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Der Prozess

Kapitel 2 Erste Untersuchung, 260–274

Zusammenfassung

K. wird davon unterrichtet, dass er sich zu einer Untersuchung einzufinden habe. Die Untersuchung solle an einem Sonntag stattfinden, eine genauere Terminierung allerdings wird nicht vorgenommen. K. wird telephonisch benachrichtigt, daher erreicht ihn die Meldung im Büro. Dort ist allerdings auch der Direktor-Stellvertreter, der von K. als Antagonist erlebt wird – wenngleich das (overte) Verhalten des Direktor-Stellvertreters diesen Schluss nur bedingt zulässt: Tatsächlich lädt er ihn zu einer Segeltour ein, die an besagtem Sonntag stattfinden solle. Dass K. absagen muss, erlebt er (K.) als Demütigung des Direktor-Stellvertreters.

Am Sonntag findet sich K. früh um Neun am bezeichneten Ort ein. Es handelt sich um eine Wohngegend in einem entlegenen Vorort. Auf dem Weg dorthin begegnet K. den drei Kollegen, die Fräulein Bürstners Fotos durcheinandergebracht haben. K. hat keinen konkreten Zeitpunkt genannt bekommen, dennoch möchte er um Neun dort sein. Allerdings fällt es ihm schwer, das Sitzungszimmer zu finden. Es handelt es sich anscheinend um eine Siedlung, in der Arbeiter und kleine Angestellte leben. Kein Gebäude hat den Anschein, es beherberge offizielle Stellen.

K. hat Hemmungen, die hier lebenden Menschen direkt nach dem Gericht zu fragen, daher erfindet er einen Tischler Lanz und fragt in verschiedenen Wohnungen nach diesem. Der Tischler Lanz ist fiktiv, tatsächlich heißt der Neffe von Frau Grubach, der neuerlich auch in der Wohnung der Zimmerwirtin lebt, Lanz. Er ist allerdings Hauptmann und kein Tischler. Die Menschen, die K. fragt, sind sehr hilfsbereit, der fiktive Tischler lässt sich aber naturgemäß trotz aller Hilfe nicht auffinden.

Es ist zehn Uhr, als K. an eine zufällige Tür im 5. Stockwerk einer solchen Mietskaserne klopft und wieder nach dem Tischler fragt; eine Frau bittet ihn, einzutreten, und öffnet eine Tür. Dort tagt tatsächlich das Gericht. Es handelt sich um einen zweifenstrigen Raum mit einer oben umlaufenden Galerie. Oben stehen Menschen, die nicht aufrecht stehen können, weil die Decke zu niedrig ist. Auf der unteren Ebene stehen Menschen dicht gedrängt. K. glaubt, dass es sich um zwei Parteien handelt. Ein Junge nimmt K. an die Hand und führt ihn zu einem Podium, das sich am Ende des Zimmers befindet.

Auf diesem Podium sitzt der Untersuchungsrichter an einem Tisch und macht K. Vorwürfe für sein angebliches Zuspätkommen, obwohl keine Zeit ausgemacht war. K. findet, die Leute auf der Galerie seien schlechter angezogen als die auf der unteren Ebene. Die Versammlung insgesamt reagiert deutlich auf das, was oben auf dem Podium geschieht. Auf die Vorwürfe des Richters erwidert K. nur, dass er jetzt eben da sei. Die rechte Saalhälfte reagiert mit Applaus. Der Richter aber wird zornig und sagt, dass er nun nicht mehr anhören müsste. Er tue es aber dennoch.

Die Untersuchung soll ihren Gang gehen, zur Feststellung der Personalien fragt der Richter, ob K. tatsächlich Zimmermaler sei. K. erwidert wahrheitsgemäß, dass er Prokurist sei, woraufhin die rechte Saalhälfte erneut in Gelächter ausbricht. K. fasst den Plan, auch die linke Saalhälfte für sich einzunehmen und beginnt nun, das Gericht und dessen Unkenntnis zu kritisieren: Das Gericht sei schlecht organisiert, wenn es ihn für einen Zimmermaler halte und also nicht einmal die Personalien der Angeklagten ausreichend kenne. Außerdem seien die beiden Beamten, die ihn hätten verhaften sollen, bestechlich gewesen. K.s vorwurfsvoller Monolog steigert sich weiter, es seien untragbare Zustände in diesem Gericht. Da wird er von einem Kreischen aus einer Ecke des Raumes unterbrochen. Dort steht die Frau, die ihn in den Raum geführt hat und wird von einem Mann festgehalten und augenscheinlich bedrängt. Gleichwohl stammt das Kreischen nicht von der Frau, sondern von dem Mann, der es mit verzerrtem Gesicht ausstößt.

