Bergkristall
[Rettung und Heimkehr] S. 233-240
Zusammenfassung
Auf einem fernen Schneehang sieht Konrad ein hüpfendes Feuer, das immer auftaucht und wieder verschwindet. Dann hören sie in der Stille etwas wie einen lang anhaltenden Ton aus einem Hirtenhorn und antworten instinktiv mit Schreien. Das Feuer und der Ton nähern sich ihnen langsam. Das Feuer ist in Wirklichkeit eine rote Fahne, wie Konrad erkennt. Die Fahne wurde einmal von einem fremden Herrn gebraucht, der mit dem jungen Eschenjäger den Gars bestiegen hatte, zum Zeichen, dass sie oben auf dem Gipfel seien – damit der Pfarrer unten es durch sein Fernrohr sehen könne. Der fremde Herr habe die Fahne damals dem Pfarrer geschenkt. Endlich kommen die Suchenden zu den Kindern: Es sind der junge Eschenjäger, der Hirte Philipp und seine zwei Söhne und mehrere Bewohner von Gschaid. Sobald sie bei den Kindern sind, treffen sie Anordnungen, um die übrigen Leute, die suchen, zu benachrichtigen: So soll einer in die Sideralpe hinab und das Glöcklein läuten, auf dem Krebsstein soll die Fahne aufgepflanzt werden, damit im Tal Böller abgeschossen und Rauchfeuer entzündet würden, dass die im Millsdorfer Wald Suchenden Bescheid bekämen und alle, die noch auf dem Berg seien, in die Sideralpe hinabkommen könnten. Nachdem hierzu die Leute ausgeschickt wurden, gehen sie mit den Kindern los. Der Weg ist weit und windungsreich, immer durch Schnee; zum Teil brauchen sie Steigeisen und tragen die Kinder. Endlich hören sie das Glöcklein der Sideralpe, sehen die Rauchsäulen und hören die Böllerschüsse. Sie kommen zur Sideralphütte, wo die Mutter die Kinder empfängt.
Die Kinder brauchen vorerst nur etwas Warmes zu essen und etwas Ruhe. Bald kommt auch der Vater mit Leuten herab. Dann machen sie sich zum Aufbruch bereit, der wegen einer steilen Wand unterhalb der Sideralp – die von Gschaid aus zwar zu sehen ist – wieder über den Hals und an der Unglückssäule vorbeigehen muss. Als sie sich über die Wiese gehend dem Dorf nähern, tönt das Glöckchen der Gschaider Kirche herauf, um die Wandlung des Hochamts anzuzeigen, dessen Feier der Pfarrer bis jetzt in der Hoffnung auf eine Rückkehr der Kinder verschoben hatte. Die Wandernden knieen nieder. Beim Wald des Halses wird der Schuster auf Spuren aufmerksam, die nicht von seinen Schuhen kommen, und sie treffen auf den Färber, der mit Männern vom Berg herabkommt und schon am vorigen Abend die Suche eingeleitet hatte, als von Gschaid her ein Bote gekommen war. Er habe im Morgengrauen begriffen, dass die Kinder auf den Berg hinaufgegangen sein mussten, als er an der Unglückssäule, auf dem gegen den Berg hinanführenden Weg, umgeknickte Reiser, und also Spuren der Kinder wahrgenommen hatte; das Gelände sei dann so beschaffen, dass sie keinen anderen Weg hätten, als hinauf. Er schickte mit dieser Nachricht den Holzknecht Michael nach Gschaid, doch als dieser zurückkehrte und den Färber oben am Eis traf, konnte er schon den Fund der Kinder melden, weil er die auf dem Krebsstein aufgestellte Fahne gesehen hatte. Der Färber bekräftigt die Unwahrscheinlichkeit der Rettung der Kinder, die gewiss erforen wären, wenn auch nur ein wenig Wind gewesen wäre, und geht nun zum ersten Mal, seit seine Tochter verheiratet ist, nach Gschaid mit hinüber. Bei der Unglückssäule wartet ein Schlitten auf sie, den die Mutter und die Kinder benutzen und vorausfahren.
Im Laufe des Tages treffen alle, die gesucht haben, in Gschaid wieder ein; auch die Großmutter ist herübergefahren. Sie möchte die Kinder nie wieder im Winter über den Hals lassen.
Die Kinder bringt man früh ins Bett. Die Mutter bleibt bei ihnen. Nachbarn und Freunde finden sich ein, die von dem Ereignis miteinander reden. Sanna sagt in der Kammer zu ihrer Mutter, sie habe in der Nacht den heiligen Christ gesehen, und die Mutter antwortet, er habe ihr auch Geschenke mitgebracht, die sie bald sehen solle. Man bereitet noch einmal die Bescherung vor, die Kinder werden noch einmal angezogen und schlafen bald mit den Geschenken ein.
