Hilfe. Die Pflegerin ist wütend über den Aufruhr, aber Michel zieht sie zum Bett. Er glaubt, Filine getötet zu haben. Als sie das Bett erreichen, ist Filine bereits gestorben. Michel bricht weinend zusammen. Die Pflegerin ist mit einem solchen Verhalten überfordert. Die Normung der Kinder wird damit gestört. Sie könnten nun glauben, dass der Tod etwas Schreckliches und ein Menschenleben von Wert sei. Sie bittet Michel um Vernunft, der nun schon die ganze Aufmerksamkeit der Dutzendlinge auf sich gezogen hat. Die Pflegerin lockt die Kinder mit Schokoladentorte von dem Geschehen ab. Michel fleht Gott an. Einige umstehende Kinder fragen, was Gott sei und ob Filine tot wäre. Michel stößt sie wortlos weg und verlässt den Saal, ohne sich umzusehen.

Analyse

Kapitel 13 und 14 beinhalten die fortschreitende Desillusionierung Michels und bereiten somit das tragische Ende vor. Leninas Sehnsucht nach Michel wird so groß, dass sie bei der Arbeit einen Fehler begeht. Durch eine Prolepse werden die daraus entstehenden Folgen vom auktorialen Erzähler geschildert. Henry und Stinni, die derartige Gefühle nicht kennen, fällt es schwer, ihre Freundin zu verstehen. Es ist Stinni, die Lenina zur direkten Konfrontation ermutigt.

Dabei prallen Michels und Leninas Ansichten aufeinander. Beide offenbaren ihre Zuneigung, wählen aber unterschiedliche Wege, diese auszudrücken. Michel entscheidet sich für den entgegengesetzten Weg zu dem seiner Mutter. Ihr Umgang mit Liebhabern führte zu seiner Ausgrenzung.
Während Lenina mit Michel schlafen will, sucht dieser nach einem Weg, sich ihrer würdig zu erweisen. Seine Beispiele, wie dies in Malpais erfolgt, hält sie für lächerlich und schüren ihre Ungeduld: »›Bei uns gibt es keine Löwen‹, zischte Lenina.« (190) Doch nicht nur die Bräuche aus dem Reservat, auch Shakespeare begründet Michels Zurückhaltung, wie das Zitat: »Zerreißt du ihr den jungfräulichen Gürtel, bevor der heilgen Feierlichkeiten jede nach hehrem Brauch verwaltet werden kann…« (191) zeigt. Die Metaphorik darin beschreibt, dass Sex nicht vor der Eheschließung stattfinden sollte. Dabei ist Lenina schon lange keine Jungfrau mehr. Entsprechend versteht sie auch kein Wort von dem, was Michel andeutet.

Als Michel seine Liebe gesteht, erhält Lenina die Antworten, die sie gesucht hat. Allerdings windet sich Michel aus ihrem Kuss. Das Missverständnis zwischen den beiden gipfelt in Leninas Versuch, Michel nackt zu verführen. Für Michel zerbricht ein Weltbild. Er hat Lenina zum Ideal erhoben, dem er sich würdig erweisen muss, insofern ihm das überhaupt gelänge. Nun bietet sie sich ihm an. Sich auf Shakespeares Zeilen berufend, interpretiert Michel Leninas Verhalten als das einer Prostituierten und geht hart gegen sie vor. Seine Desillusionierung hat eine neue Stufe erreicht. Die ersehnte Geliebte ist nicht rein und vollkommen, sondern eine »[s]chamlose Metze« (194). In seiner Wut und Enttäuschung wird Michel handgreiflich. Allein der Anruf aus der Klinik kann die beiden vor einer weiteren Austragung des Konflikts bewahren.

Im 14. Kapitel muss Michel einen weiteren Schlag verkraften. Seine Mutter liegt im Sterben. Die Beschreibung der Szenerie gibt Aufschluss über den Umgang mit dem Tod im Weltstaat. Die Sterbenden haben keine Privatsphäre, sie sind in einem großen Saal versammelt. Das Unterhaltungsprogramm wird aufrechterhalten. Die Personen haben keine Familien, demnach auch keine Angehörigen, die sie begleiten. Entsprechend fassungslos ist die Pflegerin, als Michel sich als Filines Sohn vorstellt. Sein Leid, seine Trauer und Anteilnahme kann sie nicht verstehen. Ihre mangelnde Kenntnis von menschlichem Miteinander und Gefühlen verhindert die Empathie, die sich Michel in dieser Situation wünscht. Weiterhin steht für sie die Normung der Kinder über dem Wohl der Sterbenden. Ein einzelnes Leben, wie das von Filine, ist für sie nicht von Bedeutung.

Dass Filine ihren Sohn nicht erkennt, sondern stattdessen immer wieder von Popé spricht, macht den Moment für Michel noch schmerzvoller. Am schlimmsten ist für ihn aber die Anwesenheit der Delta-Bokanowsky-Gruppe. Die Kinder haben keine Hemmungen, lautstark über die Sterbenden zu sprechen, insbesondere über Filine. Michels Zorn wächst. Als Filine stirbt, ist die Erfahrung vor allem mit den identischen Gesichtern und respektlosen Gesten der Kinder verknüpft. In Michels Augen konnte Filine nicht friedvoll und vor allem nicht würdevoll sterben. Die schöne neue Welt offenbart sich als Albtraum, der ihm seine Mutter auf diese Art und Weise nimmt. Michel selbst wird die Möglichkeit genommen, in Ruhe und Andacht zu trauern. Er will zu Gott beten, wird aber von einem der Kinder unterbrochen. Die Wiederholung des Adjektivs »wortlos« (206), als Michel am Ende Filines Sterbebett verlässt, spiegelt seine Fassungslosigkeit wider. Die Wut auf die Dutzendlinge äußert sich unter anderem in erlebter Rede mit Neologismen: »Der Khakikobold fiel zu Boden und brach sogleich in markerschütterndes Geheul aus. Der Wilde sah sich nicht einmal um.« (206)

Veröffentlicht am 14. Oktober 2024. Zuletzt aktualisiert am 14. Oktober 2024.