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Bergkristall

Zitate und Textstellen

  • »Im Sommer, wo Sonne und warmer Wind den Schnee von den Steilseiten wegnimmt, ragen die Hörner nach dem Ausdruke der Bewohner schwarz in den Himmel, und haben nur schöne weiße Äderchen und Sprenkeln auf ihrem Rüken, in der That aber sind sie zart fernblau, und was sie Äderchen und Sprenkeln heißen, das ist nicht weiß, sondern hat das schöne Milchblau des fernen Schnees gegen das dunklere der Felsen.«
    – (Erzähler, S. 188)

    Die Beschreibung des Berges ist zugleich Beobachtung über sprachliche Varietät: Die Ausdrücke der Gschaider, die mit dem Berg vertraut sind, und deren Reden vom Berg sich von Generation zu Generation eingeschliffen hat, werden vom Erzähler korrigiert, der frisch und um Genauigkeit bemüht auf den Berg schaut. Die Ausdrücke der Gschaider betonen den Unterschied, weiß und schwarz, der Erzähler hingegen macht das gemeinsame Medium des Unterschiedenen kenntlich, das von den Gschaidern gleichsam gekürzt wird: die blaue Farbe, die alles Ferne annimmt. Neben dem koloristischen Detail wird auch die Benennung der Geländeformen – »Äderchen und Sprenkeln« –, die der Erzähler erst als seine eigene zu benutzen scheint, als einheimisch qualifiziert: Hier handelt es sich nicht um Vereinfachung um des Kontrasts Willen, sondern um Kathachresen, also notwendige Metaphern, weil kein eigentliches Wort zur Verfügung steht – etwa ein geologisches Fachwort.

  • »Am Rande dieses Schillerns, wo es von ferne wie ein Saum von Edelsteinsplittern aussieht, ist es in der Nähe ein Gemenge wilder, riesenhafter Blöke, Platten und Trümmer, die sich drängen, und verwirrt in einander geschoben sind.«
    – (Erzähler, S. 189)

    Hier wird komprimiert das Wortfeld vorgestellt, das die Beschreibung der Gegend dominieren wird, in die die Kinder geraten werden – eben die hier wie von Ferne beschriebene Gegend. Es handelt sich um Randgebiet, um eine Zone des Übergangs vom Gletscher zum Felsen. Die Schneedecke, wenn sie vorhanden ist, sorgt für eine Uniformierung des Berges, sie verschleiert seinen Polymorphismus (seine Vielgestaltigkeit) und seine Polychromie (seine Vielfarbigkeit). Wenn sie im Sommer fehlt, werden das Grün und Blau des Gletschers sichtbar, und seine riesenhaften und verwirrten Formen: »manche Kuppen und Räume werden entkleidet, die man sonst nur weiß erblickt hatte, der schmutzige Saum des Eises wird sichtbar, wo es Felsen, Erde und Schlamm schiebt, […].« (189)

  • »Man geht nach der Mittagsrichtung zu auf einem guten schönen Wege, der über einen sogenannten Hals in ein anderes Thal führt.«
    – (Erzähler, S. 189)

    Gemeint ist schon hier der Weg nach Millsdorf. Weil in dem Absatz noch erst die Besteigung des Berges Thema ist, wird das Nachbartal namentlich noch nicht genannt. Die Perspektive wird sich in der Kernerzählung umdrehen: Für die Kinder ist der Weg nach Gschaid der Hauptweg, der Weg auf den Berg hinauf die eigentlich nicht beachtete andere Möglichkeit, die der Schneefall sie dann doch zu realisieren zwingt.

