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Brave New World (Schöne neue Welt)

Kapitel 3-4

Zusammenfassung

Im Garten spielen Kinder nackt Zentrifugalball. Der Direktor betrachtet das Treiben entzückt. Dazu gehören auch sexuelle Spiele, wie das zwischen einem Siebenjährigen und einem etwas älteren Mädchen. Der Junge beginnt allerdings zu weinen und wird von einer Pflegerin zur psychologischen Aufsicht gebracht. Die Studenten können es kaum glauben, als der Direktor ihnen erzählt, dass derartige Spiele und Verhalten früher als unerhört galten. Das Sexualleben begann in der Regel erst mit circa 20 Jahren. Die Folgen seien furchtbar gewesen, behauptet Mustafa Mannesmann. Bei seinem Erscheinen springt der Direktor auf und reicht ihm die Hand.

Mustafa Mannesmann ist einer von zehn Weltaufsichtsräten und als solcher für Westeuropa zuständig. Die Studenten können ihr Glück kaum fassen, ihm persönlich begegnen zu dürfen. Er zitiert Ford, auf dessen Lehren das Weltsystem beruht. Geschichte sei Mumpitz, behauptet Mannesmann. Die Studenten lernen daher nichts über Geschichte. Der Direktor gerät in Sorge, der WAR könnte zu weit gehen. Doch dieser beruhigt ihn. Mustafa Mannesmann nennt Worte wie Mutter, Familienleben und trautes Heim, unter denen sich die Studenten nichts vorstellen beziehungsweise sie kaum ertragen können. Sie verknüpfen damit Enge, Krankheit und Gestank. Ford, der Herr, habe diese Gefahren erkannt. Einehe und Romantik, ebenfalls Fremdwörter für die Studenten, führen zur Abgrenzung von der Allgemeinheit und zur Einengung der Triebe und Kräfte. Der Aufsichtsrat deklariert weiter: Beständigkeit und Glück gilt es zu wahren. Die Maschinen müssen weiterlaufen und dem stehen Gefühle nur im Weg. Die Beständigkeit entspricht der Notwendigkeit. Unterdrückte Triebe aber bergen die Gefahr, dass sich Gefühle entwickeln. Glücklich seien hingegen diejenigen, die von diesen Gefühlen verschont blieben.

Mustafa Mannesmann fragt in die Runde, ob die Studenten jemals große Hindernisse oder Wartezeiten für ihre Wünsche überbrücken mussten. Ein junger Mann erwähnt, vier Wochen auf ein Mädchen gewartet zu haben. Die Folge waren grässliche, leidenschaftliche Gefühle. Der WAR hält es daher für töricht, dass die früheren Regierungen und Religionsvertreter die Reformen ablehnten. Damalige Gesetze sollten Freiheit versprechen, machten aber unglücklich. Es kam zum neunjährigen Krieg, der durch die eingesetzten chemischen Waffen schlimme Folgen mit sich zog. Die Wahl lag zwischen Weltaufsicht und Vernichtung. Verbraucherregeln zur Stärkung von Konsum und Industrie wurden eingeführt, was zu einer Strömung zurück zur Natur führte. Diese wurde gewaltsam unterdrückt. Schließlich kam die Einsicht, dass Gewalt nicht das richtige Mittel war. Die Modelle der künstlichen Zeugung, Normung und Hypnopädie wurden eingeführt, die Vergangenheit flächendeckend vernichtet, Religion, Kultur und Geschichte eingeschlossen. Die Einführung des T-Modells nach Ford markiert die neue Zeitrechnung und ersetzt Glauben und Gottheit. Mustafa Mannesmann erwähnt die Drogen des früheren Zeitalters. Diese wurden durch die universelle Droge Soma ersetzt. Sie wird industriell hergestellt, ist ohne Nebenwirkungen, ermöglicht eine Flucht vom Alltag und sichert die Stabilität der Gesellschaft. Auch das Altern kann verhindert werden. Sowohl körperlich als auch geistig bleiben die Menschen auf dem Niveau von 17-jährigen. Vor-sich-hin-Sinnieren oder gar Nachdenken bleibt dabei aus. Der WAR lobt den Fortschritt.

