Adalbert Stifter (1806–1868) gehört zu den bedeutendsten Autoren des Biedermeier. Neben seinen beiden Romanen »Der Nachsommer« (1857) und »Witiko« (1867) besteht sein literarisches Werk vornehmlich aus kürzeren Erzählungen, die er zunächst einzeln veröffentlicht und dann in zwei Buchpublikationen mit den Titeln »Studien« (1844/47/50, 6 Bde.) und »Bunte Steine« (1853, 2 Bde.) zusammengefasst hat.
»Bergkristall« ist die vierte Erzählung der »Studien« von insgesamt sechs Erzählungen, die alle nach einem bestimmten Gesteinstyp umbenannt wurden. Der ursprüngliche Titel der Erzählung lautet »Der heilige Abend« – unter diesem Titel wird sie das erste Mal vom 20. bis zum 27. Dezember 1845 in der Wiener Zeitschrift »Die Gegenwart« veröffentlicht. Weihnachten 1864 kommt es noch einmal zu einer von J. M. Kaiser illustrierten Separatveröffentlichung unter dem Titel »Der Weihnachtsabend« (Pest: Heckenast 1864).
Auskunft über die Begegnung, die Stifter zur Niederschrift der Erzählung inspirierte, gibt ein Brief von Stifters Freund Friedrich Simony (1813–1896) an Emil Kuh vom 19. August 1871 (vgl. HKA 2,4, S. 62-67). Es sind zwei Eindrücke, die Stifter in der Erzählung kombinierte. Der eine ist von einem Kinderpaar, dem Simony und Stifter bei einem Spaziergang durch das Hallstätter Echerntal nach einem schweren Gewitter begegneten, und das ihnen Erdbeeren zum Kauf anbot:
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Stifter ging auch alsogleich auf den Handel ein, mit dem Bedeuten, dass die Kinder sich mit uns unter den nahen Bretterschoppen verfügen, die Erdbeeren selbst essen und uns erzählen sollen, von wo sie kämen und wo sie während des Wetters gewesen seien. Sie waren am Morgen nach der Wiesalpe gegangen, um dem ›Ändl‹ (Grossvater) von der Mutter ›Kost‹ zu bringen, dann sammelten sie Erdbeeren im Holzschlag am Ursprungskogel, wie aber das Wetter gar so ›garstig gethan‹ habe, seien sie hinter einen ›Palfen‹ (überhängenden Fels) gekrochen, bis es nicht mehr donnerte und ›jetzt sind wird da‹ – dabei griffen sie herzhaft in ihre Körbchen, schauten uns in’s Gesicht wie alten Bekannten und schwatzten noch treuherzig fort vom ›Ändl‹ und der Mutter, von der Rührmilch, welche ihnen die Kathl gegeben und von der Kathl ihrer Kuh, welche sich den Fuss zwischen den Steinen verklemmt hätte und nicht weiter gekonnt, bis der Jägerhansl ihr herausgeholfen, und so weiter, bis die Erdbeeren zu Ende waren und Stifter die kleinen Bergwanderer mit einem Nachgeschenk heimschickte. (HKA 2,4, S. 65 f.)
Später auf dem Spaziergang erzählt der Alpenforscher Simony von seinem ersten winterlichen Besuch des Karls-Eisfeldes (auch: Hallstätter Gletscher) und von einer dabei entdeckten Eishöhle. Stifter zeigt sich interessiert und lässt sich am Folgetag von Simony ein Bild dieser Gletscherhöhle zeigen.
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Plötzlich sagte er: ›Ich habe mir jetzt das Kinderpaar von gestern in diesen blauen Eisdom versetzt gedacht; welch‘ ein Gegensatz wäre dies liebliche, aufknospende, frisch pulsirende Menschenleben zu der grauenhaft prächtigen, starren, todeskalten Umrahmung! […]‹ (HKA 2,4, S. 66)
Stifter benutzt dann für die Erzählung auch die Berichte über die Besteigungen des Dachsteins, die Simony 1843 und 1844 in der »Wiener Zeitschrift für Kunst, Literatur und Mode« unter dem Titel »Drey Decembertage auf dem Dachsteingebirge« und »Zwey Septembernächte auf der hohen Dachsteinspitze« veröffentlicht hat. Dazu dienen Goethes »Briefe aus der Schweiz« (1797) als Quelle.
