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Der Prozess

Kapitel 10 Schluss, 406–410

Zusammenfassung

Das letzte Kapitel spiegelt das erste Kapitel in einigen Hinsichten. K. sitzt am Vorabend seines 31. Geburtstages in seinem Zimmer und erwartet Besuch. Er ist feierlich angezogen, als zwei Männer eintreten. Im Gegensatz zu Franz und Willem sind die beiden still. Nur einer von beiden stellt eine Rückfrage, als K. sie fragt, wo sie Theater spielen würden. K. hält die beiden für Schauspieler. Später fragt er sich, ob sie vielleicht Tenöre seien.

Die beiden nehmen K. in ihre Mitte und ergreifen ihn auf eine einstudierte Weise. Sie betreten die Straße, die vom Mond beschienen wird. Vor ihnen geht eine Frau, die K. für Fräulein Bürstner hält. Sie soll ihm als Mahnung dienen, denkt er. Nach einiger Zeit aber hat er sie nach eigenem Bekunden nicht mehr nötig. Verschiedene Plätze werden passiert, die K. mit Erinnerungen assoziiert. Er macht den Eindruck, ein Resümee zu ziehen. Unterdessen spricht er auch mit sich selbst. Er akzeptiert die Entwicklung, die sein Leben genommen hat.

Unterdessen treffen sie einige Polizisten, denen sie allerdings ängstlich aus dem Weg gehen, als würden sie sich eines Verbrechens schuldig machen. Schließlich treffen sie auf einen Steinbruch, an dessen Rand ein städtisches Haus steht. Im Steinbruch verständigen sich die beiden Männer darüber, wer das Messer führen soll. Einige Schwierigkeiten entstehen dabei, K.s Kopf auf den Stein, der als Richtblock fungieren soll, zu betten.

Schließlich haben sie eine Position gefunden. Ein Mann fasst K. an der Gurgel, der andere stößt ihm das Messer in das Herz, wo er es zwei Mal umdreht. Sie beobachten seinen brechenden Blick. K. denkt noch, er sterbe wie ein Hund. Der letzte Satz berichtet von der Scham, die K. noch überleben würde.

Analyse

Das letzte Kapitel mit der lapidaren Bezeichnung »Ende« fungiert als Spiegelbild zum ersten Kapitel. Es ist, wie Jeziorkowski (2006: 200) erwähnt, unmittelbar nach dem ersten Kapitel verfasst worden. Über das vergangene Jahr scheint K. gelernt zu haben. Während er im ersten Kapitel noch von Franz und Willem darauf hingewiesen werden muss, dass er einen schwarzen Anzug anzuziehen habe, wenn er mit dem Gericht in Kontakt tritt, erwartet K. die ihn abholenden Männer wie folgt: »Ohne daß ihm der Besuch angekündigt gewesen wäre, saß K., […] schwarz angezogen, in einem Sessel in der Nähe der Tür und zog langsam neue, scharf sich über die Finger spannende Handschuhe an« (406).

Die beiden Männer sprechen aber nicht, im Gegensatz zu Franz und Willem – und auch die Fenster auf der anderen Seite der Straße sind dunkel (406). Die neugierigen Zaungäste des ersten Kapitels sind also diesmal nicht zu sehen.

Dass so nahe am außerhalb der Stadt liegenden Steinbruch ein vollkommen städtisches Haus liegt, ist ein weiteres surreales Motiv. Kurz vor dem Vollzug der Hinrichtung zeigt sich an dem Haus eine Veränderung: »Wie ein Licht aufzuckt, so fuhren die Fensterflügel eines Fensters dort auseinander, ein Mensch, schwach und dünn in der Ferne und Höhe, beugte sich mit einem Ruck weit vor und streckte die Arme noch weiter aus« (410). Diese expressive Geste gipfelt in einer Reihe von Fragen, von denen nicht klar ist, wer sie stellt, der Erzähler oder K selbst: »Wer war es? Ein Freund? Ein guter Mensch? Einer, der teilnahm? Einer, der helfen wollte? War es ein einzelner? Waren es alle? War noch Hilfe? Gab es noch Einwände, die man vergessen hatte?« (410). Natürlich werden diese Fragen nicht beantwortet – »Der Prozeß« endet in einer Aporie. Einen Ausweg gibt es in dieser Lesart nicht.

Dass K. seinem eigenen Sterben gegenüber bekundet, es gehe ihm dabei wie einem Hund, ist auch ein Hinweis darauf, dass seine Hinrichtung so starke Züge eines rituellen Tieropfers zeigt. Freilich sind Hunde im europäischen Kontext keine Opfertiere. Im südamerikanischen Kontext wiederum gab es anscheinend Opferhunde, so etwa die Vorfahren der heutigen Chihuahuas im aztekischen Mexiko.

Dass die Scham, wie es heißt, ihn überleben solle, impliziert, dass sie auch vor ihm existiert habe. Dies wiederum könnte auf Adam und Eva und die von ihnen begangene Ursünde verweisen. Nachdem die beiden vom Baum der Erkenntnis gegessen haben, werden sie nicht nur aus dem Paradies vertrieben, sie beginnen auch sich voreinander zu schämen. Die Scham kommt also mit der Ur- oder Erbsünde in die Welt. Das könnte als Hinweis darauf verstanden werden, dass das Vergehen K.s kein Vergehen seiner selbst, sondern vielmehr das Vergehen seiner Gattung ist. K.s Verbrechen besteht darin, ein Mensch zu sein.

Veröffentlicht am 10. Oktober 2024. Zuletzt aktualisiert am 10. Oktober 2024.