Zur gleichen Zeit beenden Henry Päppler und sein Kollege, der Prädestinationsassistent, ihre Schicht. Im Umkleideraum kehren sie Sigmund Marx bewusst den Rücken zu. Der Prädestinator empfiehlt Henry einen Film, der gerade im Fühlkino läuft. Henry schwärmt von Lenina Braun und empfiehlt sie seinem Freund. Der schlägt Henry im Gegenzug Stinni Braun vor. Sigmund, der das Gespräch belauscht, ist das zuwider. Es scheint ihm, als ob sie über die Mädchen wie über ein Stück Fleisch sprechen. Er hasst die beiden, fühlt sich ihnen aber unterlegen. Womöglich nehmen sie auch sich selbst als ein Stück Fleisch wahr, so glaubt er. Henry will Sigmund aufziehen und empfiehlt ihm, ein Gramm Soma zu nehmen. Sigmund kocht innerlich vor Wut, lehnt aber höflich ab. Sie bedrängen ihn weiter, bis er fluchend aufschreit und die beiden Männer von ihm ablassen. Die zwei wollen noch eine schnelle Runde Hindernisgolf spielen, aber Henry hat es eilig.

Auch Lenina hat ihre Schicht beendet. In der Umkleide grüßt sie ihre Freundin Stinni, die denselben Nachnamen trägt wie sie. Sie durchläuft die gewohnten Routinen aus Bad, Hautpflege und Massage. Danach fragt sie Stinni, mit wem sie heute ausgehe. Doch diese hat keine derartigen Pläne. Seit einiger Zeit fühlt sie sich komisch, sodass ihr Arzt ihr zu einem Schwangerschaftsersatz geraten hat. Lenina ist darüber überrascht, da sie doch erst 19 sei. Doch Stinni vertraut dem Rat des Doktors und muss nur die nächste Zeit ein paar Einschränkungen in Kauf nehmen.

Lenina plant mit Henry Päppler auszugehen, was Stinni missbilligt. Lenina ist seit vier Monaten mit Henry zusammen und will nicht einsehen, sich auch mit anderen Männern treffen zu müssen. Stinni ist darüber empört und weist ihre Freundin darauf hin, dass sich dies nicht zieme. Die Zeit mit Henry sei zu lang, wenn sie nicht auch andere Männer treffe. Lenina solle nicht so wählerisch sein und auch an die Meinung des Direktors denken. Lenina kommt zur Einsicht und gibt ihr Interesse an Sigmund Marx preis. Stinni ist darüber entsetzt. Sigmund hat einen schlechten Ruf, da er viel Zeit allein verbringt. Er ist ungewöhnlich klein, weshalb Gerüchte kursieren, dass ihm als Embryo unbemerkt Alkohol zugeführt wurde. Lenina verteidigt ihn als Alpha-plus und findet ihn nett. Sie hält nichts von den Gerüchten. Außerdem habe er ihr angeboten, ein Wildreservat zu besuchen, was sie schon immer einmal machen wollte. Sie will seine Einladung annehmen. Stinni gibt auf. Lenina will sich mit ihr vertragen, wird aber von ihrer Freundin gewarnt. Stinni lobt dann aber Leninas Outfit. Besonders der Gürtel, an dem sich die Empfängnisverhütung befindet, gefällt ihr. Lenina ist keine Empfängnisfreie. Henry hat ihn ihr geschenkt. Stinni bittet Lenina, Henry nach dem Gürtel zu fragen.

In den Schlafsälen der Normanstalt wird währenddessen das Wissen über Angebot und Nachfrage geschult. Alter Kleider werden weggeschmissen und neue gekauft. Fliegen ist schön. Die Förderbänder voller Embryonen laufen beständig weiter.

Im Aufzug steht Lenina zwischen lauter Alphas. Fast mit jedem von ihnen hat sie schon eine Nacht verbracht. Sie entdeckt Sigmund. Sie geht zu ihm und sagt seiner Einladung zu. Sigmund ist es unangenehm, vor den anderen Leuten darüber zu sprechen. Lenina versteht seine Zurückhaltung nicht. Zusätzlich verunsichern sie die erstaunten Blicke der anderen. Auf dem Dach angekommen, verabschiedet sie sich, bittet Sigmund aber, sie über die weitere Planung auf dem Laufenden zu halten. Benito, der ebenfalls schon mit Lenina ausgegangen ist, gratuliert Sigmund zu seiner Wahl und bietet ihm wegen seines verdrießlichen Gesichtsausdrucks Soma an. Sigmund entzieht sich der Situation.

Lenina erreicht Henry, der bereits im Helikopter auf sie wartet und sie mit einem Kommentar zu ihrer Verspätung begrüßt. Sie fliegen über die Stadt zum Hindernisgolf.

