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Der Prozess

Kapitel 5 Der Prügler, 299–304

Zusammenfassung

K. ist einer der letzten im Büro. Nur noch zwei alte Diener sind ebenfalls noch im Dienst. Hinter der Tür zu einer Abstellkammer hört er ein Geräusch, ein Seufzen. Als er die Tür öffnet, sieht er Franz, Willem und einen dritten Mann. Der dritte Mann wird von K. augenblicklich als derjenige erkannt, der in der Hierarchie am höchsten steht. Er trägt eine Lederuniform, die weite Teile der Brust und die Arme freilässt.

Franz und Willem behaupten, sie wären nur deswegen in dieser Rumpelkammer festgesetzt, weil K. sich über sie beschwert hätte. Tatsächlich scheint der Mann in der Lederuniform eigens dafür abgestellt, Franz und Willem zu züchtigen. Die beiden Wächter beklagen sich, wenn K. wüsste, wie schlecht sie bezahlt würden, hätte er mehr Mitleid mit ihnen gehabt. Dass er sie als bestechlich bezeichnet habe, sei Auslöser für ihre Strafe, nicht etwa ihre Bestechlichkeit. Die Bestechlichkeit sei dem Gericht wesentlich, würde sie aber einmal zur Sprache gebracht, müsse sie auch geahndet werden.

Der Prügler hingegen sagt K., er solle sich nicht um die Vorwürfe kümmern. Die Strafe sei gerecht. K. aber bekommt Mitleid mit den beiden und versucht nun, den Prügler zu bestechen, damit er von der Züchtigung absehe. Ein Anerbieten, das dieser ablehnt, auch aus Sorge, selbst dafür geprügelt zu werden.

Franz und Willem müssen sich schließlich entkleiden und werden vom Prügler gezüchtigt. Auf ihre Schreie kommen die beiden Diener, die ebenfalls noch in der Bank beschäftigt sind. K. indes schmeißt die Tür und lenkt sie ab. Um die Diener nur ja nichts sehen zu lassen, hatte er Franz sogar noch einen Stoß versetzt. K.s Ablenkung gelingt.

Am nächsten Abend öffnet K. wieder die Tür – und alles ist immer noch so wie vorher. Franz, Willem und der Prügler sind, obwohl ein ganzer Tag vergangen ist, immer noch in der Rumpelkammer. Vor Zorn beinahe weinend, wirft er die Tür wieder zu und läuft schnell zu den Dienern, die er auffordert, die Kammer auszuräumen. Diese stimmen zu, dies am nächsten Morgen zu erledigen.

Analyse

Dieses Kapitel ist eigentlich nicht mehr als eine kurze Szene. Freilich handelt es sich dabei um eine sehr eindrucksvolle Szene. K. befindet sich im Büro und trifft in einer Rumpelkammer auf eine Figurenkonstellation surrealen Charakters. Dass sich die Bestrafung der beiden Beamten Franz und Willem ausgerechnet in der Bank, für die K. tätig ist, abspielt, ist durchaus als surreal zu bezeichnen. Die drakonische Prügelstrafe verweist auf ein Strafsystem, das früheren Zeiten angehört. Die Prügelstrafe wurde in Österreich Mitte des 19. Jahrhunderts abgeschafft.

Einschränkend muss allerdings gesagt werden, dass die Prügelstrafe in der Erziehung noch bis 1974 in Österreich zur Anwendung kommen konnte und durfte. Die drakonische Strafe des Prügelns beinhaltet in diesem Kontext also auch eine gewisse Infantilisierung der beiden Wächter, die kontrastiv gegenüber ihrem ja doch als Machtvoll zu bezeichnendem ersten Auftritt im Roman wirkt.

Gleichzeitig gibt die Szene einen Hinweis darauf, dass Beschwerden seitens des Gerichtes durchaus ihr Ziel erreichen oder jedenfalls zur Kenntnis genommen werden. Wiederum surreal ist die leicht sexuelle Komponente, die diese Züchtigung hat. So lässt die Uniform weite Teile von Brust und Armen frei und besteht, ähnlich einer Sado-Maso-Kluft, aus Leder (299–300). Dass die Delinquenten sich entblößen müssen tut ihr Übriges, diesen Eindruck zu verstärken. Es bleibt bei Andeutungen, dennoch sind erotische Assoziationen in dieser Szene wohl mehr als bloße Projektionen.

Veröffentlicht am 10. Oktober 2024. Zuletzt aktualisiert am 10. Oktober 2024.