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Brave New World (Schöne neue Welt)

Kapitel 15-16

Zusammenfassung

Beim Verlassen der Klinik gerät Michel in zwei Delta-Bokanowsky-Gruppen, diesmal Erwachsene, die ihre Schicht beendet haben. Der Anblick der identischen Gesichter plagt ihn und wird für ihn zum Albtraum, der sich über Filines Tod legt. Der Hilfsäckelwart verteilt Soma an die Deltas. Michel gehen die Gedanken zur schönen neuen Welt nicht aus dem Kopf und damit, dass das Potenzial zu einer Wandlung in eine solche Welt besteht. Dies nimmt er als seine neue Herausforderung wahr. Filines Leben deutet Michel als das einer Sklavin. Den anderen soll es besser ergehen. Er unterbricht die Soma-Verteilung und wendet sich an die Deltas, dass sie Soma nicht nehmen sollen. Michel nennt es Gift für Seele und Körper. Der Hilfsäckelwart erschrickt erst vor dem Wilden, versucht dann ihn zu beschwichtigen und schließlich aufzuhalten. Die Deltas reagieren mit zornigem Gemurmel. Michel verspricht ihnen Freiheit. Der Wart eilt zum Telefon.

Währenddessen warten Sigmund und Helmholtz auf Michel, der nicht aufzufinden ist. Sie hatten einen gemeinsamen Ausflug geplant. Helmholtz wird vom Wart angerufen, der ihm berichtet, dass der Wilde verrückt geworden sei. Die beiden brechen sofort auf.

Michel hat sich in Rage geredet. Er ist wütend auf die beschränkte Denkweise seiner Zuhörer und gleichzeitig von seiner Vision gepackt. Er beginnt, die Soma-Tabletten aus dem Fenster zum Innenhof zu werfen. Sigmund ist bestürzt. Er glaubt, dass man Michel umbringen werde. Helmholtz aber schließt sich Michel an, ruft begeistert nach Freiheit und wirft ebenfalls Soma durch das Fenster. Die Deltas haben genug gesehen und stürmen auf die beiden los. Sigmund ist unschlüssig, was er tun soll. Er will seine Freund aufhalten, um sie vor dem Tod zu bewahren. Dann würde er allerdings als Mittäter gelten. Die herbeieilende Polizei nimmt ihm die Entscheidung ab. Sigmund läuft ihnen um Hilfe schreiend entgegen, weil er glaubt, so seinen Beitrag zu leisten. Die Polizisten stoßen ihn aus dem Weg. Sie gehen mit Betäubungsspritzen und Soma-Dämpfen vor, um die Menge zu beruhigen. Sigmund wird außer Gefecht gesetzt. Das Synthetofon spielt eine Aufruhrbeschwichtigung ab. Eine einfühlsame Stimme bittet die Freunde friedlich und glücklich zu sein. Das Soma entfaltet seine Wirkung. Die Deltas liegen sich in den Armen. Der Aufruhr ist vorbei, der Platz wird geräumt. Die Polizisten bitten Michel und Helmholtz mitzukommen. Die beiden folgen dem Befehl freiwillig. Sigmund kommt wieder zu sich und will sich davonstehlen. Aber ein Sergeant hält ihn auf. Sigmund spielt den Unschuldigen. Der Sergeant spricht ihn auf seine Freundschaft zu Michel und Helmholtz an. Sigmund kann diese nicht leugnen und wird ebenfalls abgeführt.

Die drei warten im Arbeitszimmer von Mustafa Mannesmann. Helmholtz lässt sich im üppigsten Sessel fallen, während Sigmund sich den ungemütlichsten aussucht, um so möglichst wenig Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Michel wandert im Zimmer auf und ab.
Der WAR tritt ein und richtet das Wort an Michel, dass ihm die Zivilisation nicht gefalle. Das aufgeschlossene Gesichts des Aufsichtsrates veranlasst Michel, entgegen seines Vorhabens, die Wahrheit zu sagen und bestätigt die Annahme des WAR. Sigmund ist entsetzt, aber der WAR bringt ihn mit einem Blick zum Schweigen. Überraschenderweise zitiert er Shakespeare. Er macht die Gesetze, als könne er sie auch ungestraft brechen. Shakespeares Schriften sind aufgrund ihrer Historie und ihrer anziehenden Schönheit verboten. Die Menschen sollen sich auf Neues konzentrieren. Michel findet das Neue scheußlich, doch Mustafa Mannesmann behauptet, dass die Menschen das Alte ohnehin nicht verstehen würden. Michel schlägt einen neuen »Othello« vor, und Helmholtz gefällt die Idee, so etwas zu schreiben. Der Weltaufsichtsrat widerspricht diesem Vorschlag: Die Menschen seien glücklich und lebten ihre Leben in vorgezeichneten Bahnen. Sie kennen keine Gefühle oder Konflikte. Ein neuer »Othello« ist demzufolge nicht möglich. Mustafa Mannesmann hält es für lachhaft, dass Michel den Deltas Freiheit erklären wollte. Er stimmt Michel allerdings zu, dass Werke wie »Othello« besser als ein Fühlfilm seien. Für die Stabilität der Gesellschaft wurde die Kunst geopfert.