Sigmund weicht den Blicken der anderen auf dem Dach aus. Obwohl ein Verhalten wie von Benito gerechtfertigt ist, leidet er darunter. Durch seine geringe Größe fühlt er sich seiner Kaste nicht zugehörig und hat daher das Gefühl, die niederen Kasten extra streng behandeln zu müssen. Von den Mädchen wird er belächelt. Sigmund macht sich auf den Weg zum Propagandapalast und wartet dort auf Helmholtz Holmes-Watson. Helmholtz unterbricht dafür seine Arbeit. Er ist ein Alpha-plus und ein äußerst begabter Schriftsteller, fast schon überdurchschnittlich, so dass er sich wie Sigmund als Außenseiter fühlt. Er kann alles haben: Frauen, sportliche Leistungen, Anerkennung. Doch etwas treibt ihn um und Sigmund will wissen, was es ist. Die beiden fliegen zu seiner Wohnung. Helmholtz entzieht sich Frauen und Veranstaltungen. Das Ergebnis beschreibt er als einen merkwürdigen geistigen Überschuss. Helmholtz verspürt das starke Bedürfnis, etwas Bedeutendes zu verfassen. Er will mit Worten durchdringen, weiß aber nicht wie. Sigmund fürchtet, belauscht zu werden, doch vor der Tür ist niemand. Solche Ängste sind Folgen seiner Ausgrenzung. Helmholtz empfindet Scham, aber auch Mitleid für seinen Freund.

Analyse

Mit Kapitel 3 und 4 tauchen die Lesenden tiefer in die Neue Welt ein. Besonders in dem Austausch zwischen Mustafa Mannesmann und den Studenten finden sich viele Themen wieder. Dabei wird rückblickend die Entstehung des Weltstaates erklärt. Typische Merkmale einer Dystopie treten hervor: Zum Beispiel führt eine Katastrophe oder ein Krieg zwangsläufig, und auf gewaltsamen Weg, zum totalitären System. Mannesmann erklärt es mit der »Wahl zwischen Weltaufsicht und Vernichtung.« (62) Diese Aufsicht übernehmen im Weltstaat zehn Weltaufsichtsräte. Die Führung obliegt einer kleinen Gruppe der Elite. Mustafa Mannesmann ist ein Alpha-plus und einer der Räte. Typisch für die Dystopie ist die fortschrittliche Technik, die ebenfalls in der Kontrolle der Regierung liegt. (Hasenbach, 93) Neben den bereits bekannten Verfahren zur Zeugung und Normung der Menschen wird die Droge Soma in die Handlung eingebunden. Es handelt sich dabei um eine chemische Substanz, die als »ideales Rauschmittel« (66) gilt. Huxley nutzt weiterhin den ironischen Vergleich: »Alle Vorzüge des Christentums und des Alkohols, ohne deren Nachteile.« (67) Soma gilt als Lösung für alles. Die Maßnahme, eine ganze Gesellschaft unter Drogen zu setzen, um Sicherheit und Stabilität zu gewährleisten, verdeutlicht erneut die totale Kontrolle.

Der Beginn des 3. Kapitels erweckt durch die Beschreibung der Natur erst eine idyllische Szene. Allerdings wird diese durch die vorhandene Technik aufgebrochen: »In der Luft summten einschläfernd Bienen und Hubschrauber.« (45) Hier schwingt Ironie mit. Diese zeigt sich auch in weiteren Passagen. Henry Ford, der Begründer der Massenproduktion und Erfinder des T-Modells (ein Automobil), wird durch seine Weltanschauung zur Gottheit erhoben, während Religion und Glauben vernichtet werden. Das Zitat: »Alle Kreuze wurden geköpft und zu T’s gemacht. Vorher gab es auch etwas, das Gott hieß« (65), zeigt Überspitzung und damit den satirischen Klang des Romans. Massenproduktion und Konsum werden von der Gesellschaft gestützt. Bereits in der Schlafschule lernen die Kinder, Dinge wegzuschmeißen, anstatt sie zu reparieren: »Enden ist besser als wenden.« (65) Die Lautmalerei, mit der die Vernichtung der Geschichte beschrieben wird, trägt weiterhin zum satirischen Klang bei: «Wisch, wisch - und die kleinen alten Dreckhäufchen, genannt Athen und Rom, Jerusalem und das Reich der Mitte, weg waren sie. Wisch – leer war die Stelle, wo einst Italien blühte.« (49) Darin wird außerdem nochmals die Auflösung der Nationen und die Verschmelzung zum Weltstaat deutlich.

Neologismen (Wortneuschöpfungen) oder die Übertragung von Wörtern in einen neuen Kontext runden die Entrückung der Neuen Welt ab. Der Weltaufsichtsrat wird mit »Seine Fordschaft!« (48) begrüßt. Lenina wird von Henry Päppler als »pneumatisch« (58) betitelt, ein Ausdruck, der zum Beispiel in der Technologie druckluftbetriebene Systeme beschreibt. Hier wird er allerdings im Zusammenhang mit Leninas körperlichen Vorzügen genutzt.

