Skip to main content

Der Hochwald

Rezeption und Kritik

Entstehung und Publikation treffen auf günstige Bedingungen in der zeitgenössischen Literatur. »Der Hochwald« verhalf Adalbert Stifter zum literarischen Durchbruch und wurde lange Zeit hauptsächlich mit ihm verbunden. Ausgeprägt war zur Zeit seiner Entstehung zum Beispiel das Interesse an abgelegenen, unkultivierten deutschen Gegenden: Zeitgleich entstanden etwa die »Heidebilder« von Annette von Droste-Hülshoff, die in ihrer westfälischen Heimat eine solche »Wildnis« poetisch aufbereiten. Gerade der Böhmerwald galt als kaum erschlossen und Stifter konnte seine Topographie erfolgreich poetisch ›besetzen‹. Die präzise Auffindbarkeit des wichtigsten Schauplatzes der Erzählung, verbunden mit seiner symbolischen Aufladung als Herz des Waldes und als Naturauge, musste, als die Erzählung bekannter wurde, touristische Folgen haben.

So schreibt Stifter am 23. August 1855 an Heckenast aus dem Böhmerwald: 

Es kommen in neuer Zeit sehr viele Besucher hieher, Rosenberger sagt, daß gegen Ende August u Anfangs September fast kein Tag vergeht, an dem nicht eine oft sogar zwei Gesellschaften kommen, den Dreisesselberg oder den Blokenstein u den See zu besuchen (die Entfernung beträgt zum Dreisesselberg 1 ½ zum See 2 ½ Stunden). Rosenberger hat sich den Hochwald schon mehrere Male gekauft, u immer ist er ihm wieder von Freunden entführt worden. Ich sagte neulich zu ihm, ich werde Ihnen schreiben, daß Sie hier einen Stand mit diesen Büchern aufrichten sollen, wie bei Wallfahrtskirchen Bilder mit den Wundern des Heiligen verkauft werden, der in der Kirche verehrt wird. Die bei weiten meisten Besuche kommen von Deutschland herüber. Gestern waren 5 Passauer da, u 6 Personen aus Wels. […] Eben geht wieder eine Gesellschaft Männer, Rosenberger mit ihnen, zum See hinauf. Ich möchte heiße Thränen weinen, daß ich nicht mitgehen kann. Es ist gewissermaßen mein See, u ich kann ihn nicht sehen. (Briefe 3, 140)

Nach Stifters Tod beschlossen Freunde und Verehrer die Errichtung eines Denkmals für den Dichter in der Gegend um den Plöckenstein. Der Obelisk wurde 1877 eingeweiht; darauf wird Stifter ausdrücklich als »Dichter des Hochwald« gewürdigt.

Doch zurück zum Erscheinen der Erzählung. Eine ausführliche Besprechung findet sich in den »Österreichischen Blättern für Literatur und Kunst« vom 4. Januar 1845; der Enthusiasmus verrät auch, wo die Erzählung politisch zugeordnet wurde – in Opposition nämlich zur liberalen, kritischen und politischen Literatur: 

Ein ganz vollendetes Werk, würdig, in der neuesten deutschen Novellen-Literatur einen der ersten Plätze einzunehmen, ist der »Hochwald«, welche Erzählung einzig und allein in ihrer Art unübertrefflich, wie eine hohe, duftige, vom Alpenroth übergossene Alpe über die niederen Gipfel emporragt aus der heiligen Stille der Thäler, nichts über sich, als das Blau des ewigen Himmels. Mögen seine übrigen Erzählungen an gediegene Werke anderer ausgezeichneter Schriftsteller in der Art mahnen, wie ein Gemälde eines Meisters, trotz der Verschiedenheit des Gegenstandes, an das eines andern, durch ähnliche Behandlung der Farben oder anderer Außendinge der Technik: diese Erzählung ist ein ganz für sich Bestehendes, Abgeschlossenes, ist ihre eigene Gattung, und hätte der Verfasser nichts geschrieben, als diese, so wäre sein Wunsch, »Menschen, die ungefähr eben so fühlen, eine frohe Stunde zu machen,« im vollsten Maaße erfüllt! Solche Schriften sind es, die wahrhaft veredelnd wirken, weit sicherer, als die abschrecken sollenden Gemälde des Lasters, und die Aufdeckungen des glänzenden Elendes, welches der Firniß der Überfeinerung bedeckt. In unserer Zeit, wo die sozialen Gebrechen so häufig mit der falschen Waffe bekämpft werden, daß man bald die Wände der Gefängnisse, bald die Vorhänge der Boudoirs leichtfertiger Weiber wegzieht, bald diese, bald jene Verworfenheit an Beispielen aus allen Klassen der Gesellschaft vormalt, und dann mit großartigen Vorschlägen ausrückt, wie der Menschheit in Masse abzuhelfen, und das ganze Geschlecht durch gewisse legislative und politische Formänderungen zu veredeln sei: in unserer Zeit thäte es weit mehr Noth, durch Schriften, welche den Glauben an sich selbst kräftigen, auf die Einzelnen zu wirken, als durch solche, welche den Glauben an die Menschheit erschüttern, kalte Vorsicht und Mißtrauen, eine der Hauptingredienzien des Zeitgeistes, zu nähren. (Österreichische Blätter für Literatur und Kunst, 4. Januar 1845, S. 14)

Stifter selbst sah in späterer Zeit durchaus skeptisch auf das Werk, das seinen Ruhm begründete. Heckenast schreibt er am 7. März 1860 von einem neuen Verhältnis zur historischen Wirklichkeit, das er bei der Arbeit an seinem letzten Roman »Witiko« erprobt:

 Ich freue mich, wenn ich Ihnen werde mündlich davon erzählen können. Schriftlich wäre es zu weitläufig. Der Unterschied zwischen einem Fantasiestoff u einem gegebenen ist für mich ungeheuer. Ich habe eigentlich einen gegebenen Stoff nie bearbeitet. Im Hochwalde habe ich die Geschichte als leichtsinniger junger Mensch über das Knie gebrochen, u sie dann in die Schubfächer meiner Fantasie hinein gepfropft. Ich schäme mich jetzt beinahe jenes kindischen Gebarens. Jezt steht mir das Geschehene fast wie ein ehrfurchtgebietender Fels vor Augen, u die Frage ist jezt nicht mehr die: »was will ich mit ihm thun?« sondern: »was ist er?« Und die Antwort ist so schwer, daß, wenn ich sie nur zum Theuile finde, u geben kann, das Gegebene unendlich mehr ist, als das, was ich hätte machen können, u in meiner Jugend auch gemacht hätte. (Briefe 4, 544 f.)

Veröffentlicht am 20. Februar 2025. Zuletzt aktualisiert am 20. Februar 2025.