Michel merkt an, wie grässlich er die Dutzendlinge fände. Der WAR argumentiert mit ihrer Bedeutung für das System dagegen. Er hat auch eine Antwort auf Michels Frage, warum dann nicht nur Alpha-Doppelplus gezüchtet würden. Der WAR behauptet, dass so das ganze System ins Wanken gerate. Alphas mit unabhängigen Persönlichkeiten und Willensfreiheit würden in den vorgegegebenen Schranken wahnsinnig werden. Epsilons können nicht anders, aber Alphas denken über diese Grenzen hinweg. Der Versuch einer reinen Alpha-Gesellschaft endete im Bürgerkrieg. Stattdessen wird das Eisberg-Modell angewendet – 8/9 der Bevölkerung bleiben unter der Wasseroberfläche. Michel fragt nach deren Glück. Für Mustafa Mannesmann liegt die Sache auf der Hand. Die unteren Kasten lieben ihre Arbeit, können ihre Triebe uneingeschränkt ausleben und haben Soma. Experimente belegen, dass die Gesellschaft so am stabilsten sei. Jede Veränderung könnte das gefährden. Demnach muss selbst die Wissenschaft eingeschränkt werden. Helmholtz wirft ein, dass es doch immer nur um die Wissenschaft ginge. Mustafa Mannesmann entschuldigt Helmholtz’ Ansicht mit der fehlenden Vorbildung, die ihm selbst zuteil wurde. Als junger Mann habe er es zu weit getrieben und wäre fast auf eine Insel umgesiedelt worden. Diese Bemerkung lässt Sigmund hochschrecken. Er könne nicht auf die Insel. Sigmund klagt die anderen als Schuldige an und stellt sich selbst als Unschuldigen dar. Er fällt vor dem WAR auf die Knie und bittet um eine zweite Chance. Dieser lässt das Sicherheitspersonal rufen. Sigmund soll in einem Einzelzimmer mit Soma ruhiggestellt werden.

Der Weltaufsichtsrat behauptet, dass die Versetzung nach Island ein Segen sei. Dort träfe man auf andere Individualisten, die sich nicht an die Regeln anpassen könnten oder wollten. Helmholtz fragt, warum Mustafa Mannesmann dann nicht dort gelandet sei. Er antwortet, dass er die Wahl zwischen der Wissenschaft (gleich Verbannung auf die Insel) und der Aussicht auf die Position des WAR gehabt hätte. Er entschied sich für letzteres. Er suche die Wahrheit und liebe die Wissenschaft. Aber die Wissenschaft müsse eingeschränkt werden, um ihre eigenen Errungenschaften nicht zu zerstören. Bis zum 9-jährigen Krieg galten Wahrheit und Schönheit als höchste Güter. Doch dann hielt die Kontrolle Einzug, um den Frieden zu wahren. Wahrheit und Schönheit wurden eingeschränkt. Stattdessen stand das Glück im Fokus. Mustafa Mannesmann widmet sich dem Glück der anderen, nicht seinem persönlichen. Das ist sein Preis, um in seinem Amt zu bleiben. Er wird die Verurteilten auf eine Insel schicken. Die Alternative wäre die Todeszelle. Helmholtz wünscht sich ein raues Klima. Das sei besser zum Schreiben. Er bittet darum, nach Sigmund zu sehen.

