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Bergkristall

[Einführung und Vorgeschichte] S. 183-203

Zusammenfassung

Der Erzähler erinnert an die drei hohen Kirchenfeste Ostern, Pfingsten und Weihnachten und ihre zu Herzen gehende Gewalt. Das größte Fest sei Weihnachten. Neben dem Kirchenfest habe sich ein besonders an die Kinder adressiertes häusliches Fest entwickelt. Die Bescherung der – so sage man ihnen – vom Christkindlein gebrachten Geschenke erfolge spätabends, verbunden mit einem besonderen Lichterzauber. Diese Eindrücke wirkten oft bis ins hohe Alter nach.

Der Erzähler stellt dann ein Dorf im Hochgebirge mit Namen Gschaid vor, das abgeschieden nördlich des Schneeberges Gars liegt, drei Wegstunden von dem wohlhabenderen Marktfleck Millsdorf entfernt, mit dem die Bewohner allenfalls über einen Pass an der Ostseite des Schneeberges verkehren.

Der tüchtige und angesehene Schuster von Gschaid, der in der Jugend ein ausschweifendes Leben geführt hatte, heiratete, nachdem er vernünftig geworden war, und nach langer, mühseliger Werbung die Tochter des reichen Färbers von Millsdorf. Diese wird in Gschaid nicht mit der Unbefangenheit und Vertrautheit behandelt, wie sonst die Einheimischen. Sie gebiert ihrem Mann zwei Kinder, einen Sohn, Konrad, und eine Tochter, Susanne.

Während zuerst ihre Mutter oft den Weg nach Gschaid zu ihren Enkeln machte, kann sie es später wegen ihres hohen Alters nicht mehr, und die Kinder, größer geworden, wandern selbst nach Millsdorf zu ihren Großeltern hinüber. Durch diese Gewohnheit werden auch sie den Gschaidern fremd.

Analyse

Die Hinführung des Erzählers zu dem eigentlichen Erzählgegenstand umfasst ein ganzes Drittel der Erzählung und fällt damit besonders umständlich aus.

Stilistisch ist die Transparenz der thematischen Gliederung des Textes auffällig. Sie lässt sich unmittelbar an der Absatzgliederung und an den Eingangssätzen der Absätze ablesen: Drei Absätze dienen der Vorstellung von Gschaid und seinen Bewohnern, sechs Absätze sind mit dem befasst, was das Tal, in dem Gschaid liegt, umgibt. Dabei wird der Schneeberg Gars im Süden des Dorfes besonders ausführlich beschrieben, nämlich mit Blick auf seine identitätsstiftende und ökonomische Funktion für das Dorf, seine jahreszeitlichen Veränderungen und seine Besteigung. Die Benennung von Dorf und Berg erfolgt in einem eigenen, nur einen Satz umfassenden Absatz als Abschluss dieser Beschreibungen. Dann erst führt der Erzähler den benachbarten Ort Millsdorf ein.

Nachdem er so in der topographischen Schilderung einen äußersten Punkt erreicht hat, kehrt er scheinbar in einem neuen Anlauf zu einer nun detaillierteren Milieuschilderung nach Gschaid zurück: Die Vorstellung des Schusterhauses auf dem Platz in Gschaid – eine repräsentative Adresse – erfolgt ohne Bezug zu einem bestimmten Schuster und man könnte meinen, nun würden in ähnlicher Weise auch das Pfarrhaus und die Schule vorgestellt. Auch der erste Personenname bleibt entsprechend eingebettet: Das ist »der alte Tobias« (194), der einzige andere Schuster im Dorf, der mit dem Platzschuster in friedlicher Koexistenz lebt, weil er sich ganz aufs Flicken verlegt hat. Unmerklich ist die Schilderung hier bereits historisch geworden, denn »der alte Tobias« (194) ist freilich nicht immer da gewesen, wie der Berg und die Sozialstruktur von Gschaid, wie die Landschaft und die Sitten der Talbewohner, sondern nur zu einer bestimmten Zeit; dennoch wird Tobias nicht biographisch perspektiviert.

