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Der Prozess

Kapitel 9 Im Dom, 387–406

Zusammenfassung

K. muss einen italienischen Geschäftskunden der Bank in der Stadt herumführen. Er bekommt diesen Auftrag, weil er im Ruf steht, sich für Kunstwerke zu interessieren und der Italiener ein Kunstfreund sein soll. K. ist deswegen bereits sehr früh im Büro, um sich mithilfe einer italienischen Grammatik in den Stand zu versetzen, mit dem Mann zu sprechen. Tatsächlich aber spricht dieser in einem Dialekt, den K. nicht versteht. Ganz im Gegensatz zum Direktor, der sich bestens mit dem Mann unterhält und en passant verschiedene, für K. wichtige Passagen des Gesprächs übersetzt. Der Italiener ist indes schwer beschäftigt und verabredet sich mit K. lediglich für eine Besichtigung des Doms. Um zehn Uhr sollen die beiden sich dort treffen.

Als K. beim Dom ankommt, ist der Italiener allerdings noch nicht da. K. geht in den Dom und schaut sich um. Da das Wetter so schlecht ist und in den Dom nur wenig Licht fällt, ist es dort sehr dunkel. Wegen der Tageszeit ist auch nur wenig Publikumsverkehr. Eine alte Frau, betend vor einem Marienbild, und ein Kirchendiener halten sich in der Kirche auf. K. betrachtet einige Bilder, durch die Finsternis kann er allerdings fast nichts erkennen.

In einem Seitenschiff des Domes findet er eine Kanzel, die nicht dazu geeignet scheint, dass ein erwachsener Mensch von ihr herab predigen könnte. Dennoch sieht er einen Mann, der sich anschickt, die Kanzel zu erklettern. Da K. fürchtet, den Italiener zu verpassen, wenn er nun eine ganze Predigt anhöre, möchte er sich entfernen, der Mann spricht ihn allerdings mit Namen an, sodass er sich nicht entziehen kann. Es ist ein Geistlicher, der sich als Gefängniskaplan vorstellt. Auch er ist also mit dem Gericht verbunden.

K. und der Gefängniskaplan sprechen über K.s Prozess, dabei beklagt sich K. über das Gericht, das nur aus korrupten Schürzenjägern bestehe. Der Kaplan will dies nicht zulassen und brüllt K. an. Damit scheint die Predigt beendet, der Gefängniskaplan verlässt die Kanzel und tritt zu K. Er erzählt ihm die Türhüterlegende.

In dieser heißt es, ein Mann komme vom Lande zum Eingang des Gesetzes. Dort steht ein Türhüter, der ihm sagt, er könne zwar in das Gesetz eintreten, jetzt aber sei es nicht möglich. Er erlaubt dem Mann, sich neben dem Eingang hinzusetzen und zu warten. Der Mann versucht den Türhüter zu bestechen, der Türhüter nimmt die Sachen aber nur pro forma an. Viele Jahre vergehen, der Mann wird alt und nimmt einen Glanz wahr, der aus dem Tor strömt. Schließlich stirbt der Mann. Der Türhüter sagt ihm, dass der Eingang nur für ihn bestimmt gewesen sei – nun gehe er hin und schließe ihn. Der Mann stirbt, ohne Eingang ins Gesetz gefunden zu haben. Diese Legende legt der Geistliche dann im Gespräch mit K. aus. Der Türhüter sei vollkommen in seiner Aufgabe aufgegangen, gleichzeitig sei er aber dem Mann vom Lande unterlegen. Dieser sei ja immerhin frei und es hätte ihm auch freigestanden, das Gesetz zu betreten, er habe es nur aufgrund einer Warnung des Türhüters unterlassen. Gezwungen sei er dazu aber nicht gewesen, ganz im Gegensatz zum Türhüter, der gezwungen gewesen sei, den Eingang zum Gesetz zu bewachen.

