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Der Tod in Venedig

Kapitel 4

Zusammenfassung

Mit dem Zeitpunkt seiner unfreiwilligen Rückkehr ins Hotel nach der missglückten Abreise beginnen für Aschenbach glückliche und unbeschwerte Urlaubswochen, in denen er das heitere Strandleben, die Nähe zum Meer und zur märchenhaften Stadt Venedig, aber auch die vielen wie zufällig sich aneinanderreihenden Begegnungen mit dem schönen polnischen Jungen genießt. Auch als sein falsch adressiertes Gepäck nach zwei Tagen wieder bei ihm eintrifft, hat der Schriftsteller keinen Gedanken mehr an Abreise und stellt sich auf einen langen, ja unbefristeten Aufenthalt ein.

Das Wetter zeigt sich nun auch von seiner schönsten Seite mit strahlenden, warmen Tagen unter blauem Himmel und milden Sommerabenden. Bisher hatte sich Aschenbach nie einen längeren Urlaub zur Erholung gegönnt, vielmehr war er immer schon nach kurzer Zeit wieder zurückgekehrt zum Dienst an seinem schriftstellerischen Werk. Nun aber fühlt er sich ganz entspannt, in Übereinstimmung mit der ihn verzaubernden Umgebung und entrückt in mythologisch aufgeladene, paradiesische Sphären. Der ruhige Rhythmus seiner Urlaubstage gibt ihm Zufriedenheit. Neben dem ausgelassenen Leben am Strand genießt er auch die nächtlichen Fahrten durch das verzaubert wirkende Venedig in der Gondel und denkt mit Schaudern an das nüchterne und kalte Leben, das er nun zu Hause auf seinem Landsitz führen müsste, wenn er dort wie üblich den Sommer beim Schreiben verbringen würde. Nun aber sind seine Tage gefüllt mit sorglosen Mußestunden, Sonnenschein und festlichen Klängen.

Dabei richtet es Aschenbach so ein, dass der junge Tadzio ständig in seiner Nähe ist und er ihm wie zufällig überall begegnet, sowohl im Hotel als auch auf den Vaporettofahrten nach Venedig und auf seinen Spaziergängen durch die Stadt. Vor allem aber erfüllt es ihn mit neuer Lebensfreude und grenzenloser Bewunderung, die Vormittage am Strand ganz der Beobachtung des göttlich schönen Knaben zu widmen, dessen perfekter Körper ihn an die Perfektion antiker klassischer Bildhauerwerke erinnert. Der Anblick inspiriert ihn zu tiefen Reflektionen über das Wesen der Schönheit und der Kunst, über Geist und Form, aber auch Jugend und Alter. Tadzio fungiert dabei als seine Muse und er vergleicht sein eigenes Schreiben mit der Arbeit des Bildhauers; so wie dieser aus dem Stein die perfekte Form hervorbringt, meißelt der Dichter aus der Masse der Sprache den Spiegel geistiger Schönheit. Tadzio ist dabei für Aschenbach der Inbegriff der Schönheit, ja, er meint bei seinem Anblick das Schöne selbst zu begreifen, ein menschliches Abbild und Gleichnis der geistigen Vollkommenheit zu sehen.

Aschenbach gerät über diese Betrachtungen in eine Art Rauschzustand, in dem sich in ihm die in seiner Jugend studierte klassische antike Mythologie wiederbelebt und seine Gedanken in mythologische Sphären erhebt. So ersteht vor seinem inneren Auge die Szene der Dialoge des Philosophen Sokrates mit seinem Schüler Phaidros im antiken Athen wieder auf und es drängen sich ihm Parallelen zu seinem gegenwärtigen Erleben mit Tadzio und seinen Reflexionen über den Zusammenhang von Schönheit und Vollkommenheit. Er überträgt die theoretischen Überlegungen der platonischen Dialoge, an die er sich zurückerinnert auf sein Erlebnis der vollkommenen Schönheit Tadzios. Nur die sinnliche Wahrnehmung der vollkommenen Schönheit befähige den Künstler, die Vollkommenheit der geistigen Form zu erreichen. Und die Schönheit ist damit »die einzige Form des Geistigen, welche wir sinnlich empfangen, sinnlich ertragen können« (86).