Analyse

Filines Tod verstört Michel nachhaltig. Als er in zwei Bokanowsky-Gruppen gerät, die nur aus zwei unterschiedlichen Gesichtern und Stimmen bestehen, ist Michel von ihrer Gleichheit erschrocken. Sie holen ihn zurück in die Wirklichkeit, machen ihm aber Filines Tod noch deutlicher bewusst. Der Vergleich mit Maden beschreibt seine Ablehnung und seinen Ekel gegenüber dem System: »Wie Maden waren sie über das Mysterium von Filines Tod gekrabbelt und hatten es besudelt.« (207) Erneut greift Michel auf das Zitat aus »Der Sturm« zurück. Diesmal kehrt es sich aber ins Gegenteil. Was anfänglich noch ein Freudenausruf war, wird jetzt zu bitterem Sarkasmus. Schließlich nutzt Michel die Worte aber als Antrieb. Er hofft, dass ein Wandel zu einer schönen neuen Welt möglich ist. Das Zitat wird zu seiner Motivation. Wenn Filine an Soma zugrunde gehen musste, will er die übrige Bevölkerung davor bewahren.

Michel trifft eine Entscheidung und handelt. Seine Revolte, die bisher nur den privaten Raum betroffen hat, trägt er nun in die Öffentlichkeit. Er verschafft sich Aufmerksamkeit und unterbricht die Soma-Rationierung. Seine Meinung bezüglich der Droge ist klar: »Gift für die Seele und den Körper!« (209). Michel verspricht die Freiheit und thematisiert damit einen Wert, der im Weltstaat nicht existiert.

Die Deltas können dies nicht verstehen. Sie sind auf Soma konditioniert und werden vom Wart wie kleine Kinder behandelt, die ihre Ration nur gegen gutes Benehmen erhalten. Sie wollen Soma und reagieren gereizt, weil sie es nicht bekommen können. Das Unverständnis der Deltas wühlt auch Michels Zorn auf. Er beginnt die Menschen zu beschimpfen. Hass kommt in ihm auf. In einer Kettenreaktion aus Emotionen beschließt Michel, die Deltas eines Besseren zu belehren und wirft das Soma weg. Die Ordnung, die durch die Droge eingehalten wird, gerät aus den Fugen.

Helmholtz’ und Sigmunds Reaktionen stehen im Einklang mit ihren Charakteren. Helmholtz steht Michel freudestrahlend bei, erweist sich als sein Freund und Zweifler am System. Er genießt den Aufruhr. Sigmund hingegen ist wie gelähmt. Er zeigt sich somit als Systemanhänger. Er erkennt, dass die Revolte zur Hinrichtung führen kann und ist in der moralischen Frage gefangen, seinen Freunden zu helfen oder sein eigenes Leben als Mittäter zu riskieren. Sigmund ist nicht dazu in der Lage, eine Entscheidung zu treffen. Erst als die Polizei eintrifft, schreit er in dem Bedürfnis, etwas zu unternehmen, um Hilfe. Damit ist er aber weder für die Rebellen noch die Polizisten eine Hilfe. Als der Aufstand aufgelöst wird, beschließt Sigmund, sich selbst zu retten. Auch sein weiteres Verhalten unterstützt dieses Bestreben. Er gibt den Unschuldigen und zögert, sich als Freund von Helmholtz und Michel zu stellen. Er erkennt aber, dass ihm keine andere Wahl bleibt.

Das Vorgehen, um den Aufstand aufzulösen, basiert auf Drogen (Soma), Beruhigungsmitteln und einer hypnotischen Stimme, die mit Hilfe von Manipulation und Propaganda die Massen zu Tränen rührt: »Unter Tränen küßten und umarmten die Deltas einander, immer ein halbes Dutzend Simultangeschwister auf einmal in einer großen Umarmung. Sogar Helmholtz und der Wilde waren den Tränen nahe.« (213) Es handelt sich um die kontrollierenden Mittel des Weltstaates, die in die Psyche der Bevölkerung eindringen. Helmholtz scheint aber, anders als die übrige Bevölkerung, von diesen weniger eingenommen zu werden. Er ist wie Michel zu Tränen gerührt, mehr aber nicht.

Helmholtz und Sigmund lassen sich freiwillig abführen. Womöglich mag die Soma-Wirkung dazu beitragen. Vor allem aber stehen sie zu ihren Taten. Das zeigt sich auch anhand der Sitzverteilung im Büro des Weltaufsichtsrates. Während Helmholtz selbstbewusst und entspannt im »üppigsten pneumatischen Sessel« (215) Platz nimmt, wählt Sigmund »den unbequemsten Stuhl« (215), um dadurch seine Reue zu zeigen.