Für die Buchausgabe hat Stifter die Erzählung überarbeitet. So gibt es Unterschiede in der Absatzgliederung, in der Interpunktion, in Formulierungen, aber auch ganze Textteile sind hinzugekommen. Betroffen ist zum Beispiel der Beginn der Erzählung, in dem in der Journalfassung die Erwähnung der beiden anderen großen Kirchenfeste, Ostern und Pfingsten, fehlt:
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So wie in manchen, vorzüglich in protestantischen Ländern der Tag vor dem Geburtsfeste des Herrn der Christabend heißt, so heißt er in vielen katholischen Gegenden, namentlich in den schönen Gauen unseres engen Vaterlandes vorzugsweise der heilige Abend, so wie der darauf folgende Tag der heilige Tag heißt und die dazwischen liegende Nacht den Namen Weihnacht führt. (HKA 2,1, S. 137)
Betroffen ist noch eine andere bedeutende Stelle: Über die Rettung vor dem Schlaf heißt es in der Journalfassung:
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Demungeachtet würden sie ganz gewiß der Natur unterlegen sein; denn Alles können Kinder eher entbehren, als die Süßigkeit des Schlafes, und Allem können sie eher Widerstand leisten, als der Allmacht des Schlafes, wenn ihnen nicht von Seite der Seele Hilfe gekommen wäre, die sie rettete. (HKA 2,1, S. 169)
Dann folgt die Passage über die im Tal geläuteten Glocken, und:
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[…] – nur hier oben wurde kein Laut derselben vernommen, nicht das entfernteste Summen, denn hier war nichts zu verkündigen – – – war es darum ganz lautlos, war es ganz todt in den Höhen, hörten sie nichts? – Was das Starreste scheint, und das ewig Regsamste und Lebendste ist, das Eis des Gletschers krachte hinter ihnen in der majestätischen Einöde der Nacht – – (HKA 2,1, S. 169 f.)
In der Buchfassung hingegen gibt es zuerst den Absatz über das Geläut im Tal, der mit der Feststellung der absoluten Stille auf dem Berg schließt. Dann, in einem eigenen Absatz, wird von der Gefahr des Einschlafens gesagt, der sie doch, trotz Kaffee und Bemühungen, erlegen wären, »wenn nicht die Natur in ihrer Größe ihnen beigestanden wäre, und in ihrem Innern eine Kraft aufgerufen hätte, welche im Stande war, dem Schlafe zu widerstehen.« (227) Dort war es die Seele, die half, hier ist es die Natur, die im Innern eine helfende Kraft weckt.
Der bedeutendste Zusatz zum Text der Journalfassung liegt in der langen einleitenden Beschreibung von Tal und Berg: Neu hinzugefügt findet sich in der Buchfassung ein Absatz über die Besteigung des Bergs, der vorwegnehmend den Weg beschreibt, den die Kinder gehen werden. Der Leser der Journalfassung musste sich, um diesen nachzuvollziehen, auf die wenigen Andeutungen des Färbers gegen Ende der Erzählung verlassen. Erst jetzt findet sich der Weg umständlich (und unauffällig) vorbereitet. Außerdem wird die Wanderung der Kinder nach der in der Schutzhütte verbrachten Nacht beträchtlich erweitert.
»Bergkristall« enthält kaum historische Markierungen, wenn auch die Abgeschiedenheit des Gschaider Sozialverbandes, gewissermaßen seine Ahistorizität, heute als ein historisches Phänomen erscheinen muss. Selbst die Naturschilderungen erhalten aufgrund der menschengemachten Gletscherschmelze mittlerweile einen historischen Index. Dennoch bedeutet der Aufenthalt der Kinder am Gletscherrand im Rahmen der Erzählung freilich ein Herausfallen der Kinder aus jeder menschengezählten Zeit. Die extreme Distanz vom Sozialen, Historischen und Politischen könnte ihrerseits als typisch für die Epoche des Biedermeier bezeichnet werden. Weiter steht die Erzählung im Zusammenhang des Alpinismus im 19. Jahrhundert. Erwähnung findet ja ein fremder Herr, der mit dem jungen Eschenjäger den Gars bestiegen hat; und Stifter nutzt die Beschreibungen seines Freundes und Alpinisten Simony als Quelle. Der Berg ist also in der Erzählung schon beides: Gegenstand der neugierigen Eroberung (auch der junge Schuster war allein viel auf dem Berg) und der beinah-religiösen Ehrfurcht.