Dahinter verbirgt sich das nächste große Thema, das in den beiden Kapiteln auftaucht: Sexualtrieb und Lustverhalten. In der Neuen Welt dürfen – sollen sogar – Triebe ausgelebt werden. Die Kinder sind nackt und werden zu sexuellen Spielen animiert. Über einen längeren Zeitraum nur mit einer Person zusammen zu sein, verstößt gegen die Ordnung. Nicht auszugehen, oder lieber allein und ungestört zu sein, verstößt ebenfalls gegen die Ordnung. Stattdessen wird Promiskuität gefordert, das bedeutet häufig Partner*innen zu wechseln oder mehrere gleichzeitig zu haben: »Bei ihrem Eintreten wurde Lenina von vielen mit freundlichem Nicken und Lächeln begrüßt. Sie war ein allgemein beliebtes Mädchen und hatte fast mit jedem von ihnen irgendwann einmal eine Nacht verbracht.« (70)

Die Entwicklung von Leidenschaft oder Gefühlen, die zu einem Wanken der Beständigkeit führen könnten, soll verhindert werden. Einer der Studenten beschreibt diese als »gräßlich« (59) – er hatte sie, als er fast vier Wochen auf ein Mädchen warten musste. Die Gesellschaft, hier vertreten durch Mustafa Mannesmann, lobt sich damit, die Menschen von diesen Gefühlen erlöst zu haben.
Dabei werden wieder individuelle Bedürfnisse missachtet: Lenina möchte wählerisch sein, ihre Freundin Stinni bringt sie aber zur Vernunft (im Kontext des Weltstaates). Sigmund geht einen Schritt weiter. Er fühlt sich mit den Erwartungen unwohl und sehnt sich nach Intimität und Leidenschaft. Sein Rückzug macht ihn zum Sonderling und Außenseiter. Ein zweifelnder Protagonist ist ebenfalls typisch für eine Dystopie.
Sigmund kann zwar sein Verhalten reflektieren und erkennt seine Schwächen, ist ihnen aber dennoch unterlegen. Er kommandiert die unteren Kasten besonders streng herum. Dies wird in der Verwendung des Imperativs deutlich: »Vorwärts, beeilt euch!« (77) Seine Ängste treten in dem persönlichen Austausch mit seinem Freund Helmholtz zutage, bei dem er glaubt, belauscht zu werden.
Helmholtz Holmes-Watson trägt gleich mehrere bekannte Persönlichkeiten im Namen. Sein Vorname beinhaltet den Nachnamen des Naturwissenschaftlers Herrmann von Helmholtz (1821-1894). Der Doppelname Holmes-Watson entspringt den fiktiven Charakteren Sherlock Holmes und Dr. Watson. Auch er entwickelt eine Sehnsucht, die in der Neuen Welt nicht erfüllt werden kann. Er fühlt sich somit ebenfalls als Außenseiter, allerdings sind seine Fähigkeiten – anders als bei Sigmund, wo sie zu wünschen übrig lassen – überragend. Ihre Zweifel verbinden die beiden und machen neugierig auf ihre Entwicklung.

In der Szene auf dem Dach in Kapitel 4 wird der krasse Gegensatz zwischen den Kasten deutlich. Die Alphas sind intelligent, genießen Ansehen und Privilegien. Zum Beispiel besitzt jeder ein eigenes Flugzeug, worin sich wieder der technische Fortschritt zeigt. Epsilons hingegen sind kaum in der Lage, einen Gedanken zu Ende zu bringen. Im Aufzugswärter beschreibt der Erzähler »hündische[ ] Anbetung« (71), was dessen Unterlegenheit verdeutlicht. Alles, was er in der Szene äußert, ist das Wort »Dach!« (71). Sein Leben beschränkt sich drastisch auf den Fahrstuhlschacht und die Soma-Ration am Ende des Tages. Die Ungleichheit ist augenscheinlich und diskussionswürdig.

Bezüglich des Aufbaus des Romans zählen diese Abschnitte noch zur Einleitung, die die Neue Welt und ihre Bewohner*innen vorstellt. Eine Besonderheit zeigt sich im 3. Kapitel. Hier überlappen sich die Handlungsstränge, gehören aber doch alle zur Haupthandlung. Das dient einerseits dazu, den gleichzeitigen Ablauf der Geschehnisse zu verdeutlichen, aber auch dazu, die Spannung zu steigern. Die Abschnitte werden immer kürzer, bis teilweise mitten im Satz gewechselt wird. Es handelt sich dabei um die Technik des szenischen Erzählens, ähnlich dem Szenenwechsel im Film.

Veröffentlicht am 14. Oktober 2024. Zuletzt aktualisiert am 14. Oktober 2024.