  • »An der höchsten Stelle des Firns erheben sich die zwei Hörner aus dem Schnee, wovon eines das höhere mithin die Spize des Berges ist. Diese Kuppen sind sehr schwer zu erklimmen; da sie mit einem oft breiteren oft engeren Schneegraben – dem Firnschrunde – umgeben sind, der übersprungen werden muß, und da ihre steilrechten Wände nur kleine Absäze haben, in welche der Fuß eingesezt werden muß, so begnügen sich die meisten Besteiger des Berges damit, bis zu dem Firnschrunde gelangt zu sein, und dort die Rundsicht, so weit sie nicht durch das Horn verdekt ist, zu genießen. Die den Gipfel besteigen wollen, müssen dies mit Hilfe von Steigeisen, Striken und Klammern thun.«
    – (Erzähler, S. 191)

    Der Erzähler geht hier in seiner Beschreibung über die Höhe hinaus, die später von den Kindern erreicht werden wird. Der Absatz über die Beschreibung schreitet unbeirrbar vom Tal aus bis zum Gipfel fort – mit der Eindeutigkeit in der vertikalen Orientierung, die den Kindern gerade abhandenkommen wird. Natürlich – so sagt man sich –: Man fängt unten an, dann geht man immer weiter hinauf, dann kommt man irgendwann zum Gipfel; oben gibt es eine Aussicht; das gleiche gilt, im Umkehrschluss, für den Abstieg. So wird es für die Kinder nicht sein. Wichtig ist außerdem, dass von der Besteigung als einer schon öfter geschehenen Unternehmung gesprochen wird: Der Berg ist insgesamt nichts Fremdes oder Heiliges, er wurde schon bezwungen.

  • »Wenn man so ziemlich mitten in dem Thale steht, so hat man die Empfindung, als ginge nirgends ein Weg in dieses Beken herein und keiner daraus hinaus; allein diejenigen, welche öfter im Gebirge gewesen sind, kennen diese Täuschung gar wohl: in der That führen nicht nur verschiedene Wege und darunter sogar manche durch die Verschiebungen der Berge fast auf ebenem Boden in die nördlichen Flächen hinaus, sondern gegen Mittag, wo das Thal durch steilrechte Mauern fast geschlossen scheint, geht sogar ein Weg über den obbenannten Hals.«
    – (Erzähler, S. 192)

    Hier wieder zeigt sich das Interesse des Erzählers für besondere Wahrnehmungseffekte, das er unter anderem mit Marcel Proust teilt – man vergleiche nur folgende Passage aus dem zweiten Teil von »À la recherche du temps perdu«:

    »Et […] sur la falaise ou dans la montagne, le chemin, cette partie à demie humaine de la nature, subissait, comme le fleuve ou l’océan, les éclipses de la perspective. Et soit qu’une arête montagneuse, ou la brume d’une cascade, ou la mer empêchât de suivre la continuité de la route, visible pour le promeneur mais non pour nous, le petit personnage humain en habits démodés perdu dans ces solitudes semblait souvent arrêté devant un abîme, le sentier qu’il suivait finissant là, tandis que, trois cent mètres plus haut dans ces bois de sapins, c’est d’un oeil attendri et d’un coeur rassuré que nous voyions reparaître la mince blancheur de son sable hospitalier au voyageur, mais dont le versant de la montagne nous avait dérobé, contournant la cascade ou le golfe, les lacets intermédiaires.« (Proust, Paris, 195 f.)

    In der Übersetzung von Eva Rechel-Mertens: »Auf der Klippe oder auf den Bergen unterlag auch noch der Weg, dieser halb menschliche Teil der Natur, wie der Strom und das Meer dem zeitweiligen Verschwinden durch die Perspektive. Ob nun ein bergiger Grat oder der Gischt eines Wasserfalls oder das Meer daran hinderte, den Weg in seiner Ganzheit zu überschauen, wie sie dem Wanderer sichtbar ist, nicht aber uns, jedenfalls schien die in diesen Einsamkeiten verlorene kleine menschliche Gestalt in altmodischer Kleidung oft stockenden Fußes vor einem Abgrund zu stehen, der Pfad, dem sie folgte, endete hier, doch dreihundert Meter höher sah man dann in den Tannenwäldern mit gerührtem Blick und beruhigtem Herzen die schmale weiße Spur seines den Reisenden einladenden Sandes, dessen dazwischenliegende, den Wasserfall oder die Bucht umgebende Windungen ein Berghang unseren Blicken entzogen hatte.« (Proust, Frankfurt am Main, 595 f.)

    Die Vermittlung von Geschlossenheit und Zugänglichkeit, hier verteilt auf die Unterscheidung Täuschung/Wirklichkeit, wird ein zentrales Thema der Kernerzählung sein.