K. macht verschiedene Einwände, der Kaplan aber rekurriert auf die verschiedenen Ansichten der Gelehrten. Manche würden sämtliche Einwände mit dem Hinweis zurückweisen, das Gesetz entziehe sich dem menschlichen Urteil und lasse sich dementsprechend auch nicht nach menschlichem Maß bewerten. Das Gesetz nehme den Menschen auf, wenn er komme, und entlasse es, wenn er gehe. Es bedürfe des Menschen nicht.

Analyse

Direkt zu Beginn des Kapitels wird ein äußerst verunsicherter K. gezeigt. Sein Ruf als Kunstkenner verdanke sich nur einem Zufall, ganz entgegen seiner Art kommt er früher ins Büro, um dort seine Italienischkenntnisse aufzufrischen. Die negativen Erfahrungen der letzten Zeit scheinen ihn zermürbt zu haben. Mittlerweile ist es Herbst geworden, der Prozess ist also bereits seit einem halben Jahr angängig.

Als K. im Dom auf den Italiener wartet, trifft er mit dem Gefängniskaplan jemanden, der die Synthese zwischen dem Gericht und der Religion leistet. Jeziorkowski bezeichnet das Kapitel sogar als »Höhepunkt-Kapitel«. So »führt es nicht nur in einen kirchlichen Sakralraum, sondern in die Mitte des geistlichen Terrains in der entscheidenden Begegnung mit dem Geistlichen, der ihm die Parabel vom Türhüter erzählt« (Jeziorkowski 2006: 205).

Die Türhüterlegende ist der einzige Teil aus »Der Prozeß«, der zu Lebzeiten Kafkas publiziert worden ist – unter dem Titel »Vor dem Gesetz«. Tatsächlich ließe sich »Der Prozeß« – etwas verkürzt – auch als expandierte Version der Türhüterlegende verstehen. Wie der alte Mann vom Lande keinen Eingang in das Gesetz findet – augenscheinlich aus eigener Schuld und Zögerlichkeit – scheint auch K. ausgeschlossen. Ob es sich hierbei aber wirklich um eigenes Verschulden handelt, lässt sich kaum sagen.

Die Türhüterlegende ist in ihrer paradoxen Unverständlichkeit zugleich auch Hinweis auf die Probleme von Textverständnis insgesamt (Engel 2010: 200). In diesem Sinne hat zum Beispiel Jacques Derrida die Legende gelesen. Er fasst das Gleichnis vom Türhüter als Gleichnis für die Unverständlichkeit von Texten insgesamt auf. Der Text der Legende würde so der Tür innerhalb der Legende gleichgesetzt. Lesende verstehen zwar die wörtliche Ebene der Legende und können ihr auch Sinn zuschreiben, ein letztes, gegen jeden Irrtum abgesichertes Verständnis allerdings kann es nach Ansicht Derridas nicht geben – und das drücke die Legende performativ aus (Derrida 1992: 73).

Insgesamt vervielfacht die Türhüterlegende aber vor allem die Rätselstruktur des ganzen Romans. Sie tritt zwar als ein Lösungsangebot auf, tatsächlich löst sie aber keine Fragen und reproduziert nur das, was als Paradox ohnehin im Text angelegt ist. Sie ist eine falsche Spur. Allerdings eine, die durch eine intensive und ästhetische Bildlichkeit für sich einzunehmen weiß. Gleichzeitig operiert die Legende auch mit religiösen Anspielungen, insbesondere auf das Judentum, in dem Gott sich im Gesetz offenbart. Das mosaische Gesetz ist dabei also viel mehr als nur eine Sammlung von Verhaltensvorschriften, in ihm offenbart sich Gott. Das Gesetz ist der Zugang zu Gott, so wie die Tür innerhalb der Legende den Zugang zum Gesetz darstellt. Aber auch diese Gleichsetzung verkompliziert die Legende letztlich.

Veröffentlicht am 10. Oktober 2024. Zuletzt aktualisiert am 10. Oktober 2024.