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Der Hochwald

Interpretation

Clarissa und das doppelte Haus

Rückwärtsgewandt oder historisch ist die Erzählung »Der Hochwald«, indem sie ein von der neueren Liebessemantik eigentlich überholtes Modell der Liebeserzählung reaktualisiert. In den älteren Literaturen – zum Beispiel in den Novellen Boccaccios – wirken allein die äußeren Widerstände produktiv, die sich dem Mann, der Kontakt zu der geliebten Frau sucht, entgegenstellen. Pierre Daniel Huet spricht davon in seinem berühmten »Traité de l’Origine des Romans« von 1670, übersetzt 1682 von Eberhard Werner Happel als Teil seines Romans »Der Insulanische Mandorell«: 

In Italien und Spanien ist es [das Frauenzimmer] bey nahe verschlossen / und durch so viel Siegel von den Manns leuten abgesondert / daß man es sehr selten sieht / und fast niemahlen zu sprechen bekommet: Das man dannenhero die Kunst / den Frauen Zimmer anmuthig lieb zu kosen / verwahrloset hat / weil man so selten gelegenheit hat / mit ihm zu reden. Vielmehr ist man allein dahin bedacht / wie man zu ihm kommen möge / und wann dan endlich ein Weg hierzu gefunden worden / bedienet man sich der guten Gelegenheit / ohne fernere Redens pracht. (Zitiert nach Werle, 60) 

Der Liebesroman entwickelt sich dort, wo die Freiheit der Frau, die Liebesofferte abzulehnen, größer wird – wo nach der Herstellung des Kontakts noch nicht alles gewonnen ist, sondern die Liebeskommunikaton überhaupt zur Entfaltung Raum gewinnt. Die Parallelität von Haus und Frau, wie sie für die Boccaccio-Novelle in weiten Teilen gilt (Zugang zum Haus = Zugang zur Frau, vgl. Schlaffer), verliert dann ihre Bedeutung.

Und sie wird im neunzehnten Jahrhundert in zwei zentralen Texten wieder aufgerufen: Das ist Kleists »Marquise von O…« und eben »Der Hochwald«.

Besonders ist in der Erzählung von Stifter die Verdoppelung des Hauses. Dass das Waldhaus Teile der Burg getreu nachahmt, darauf wird im Text ausdrücklich hingewiesen. Es soll als natürliche Festung dienen, also jeden unerlaubten, unbewachten Zutritt unmöglich machen und verfügt sogar über ein noch unzugänglicheres Refugium für den Notfall. Während Wittinghausen für die Burg die ehrenhafte Übergabe mit in sein militärisches Kalkül aufnimmt, ja mit ihrer Zerstörung und ihrem Wiederaufbau als ein erfahrener Kriegsmann rechnet, gibt es eine solche Position des Schaden vermeidenden Rückzugs für das Waldhaus nicht. Hier soll die Verteidigung bis aufs Äußerste versucht werden – ein Umstand, der wieder dafür spricht, dass die Bewahrung der Töchter vor Kontakt mit Fremdem (und Fremden) der wichtigste Beweggrund aller Vorkehrungen des Vaters ist.

Beide Häuser werden erobert. Doch Ronald ist bei all seiner Leidenschaft kein Wüstling und verletzt die Umgangsformen an keiner Stelle. Obwohl er die Festung bereits überwunden hat, wagt er den Kontakt nicht zu erzwingen; obwohl er bereits in Rufweite zu ihr gestanden hat, wählt er den Weg der symbolischen Anmeldung durch Schuss und Lied, und er richtet seine Bitte erst an Gregor, den männlichen Beschützer, dann, durch das Lied, an sie. Die höfliche Form, in der sich die Liebenden begegnen, sie vibriert gleichsam vor Leidenschaft, aber sie wird nicht verletzt.

Den einzigen affektiven Überschuss, die einzige Formverletzung gibt es auf der Seite der Verteidigung des Hauses – diesmal des anderen Hauses, der Burg also, und es ist der Vater, der sich dieser Übertretung schuldig macht. Während sich Clarissa über ihre Veränderung und über ihre Leidenschaft in bemerkenswerter Weise im Klaren ist, haftet der heftigen Abwehrreaktion des Vaters gegen den schwedischen Jüngling etwas Irrationales, und jedenfalls Uneingestandenes an. Wenn er sich sonst sicher schnell gefasst hätte, bewirkt die Belagerungssituation die sofortige Umsetzung der freigesetzten Energie in tödlicher, in vernichtender Kampfhandlung.

 Aufklärung und Romantik

Mit Wittinghausen und Gregor ruft die Erzählung einen aufklärerischen Diskurs auf, der Legenden, Mythen und symbolische Anschauungen von natürlichen Phänomenen durch eine mythenbefreite, sachliche Anschauung ersetzt. Die Position Gregors, die er hauptsächlich im vierten Kapitel vorträgt, erinnert an die frühaufklärerische Dichtung des Hamburger Ratsherrn Barthold Heinrich Brockes (1680-1747): Auch Brockes fordert eine genaue Beobachtung der Natur nach den Maßstäben der neuesten Wissenschaften, weil gerade einem solchen Beobachter sich Gott durch die Natur am deutlichsten mitteilen würde. Kurzum: Erst die Anerkennung der fundamentalen Differenz zwischen kultureller Sinngebung und Natur mache letztere auf ihren Schöpfer hin transparent.