K. möchte zu den beiden gelangen, um sie aus dem Zimmer zu schaffen, sodass er seinen Monolog weiterführen kann, doch die anderen Personen lassen dies nicht zu. Sie halten ihn fest, auch wenn er ihnen droht, schließlich erkennt er, dass sie alle Abzeichen des Gerichtes tragen. Es sind keine Parteien, die er hatte einnehmen oder gegen sich aufbringen können: Alle hier Versammelten sind Repräsentanten des Gerichts. Auf diese Erkenntnis hin, verlässt K. den Saal. Er tut dies indes nicht ohne die Versammelten zuvor noch als »Lumpen« zu bezeichnen.

Analyse

In diesem Kapitel zeigen sich die rätselhaften Motive Kafkas in besonders deutlicher Form. So trifft K. auf dem Weg ins Gericht ausgerechnet die drei Kollegen, die in der Anfangsszene Fräulein Bürstners Photographien durcheinandergebracht haben. Dass diese drei als Leitmotiv fungieren, ist kaum strittig, warum sie das aber tun, ist schwer zu sagen. Immer wieder wird ja betont, dass sie für K. kaum eine Bedrohung darstellen und doch sind sie ihm offensichtlich zuwider und funktionieren nach dem Muster einer Mahnung. Es ist möglich, dass sie schlichtweg das soziale Umfeld seiner Arbeit repräsentieren sollen und als bloße Signifikanten auf dieses Umfeld verweisen. Dennoch, die heftige Reaktion, die K. ihnen gegenüber zeigt, bleibt ein merkwürdiges Faktum. Genauso wie K.s gefühlte Konkurrenz zum Direktor-Stellvertreter. An keiner Stelle zeigt sich der Direktor-Stellvertreter als wirklich feindselig. Tatsächlich hat er seinen ersten Auftritt im Roman in einer Szene, in der er K. zu einem Segeltörn einlädt. Es hat den Anschein, als würde die Feindseligkeit gar nicht vom Direktor-Stellvertreter, sondern vielmehr von K. selbst ausgehen.

Die vorliegende Szene zeigt Kafkas fast schon szenische Schreibweise besonders deutlich. Einmal im Sitzungssaal angekommen, ergreift K. das Wort. Abgesehen von den geschilderten Reaktionen des Publikums, unterbricht der Erzähler K.s Monolog nicht. Das ist mit szenischem Schreiben gemeint, es liegt eine fast unvermittelte Redewiedergabe vor. Durch diesen Effekt haben Leser*innen keinen Informationsvorsprung vor K. und sind genau wie dieser überrascht, als sich am Ende alle Anwesenden als Angehörige des Gerichts herausstellen.

Auch hier werden wieder die Bärte der Anwesenden hervorgehoben (vgl. dazu Jeziorkowski 2006: 201). Zusätzlich findet sich hier ein Beispiel für eine typische Technik Kafkas, die darin besteht, intradiegetische Raumverhältnisse zu verzerren. So ist die Galerie, auf der sich die Menschen befinden, von denen K. glaubt, sie seien schlechter angezogen als die im Parterre befindlichen, so niedrig, dass die Menschen dort nicht aufrecht stehen können. »Manche hatten Polster mitgebracht, die sie zwischen den Kopf und die Zimmerdecke gelegt hatten, um sich nicht wundzudrücken« (266). Hinzukommt, dass es sich hier um ein zweifenstriges Zimmer in einem Mietshaus handelt, es ist also für einen so großen Andrang ein ohnehin viel zu kleines Zimmer. Dadurch entsteht ein gewissermaßen klaustrophobischer Raum oder wenigstens ein Raum, der Klaustrophobie auslösen könnte. Es ist aber gleichzeitig auch ein verzerrter und damit ins Surreale spielender Raum.

Dieser unheimliche Effekt wird durch die Auflösung der Situation noch verstärkt. K.s Monolog wird von einer Szene, die an eine Vergewaltigung mindestens erinnert, unterbrochen, die durchaus das Repertoire des Horrors bedient: »K. wurde durch ein Kreischen am Saalende unterbrochen […]. Es handelte sich um die Waschfrau […]. K. sah nur, daß ein Mann sie in einen Winkel bei der Tür gezogen hatte und dort an sich drückte. Aber nicht sie kreischte, sondern der Mann, er hatte den Mund breit gezogen und blickte zur Decke. Ein kleiner Kreis hatte sich um beide gebildet, die Galeriebesucher in der Nähe schienen darüber begeistert« (272). Das grotesk verzerrte Gesicht, ein Kreis von Schaulustigen und eine unverkennbare Gewalthandlung mit Kreischen bedienen eine alptraumhafte Ästhetik, derer sich keiner der intradiegetisch Anwesenden richtig bewusst wird, was den Effekt nur noch verstärkt.

Veröffentlicht am 10. Oktober 2024. Zuletzt aktualisiert am 10. Oktober 2024.