Das geschieht erst mit dem vornehmeren und erfolgreicheren »Platzschuster« (195), der mit seiner Biographie tatsächlich aus dem Üblichen und Immergleichen, das den sozialen Mikrokosmos des Hochgebirgstals in hohem Maße charakterisiert (vgl. 187: »Sie sind sehr stettig und es bleibt immer beim Alten. Wenn ein Stein aus einer Mauer fällt, wird derselbe hineingesezt, die neuen Häuser werden wie die alten gebaut, die schadhaften Dächer werden mit gleichen Schindeln ausgebessert, und wenn in einem Hause scheckige Kühe sind, so werden immer solche Kälber aufgezogen, und die Farbe bleibt bei dem Hause.«), ausschert: Er hatte eine wilde Jugend, war Gemsenwildschütze, trug extravagante Kleidung, jagte in Gesellschaft und allein, liebte das Vergnügen und ging sorglos mit Geld um. Dann, nach dem Tod seiner Eltern, wird er aber auch besonders vernünftig und geschäftstüchtig. Die Erfahrung, die er im Gebirge gesammelt hat, kann er bei der Entwicklung der Bergschuhe, die er anbietet, nutzen, und ihm gelingt die Heimholung der reichen Färberstochter aus Millsdorf. Er wirbt um sie nach Art der Renaissance-Novelle, indem er sich ihr, die von ihrem Vater zu Hause einbehalten wird, wiederholt von ferne zeigt.

Die unvollständige Integration der Schusterin in die Gschaider Dorfgesellschaft stellt den eigentlichen Fluchtpunkt der langen Exposition dar. Die jugendliche Ausschweifung des Schusters, sein Einzelgängertum, sein Durchhaltewille, dann aber auch seine Rückkehr zur Ordnung und seine Geschäftstüchtigkeit (denn er ist zurückgekommen, ist nicht in die Ferne ausgewandert) haben dazu geführt, dass ein fremdes Element in Gschaid ansässig geworden ist:

    Weil die Bewohner von Gschaid so selten aus ihrem Thale kommen, und nicht einmal oft nach Millsdorf hinüber gehen, von dem sie durch Bergrüken und durch Sitten geschieden sind, weil ferner schier gar kein Fall vorkömmt, daß ein Mann sein Thal verläßt, und sich in dem benachbarten ansiedelt (Ansiedlungen in großen Entfernungen kommen öfter vor), weil endlich auch kein Weib oder Mädchen gerne von einem Thale in ein anderes auswandert, außer in dem ziemlich seltenen Falle, wenn sie der Liebe folgt, und als Eheweib und zu dem Ehemann in ein anderes Thal kömmt: so geschah es, daß die schöne Färberstochter von Millsdorf, da sie Schusterin in Gschaid geworden war, doch immer von allen Gschaidern als Fremde angesehen wurde, und wenn man ihr auch nichts Übels anthat, ja wenn man sie ihres schönen Wesens und ihrer Sitten wegen sogar liebte, doch immer etwas vorhanden war, das wie Scheu oder wenn man will, wie Rüksicht aussah, und nicht zu dem Innigen und Gleichartigen kommen ließ, wie Gschaiderinnen gegen Gschaiderinnen, Gschaider gegen Gschaider hatten. Es war so, ließ sich nicht abstellen, und wurde durch die bessere Tracht und durch das erleichtertere häusliche Leben der Schusterin noch vermehrt. (198 f.)

Diese Fremdheit im Milieu findet ihre Entsprechung auch innerfamiliär, wenn die Schusterin glaubt, ihr Mann liebe die beiden Kinder nicht so, wie er sollte, und sie überträgt sich aufgrund des häufigen Verkehrs mit den Millsdorfer Großeltern auf die Kinder, denen das Färberhaus ein anderes Zuhause ist.

Dieses zwar stille, zwar von Wohlwollen, ja von Liebe abgemilderte Missverhältnis in den sonst so homogenen, stabilen und einfachen Verhältnissen verlangt nach einer Entwicklung, nach einer Verschärfung oder nach einer Lösung – hierauf muss die eigentliche Erzählung sich beziehen.

Doch der Einführung von Gschaid vorgelagert ist ein noch allgemeinerer Prolog, in dem in der ersten Person Plural von den Kirchenfesten, und dann besonders von Weihnachten die Rede ist. Der Erzähler schildert vor allem die Perspektive der Kinder, die man glauben lässt, die für sie besorgten Geschenke bringe nachts das Christkind. Die Perspektive der Erwachsenen, die auch berührt wird, gewinnt ihren Wert nur aus dem Bezug auf die Perspektive der Kinder – nur im Rückblick auf den als Kind erlebten und noch fortwirkenden Zauber:

