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Der Hochwald

Waldfels

Zusammenfassung

Im Waldhaus leben sie wieder in der alten Freiheit: Die Vorkehrungen zur Verteidigung werden aufgehoben, und die Töchter können wieder wie sonst spazierengehen. Die Stimmung zwischen den Schwestern hat sich dennoch verändert, denn Clarissa fühlt sich nun als Braut. Sie versucht dennoch, das innige Verhältnis zur Schwester zu erhalten.

Das Jahr schreitet weiter voran und der Herbst mit seinen Erscheinungen beschäftigt ihre Wahrnehmung.

Von der Burg und vom Vater kommt längere Zeit keine Nachricht, und der Himmel ist so bedeckt, dass die Sichtverbindung zur Burg unterbrochen ist.

Als das Wetter endlich aufklart, sehen sie – der Himmel ist sonst ohne Bewölkung – die Burg von einer einzigen Wolke verhüllt, die nicht von der Stelle weicht. Am nächsten Morgen steigen sie wieder auf den Berg, und nun erblicken sie durch das Fernrohr die Brandruine der Burg. Clarissa zeigt sich überzeugt, dass dennoch ihren Verwandten nichts geschehen sein könne, weil Ronald das nicht zugelassen hätte. So beruhigen sie sich, wie es eben geht.
Sie schicken Boten aus, die nicht zurückkehren. Auch kommt in vielen Tagen niemand zu ihnen, um zu berichten.

Analyse

Auf unterschiedliche Weise werden von der Erzählung in Wirklichkeit zwei Ereignisse vorbereitet.

Das eine ist die in der Geschichte selbst bewusste Gefahr der Belagerung und Zerstörung der Burg als unmittelbare Folge des Durchzugs des schwedischen Heeres. Dies ist es, was bewusst von den Protagonisten erwartet und befürchtet wird.

Das andere, an dieser Stelle schon eingetretene Ereignis ist von den Protagonisten bewusst nicht erwartet worden, es wurde aber im Text der Erzählung in Wirklichkeit weit gründlicher und verzweigter vorbereitet als die erwähnte Kriegshandlung: durch motivische Vorwegnahmen, durch die Maskierung des Liebhabers als geisterhafter Wildschütze, durch die erotisch-schwüle Intimität der Schwestern. Die Schilderung von Clarissas Verwandlung nach der Verlobung bezeugt für sie eine richtige, natürliche Entwicklung ihres Wesens, eine Reifung und Vervollkommnung, die die jüngere, noch von der Liebe unberührte Schwester nicht begreifen kann.

Das, was nach dem Verlobungskapitel noch aussteht, ist also das andere, das an der Textoberfläche angekündigte Ereignis. Es ist der Verlobung offensichtlich nachgeordnet – nicht nur in der textlichen Reihenfolge, sondern auch, was die Unmittelbarkeit des Erlebens angeht. Bevor es eintritt, findet die Erzählung zu der raffenden, breitflächig dahingehenden Erzählweise zurück, zu den Schilderungen der vorrückenden Jahreszeit und den Reden Gregors und der Töchter, die einzelnen natürlichen Phänomenen gelten. Die Spannung ist abgefallen, und die Vorbereitung des Anblicks der zerstörten Burg steht in auffälligem Kontrast zu der Vorbereitung von Ronalds Auftritt: Gab es dort zwei rätselhafte, zeichenhafte Ankündigungen in der unmittelbaren Nähe der Protagonisten, wird jetzt das bloße Aussetzen des bisher etablierten Kontakts zur Burg zum Vorboten des Unheils; des Kontakts über die Leute, die bisher Nachrichten brachten, und des visuellen Kontakts durch das Fernrohr, den jetzt die ungünstige Witterung verhindert und endlich freigibt.

