Der Stil in »Bergkristall« weist bereits die für den mittleren bis späten Stifter typische Sprödigkeit auf. Charakteristisch ist etwa die Neigung, Wiederholungen nicht zu vermeiden, also zum Beispiel lange anaphorische Ketten mit demselben Personalpronomen am Anfang der Sätze zu bilden. Die Absätze weisen eine große thematische Geschlossenheit auf, oft ist außerdem das Thema des Absatzes an seinem Beginn in einem Substantiv oder einer Nominalphrase überschriftenartig angekündigt. Die Überarbeitung der Erzählung weist auch in diese Richtung, wie sich etwa an der Vereinfachung der Interpunktion zeigt, also an der sparsameren Verwendung der Gedankenstriche.
Immer ist die Naturschilderung an der Erzählung besonders hervorgehoben worden. Die Schwierigkeit liegt in der Monotonie des Gegenstandes. Für die Kinder ändert sich während ihres ganzen Irrweges eines nicht: Sie finden keinen Weg hinab. Diese Tatsache muss gegen die landläufige Vorstellung von einem »Berg« dem Leser plausibel gemacht werden; denn der »Berg« ist in dieser geometrisch an einen Kegel oder eine Halbkugel angelehnten Vorstellung in der vertikalen Richtung immer eindeutig, die Orientierung immer gegeben: Man kann an jedem Punkt hinauf gehen oder hinab, hinauf geht es zum Gipfel, hinab zu Tal. Doch selbst, als Konrad die Orientierungsbemühungen auf diese einfache, vertikale Achse hin ausrichtet, und also Gschaid als Ziel des Weges aufgibt (vgl. 231), hilft das nichts, denn die Abhänge, die sie etwa finden, sind für einen Abstieg zu steil, und sonst können sie nur hinauf.
Wenn der Schnee noch fällt, kommt die Blockade des Gehör- und Gesichtssinnes hinzu, die ebenfalls sprachlich ausgedrückt werden muss. Das Verfahren Stifters hier wie bei der Frage nach dem unmöglichen Abstieg besteht darin, doch etwas zu sagen, also jenseits der Feststellung, dass die Kinder keinen Weg finden, dass sie nichts sehen und nichts hören, Beobachtungen über das Gelände und über die Sinneseindrücke anzustellen und wiederzugeben. So bestärkt gerade die große, ja unendliche Varietät (Vielfalt) der Erscheinungen ihre übergeordnete Redundanz (Übereinstimmung).
Dabei nutzt Stifter verschiedene rhetorische Verfahren – hier beispielhaft an zwei Absätzen gezeigt. Nach eingesetztem Schneefall versuchen die Kinder das erste Mal, sich umzusehen und dadurch sich des Weges zu versichern: »Wir wollen ein wenig stehen bleiben, und herum sehen, vielleicht erbliken wir etwas« (212 f.) – sagt Konrad.
- Aber sie erblikten nichts. Sie sahen durch einen trüben Raum in den Himmel. Wie bei dem Hagel über die weißen oder grünlich gedunsenen Wolken die finsteren fransenartigen Streifen herabstarren, so war es hier, und das stumme Schütten dauerte fort. Auf der Erde sahen sie nur einen runden Flek Weiß und dann nichts mehr. (213)
Die Tatsache des Nichts-Sehens wird festgestellt und scheinbar sofort relativiert – sie sehen doch etwas. Um das, was sie sehen, zu beschreiben, nutzt Stifter nun einen Vergleich. Dabei stehen ihm alle möglichen Gegenstandsbereiche offen, und ein besonders witziger, also scharfsinniger Vergleich hätte darin bestanden, Gegenstandsbereiche in dem Vergleich miteinander zu korrelieren, die sonst nichts miteinander zu tun haben. Stattdessen liegt das zum Vergleich herangezogene Phänomen in unmittelbarer Nachbarschaft zu dem Ursprungsphänomen: Er vergleicht gleichsam Äpfel mit Äpfeln, oder Hauschildt Cox und Krimson Cox (beides Apfelsorten). Auch das gängige Verfahren, Unbekanntes mit Bekanntem zu vergleichen und dadurch anschaulich zu machen, kommt nicht zum Einsatz, denn ein ähnlicher Grad an meteorologischer Vorstellungskraft ist für das Nachvollziehen des Hagelphänomens nötig, wie es zum Nachvollziehen des Schneehimmels in einer direkten Beschreibung nötig gewesen wäre. Typisch ist außerdem die selbst in dem Vergleich etwas paradoxe Fügung in der Vertikalen, also die Tatsache, dass die Streifen über die Wolken herabstarren, die wohl einen leichten Schwindel auslösen kann.
Auch der letzte Satz des Absatzes relativiert den ersten Satz und bestätigt ihn zugleich. Sie sehen nicht nichts, sondern »einen runden Flek Weiß« – also Weiß in Weiß, also nichts.
Der andere beispielhaft herangezogene Absatz beschreibt den Weg der Kinder, nachdem Konrad festgestellt hat, dass sie den Abzweig an der Unglückssäule verpasst haben und gegen den Berg hinaufgelaufen sind – als sie gleich rechts gegen das Tal abbiegen wollen:
- Aber wie sie gingen, so konnten sie nicht merken, ob sie über den Berg hinabkämen oder nicht. Sie hatten gleich rechts nach abwärts gebogen, allein sie kamen wieder in Richtungen, die bergan führten, bergab und wieder bergan. Oft begegneten ihnen Steilheiten, denen sie ausweichen mußten, und ein Graben, in dem sie fortgingen, führte sie in einer Krümmung herum. Sie erklommen Höhen, die sich unter ihren Füssen steiler gestalteten, als sie dachten, und was sie für abwärts hielten, war wieder oben, oder es war eine Höhlung, oder es ging immer gedehnt fort. (214)
Der narrative Modus ist hier der Iterativ, also die einmalige Nennung sich wiederholender Ereignisse. Dadurch wird der Leser dazu gebracht, das, was er liest, in der Vorstellung noch zu erweitern, zu vervielfältigen und zu variieren. Anstatt zu sagen, »was die Kinder auch versuchten, sie blieben auf dem Berg«, findet sich ein verwirrendes Durcheinander von Lexemen des Aufwärts, des Hinab, des Geradeaus und des Drumherum. Der Richtungswille der Kinder wird durch die Geländeformationen, die unvermittelt im Text erscheinen (Steilheiten, Graben, Höhen, Höhlung) und nicht unmittelbar mit der abstrakten Vorstellung vom »Berg« als Halbkugel oder Kegel zu verknüpfen sind, abgelenkt und bezwungen.
Zentral ist außerdem der Bezug zur eingeschränkten Wahrnehmungsfähigkeit der Kinder, die sich bei der Einschätzung des Geländes irren. Zwei Seiten später merkt der Erzähler an, dass die Schattenlosigkeit des sie umgebenden Weiß dazu führt, dass die Kinder die Dinge um sich her nur als Flächen wahrnehmen, und nicht als dreidimensionale Körper, sodass sie »nicht beurtheilen konnten, ob etwas aufwärts oder abwärts ging, und daß sie eine Fläche für eben hielten, und sie erst als Steilheit erkannten, wenn sie ihren Fuß fasste, und ihn aufwärts zu gehen zwang.« (Das Zitat ist aus einer handschriftlichen Variante, HKA 2,4, S. 37, die Stelle im Text ist auf S. 216.)