Bergkristall
Prüfungsfragen
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Wie ist die Erzählung fokalisiert?
Grundsätzlich ist die Erzählung nullfokalisiert. Dennoch beschränkt der Erzähler ab dem Aufbruch der Kinder die Informationen, die er mitteilt, weitgehend auf das, was die Kinder wahrnehmen können. Ausnahmen sind die beiden Absätze über das im Tal gefeierte Weihnachtsfest – aber auch die beschreiben eher das, was die Kinder sich vorstellen würden, als die Wirklichkeit im Tal, in dem schon die Suchaktion beginnt. Zugleich ist die Zurückhaltung des Erzählers mit Blick auf eine Beschreibung der Gefühle der Kinder auffällig.
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Wie werden die Figuren in der Erzählung charakterisiert?
Die meisten Figuren werden über ihre Rollen hinaus kaum näher beschrieben. Die Großmutter etwa ist eine liebevolle Großmutter – darüber hinaus erfahren wir von ihr nichts. Der Färber ist eher streng und eher geizig. Einzig der Schuster macht eine bedeutende Veränderung durch – auch die folgt aber dem geläufigen Muster von jugendlicher Ausschweifung und einer Rückkehr zur Ordnung im mittleren Alter. Auch die Kinder sind einfach gezeichnet: Der kluge, aufgeweckte, seine Schwester behütende Konrad, die folgsame, ihrem Bruder ergebene Sanna. Die Details, die von ihrer Art, sich zu bewegen und zu sprechen vom Erzähler gegeben werden, deuten auf ihr Kindesalter insgesamt und nicht auf eine individuelle Eigenschaft.
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Warum wird der alte Tobias namentlich erwähnt?
Die Passage über den alten Tobias steht am Übergang von der allgemeinen Schilderung der Gschaider Dorfgesellschaft zu der eher biographischen Schilderung vom Platzschuster. Zuerst einen Dorfbewohner namentlich zu nennen, der aber nicht als handelnde Figur und Charakter, sondern nur in seiner Funktion in der Dorfgesellschaft von Interesse ist, bedeutet, diesen Übergang zu verschleiern – oder, anders gesagt, besonders elegant und unauffällig zu gestalten. Man beachte auch, dass der Name des Platzschusters lange nicht genannt wird – erst gegen Ende der Erzählung durch seine Frau.
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Ist »Bergkristall« eine konservative Erzählung?
Die von der Geographie bedingte und in der Geographie zugleich metaphorisch ausgedrückte Geschlossenheit der Gschaider Dorfgesellschaft wurde von Sebastian, dem Platzschuster, in seiner Jugend herausgefordert, stellt sich aber durch die vollständige Eingliederung des deshalb hinzugekommenen, fremden Elements am Ende der Erzählung wieder her. Von einer eigentlichen Öffnung nach Millsdorf hin kann keine Rede sein. Insofern: ja.
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Gibt es proleptische (vorwegnehmende) Elemente in der Erzählung?
Die einzige ausdrückliche Vorhersage der Großmutter über den am Abend sicher einfallenden Wind tritt nicht ein. In Wirklichkeit treffen die Kinder auf dem Hinweg nach Millsdorf auf viele Anzeichen für den baldigen Schnee, und Konrad reflektiert das gegenüber Sanna auch, als der Schnee endlich einsetzt. So sagt er: »ich habe es gleich gedacht, daß wir Schnee bekommen; weißt du, da wir von Hause weg gingen, sahen wir noch die Sonne, die so blutrot war wie eine Lampe bei dem heiligen Grabe, und jetzt ist nichts mehr von ihr zu erblicken, und nur der graue Nebel ist über den Baumwipfeln oben. Das bedeutet allemal Schnee.« Tatsächlich ist es merkwürdig, dass niemand anders, vor allem der Schuster nicht, die Zeichen zu lesen vermochte.
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Welche künstlerische Idee gab den Anstoß zu der Erzählung?