Sein expositorisches Potenzial hat das erste Kapitel mit dem Eintreten des von den Figuren unerwarteten, wiewohl textlich vorbereiteten Ereignisses noch nicht vollständig verbraucht. Das Gespräch über die Männer, das Clarissa und Johanna in der Nebelzeit führen, ist Variation und Interpretation des Gespräches über den Charakter des Liedes, das Clarissa dort angestimmt hat:

    »Wie schön er ist, und wie hold er unsre Sprache redet«, sagte Clarissa plötzlich.
    »Aber,« entgegnete Johanna, »eines Tages wird er fortgehen und ein Held werden, wie sie sagen, das heißt er wird Menschenblut vergießen, wie die anderen, ohne um den Grund zu fragen, wenn nur Abenteuer und Gefahr dabei ist, und da wird er sich erst groß und würdig dünken. Klebt auch, wie du sagst, noch kein Tröpflein deutsches Blut an seinen Händen, so wissen wir nicht, ob es nicht in dem Augenblicke der Fall sein kann, als wir hier reden, oder morgen oder übermorgen – – es ist ein hartes, gewalttätiges Geschlecht – o wie hasse ich sie, diese Männer!«
    Clarissa lächelte selig und schüttelte sanft das Haupt.

Wieder liegt der Einspruch der älteren Schwester – hier nur durch die Geste angedeutet – auf einer höheren, Johanna noch unverständlichen Ebene: Hier wird der Gegensatz der Geschlechter nicht geleugnet, sondern in seiner Produktivität, und als Voraussetzung der vereinigenden Liebeskraft, begrüßt.

Auch die Reihe der Naturbeobachtungen und -reflexionen wird in dem Kapitel noch einmal aufgegriffen und – was die Bedeutung für die Gesamthandlung betrifft – zu einem Höhepunkt geführt. Denn bei der Betrachtung der Trauermäntel, die sich in der trügerischen Hitze des Nachsommers zu früh entwickelt haben, werden die Themen Natur und Liebe gekreuzt. Gregor sagt es: »Diese Thierchen sterben bald nach der Hochzeit, und wie oft habe ich nicht eine Mutter todt an demselben Zweige hängen gefunden, um den sie ihre Eier gelegt hatte.« Dieser Tod ist also kein tragischer Tod, sondern die natürliche Folge der Vermählung und der Sicherung des Fortbestandes der Art. Es ist gewissermaßen ein gesunder Tod, das »Stirb und werde!« des Goethe-Gedichts »Selige Sehnsucht« und des Evangeliums (Mt. 16, 25) – der Tod, der in Wirklichkeit die Voraussetzung für die Überwindung des Todes ist.

    Wenn sie sich aber nicht vermählen, so erstarren sie, und seht, in einer Felsenritze geduckt, oft in Eis und Schnee gefroren, überdauert dieses zerbrechliche Wesen den harten Winter des Waldes, und erlebt dann seinen versprochenen Frühling. Habt ihr noch nie schon beim ersten Sonnenblicke, wenn noch kaum Halm und Gras hervor ist, einen Falter fliegen sehen mit ausgebleichten, zerfetzten Flügeln, wie ein vorjährig verwittert Blatt? – dies ist so ein Ueberwinterer. (342)

Das ist das Schicksal, das den Schwestern, die sich am Ende nicht vermählen, bevorsteht.

Die motivische Reihe des Fernrohrs wird in dem Kapitel ebenfalls zum Abschluss gebracht. Ihr Sinn und ihre Pointe liegt darin, dass im Fernrohr die Katastrophe sichtbar wird – und doch ihr Gehalt, nämlich ihre tragische Verursachung durch den Auftritt Ronalds, verborgen bleibt. Vor den Töchtern scheint ein Faktum des Krieges zu liegen, dessen Auswirkungen auf die Familie, bei all den Vorkehrungen, die getroffen wurden, und bei dem zusätzlich durch Ronald versprochenen Schutz, nicht sehr groß einzuschätzen sind. So können beide Linien, die Kriegslinie und die erotische Linie, noch getrennt gehalten werden, obwohl sie sich im Ereignis des Sturms auf die Burg bereits verbunden haben. Es ist die mediale Beschaffenheit des Fernrohrs, die diese Trennung ermöglicht. Der Sehsinn wird aus dem Verbund der Sinne isoliert; und die Burgruine wird zu dem undechiffrierbaren Zeichen, zu der mehrdeutigen Metonymie, die sie auch der Gegenwart geblieben ist.

Veröffentlicht am 19. Februar 2025. Zuletzt aktualisiert am 19. Februar 2025.