Im Wirtshaus wird noch rege von dem Vorfall erzählt. Man überlegt, was man hätte besser machen sollen.
Der Vorfall bleibt lange im Gedächtnis der Gschaider. Er bewirkt, dass die Kinder und ihre Mutter in das Dorf nun ohne Vorbehalt aufgenommen werden.
Den Kindern vertieft er den Ernst, mit dem sie an schönen Sommertagen zu dem Berg hinaufsehen.
Analyse
Stifter vernachlässigt die präzise Schilderung räumlicher Verhältnisse auch dort nicht, wo es die Dramaturgie der Rettung zu verlangen scheint. Diese kommt nicht plötzlich, sondern es ist ein langes Sich-Annähern der Retter, verbunden mit einer Täuschung in der Wahrnehmung: Die rote Fahne, die sie mitführen, wird von den Kindern (und der Erzähler übernimmt den Irrtum) zuerst für ein Feuer gehalten. Ähnlich verfährt der Erzähler bei der Ankunft in der Sideralpe, deren Nähe sie erst, wegen des Glöckchens, akustisch wahrnehmen; dann erst, nach einer Weile, erblicken sie sie.
Auch die Retter wissen von der Position her, in der sie die Kinder finden, keinen schnellen Abstieg, sondern es ist ein mühsamer, windungsreicher Weg, den sie gehen, und über Schrägen, die ohne Steigeisen kaum zu überqueren wären. So bestätigt sich noch einmal die Verlorenheit der Kinder.
Die Doppelheit von Gesichts- und Gehörsinn wird auch bei der Rettung wieder aufgerufen, wenn das Signal doppelt kommt, als das hüpfende Feuer und der Ton des Horns.
Auffällig sticht gegen die Menschenleere, in der die Kinder waren, die große Menge der an der Suche Beteiligten auf, die nun nach und nach vorgestellt werden und denen Signale gesandt werden müssen. Die Dorfgemeinschaft, die in der Einleitung nur allgemein beschrieben worden war, mit Heraushebung allenfalls der vornehmsten Personen, des Schusters und des alten Tobias, tritt auf einmal tätig in Erscheinung. Die Kinder hingegen werden gleich zu Mitlaufenden und Mitgetragenen: Sie sind »von dem Getriebe wie betäubt.« (238) Das letzte, was Konrad sagt, ist die Erklärung über die Herkunft der Fahne gegen seine Schwester, das letzte Wort Sannas das von dem heiligen Christ, den sie in der Nacht auf dem Berg gesehen habe. Dennoch kehrt die Erzählung in ihrem letzten Absatz zu den Kindern und dem Eindruck, den der Vorfall auf sie gemacht hat, zurück.
Es wird also die soziale Eigendynamik der Rettungsaktion deutlich und auf den Text übertragen, wo etwa die Disposition der die Rettung anzeigenden Zeichen weit mehr Raum beansprucht als das Wiedersehen der Mutter und ihrer Kinder. So bespricht man am Abend im Wirtshaus, »wie man alles hätte anders und besser machen können« (239), behandelt den Vorfall also als einen, der sich wiederholen kann – eine zwar berechtigte, gegenüber dem einmaligen Schicksal der Kinder und ihrer Eltern aber fast schon wieder distanzierte Haltung.
Die eigenartige Betäubung, die die Kinder befällt, betrifft dann auch die noch nachgeholte Bescherung. Etwas unklar ist, worauf sich das Modalverb »müssen« bezieht, wenn es heißt: »Troz der Erschöpfung mußte man sie noch ein wenig ankleiden, daß sie hinaus gingen, die Gaben empfingen, bewunderten, und endlich mit ihnen entschliefen.« (239) Sind es die Kinder, die das gefordert haben? Oder ist es der Brauch, dem man genügen wollte?
Mit den beiden Absätzen, die die vorbehaltlose Aufnahme der Kinder und ihrer Mutter in die Dorfgemeinschaft erklären, schließt sich der in der Einleitung eröffnete Bogen. Gewissermaßen ist erst jetzt die Ehe zwischen dem Schuster und der Färberstochter sozial verwirklicht – angezeigt vorher schon durch den Gang des geizigen Färbers über den Pass. Damit ist auch die Geschlossenheit der Gschaider Gesellschaft, in der bisher das fremde Moment unaufgelöst gesessen hatte, wiederhergestellt. Die jugendlichen Ausschweifungen des Schusters sind abgebüßt. Auch diese soziale Auswirkung aber geht an der Bedeutung, die das Erlebnis der Kinder haben kann, ein Stück weit vorbei.