Der Auftritt des WAR verdeutlicht seine selbstbewusste, charismatische Ausstrahlung, mit der er sogar Michel zur Wahrheit erweichen kann. An ihm besteht sein alleiniges Interesse während der Anhörung. Die beiden führen eine Diskussion über Weltanschauung, bei der der Aufsichtsrat Michel ausreden lässt und seine Fragen beantwortet. Seine Position ermöglicht ihm das Privileg, verbotene Schriften zu lesen. Er bricht seine eigenen Gesetze, gibt dies aber offen zu. Als Weltaufsichtsrat hat Mustafa Mannesmann nichts zu befürchten. Er steht an der Spitze des Systems, die Fäden liegen in seiner Hand. In der Unterredung werden die Hintergründe des Systems besonders in Bezug auf Literatur, Kunst und Kultur nochmals genauer beleuchtet. Wieder wird Shakespeare als Beispiel herangezogen und als Inbegriff dieser Wert intertextuell eingebunden. Der Weltstaat fokussiert sich auf das Neue, nicht das Alte. Außerdem ist er so weit fortgeschritten, dass das Verständnis für das Alte in den Köpfen der Menschen nicht mehr existiert. Die Geschichte wurde ausgelöscht. Der Weltstaat baut seine Stabilität auf das Opfer von Kunst und Kultur. Michel kritisiert diese, womöglich auch Huxley und die Leser*innen. Mannesmann stimmt Michels Argumentation zu, womit er seinen Intellekt und seine überdurchschnittliche Bildung beweist.

Als nächstes wird das Kastensystem beleuchtet. Michel schildert das Grauen, das von der Gleichheit der Bokanowsky-Gruppen ausgeht und zeigt die Ungerechtigkeit zwischen den Kasten auf. Ausgerechnet die niedrigen Kasten stützen aber die Gesellschaft. Mannesmann entschuldigt ihre Beschränktheit mit ihrer Zufriedenheit. Der Weltstaat strebt Beständigkeit an, keine individuelle Entfaltung. Das System agiert auf Kosten von Humanität und Ethik: »Seine Normung hat Schienen vor ihn hingelegt, auf denen er laufen muß. Er kann nicht anders, es ist ihm vorbestimmt. Auch nach der Entkorkung befindet er sich noch immer in einer Flasche, einer unsichtbaren Flasche infantiler und embryonaler Fixation.« (220) Im Zitat findet sich Metaphorik, die aus den Begrifflichkeiten der Neuen Welt entspringt. Mannesmann rechtfertigt diesen Umstand mit der Aussage, dass Epsilons glücklicher seien, als die anderen Kasten. (vgl. 221)

Mustafa Mannesmann liefert auch Einblicke in seine eigene Geschichte. Es wird offenbar, dass er – als einzige Figur der Neuen Welt – seinen Weg persönlich gewählt hat. Dabei stellte er sein eigenes Glück hinter das der Gesellschaft und vertritt damit vollständig die Werte des Systems. Er sympathisiert mit den Individualisten, ist sich aber der Gefahr von Wissenschaft und Wahrheit für das System bewusst, das er gewählt hat. Seine Argumentation zur Gefahr der Wissenschaft ließe sich auch in die heutige Zeit übertragen und zeigt, dass das Werk nicht an Aktualität verloren hat. Wie sieht es zum Beispiel mit der Entwicklung von Künstlicher Intelligenz aus? Inwiefern greift sie in das Leben der Menschen ein? Dies sind Denkanstöße, die aus der Arbeit mit dem Roman entspringen können.

Sigmund fällt bei den Worten des WAR seinen Freunden endgültig in den Rücken. Sein Flehen verdeutlicht seine Verzweiflung und seine Unsicherheit. Er wählt den Weg des Unterworfenen. Sigmund kann nur mit Soma und Sicherheitspersonal zur Ruhe gebracht werden. Helmholtz hingegen sieht seinem Schicksal weniger pessimistisch entgegen und hält trotz Sigmunds Heuchelei zu seinem Freund.

Michels Aufstand sowie die Unterredung mit dem Weltaufsichtsrat lassen die Spannung zum Ende des Romans erheblich ansteigen. Es wird die Hoffnung geweckt, dass es für Michel eine Lösung gibt, da seine Ansichten gehört werden.

Veröffentlicht am 14. Oktober 2024. Zuletzt aktualisiert am 14. Oktober 2024.