Und Aschenbach setzt die Inspiration, die ihm der Anblick der Vollkommenheit von Tadzios Schönheit verleiht, auch gleich um. Er schreibt im Angesicht des Jungen am Strand eine kleine Abhandlung und überträgt somit die geschaute Schönheit ins Geistige. Und obwohl dieses kurze Werk von nur eineinhalb Seiten dem Autor später große Bewunderung einträgt und seinen Ruhm mehrt, fühlt sich Aschenbach nach vollbrachtem Werk erschöpft und hat ein schlechtes Gewissen, wie nach einer Ausschweifung.

Am folgenden Tag ergibt sich für Aschenbach die unerwartete Gelegenheit, Tadzio, den er alleine auf dem Weg zum Strand trifft, anzusprechen. Die beiden haben noch nie ein Wort miteinander gewechselt, nun hätte er die Möglichkeit, aus der nur auf Blicken beruhenden Beziehung eine unverfängliche, leichte Bekanntschaft zu machen. Doch schließlich kann er sich nicht dazu durchringen, weiß nicht, wie er es beginnen soll und ist zu aufgeregt, um die richtigen Worte zu finden. Dieser Schritt der einfachen Kontaktaufnahme hätte zu einer Normalisierung des Verhältnisses, für Aschenbach vielleicht zu einer heilsamen Ernüchterung geführt, wie der Erzähler konstatiert. Doch Aschenbach will diese Entzauberung und Normalisierung wohl auch gar nicht wirklich, sondern will im Zustand des Entzückens und des Rausches verharren. Aschenbach selbst ist inzwischen auch gar nicht mehr zur Selbstkritik fähig, sondern in einem Zustand der Verwirrung, in der er sich über seine eigenen Beweggründe nicht mehr im Klaren ist und fürchtet, sich vor seinen Mitmenschen lächerlich zu machen.

Aschenbach beginnt sich mehr und mehr zu verändern. Hat er früher all seine Kraft, jede Erholung und Stärkung durch Schlaf oder Nahrung gleich wieder in den Dienst am Werk investiert, so geht nun alles in Gefühlsüberschwang und in einer Art enthusiastischen Rauschzustand auf. Dadurch schläft der Dichter auch nur noch wenig und ist bereits um das erste Morgengrauen herum wach und beobachtet den Sonnenuntergang vom Fenster aus. Die ganze Welt um ihn herum erhebt sich in mythologischer Verklärung; der Sonnenaufgang erscheint ihm als das Erwachen der Göttin der Morgenröte, Eos, die aufziehende Sonne als das Vorüberreiten des Sonnenwagens des Helios, die Meereswellen bäumen sich wie die Rosse des Meeresgottes Poseidon auf. Eine schon seit Jugendzeiten nicht mehr gekannte Empfindsamkeit und Sinnlichkeit, tief bewegende Gefühle, die er schon lange verloren hatte, kehren nun zu dem Einsamen zurück. Er spiegelt diese Empfindungen in der antiken Sagenwelt der griechischen Götter wider, die ebenso wie er von Leidenschaften und Ängsten gepeinigt wurden.

Zwar bleibt es bei dem nur auf Blicken basierenden, wortlosen Verhältnis zwischen dem alternden Dichter und dem schönen Knaben, doch bemerkt Aschenbach nach und nach, dass seine intensive Aufmerksamkeit von dem Jungen durchaus wahrgenommen wird und er dessen Aufmerksamkeit gewinnt. Ab und zu treffen sich ihre Blicke und Aschenbach meint, in den Augen des Jüngeren ein fragendes Forschen zu lesen. Eines Abends jedoch, als sich die beiden zufällig vor dem Hotel treffen, nachdem Tadzio und seine Familie erst spät an den Lido zurückgekehrt sind und das Abendessen verpasst haben, lächelt Tadzio ihn direkt an. Der Erzähler deutet dieses Lächeln als das des Narziß, das nur den Widerschein der eigenen Schönheit im Spiegel des Gegenübers meint. Aschenbach jedoch ist von dieser Geste der Aufmerksamkeit tief bewegt und erschüttert und flieht in aufgewühlter Stimmung in den dunklen Hotelpark. Hier gesteht er sich schließlich ein, dass er den Knaben liebe.

