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Der Hochwald

Sprache und Stil

Stifter findet im »Hochwald« gegenüber seinen früheren, sprunghafteren Erzählungen zu einem glatteren, fließenderen Stil, ohne schon die Monotonie und die Sprödigkeit auszubilden, die zum Beispiel seinen ersten Roman, den 1857 erschienenen »Nachsommer« charakterisieren. Vergleicht man den »Hochwald« gar mit dem zweiten und letzten Roman »Witiko« (1867), erscheint einem die Sprache üppig, voll, weich und melodisch. Monotonie und Gleichförmigkeit liegen bereits im Gegenstand der Erzählung bereit – in dem eintönigen Waldleben, das die Protagonisten führen, und das in so eigenartigem Kontrast zur Folie des Dreißigjährigen Krieges steht –, greifen aber noch nicht auf die sprachliche Gestaltung über.

Typisch ist eine schwebende, den Fall der Stimme über lange Zeit hinauszögernde Diktion. Folgende Passage aus dem zweiten Kapitel mag das illustrieren:

Klare, liebliche, silberhelle Menschenstimmen – Mädchenstimmen – drangen zwischen den Stämmen vor, unterbrochen von dem teilweisen Anschlage eines feinen Glöckleins – – Gleichsam wie lauschend dem neuen Wunder hielt die Wildnis den Atem an, kein Zweig, kein Läubchen, kein Halm rührte sich – die Sonnenstrahlen traten ungehört auf das Gras und prägten grüngoldne Spuren – die Luft war unbeweglich, blank und dunkelblau – nur der Bach, von seinem Gesetze gezwungen, sprach unaufhörlich fort, flüchtig über den Schmelz seiner Kiesel schlüpfend wie über eine bunte Glasur. (282)

Obwohl die Passage sechs grammatisch abgeschlossene Hauptsätze enthält, wird die Stimme am Fallen konsequent durch die Interpunktion gehindert: am deutlichsten durch die Gedankenstriche, ja den doppelten Gedankenstrich, der ein Innehalten, ein Unterbrechen des Redeflusses markiert. Und das Zitat müsste noch um mehr als dieselbe Länge erweitert werden, sollte es bis zum ersten, einfachen Punkt kurz vor Ende des Absatzes reichen, denn auch der Folgesatz wird mit einem Gedankenstrich angeschlossen. (»[…] eine bunte Glasur. – Näher und näher klangen Stimmen und Glöcklein – plötzlich sprang eine Gestalt vor […].«)

Wichtigstes Stilmittel bei der Naturbeschreibung ist die Anthropomorphisierung der Natur, ihre Vermenschlichung also, und zwar mit Blick auf die wechselseitige Wahrnehmungsfähigkeit. Hierzu gibt es ebenfalls im zweiten Kapitel viele Belege – am eindrucksvollsten die Stelle am Kapitelanfang, an der die Erzählung die Wahrnehmung der Wanderer durch den Wald, also eine ganz bestimmte Stelle im Wald, imaginiert (vgl. 281-283). Dafür müssen die Waldblumen denn horchen können, die Wildnis muss den Atem anhalten, das Gras sehen können. Zwei Absätze weiter werden die Gewächse des Waldes wie eine menschliche Gesellschaft beschrieben: 

Sie betrachten und vergnügen sich an den mancherlei Gestaltungen des Waldes, die vielzweigige Erle geht am Wasser hin, die leichte Buche mit den schönfarbigen Schaften, die feste Eiche, die schwanken Halme der Fichten stehen gesellig, und plaudern bei gelegentlichen Windhauchen, die Espe rührt hiebei gleich alle ihre Blätter, daß ein Gezitter von Grün und Silber wird, das die Länge lang nicht auszutaumeln und auszuschwingen vermag – der alte Ahorn steht einsam und greift langarmig in die Luft – die Tannen wollen erhabne Portiken bilden, und die Büsche, Beeren und Ranken, gleichsam die Kinder, sind abseits und zurück in die Winkel gedrängt, daß mitten Raum bleibe für hohe Gäste. (283) 

Zentrum des poetischen Eingriffs in die Wirklichkeit sind, wie man sieht, die Verben: Die Bäume und Pflanzen tun mehr, als sie eigentlich vermögen. Erhöht wird so insgesamt der Grad der Lebendigkeit in der Natur und – wie gesagt – der wechselseitigen Rezeptivität.

Veröffentlicht am 20. Februar 2025. Zuletzt aktualisiert am 20. Februar 2025.