    Es hat sich fast in allen christlichen Ländern verbreitet, daß man den Kindern die Ankunft des Christkindleins – auch eines Kindes, des wunderbarsten, das je auf der Welt war – als ein heiteres, glänzendes, feierliches Ding zeigt, das durch das ganze Leben fortwirkt, und manchmal noch spät im Alter bei trüben schwermüthigen oder rührenden Erinnerungen gleichsam als Rükblik in die einstige Zeit mit den bunten schimmernden Fittigen durch den öden, traurigen und ausgeleerten Nachthimmel fliegt. (183 f.)
    Und – den Prolog beschließend – :
    Weil dieses Fest so lange nachhält, weil sein Abglanz so hoch in das Alter hinauf reicht, so stehen wir so gerne dabei, wenn Kinder dasselbe begehen, und sich darüber freuen. (185)

Anstatt dass im Erwachsenen die ernste Freude über die Geburt Christi die Kinderfreude über die vom fantastisch im Himmel reisenden Christkind gebrachten Geschenke ersetzte und die Täuschung der Kinder so rechtfertigte (denn die Kinder können des Glaubensgeheimnisses nur so, sinnengebunden, schon teilhaftig werden), bleibt im Erwachsenen nur ein Abglanz und Nachhall der Kinderfreude übrig, deren Quelle also versiegt ist: »durch den öden, traurigen und ausgeleerten Nachthimmel« (184) – das Partizip scheint einen vollständigen Glaubensverlust anzuzeigen.

All dies in dem ersten Prolog Vorbereitete wird in der langen Exposition der Gschaider Verhältnisse und der Biographie des Schusters noch nicht aufgegriffen, bleibt also dem eigentlichen Kern der Erzählung vorbehalten.

Schließlich noch ein Blick auf die topographische Schilderung und ihre expositorische Funktion: Der Irrweg, den Konrad und Sanna später gehen, wird in der Exposition bereits präzise bezeichnet – und auch der Grund, warum es ein Irrweg werden musste. Der Erzähler beschreibt den Weg, der zur Besteigung des Schneebergs gegangen werden muss, und setzt bei der »Unglüksäule« an, die den höchsten Punkt auf dem Weg nach Millsdorf bezeichnet.

    Wenn man auf diesem Wege fortgeht, der sachte bergan führt, so gelangt man endlich auf eine freie von Bäumen entblößte Stelle. Dieselbe ist dürrer Haideboden, hat nicht einmal einen Strauch, sondern ist mit schwachem Haidekraute, mit trockenen Mosen und mit Dürrbodenpflanzen bewachsen. Die Stelle wird immer steiler, und man geht lange hinan; man geht aber immer in einer Rinne gleichsam wie in einem ausgerundeten Graben hinan, was den Nuzen hat, daß man auf der großen baumlosen und überall gleichen Stelle nicht leicht irren kann. Nach einer Zeit erscheinen Felsen, die wie Kirchen gerade aus dem Grasboden aufsteigen, und zwischen deren Mauern man längere Zeit hinan gehen kann. Dann erscheinen wieder kahle fast pflanzenlose Rüken, die bereits in die Lufträume der höhern Gegenden ragen, und gerade zu dem Eise führen. Zu beiden Seiten dieses Weges sind steile Wände, und durch diesen Damm hängt der Schneeberg mit dem Halse zusammen. (190)

Diesen Weg nehmen die Kinder und können ihn wegen der beschriebenen Seitenführung nicht verlassen. So sagt es am Ende der Erzählung der Färber:

    […] und als dann das Morgengrau anbrach, bemerkte ich an dem Wege, der von der rothen Unglüksäule links gegen den Schneeberg hinan führt, daß dort, wo man eben von der Säule weg geht, hin und wieder mehrere Reiserchen und Rütchen geknikt sind, wie Kinder gerne thun, wo sie eines Weges gehen – da wußte ich es – die Richtung ließ sie nicht mehr aus, weil sie in der Höhlung gingen, weil sie zwischen den Felsen gingen, und weil sie dann auf dem Grat gingen, der rechts und links so steil ist, daß sie nicht hinab kommen konnten. Sie mußten hinauf. (237)

Der expositorische Absatz nimmt die Perspektive der Besteigung ein, und in dieser Perspektive dienen die topographischen Eigenschaften des Bergrückens gerade dazu, den Weg nicht zu verlieren. Für die Kinder bedeuten sie dann aber das Gegenteil, nämlich die Unmöglichkeit, ihren Weg, den Weg ins Tal, wieder zu finden.

Die Irre, in die die Kinder gehen, ist keine absolute Irre, ist nicht die Wüste oder der Ozean. Sie liegt sonst offen da, ist allen in der Gegend wohlvertraut. Man geht darüber mit dem Blick hin – so ruhig und sorglos wie der Leser über die expositorische Passage, die er für einen unbedeutenden Teil der Landschaftsschilderung nimmt.

Veröffentlicht am 18. September 2025. Zuletzt aktualisiert am 18. September 2025.