Diese Position bleibt in der Erzählung oberflächlich unwidersprochen, es müsste aber gefragt werden, ob nicht in der Führung der Handlung selbst und in der sprachlichen Gestaltung der Erzählung zu ihr ein Widerspruch kenntlich wird.

Hierzu nur zwei Hinweise:

Erstes Objekt aufklärerischer Bemühungen ist das Gerücht um den sagenhaften Wildschützen. Nicht nur, dass es ihn wirklich gegeben hat und noch gibt (wenn er auch nicht mit Geistern verkehrt und nicht gemordet hat), die Angst, die Johanna vor ihm hat, wenn sie im Wald wohnen soll, kann in der Rückschau unmittelbar auf Ronald, auf sein Eindringen in die familiären Beziehungen und auf die Katastrophe bezogen werden, die seine und Clarissas Verlobung auslöst.

Der Erzähler betreibt selbst eine exzessive Vermenschlichung der Natur, wenn er ihren Bestandteilen mit Verbalmetaphern und Vergleichen immer wieder menschliche Wahrnehmungs- und Erlebensfähigkeiten zuspricht. Sie erscheint bevorzugt als weiblich, als jungfräulich, als betont körperlich. Laut Marianne Wünsch funktioniert sie als Reflexionsraum für das erotische Erleben der Schwestern: 

Wo nun aber die Natur verkörperlicht und sexualisiert wird, spielen die Körper bei der Beschreibung menschlicher Figuren, zumal bei der Beschreibung der jungen Frauen, eine bemerkenswert geringe Rolle. Hypothetisch folgere ich, daß im Text eine Verschiebungsoperation stattfindet: was am Menschen nicht dargestellt wird und Nullposition bleibt, so etwa Körper und Sexualität, wird auf die Natur verschoben und an ihr dargestellt. Dem wiederum entspricht im Text, daß nicht nur umgekehrt die Frauen dem Naturraum sprachlich als metaphorische „Blumen" integriert werden, sondern daß z.B. auch der psychische Einbruch des erotischen Erlebens von Clarissa gegenüber Johanna mit Hilfe einer Naturallegorik beschrieben wird: […]. (Wünsch, 326 f.)

Krieg und Kriegslogik

Der Krieg schafft in der Erzählung die Bedingungen dafür, dass die unreflektierte Verteidigung der eigenen Töchter gegen einen fremden, nicht aus dem weiteren Familienkreis stammenden Bewerber manifest werden und den Ausgang der Erzählung bestimmen kann. So gesehen käme dem Krieg die Funktion lediglich eines Kontrastmittels in einer Anordnung zu, die wesentlich mit der innerfamilialen und erotischen, mit der psychologischen Situation der Protagonisten befasst wäre.

Möglich ist aber auch eine Umkehr der Perspektive, also eine Befragung des Textes dahingehend, wie er den Krieg als solchen zur Darstellung bringt.

Dabei fällt vor allem auf, was der Text auslässt. Die einzige übergreifende Perspektive auf den Krieg liefert Ronald, der sein baldiges Ende und eine Überwindung der Gegnerschaft von Deutschen und Schweden im Sinne eines Zusammenschlusses nordischer Völker vorhersagt, denn diese seien über ihren germanischen Ursprung miteinander verwandt (die Nationalsozialisten konnten hier anschließen). Keine Erwähnung findet der für den Dreißigjährigen Krieg viel wichtigere Gegensatz von Protestanten und Katholiken, der ja mitten durch das Deutsche Reich ging. Freilich wird Ronalds Vision von der Erzählung selbst als von der Geschichte widerlegte Wunschvorstellung ausgewiesen, und bei den anderen Protagonisten zeigt sich ein vor allem pragmatischer, weltkluger Umgang mit dem Krieg: Wittinghausen begegnet ihm wie einem Unwetter, das man nicht verhindern, und gegen das man nur Vorkehrungen treffen kann.

Die Kriegsereignisse, die dann tatsächlich Gegenstand des Romans werden, fallen vor allem durch ihre Randständigkeit im Bezug auf das große Kriegsgeschehen auf. Es handelt sich nur um einen Durchzug der Schweden, der nicht etwa in einer großen Entscheidungsschlacht sein Ziel hat – sondern im Winterquartier. Gallas’ Entscheidung, gegen den Durchzug ein Verteidigungswerk errichten zu lassen, erfährt keine Begründung und erscheint als sinnlose Willkür – das Opfer des Ortes Friedberg entsprechend zu groß. Und in dem Moment, in dem die Zwecklosigkeit von Angriff und Verteidigung gleichermaßen greifbar wird, weil die Belagerung schon über Wochen anhält – in dem Moment führt die Affekthandlung Wittinghausens doch noch zur Umsetzung der um die Burg versammelten, martialischen Wirkmacht: ohne Folgen für den Krieg, doch mit desaströsen Folgen für die Familie, um deren Zuhause gefochten wurde.

Veröffentlicht am 20. Februar 2025. Zuletzt aktualisiert am 20. Februar 2025.