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Der Hochwald

Waldhaus

Zusammenfassung

Am nächsten Morgen verabschieden sich Wittinghausen, Felix und der Ritter Bruno. Wittinghausen möchte in der Burg sein, um sie gegen schwache Feinde verteidigen und starken Feinden ehrenvoll übergeben zu können. Er bezeichnet den Töchtern den Ort, an dem sie Auskunft über das Versteck erhalten, in dem ihr Vermögen ruht, und erklärt ihnen noch einmal die Sicherheitsvorkehrungen an ihrem neuen Wohnort: Die Wiese ist nur über den See zugänglich, und die Flöße – mit zwei kugelsicheren Häuschen ausgestattet – dürfen niemals am andern Ufer zurückbleiben; gefährliche wilde Tiere gibt es in diesen Gegenden nicht; Gregor kann sie in der größten Not in einer Höhle in der Felswand verstecken. Gregors zweiter Enkel werde zwischen der Burg und dem Waldplatz Nachrichten übermitteln.

Bei der Verabschiedung wird noch einmal die eigenartige Beziehung des Ritters Bruno zu Clarissa deutlich.

Die Töchter leben sich nun an ihrem neuen Wohnort ein, erkunden das Haus und die nähere Umgebung und werden mit Gregor vertraut. Der erste Spaziergang über die Grenzen der Waldwiese, auf der das Haus steht, hinaus, geht auf den Blokenstein: Dort schauen sie durch das Fernrohr bis zur väterlichen Burg, die wohlerhalten dasteht. Der Botenkontakt mit dem Vater funktioniert und es kommen beruhigende Nachrichten. Der Ausflug auf den Blokenstein wird wiederholt, und noch weiter gehen die Spaziergänge. Tage und Wochen vergehen.

Analyse

Der Erzähler hat sich entschieden, zur Scheidung der Kapitel 2 und 3 die erste Nachtruhe an dem neuen Wohnort zu wählen, und nicht das Erreichen desselben, und nicht die Auflösung der Reisegemeinschaft. Die steht zum Ende des zweiten Kapitels noch aus und muss, gleichsam überlappend, im dritten Kapitel nachgetragen werden, bevor mit der Schilderung des eigentlichen Waldaufenthaltes begonnen werden kann.

In diesem ersten Teil des Kapitels sind zwei Momente bedeutsam: Die Reden des Vaters können als Fortsetzung seiner Erklärungen aus dem ersten Kapitel betrachtet werden. Er erläutert noch einmal ausführlicher die Sicherheitsvorkehrungen, die er für die Töchter getroffen hat, und es wird überdeutlich, dass ihr neuer Wohnort nicht nur die Inneneinrichtung ihrer Gemächer reproduziert, sondern auch die militärische Funktion der Burg. Tatsächlich handelt es sich bei dem Waldhaus um eine Festung, die für die militärische Defensive in ähnlicher Weise von natürlichen Gegebenheiten Gebrauch macht, wie so manche Burg des Mittelalters und der Frühen Neuzeit: Der See dient als Burggraben, die Flöße als Zugbrücke; die Felswand sichert den Rücken und dort, wo der See umgangen werden konnte, ist er künstlich erweitert worden (vgl. 298). Sollte die Festung ›fallen‹, gibt es innerhalb der Festung eine nächste Festung – ein noch sichereres Refugium in der Felswand selbst.

Was immer der Wald und das Leben im Wald im Gegensatz zum Leben auf der Burg und im Kulturraum in der Erzählung und für die Töchter bedeuten mag – aus der Perspektive des Vaters ist der Waldplatz ganz einfach die sicherere Festung.

Das zweite bedeutsame Moment betrifft wieder den Ritter Bruno und sein Verhältnis zu Clarissa. Die über ihn gemachten Andeutungen werden noch einmal zusammengefasst und erweitert, weil der Moment des Abschiedes das gegenseitige Verhältnis ins Bewusstsein hebt – ja der Erzähler tut so, als ob er selbst jetzt erst recht auf es aufmerksam würde:

    seitwärts stand der rätselhafte Begleiter ihrer Reise, der Ritter, von dem wir erst jetzt, wie er Clarissen dunkel und düster anstarrt, bemerken, daß er eigentlich ein sehr bedeutungsvoller Mann sein müsse, nicht mehr ganz jung, doch liegen unter der gedankenvollen Stirne zwei Flamme von Augen brennend und geistvoll, und von jener tiefen Schwärze, die Männern so gut steht, wenn es drinnen ungewiß lodert, halb Kühnheit und halb Schwermuth. (299)

Clarissa begegnet ihm verpflichtet und offen, doch nicht ausdrücklich als Umworbene.

Das Kapitel hat, insgesamt betrachtet, eine ABAB-Struktur, insofern szenisches und raffendes Erzählen alternieren: Szenisch ist der Abschied erzählt, szenisch auch die Erprobung des Fernrohrs auf dem Blokenstein; dazwischen und danach liegen raffende Passagen, die Entwicklungen, die sich über eine längere Zeit erstrecken, zusammenfassen.

Es zeichnet sich eine Beruhigung der Verhältnisse ab, die – der Leser weiß, dabei kann es nicht bleiben – die Spannung auf eine indirekte Weise erhöht:

    und da schon Tage und Wochen vergangen waren, ohne daß sich das mindeste Böse einstellte, ja da draußen alles so schön und ruhig lag, als wäre nirgends in der Welt ein Krieg, und sogar nach des Vaters letzter Nachricht der Anschein war, als würde über Wittinghausen gar niemals etwas kommen: so erheiterten und stillten sich wieder ihre Gemüther, so daß die Erhabenheit ihrer Umgebung Raum gewann, […]. (304 f.)
Veröffentlicht am 19. Februar 2025. Zuletzt aktualisiert am 19. Februar 2025.