Analyse

Mit dem 4. Kapitel beginnt inhaltlich und erzähltechnisch ein neuer Abschnitt von Aschenbachs Aufenthalt in Venedig. Er hat sich nach seiner missglückten Flucht und dem für ihn glücklichen Zufall der falsch verschickten Koffer nicht nur zum Bleiben entschieden, sondern auch dafür, seiner Neigung und Bewunderung für Tadzio nachzugeben, seiner sonstigen Prinzipientreue als großbürgerlicher, disziplinierter Schriftsteller zum Trotz.
Auch hier fungiert das Wetter wieder als Spiegel der inneren Befindlichkeit Aschenbachs und wird mit symbolischer Verweisfunktion aufgeladen. Seit Aschenbach seine Entscheidung getroffen hat, genießt er auch strahlendes Sommerwetter am Strand des Lido in »silbrig flirrender Bläue des Äthers« (77). Der Ostwind hat alle Schwüle und die fauligen Gerüche vertrieben. Venedig erscheint ihm wieder als die »wunderlich-wundersame[ ] Stadt« (79). Er entfernt sich immer mehr von seinem Alltag mit festgefügten Strukturen, der »heilig nüchterne[ ] Dienst« (ebd.), als der ihm sein Schreiben sonst erscheint, ist weit weg. Er befindet sich nun in Übereinstimmung mit seiner Umwelt, mit sich selbst und seinem Wollen: »Nur dieser Ort verzauberte ihn, entspannte sein Wollen, machte ihn glücklich« (ebd.).

Dabei stellt Aschenbach sein Erleben ganz in einen mythologischen Bezugsrahmen; Strand und Meer mit den dort spielenden und badenden Knaben sind mit Figuren der antiken klassischen Mythologie bevölkert, durch die Aschenbachs Wahrnehmung metaphernreich die ihn umgebende Welt überhöht; er fühlt sich ganz in einen paradiesischen Zustand, ins »elysische Land, an die Grenzen der Erde« (79) entrückt, lässt sich verzaubern und widmet sich dem sinnlichen Lebensgenuss. Der griechische Sonnengott Helios tritt auf als »Gott mit den hitzigen Wangen« (77) und Pontos, der griechische Gott des Meeres. Die Welt Aschenbachs füllt sich mit symbolisch aufgeladenem Anklang an »antikes Bildungsgut« (Große, S. 97). Das schlägt sich auch sprachlich durch einen auffällig antikisierenden Sprachstil mit Anklängen an die Versepen Homers (vgl. Müller-Völkl, S. 45) nieder.

Das Glücksgefühl Aschenbachs beruht vor allem darauf, dass er den entspannten, rhythmischen Gleichklang seiner Urlaubstage so einrichtet, dass er durch die »gleichmäßig wieder anbrechende Gunst der Umstände« (80) möglichst viel Zeit in der Nähe des geliebten Knaben verbringt und diesem überall wie zufällig begegnet. Jedoch sind dieses innere Hochgefühl und die neue Stabilität und Zufriedenheit in Aschenbachs Leben gefährdet, da sie auf einer sowohl unmöglichen als auch unmoralischen Liebe zu einem minderjährigen Jungen beruhen und damit Aschenbachs bürgerlicher Existenz und auch seiner moralischen Integrität als klassizistischer Autor widersprechen (vgl. Müller-Völkl, S. 45).

Vor diesem Hintergrund ist seine mythologische Überhöhung der Bekanntschaft mit Tadzio und sein Interesse an dem Jungen mit deutlichem Bezug auf Platons Ideen- und Schönheitslehre zu verstehen. Zum einen bewegt er sich damit geistig in einem historischen und philosophischen Bezugsrahmen, in dem die Knabenliebe, das sinnliche Hingezogensein eines älteren Mannes zu einem minderjährigen, pubertären Jungen gesellschaftlich akzeptiert war und »von der Philosophie teils sogar als pädagogisch motiviertes Verhältnis gerechtfertigt wurde« (Müller-Völkl, S. 46). Zum anderen deutet er damit »sein Interesse an der Gestalt Tadzios als Wohlgefallen eines Künstlers an einem Kunstwerk« (Müller-Völkl, S. 45), seine Bewunderung und Liebe zu Tadzio als Inspirationsquelle für seine künstlerische Entwicklung. Er betrachtet den jugendlichen Körper am Strand wie ein Bildhauer sein Kunstwerk; »bald kannte der Betrachtende jede Linie und Pose dieses so gehobenen, so frei sich darstellenden Körpers […] den zart gemeißelten Arm« (82). Wobei ganz klar ein erotisches Interesse im Hintergrund steht; er »fand der Bewunderung, der zarten Sinneslust kein Ende« (ebd.).
Aschenbach rechtfertigt vor sich selbst, seinen Prinzipien, aber auch vor der ihn eventuell beobachtenden Gesellschaft sein offenkundiges Interesse an dem Jungen mit seiner Verbundenheit mit der Schönheit, mit dem Schöpferwillen, der sich sowohl in dem »göttliche[n] Bildwerk« (83) der außergewöhnlichen Anmut dieses Knaben als auch in der Schönheit findet, der er als Künstler durch seine Werke Ausdruck verleiht. Die Begegnung mit Tadzio »eröffnet ihm geradezu die Begegnung mit dem Wesen der Schönheit […] und damit die Offenbarung einer göttlichen Schöpfung« (Müller-Völkl, S. 45).

