Der Tod in Venedig
Kapitel 2
Zusammenfassung
Das zweite Kapitel unterbricht den Fortgang der Handlung, der Erzähler stellt hier den Protagonisten der Novelle vor und die Leser erfahren Genaueres von seinem Werk, das ihn berühmt gemacht hat, aber auch von seiner Herkunft, seinen Lebensumständen, seinem Aussehen, seiner Arbeits,- und Lebensweise, seinen künstlerischen und ästhetischen Prinzipien und seinem literarischen Stellenwert beim Publikum.
Die Familie Aschenbachs stammt aus Schlesien, aus der Kreisstadt L., und seine Vorfahren waren vor allem Offiziere, Richter und Verwaltungsbeamte im Dienst des Staates. Auch sein Vater setzte als höherer Justizbeamte diese Reihe fort und von ihm hat der Schriftsteller den sein Leben und Schreiben bestimmenden Zug der nüchternen Gewissenhaftigkeit und der ausschließlichen Konzentration auf den Dienst am Werk. Seine musische Begabung wie auch sein etwas fremdartiges Äußeres dagegen stammen von seiner Mutter, die Tochter eines böhmischen Kapellmeisters war. Und genau aus dem Zusammenklang dieser beiden gegensätzlichen Elemente, des preußischen Pflichtbewusstseins und der slawischen, sinnlichen und temperamentvollen Musikerbegabung resultiert Aschenbachs Künstlertum.
Zu seinen Werken gehören neben einem Epos über das Leben von Friedrich von Preußen und dem umfangreichen Roman »Maja« die Erzählung »Ein Elender« und die leidenschaftliche Abhandlung »Geist und Kunst« (18f.).
Bereits früh war Aschenbachs ganzes Streben auf Ruhm und öffentliche Anerkennung ausgerichtet und so schaffte er es mit großem Ehrgeiz und außergewöhnlichem Leistungswillen, sich schon als Gymnasiast einen Namen zu machen. Nur zehn Jahre später hat er es tatsächlich zu internationaler Bekanntheit gebracht und sein Werk sichert ihm die Bewunderung und die Gefolgschaft sowohl des breiten Publikums als auch einer ausgewählten, anspruchsvolleren Leserschaft.
Da Aschenbach jedoch von Kindheit an kränklich war und daher sogar vom Besuch der öffentlichen Schule ausgeschlossen, und seine schwache Konstitution eigentlich der ständigen Anspannung und Konzentration auf geistige Höchstleistung nicht gewachsen ist, bezahlt er den Ruhm mit einer ständigen körperlichen wie mentalen Anspannung. Bezeichnend für ihn ist das Symbol der geschlossenen Faust, die seine Lebensweise und seine verbissene Arbeitshaltung kennzeichnet, nicht die der entspannt geöffneten Hand. Er muss sich täglich seine künstlerische Leistung aufs Neue abringen. Seine Devise ist das Durchhalten und das Widerstehen, die Maxime des Trotzdem gegen alle inneren und äußeren Widerstände. Er kennt keine Musestunden, sondern kasteit sich selbst, beginnt den Morgen mit Stürzen kalten Wassers, die er sich über den Körper gießt, und verausgabt all seine Kräfte nur an sein Werk. Mit dieser strengen Disziplin und Zucht will er sein Ziel erreichen, sehr alt zu werden, um so alle Stufen der menschlichen Entwicklung zu durchleben und künstlerisch umzusetzen.
Gerade die zähe Willenskraft, mit der er sein Werk der körperlichen Schwäche abringt aber ist es, die ihn in Übereinstimmung mit seiner ebenfalls hart arbeitenden, von Kummer und Sorgen gedrückten Leserschaft bringt. Dieser Heroismus, der eigentlich aus der Überwindung und dem Widerstehen der Schwäche erwächst, ist die Grundlage für die Bewunderung des Publikums, die ihn zu einer moralischen Instanz und einer geachteten geistigen Autorität machten. Als Sinnbild für seine aufrechte, alles Leiden erduldende Haltung steht die Gestalt des heiligen Sebastian, der als christlicher Märtyrer für das anmutige Erleiden des eigenen Schicksals steht. All jene, die sich durch ähnlich hohe Leistungsansprüche im Dienst an einer Sache aufreiben, finden sich im schwachen, aber durchhaltenden Schriftsteller wieder.
