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Der Prozess

Kapitel 6 Der Onkel / Leni, 305–321

Zusammenfassung

K.s Onkel Karl besucht ihn in der Bank. Karl lebt auf dem Land und war in der Vergangenheit der Vormund von K. Nun hat er von dem Prozess gehört, der gegen seinen Neffen geführt wird und will ihm ins Gewissen reden. Von dem Prozeß habe er durch Erna, seine Tochter – K.s Cousine, eine achtzehnjährige Gymnasiastin – gehört. Nun ist er eigens in die Stadt gekommen, um die Familie vor der Schande, die ihr durch den Prozess gegen eines ihrer Mitglieder drohe, zu bewahren.

K. reagiert gelassen und will dem Prozess nicht allzu viel Aufmerksamkeit zukommen lassen. Dennoch hat er den Eindruck, verschiedene Leute im Büro würden lauschen, weswegen er das Büro verlässt und mit dem Onkel auf die Straße tritt. Der Onkel führt K. unter Gesprächen über den Prozess zu einem mit ihm befreundeten Anwalt, dem Dr. Huld. Er halte es für nötig, K. unter die Arme zu greifen, da dieser, allem Anschein nach, die Angelegenheit ganz falsch einschätze und weitaus zu wenig Energie auf den Prozess verwende.

Beim Advokaten Huld angekommen, wird ihnen die Tür nicht gleich geöffnet. Durch den Türspion blicken zwei ausdrucksstarke Augen auf die beiden Männer, eingelassen werden sie aber vorerst nicht. Erst als ein Nachbar bestätigt, dass der Advokat zuhause sei, öffnet sich die Tür. Dort steht Leni, die Haushälterin des Advokaten, die aussagt, der Anwalt sei krank. Der Onkel ist negativ von Leni eingenommen und behandelt sie über die Maßen grob. K. jedoch hat Interesse an Leni, er starrt sie geradezu an.

Auf Druck des Onkels werden sie schließlich vorgelassen. Der Anwalt Dr. Huld erscheint schwer krank, aus seinem Bett kann er sich kaum erheben und klagt fortwährend über seinen schlechten Gesundheitszustand. Als er jedoch erfährt, dass es sich nicht um einen Kranken-, sondern einen Geschäftsbesuch handelt, bessert sich sein Befinden augenscheinlich. Zwar bleibt er krank, doch ist er dies in verringertem Maße.

Während des Gespräches kommt auch heraus, dass bereits ein Besuch da ist – es ist sehr dunkel im Raum, weswegen dies zuvor nicht aufgefallen war. Es ist ein Kanzleidirektor, also ein Mitglied des Gerichtes. Der Onkel ist stark von dem machtbewussten Kanzleidirektor beeinflusst. K. allerdings verfolgt das Gespräch nur aus der Distanz. Als es im Nachbarzimmer einen Schlag gibt, ergreift er die Gelegenheit und geht nachsehen. Tatsächlich war es Leni, die ihm gegenüber bekundet, sie habe nur einen Teller gegen die Wand geworfen, um ihn zu sich zu rufen.

Das Gespräch zwischen den beiden nimmt an Intimität zu. Schon bald halten sich die beiden an den Händen. Leni zeigt ihm ihre missgestaltete Hand, erklettert seinen Schoß und küsst ihn. Sie fragt ihn, ob er eine Geliebte habe, was er zunächst verneint, dann aber doch zugibt. Er zeigt Leni ein Foto von seiner Geliebten Elsa, das Leni spöttisch kommentiert. Schließlich umfasst sie K. und zieht ihn zu sich herab. Die beiden schlafen – wahrscheinlich – miteinander.

Im Anschluss gibt Leni K. einen Schlüssel zum Haus des Advokaten. K. verlässt sie, wird draußen aber vom Onkel überrascht, der ihm Vorwürfe macht. K. habe sich mit dem Zimmermädchen eingelassen, während die Männer versucht hätten, ihm zu helfen. Dadurch habe er sich und dem Prozess sehr geschadet.

Analyse

K. zeigt, wie schon im Kapitel mit Fräulein Montag, zunehmend Anzeichen einer Paranoia. Als der Onkel mit ihm sprechen möchte, vermutet K. überall Lauscher und versucht, den Onkel diesem Umfeld zu entziehen (306–307). Gleichzeitig zeigt sich hier aber auch der enorme Druck, unter dem K. steht. Der Onkel bezeichnet ihn als »Ehre der Familie«. Genau genommen formuliert er: »Josef, lieber Josef, denke an dich, an deine Verwandten, an unsern guten Namen! Du warst bisher unsere Ehre, du darfst nicht unsere Schande werden« (307).

Überhaupt fungiert der Onkel als Vertreter der Familie als Institution. Er insistiert darauf, dass K.s Prozess längst nicht mehr nur diesen selbst beträfe: »Weißt du, was das bedeutet? Das bedeutet, daß du einfach gestrichen wirst. Und daß die ganze Verwandtschaft mitgerissen oder wenigstens bis auf den Boden gedemütigt wird« (309). Diese verwandtschaftlichen Bande üben Druck aus und bilden mithin ein Netz, das neben einer gewissen Sicherheit auch eine starke Einschränkung eigener Identität mit sich bringt.

Der Onkel ist dazu zusätzlich prädestiniert, da Josef K. seinen Vater bereits als Kind verloren und der Onkel die Rolle des Vormunds übernommen hat. Der Onkel – von K. als »Das Gespenst vom Lande« (305) verunglimpft – ist also durchaus auch eine Vaterfigur. Auffällig ist, dass gegenüber den kurz zuvor entstandenen Erzählungen »Das Urteil« und »Die Verwandlung« Vaterfiguren nur eine untergeordnete Rolle spielen. Der Direktor könnte als Vaterfigur gelten und der Onkel – im Gegensatz zu anderen Texten Kafkas aber agieren sie weder sehr tyrannisch noch besonders machtvoll.

Der Onkel lebt zwar auf dem Land, hat aber dennoch Kontakte in der Stadt. Zu diesen Kontakten gehört der Advokat Dr. Huld, den die beiden Männer nun aufsuchen. Hier trifft K. auch auf Leni, die einzige Frau im Roman – neben Elsa – die tatsächlich seine Geliebte wird. Bezeichnend, dass sie aus diesem Grunde auch über die Photographie, die Elsa zeigt, urteilt und damit auch symbolisch die Nachfolge der Geliebten antritt, indem sie sie verwirft. Sexualität wird dabei auf eine animalische Weise gezeigt: »Eilig, mit offenem Mund erkletterte sie mit den Knien seinen Schoß. K. sah fast bestürzt zu ihr auf, jetzt, da sie ihm so nahe war, ging ein bitterer, aufreizender Geruch wie von Pfeffer von ihr aus, sie nahm seinen Kopf an sich, beugte sich über ihn hinweg und biß und küßte seinen Hals, biß selbst in seine Haare« (320). Der sich anschließende Geschlechtsverkehr endet mit einer auch symbolisch zu verstehenden Schlüsselübergabe – Leni und K. sind nun ein Paar.

Veröffentlicht am 10. Oktober 2024. Zuletzt aktualisiert am 10. Oktober 2024.