In einem Rückgriff auf die Schönheitslehre des griechischen Philosophen Platon referiert Aschenbach einen Auszug aus Platons Dialog »Phaidros«, in dem der Philosoph Sokrates mit seinem Schüler Phaidros über das Wesen der Schönheit spricht und dabei »das erotische Verlangen als Streben nach dem Prinzip der Schönheit gedeutet wird« (Müller-Völkl, S. 46). Nach Platon ist die Schönheit die einzige »Form des Geistigen« (86), bei der der Mensch durch sinnliche Anschauung das Wesen der Dinge selbst, die Idee der Schönheit, die »höhere[n] Prinzipien des Seins« (ebd.) begreifen kann. »Im Unterschied zum ›Wahren‹ und ›Guten‹, die Gegenstand des Denkens und des moralischen Urteils sind, lässt sich das ›Schöne‹ leibhaftig anschauen« (Hermes S. 19). So deutet Aschenbach Tadzio, der für ihn Inbegriff göttlicher Schönheit und Vollkommenheit ist, als irdisches Abbild der Idee des Schönen, die nach Platon hinter den Dingen steht, »eine und reine Vollkommenheit, die im Geiste lebt« (84). Für den Dichter ist die Anschauung und Anbetung Tadzios daher die Möglichkeit, als Künstler die Idee der Schönheit zu begreifen und in seiner Kunst auszudrücken und selbst zum Schöpfer des Schönen zu werden. »Auf diese Weise bemüht sich der Dichter, seine Leidenschaft für den schönen Knaben als einen Weg in das Reich des Geistes zu rechtfertigen, als ›platonische‹ Liebe sozusagen« (Hermes, S. 19).

So gedeutet kann Aschenbach sein Interesse an Tadzio, hinter dem sich sinnliches Begehren verbirgt, als Inspiration für sein Werk, als Impuls der geistigen Fortentwicklung als Künstler vor sich selbst rechtfertigen und für sich so moralisch umdeuten. »Dies bewahrt ihm zeitweilig die Illusion, dass seine intensive Beschäftigung mit einem Knaben mit seinem großbürgerlichen Selbstverständnis vereinbar sei.« (Müller-Völkl, S. 49). Die Bezeichnung des »verschlagenen Hofmacher[s]«, die Aschenbach für Sokrates wählt, unterstellt diesem ein eigentlich erotisches Interesse an seinem Schüler Phaidros, worin sich die eigene erotische Neigung Aschenbachs zu Tadzio spiegelt. Zunächst jedoch gelingt es Aschenbach tatsächlich, »seine [Tadzios] Schönheit ins Geistige zu tragen« (87) und Eros in Worte umzusetzen, seine Schaffenskrise zu beenden und eine kleine Abhandlung zu verfassen, die seinen Ruhm noch mehren wird.

    Für Augenblicke scheint es ihm dadurch möglich, Geist und Sinnlichkeit miteinander zu vereinbaren und aus dieser Synthese höchste Kunst erwachsen zu lassen. Bald aber zeigt sich für den Dichter die Unmöglichkeit einer solchen künstlerischen Lebensform (Häfele/Stammel, S. 54).