Dabei hat auch Aschenbach einen langen Weg zurückgelegt, um in diese Position der Würde und öffentlichen Anerkennung zu gelangen. Auch seine frühen Werke waren von der skeptischen, melancholisch-todessehnsüchtigen Dekadenz der Zeit bestimmt gewesen, vom Zynismus und zerstörerischen Reiz der Erkenntnis und dem alles zergliedernden und erklärenden Psychologismus. Stattdessen wählte Aschenbach die Klassik als Vorbild für sein reiferes Werk, die sich von moralischen Zweifeln abwendet, wie auch die Sympathie mit dem Abgrund aufgibt. So erreichte Aschenbach jene geistigen Höhen und eine neue Würde, die sein Werk als sittlich vorbildlich gelten lässt, von einem so klassisch-mustergültigen Stil, dass es sogar in den Kanon der Schullektüre aufgenommen wurde.
Gewisse Zweifel bleiben auch bei Aschenbach, ob diese Absage an alles moralisch Hinterfragende und psychologisch Durchdringende, die Konzentration auf einfache Größe und erhabene Form nicht doch zum sittlichen, unmoralischen Niedergang führen könne. Doch Aschenbachs Ruhm mehrt sich und er wird zum sittlichen Vorbild und erreicht mustergültige Meisterschaft. Zu seinem 50. Geburtstag wird diese anerkannte Stellung dann durch die Verleihung de Adelstitels auch gesellschaftlich gewürdigt.
Bei aller öffentlicher Anerkennung lebt Aschenbach privat jedoch ein einsames Leben in München, nachdem seine Frau nach kurzer glücklicher Ehe schon früh verstorben ist und seine einzige Tochter bereits erwachsen und selbst verheiratet ist. Äußerlich verrät Aschenbach, der eher klein ist, einen etwas zu großen Kopf und ergrautes, volles Haar hat, die markanten Züge des Intellektuellen, des angestrengt arbeitenden Geistesmenschen. Auch wenn sein Gesicht die Spuren eines bewegten und beschwerlichen Lebens trägt, ist es die Kunst, die sie eingegraben hat, nicht die Erlebnisse seines Lebens. Äußerlich ist das Leben des einsamen Autors sehr ruhig und ereignisarm, innerlich hat er jedoch alle Höhen und Tiefen eines ausschweifenden Lebens durchlebt und durchlitten.
Analyse
Das zweite Kapitel unterbricht den weiteren Handlungsverlauf, es dient der genaueren Vorstellung des Protagonisten Gustav von Aschenbach als Künstler wie als Mensch. Damit holt es die eigentliche Exposition mit der Vorgeschichte zum ersten Kapitel nach. Dabei ist offensichtlich, dass hier nicht der Mensch, sondern der Künstler Gustav von Aschenbach und sein Werdegang als Schriftsteller und öffentliche Person im Vordergrund stehen. Den größeren Teil des Kapitels nimmt ein Überblick über die Werke Gustav von Aschenbachs ein, die ihn berühmt und zum anerkannten, geadelten Staatsautor gemacht haben und seine künstlerisch-ästhetische Entwicklung. Erst danach folgt noch eine kurze Charakteristik des privaten Gustav von Aschenbach und seines Äußeren. Der Erzähler nähert sich seinem Protagonisten zudem aus einer sehr distanzierten, offiziellen Perspektive, indem er ihn über die ersten beiden Seiten des Kapitels nur als »Autor«, »Künstler«, »Schöpfer« und »Verfasser« (18f.) bezeichnet und erst danach seinen Namen nennt: »Thomas Mann [lässt] den Menschen Aschenbach zunächst ganz hinter seinem Schaffen zurücktreten« (Müller-Völkl, S. 21).
Dabei erfährt der Leser auch durch die kurze Vorstellung der Werke Aschenbachs etwas über seine Ideale, seine Weltsicht und seine Kunstauffassung. So steht Friedrich von Preußen, über den Aschenbach eine »Prosa-Epopöe« (18) geschrieben hat, vor allem für den Dienst und die Pflichterfüllung am Staat und dessen Bürgern, was sich in Aschenbachs Ideal eines streng disziplinierten Künstlerlebens, eines »starren, kalten und leidenschaftlichen Dienstes« (16) spiegelt. In den anderen genannten Werken zeigt sich Aschenbach als Autor mit idealistischer Weltsicht (vgl. Müller-Völkl, S. 22), der beispielsweise im Roman »Maja« »vielerlei Menschenschicksal im Schatten einer Idee« (18) versammelt oder in der Abhandlung »Geist und Kunst« (19) eine »ordnende Kraft« (ebd.) entfaltet, die ihn in der Beurteilung der Kritiker sogar neben Schiller stellt. Zudem gilt er als sittlich-moralisches Vorbild durch seine Erzählung »Ein Elender« (ebd.).