Zur Lokalisierung des Schauplatzes lohnt ein ausführliches Zitat von Hugo Schmidt (1964):
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Hein meint, da der Gars so deutlich auf den Dachstein hindeute, Stifter werde bei der Schilderung des Dorfes Gschaid an Gösau gedacht haben. Demnach hätte Stifter, wie etwa im Hochwald, einen geographisch genau festgelegten Handlungsort im Sinne gehabt. Abgesehen davon, daß solche Vermutungen, die lediglich der Logik des Kritikers entspringen, nicht den Spielraum der Phantasie berücksichtigen, die ein Dichter nun einmal für sich beansprucht, ist es in diesem Fall sogar offensichtlich, daß Stifter nicht einmal entfernt an Gösau gedacht haben kann, als er Gschaid und seine Lage schilderte. Bei Stifter ist Gschaid ein geschlossener Ort, in dessen Zentrum sich ein Marktplatz befindet. Die stattlicheren Häuser haben Einfahrten mit Schwibbogen und Nebenbauten mit Stübchen für die im Ausgedinge lebende ältere Generation. Es führen keine Straßen durch das Tal. Südlich vom Gschaider Tal ist ein noch größeres, blühenderes, mit dem Marktflecken Millsdorf und einer Durchzugstraße. Wer nun mit Gösau und dem Dachsteingebiet vertraut ist, sieht sofort, daß keine dieser Beobachtungen stimmt und daß der ganze Landschaftscharakter, den Stifter hier beschreibt, nicht auf das südliche Salzkammergut paßt. Geschlossene Häuserreihen mit Marktplätzen sind eine Siedlungsform, die es in den kleineren Gebirgsdörfern des Salzkammergutes nicht gibt. Dort sind Haufendörfer mit sehr verstreuten Anwesen die Regel, und Gösau ist ein solches. Auch die Hofformen unterscheiden sich grundlegend von denen der Erzählung: alle Räumlichkeiten, einschließlich der Ställe, sind in einem großen Gebäude vereinigt, dessen Giebeldach weit vorspringt. Gschaid ist als ein katholisches Dorf beschrieben, dessen gesamte Bevölkerung an den kirchlichen Feiern teilnimmt. Gösau ist bis auf den heutigen Tag zu achtzig Prozent evangelisch. Es führt nicht nur eine Straße durch Gösau, sondern es ist dort sogar eine Straßengabel, deren eines Ende über den Paß Gschütt ins Salzburgische führt. Den auf geographische Konsequenz bedachten Kritikern wäre entgegenzuhalten, daß südlich von Gösau weit und breit kein größeres Tal ist, und daß der Dachstein nicht südwestlich, sondern südöstlich von Gösau liegt. Ferner gibt Stifter mehrere Hinweise über die allgemeine Lage des Dorfes. Einmal sagt er, die Sprache der Gschaider weiche »von der der Ebene draußen« (V, 201) ab, ein zweites Mal spricht er vom Ruf des Schusters, der sich »sogar in die Ebene hinaus« (V, 212) verbreitet habe, und endlich heißt es, da die Millsdorfer »Verkehr mit dem Lande draußen pflegen« (V, 208) und nicht so abgeschieden seien wie die Gschaider. Da nun Millsdorf südlich von Gschaid und dem »Lande draußen« näher liegt, müßte das ebene Land im Süden beider Orte sein, - eine im Hinblick auf das in den nördlichen Alpen liegende Salzkammergut absurde Folgerung. Außerdem ist das Dachsteingebiet nach allen Seiten in einem Umkreis von wenigstens fünfzig Kilometern von Gebieten umgeben, die man keineswegs als Ebene bezeichnen könnte, während man aus Stifters wiederholter Erwähnung der südlichen Ebene auf ihre relative Nähe schließen muß. Stifter scheint ein Randgebirge vorgeschwebt zu haben. Die Lage des Gebietes in der Erzählung, seine Topographie, Siedlungs- und Hofformen weisen deutlich auf einen Landstrich hin, der Stifter als seine Heimat sehr vertraut war und den er immer wieder geschildert hat: den Böhmerwald. Würde man den Gars wegdenken, hätte man die typische Böhmerwaldlandschaft vor sich: bewaldete Höhen, weite Täler, Karrenwege, Märkte und Dörfer mit Plätzen, weite Ausblicke. Sogar die Einfahrtsschwibbögen sind charakteristisch, wie etwa das bekannte Aquarell Josef Hoffmanns von Stifters Geburtshaus zeigt. Das Gebiet liegt abseits von allen Verkehrsadern, und doch ist die Ebene nicht weit. Die Sprache der Böhmerwäldler weicht deutlich von der in den umliegenden Gebieten ab. Stifter ist also hier in seiner Raumgestaltung sehr ungewöhnlich verfahren. In der Regel wählte er Landschaften, die er tatsächlich kannte und sehr realistisch schilderte, mit genauer Topographie und richtigen Entfernungsverhältnissen, wie etwa im Hochwald, oder er bemühte sich, auf ebensolche Weise Gebiete zu zeichnen, die er selbst nie gesehen hatte, wie etwa in Abdias oder Brigitta. In Bergkristall hat nun Stifter eine ihm wohlbekannte Landschaft gewählt, in sie hinein aber einen Berg versetzt, den 3000 Meter hohen Dachstein (die höchste Erhebung im Böhmerwald ist nicht einmal halb so hoch), der ihm nur aus der Entfernung bekannt war. Diese Montage-Technik ist bei Stifter bedeutsam. In ein ihm wohlvertrautes Gebiet setzt er einen räumlichen Bezirk hinein, der nicht zugehörig, nicht real ist. Für die Kinder ist der Berg geheimnisvoll und verboten, ein verschlossener Bereich, in dem, wie Konrad sagt, »große Vögel fliegen« (V, 218). Für den Dichter selbst muß dieser unwirkliche Riese mit seinen Gletschern, Schneefeldern und schwarzen Hörnern ganz ähnliche Bedeutung angenommen haben. (Schmidt, Eishöhle, S. 326-328)