Am Anfang stand bei Stifter die Idee des Kontrasts zwischen dem munteren, sprudelnden, jungen und unschuldigen Leben – das Kinderpaar – und der großen, lebensfeindlichen, kalten Natur an den Gletschern – die Eishöhle. Man denkt an Bilder der Romantik, etwa von Carl Blechen oder Caspar David Friedrich, die mit ähnlichen Kontrasten arbeiten.
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Wie lässt sich der große Erfolg der Erzählung erklären?
Der Erfolg lässt sich vielleicht mit der Allgemeinheit, ja Universalität der umgesetzten narrativen Muster erklären: Verirren und Wiederauffinden einerseits und die Integration des Fremden in das Bestehende andererseits. Auch, dass die Versöhnung nur dank eines Opfers gelingt, ist nicht neu (man denke etwa an die über dem Tod Romeos und Julias sich versöhnenden Capulets und Montagues) – hier eines gerade noch vermiedenen Opfers; aber es musste doch die Lebensgefahr im Raum stehen, damit soviel Bewegung entsteht, dass die Versöhnung möglich wird.
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Welche Rolle spielen Grenzen in der Erzählung?
Die Kinder verirren sich buchstäblich auf der Grenze von Gschaid und Millsdorf: Die Unglückssäule, die den Pass markiert, ist auch der Punkt, an dem sie ihren Weg verlieren und auf den Weg geraten, der sie unweigerlich den Berg hinaufführt. Sie selbst sind durch die häufigen Wege nach Millsdorf in Gschaid zu halben Fremden geworden. Sie übernachten und wandern dann in der Grenzregion zwischen Fels und Gletscher: betreten den Gletscher, laufen darin, und kommen wieder davor. Auch hier wird eine Region, die bei der Besteigung nur passiert würde, zum gefährlichen Aufenthalt.
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Inwiefern könnte man sagen, dass die Kinder auf dem Berg Weihnachten erleben?
Die hinter den Wolken gegen Mitternacht hervortretenden Sterne entsprechen den Kerzenlichtern am Tannenbaum, das Krachen des Gletschers entspricht dem Geläut, das Geschenk ist der von der Großmutter ihrer Tochter mitgegebene Kaffee. Wunderlich vor allem ist das Nordlicht, das sonst nur die Vorstellung vom Christkind, das durch den Himmel reist und die Geschenke mitbringt, zur Entsprechung hätte, und dessen tatsächliches Leuchten den Kindern als Wunder erscheinen muss. Ohne den Kaffee, das Krachen des Eises und das Nordlicht wären die Kinder eingeschlafen und erfroren – so muss man den Text verstehen, und darin läge das größte Wunder und das größte Geschenk – das Geschenk auch an die Eltern und ganz Gschaid und Millsdorf.
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Welche stilistischen Entscheidungen charakterisieren Stifters Landschaftsbeschreibungen?
Stifters Beschreibungen beruhen offenbar auf sehr differenzierten, über Jahre geübten Beobachtungen. Er vermeidet zu deren Wiedergabe aber die freilich effizientesten Fachtermini, die etwa von der Wahrnehmung der Figuren und den Effekten der Wahrnehmung abstrahieren würden. Stattdessen legt er großen Wert darauf, diese Effekte nachzuvollziehen und in die Beschreibung miteinzubauen. Er verwendet Vergleiche und Metaphern – aber keine weit hergeholten, eigentlich überraschenden oder sehr auffälligen Vergleiche, sondern er zieht zum Vergleich nur benachbarte Bereiche und Gegenstände heran. Weiter arbeitet er mit Wiederholungen und leichten Abänderungen: Wenn ein gleicher Sachverhalt erneut ausgedrückt werden soll, gibt es keine großen Anstrengungen, andere Formulierungen zu finden, sondern die eine, schlichte Formulierung ist jetzt so gut, wie sie eben war – vielleicht hat sich aber die Stellung und der Zusammenhang leicht verändert.