Bedeutsam für das Künstlertum Gustav von Aschenbachs, aber auch für sein Wesen und die charakterlichen Züge, die im Laufe der Novelle zum Tragen kommen, sind vor allem die sehr unterschiedliche Herkunft und Wesensart seiner Eltern, die ihn tief geprägt haben. Die eine Seite seines Wesens ist tief durchdrungen von der Familientradition des Vaters, alles disziplinierte, preußisch strenge Staatsdiener, die als Justizbeamte, Offiziere oder Richter im Dienst des Staates ein »straffes, anständig karges Leben« (ebd.) geführt haben. Gerade aber die Tatsache, dass sich dieses väterliche Erbe in Aschenbach mit dem seiner Mutter, mit der musikalischen Tradition aus der Familie eines böhmischen Kapellmeisters mischt, wo sich kulturelle Vielfalt von deutscher und tschechischer Kultur verbindet, gerade diese »Vermählung dienstlich nüchterner Gewissenhaftigkeit mit dunkleren, feurigeren Impulsen ließ einen Künstler und diesen besonderen Künstler erstehen« (ebd.). Dies begründet auch die gegensätzlichen Neigungen und Prinzipien, von denen Wesen und Werk Aschenbachs geprägt werden. »Die ›dunkleren‹ [...] Seiten dieses Erbes deuten die von Aschenbach verdrängten unbewussten Aspekte seines Seelenlebens an, die im weiteren Gang der Ereignisse zum Ausbruch kommen« (Müller-Völkl, S. 23).
Nicht nur sein großes und früh zu Tage tretendes Talent begründen den über die Grenzen Deutschlands hinausreichenden Erfolg des Schriftstellers Gustav von Aschenbach; es ist auch sein unbedingter Willen, bekannt und angesehen zu werden, »sein ganzes Wesen [war] auf Ruhm gestellt« (20). Die Kunstauffassung Aschenbachs gleicht dabei der seines Autors: »ebenso weit entfernt vom Banalen wie vom Exzentrischen« (ebd.), auch dies ist einer der Gründe für die Bekanntheit und Beliebtheit des Schriftstellers Aschenbach bei einem breiten und über verschiedene gesellschaftliche Schichten sich erstreckenden Publikum. Es wird jedoch schon hier sehr klar, dass Aschenbach sein Selbstverständnis als Künstler weniger mit Genialität und Schaffensrausch, als mit eiserner Arbeitsdisziplin, mit Kunst als stetigem Dienst am Werk und Verpflichtung zu außerordentlicher Leistung verbindet (vgl. 20). Das Sinnbild seiner Lebensauffassung ist daher die angespannte, fest geschlossene Faust (vgl. 20f.), eine symbolisch aufgeladene Geste, die sich nach seiner Ankunft in Venedig, noch mehr aber nach der Bekanntschaft mit Tadzio und dem Selbsteingeständnis seiner Liebe zu ihm langsam löst, zu schlaff über der Stuhllehne hängenden Armen und schließlich zu einer »bereitwillig willkommen heißende[n], gelassen aufnehmende[n] Gebärde« (77) wird.
Der starke Wille zum Widerstehen ist auch deshalb nötig, da die schwache physische Konstitution Aschenbachs ihn eigentlich nicht zu derartigen Höchstleistungen prädestiniert. Mit seinem Lieblingswort »Durchhalten« (21) wird seine geistige Orientierung an Friedrich dem Großen deutlich und seine Ausrichtung auf den großen Dichter Johann Wolfgang von Goethe, wenn der Erzähler als seinen sehnlichsten Wunsch das Ziel, alt zu werden, um als Künstler »auf allen Stufen des Menschlichen charakteristisch fruchtbar zu sein« (21), angibt. Tatsächlich erinnern die asketischen Rituale, mit denen Aschenbach sich trotz seiner körperlichen Schwäche täglich aufs Neue zu Höchstleistungen zwingt, eher an einen religiösen Dienst, der große Härte gegen sich selbst erfordert und jegliche Zerstreuung oder leichte Ablenkung kategorisch ausschließt. Aber gerade die Entstehung seines Werks aus »Kummer und Qual, Armut, Verlassenheit […] und tausend Hemmnissen« (23) sichert Aschenbach die Übereinstimmung und Anhängerschaft seiner Leser, die sich in den Kämpfen des Autors wiedererkennen, in seinem »Heroismus […] der Schwäche« (24). Das Sinnbild dieses Künstlers ist daher nicht von ungefähr das des heiligen Sebastian. »Die Existenz Aschenbachs birgt somit erhebliches inneres Konfliktpotential, aus dem sich der weitere Verlauf der Novellenhandlung entfaltet« (Müller-Völkl, S. 28).