Dass er sich nach vollbrachtem Werk jedoch erschöpft fühlt und sein Gewissen sich wie nach einer »Ausschweifung« (88) meldet, deutet an, dass ihm wohl bewusst ist, dass die Rolle, die Tadzio für ihn spielt, weit über die einer inspirierenden Muse hinausgeht. Auch die Tatsache, dass Aschenbach die Möglichkeit einer unverfänglichen Kontaktaufnahme am nächsten Morgen verstreichen lässt, als er ihn das erste Mal zufällig alleine auf dem Weg zum Strand trifft, deutet der Erzähler in diese Richtung, denn dieser Schritt hätte zu einer »heilsame[n] Ernüchterung geführt« (89), die Aschenbach jedoch gar nicht mehr will; er kann nicht mehr vom Rausch, von der Obsession lassen, in die er sich zunehmend hineinsteigert und ist daher sowohl in seinem inneren Gleichgewicht als auch in seiner großbürgerlichen Lebensgrundlage zunehmend existentiell gefährdet. Hier zeigt sich in der Interpretation des Erzählers auch, wie weit der Protagonist sich bereits von seinem Ideal der »Selbstzucht« (15) entfernt hat, hin zur »Zügellosigkeit« (89).

Noch fürchtet Aschenbach die Entlarvung seiner unmoralischen Gefühle durch die ihn beobachtende Umwelt, doch flüchtet er sich zunehmend in eine »mythische verwandelte« (92) Welt, in einen wahren Liebesrausch, in der ihm auch die Landschaft, das Meer und das Brausen der Wellen und der Sonnenaufgang als eine »heilig entstellte Welt voll panischen Lebens« (93) magisch verwandelt scheint. »So stimmt sich Aschenbach immer mehr in dionysisches Fühlen ein« (Große, S. 101).
Der Verweis auf den griechischen Hirtengott Pan »steht hier als Schlüsselbegriff für ein leichtes Lebensgefühl in der Natur, unverfälscht von gesellschaftlichen Konventionen. In Aschenbach brechen sich nun offenbar die seit jungen Jahren unterdrückten existenziellen Bedürfnisse nach Genuss und Sinnlichkeit Bahn« (Müller-Völkl, S. 47).

Der Erzähler entlarvt mit seinem Kommentar »Sehnsucht ist ein Erzeugnis mangelhafter Erkenntnis« (94) die sehr einseitige Liebesbeziehung, in die Aschenbach sich hineinsteigert. Gerade weil ihre Beziehung stumm bleibt, auf den Austausch von Blick beschränkt bleibt, »bleibt [Tadzio] für ihn Projektionsfläche seiner leidenschaftlichen Wünsche« (Große, S. 101).
Die Wahrnehmung Aschenbachs, dass seine Aufmerksamkeit für Tadzio diesen nicht unberührt lässt, ist ebenso subjektiv durch Aschenbachs einseitige Perspektive gefiltert. Zwar bleibt ihr Kontakt immer nur auf der Ebene des gegenseitigen Blickkontakts, dennoch meint er zu erkennen, dass Tadzio, seit er sich seiner stetigen Beobachtung und Bewunderung bewusst geworden ist, anfängt, damit zu spielen. Ihren Höhepunkt erlebt diese Beziehung, als Tadzio bei einer zufälligen Begegnung eines Abends zurücklächelt. Aschenbach ist sich bewusst, dass dieses Lächeln nicht eigentlich ihm gilt, sondern nur den Spiegel seiner Aufmerksamkeit darstellt. Nachdem er zu Beginn ihrer Bekanntschaft für Aschenbach der in naiver, unbewusster Anmut sitzenden antiken Figur des Dornausziehers (vgl. 51) glich, später zum Eros wurde (vgl. 57), taucht nun die Figur des Narziß sinnbildlich für Tadzio auf: »Es war das Lächeln des Narziß, der sich über das spiegelnde Wasser neigt, jenes tiefe, bezauberte, hingezogene Lächeln, mit dem er nach dem Widerscheine der eigenen Schönheit die Arme streckt« (96). Mit dem anschließenden Liebeseingeständnis, das Aschenbach sich selbst gegenüber laut ausspricht, ist der Höhe- und auch Wendepunkt der Novelle erreicht. Die großbürgerliche Fassade Aschenbachs hat tiefe Risse bekommen, er kann nicht mehr im Einklang mit seine strengen, auf Leistung, Disziplin und Verzicht beruhenden Prinzipien weiterleben. Sein Niedergang hat begonnen.

Veröffentlicht am 2. Juli 2025. Zuletzt aktualisiert am 2. Juli 2025.