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Bergkristall

Aufbau des Werkes

Die Erzählung ist in Absätze unterschiedlicher Länge unterteilt. Kurze, einsätzige Absätze stellen ein besonderes rhythmisches Gestaltungselement dar und dienen der Hervorhebung bedeutender Beschreibungen oder Gedanken. Im Dialog geht mit dem Sprecherwechsel eine Absatzmarkierung einher. In der Journalfassung dienen Gedankenstriche, evtl. mehrere Gedankenstriche hintereinander, zusätzlich der Markierung von bedeutenderen Einschnitten; in der Buchfassung findet sich eine solche Markierung nur noch am Ende des Prologs.

Ohne also auf typographische Markierungen rekurrieren zu können, aber mit großer Plausibilität lassen sich drei große Teile der Erzählung unterscheiden: Der Prolog, die Einführung von Ort, Personal und Vorgeschichte und die eigentliche Erzählung.

Der Prolog – ungefähr zweieinhalb Seiten lang – ist davon die kürzeste Partie. Der Erzähler spricht hier wie zu Zeitgenossen, ohne schon eine Zeit in der Vergangenheit als Zeit seines Erzählinhalts ausgesondert oder einen Handlungsort definiert zu haben. Er spricht von sich in exemplarischer Form, nämlich in der ersten Person Plural; also so, als ob er davon ausgeht, nur eine allgemein geteilte Erfahrung auszusprechen. Die Gemeinschaft, die sich davon angesprochen fühlen kann, ist die der Christenheit, und besonders die der katholischen Christenheit (die Betonung des konfessionellen Unterschiedes wird in der Buchfassung etwas zurückgenommen). Zu Beginn der Einführung in den Schauplatz ist dann noch von »den hohen Gebirgen unsers Vaterlandes« (185) die Rede – das ist natürlich Österreich.

In der fast ein Drittel der Erzählung umfassenden, also ungewöhnlich langen Einführung gibt es einen schleichenden Übergang von einer räumlichen und sozialen zu einer zeitlichen und biographischen Perspektive. Das Ungewöhnliche gewinnt erst vor dem Gewöhnlichen Profil. Der jahreszeitliche Überblick über die Erscheinungsformen des Schneebergs etwa hat die zeitliche Perspektive noch nicht, das heißt, es ist dies noch eine andere, ungeschichtliche und zyklische Art der Zeitlichkeit. Das Scharnier bildet tatsächlich der Schuster, der in der Analyse der Sozialstruktur von Gschaid Erwähnung finden muss und zugleich der wichtigste Charakter der Erzählung werden wird (der einzige, der einen Wandel durchmacht). Seine jugendlichen Ausschweifungen und Sonderbarkeiten geben ihm eine biographische Perspektive, und sie sind bereits Teil des übergeordneten narrativen Schemas der Eingliederung des Fremden in das Bekannte und Immergleiche. Von dort aus kann leicht zu der Geschichte seiner Werbung und Heirat übergegangen werden, und dann zu dem familiären Besuchsverkehr mit dem Nachbarort Millsdorf. Das bleibend Fremde, das an Susanna und den Kindern in Gschaid anhaftet, stellt das Problem dar, das in der eigentlichen Erzählung gelöst werden muss.

Diese Lösung ist ganz an die Bewegung der Kinder gekoppelt und stellt eigentlich eine einzige Bewegungsschilderung dar. Aufenthalte gibt es nur an drei Stellen: Bei der Großmutter in Millsdorf, in der Eishöhle bei Nacht und nach der Rückkehr im eigenen Haus. Die Bewegung gibt auch die Gliederung in Hin- und Rückweg und Aufenthalt vor, wobei freilich der Rückweg um ein Vielfaches mehr Text beansprucht als der noch nach Plan verlaufende Hinweg. Tatsächlich wiederholt sich der Wechsel von dem, wie es immer ist, zu dem, wie es nun einmal außergewöhnlicherweise war, der die Erzählung im Ganzen gliedert, noch einmal in der eigentlichen Erzählung selbst, denn Hinweg und Aufenthalt könnten noch als beispielhaft für viele weitere solcher Wanderungen gelten, erst auf der Mitte des Rückweges gibt es die Abweichung, die letztlich auch die Erzählung des Hinwegs rechtfertigt.

Die für die Wanderung beinahe ausnahmslos geltende Fokalisierung auf die Kinder löst sich erst nach der Rückkehr nach Hause. Interessant ist, dass der letzte Teil des Rückwegs im Schlitten übersprungen wird. Die Ausnahmen während der Wanderung beziehen sich auf die Schilderungen der im Tal vor sich gehenden Weihnachtsfeierlichkeiten – wobei zu fragen wäre, ob nicht auch hier die interne Fokalisierung noch greift: Wenn nämlich nur in der Vorstellung der Kinder das Fest seinen gewohnten Lauf nimmt, während in Wirklichkeit, wie sich herausstellt, die große, bald das ganze Dorf beanspruchende Suche nach den vermissten Kindern schon im Gang ist.

Auf die ganze Erzählung gesehen, ist jedenfalls von einer Nullfokalisierung auszugehen.

Ein wichtiges Gliederungselement bilden noch die Dialoge, die mit der immer gleichen Antwort Sannas eine Art Kehrvers bereithalten.

Veröffentlicht am 18. September 2025. Zuletzt aktualisiert am 18. September 2025.