Die künstlerische Entwicklung Aschenbachs nahm ihren Ausgang beim jungen, aufbegehrenden Autor, der gegen gesellschaftliche Konventionen verstößt, gegen »Takt und Besonnenheit« (25) und mit Zweifel, Ironie und Zynismus das »Wesen der Kunst, des Künstlertums selbst« (26) in Frage stellt. In seiner Reifezeit jedoch ist er ein klassizistischer Autor mit einem »Gepräge der Meisterlichkeit« (27) geworden, der sich an den klassischen Idealen von »adelige[r] Reinheit, Einfachheit und Ebenmäßigkeit der Formgebung« (27) orientiert und einem »ästhetischen Ideal klassischer Schönheit« (Müller-Völkl, S. 25) anhängt. Dieser »Aufstieg zur Würde« (25) geht einher nicht nur mit einer Verneinung allen Zweifels und aller Ironie – die ironischerweise der Erzähler der vorliegenden Novelle häufig bei der Charakterisierung Aschenbachs an den Tag legt –, sondern auch mit einer Ablehnung des »unanständigen Psychologismus der Zeit« (26).
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Statt weiter die Widersprüchlichkeit der menschlichen Identität zu entlarven und damit auch die Möglichkeit echter Moralität in Abrede zu stellen, geht es Aschenbach fortan um ›moralische Entschlossenheit, jenseits des Wissens, der auflösenden und hemmenden Erkenntnis‹. (Müller-Völkl, S. 25)
Diese Entwicklung führt ihn jedoch auch zu einer unkritisch, nicht mehr hinterfragenden Geisteshaltung, in der echte Moralität dem Primat von Form und Einfachheit untergeordnet ist. So sieht auch der Erzähler diesen künstlerischen Werdegang des Protagonisten negativ, da er zu einer »sittlichen Vereinfältigung der Welt und der Seele« (27) führt und also auch ein »Erstarken zum Bösen, Verbotenen, zum sittlich Unmöglichen« (27f.) und zur »moralische[n] Gleichgültigkeit« (28) beinhaltet. Im späteren Geschehen in Venedig, das Aschenbach lange vor sich selbst mit mythologischen Überhöhungen rechtfertigt, lässt sich etwas davon ablesen. Der Erzähler demaskiert den Aufstieg des Schriftstellers zum Staatsdichter und Schulbuchautor ironisch als »Selbstgestaltung des Talentes« (ebd.), also als bewusste Selbstinszenierung mit dem Ziel der gesellschaftlichen Karriere« (Müller-Völkl, S. 25). Dem in diesem Kapitel skizzierten »Aufstieg zur Würde« (25) folgt in den weiteren Kapiteln der Novelle der Abstieg zur Entwürdigung und auch die »Abkehr […] von jeder Sympathie mit dem Abgrund« (27) findet im melancholisch-schönen Niedergang in Venedig eine Umkehr.
Hinter den ausführlichen Reflexionen über den künstlerischen Werdegang Gustav von Aschenbachs und seine öffentliche Bedeutung als Schriftsteller stehen die persönliche Vorstellung seines privaten Lebens und seines Aussehens nur kurz ganz am Ende des Kapitels. Auch in seinem Äußeren spiegeln sich die inneren Konflikte des Dichters, der ständig mit der eigenen inneren Schwäche kämpft, um eine Rolle als öffentlich gewürdigter, erfolgreicher Autor ausfüllen zu können, was sowohl seiner körperlichen Konstitution, als auch seinem inneren Wesen widerspricht. Der Bügel seiner goldenen Brille schneidet in die Nasenwurzel ein, der für den zierlichen Körper zu große Kopf ist »meist leidend seitwärts geneigt« (30).