  • »Das Dörflein heißt Gschaid, und der Schneeberg, der auf seine Häuser herabschaut, heißt Gars.«
    – (Erzähler, S. 192)

    Das ist einer der einsätzigen, für den Rhythmus des Textes so bedeutsamen Absätze, hier die Beschreibung von Tal, Ort und Berg beschließend. Die Bekanntgabe des Namens löst beim Leser natürlicherweise einen Abgleich mit seinen topographischen Kenntnissen aus: Jetzt kann er hingehen und den Ort, dessen Name häufig vorkommt, auf einer Landkarte suchen – vergeblich, wie wir wissen. Mit diesem Wissen erscheint die Namensnennung denn auch fast eher als Namensgebung, als Taufe der vom Erzähler ersonnenen Gegenstände.

  • »In Millsdorf war ein Färber, welcher gleich am Anfange des Marktflekens, wenn man auf dem Wege von Gschaid hinüber kam, ein sehr ansehnliches Gewerbe hatte, mit vielen Leuten und sogar, was im Thale etwas Unerhörtes war, mit Maschinen arbeitete.«
    – (Erzähler, S. 195)

    Der Färber verdankt seinen Reichtum also der Aufgeschlossenheit gegenüber dem technischen Fortschritt. Das Fremde, das in seiner Tochter am Ende der Erzählung in Gschaid integriert wird, hat also auch diesen Aspekt. Man kann sich leicht vorstellen, mit welchen Schwierigkeiten in einer so traditionsbetonten Gesellschaft die Einführung technischer Neuerungen verbunden sein würde.

  • »[…] weil ferner schier gar kein Fall vorkömmt, daß ein Mann sein Thal verläßt, und sich in dem benachbarten ansiedelt (Ansiedlungen in großen Entfernungen kommen öfter vor), […].«
    – (Erzähler, S. 199)

    Das Ungeheuerliche am Lebenslauf des Schusters ist also, dass er aus den gewohnten Bahnen seines Herkunftsortes ausbricht, und wieder darein zurückfindet. Normalerweise – so ist die Passage zu verstehen – geschieht ein Ausbruch nur vollständig und endgültig, also in die große Entfernung: Die Gschaider Gesellschaft kann mit der totalen Exklusion umgehen, tut sich aber schwer mit der Vermittlung von Nähe und mittlerer Distanz.

  • »Einmal war am heiligen Abende, da die erste Morgendämmerung in dem Thale von Gschaid in Helle übergegangen war, ein dünner, trokener Schleier über den ganzen Himmel gebreitet, so daß man die ohnedem schiefe und ferne Sonne im Südosten nur als einen undeutlichen rothen Flek sah, […].«
    – (Erzähler, S. 203)

    Der Einsatz der Kernerzählung enthält bereits die meteorologische Beobachtung, die Konrad später als Vorzeichen des Schneefalls identifizieren wird. Susanna meint hingegen, es sei ein besonders angenehmer Tag, und lässt die Kinder deshalb hinüber zur Großmutter ziehen. Auch hier zeigt sich eine Opposition von Täuschung und Wirklichkeit, die mit dem richtigen Wissen auf die tatsächliche Bedeutung hin aufgelöst werden kann. Dass niemand in der Schustersfamilie die Zeichen richtig zu deuten weiß, muss fast als Unwahrscheinlichkeit gelten.

  • »Endlich gelangten sie wieder zu Gegenständen.«
    – (Erzähler, S. 217)

    Noch ein einsätziger Absatz, der durch die allgemeine Qualifizierung wahrnehmbarer Landschaftsteile als Gegenstände den gewissermaßen abstrakten Gehalt der Erzählung kenntlich macht: Die Kinder erleben in dem Weißeinbruch und der absoluten Stille des Schneefalls Gegenstandslosigkeit, Existenz ohne Widerhalt. Ihr Glück ist freilich, dass sie noch einander haben, und wirklich muss Sanna sich ja am Taschengurt Konrads festhalten, um ihn nicht zu verlieren – augenblicklich, wenn er sich nur einige Schritte entfernt hätte.

Veröffentlicht am 18. September 2025. Zuletzt aktualisiert am 18. September 2025.