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Der Hochwald

Waldruine

Zusammenfassung

Im November kommt der Ritter Bruno, der vor fünf Tagen aus der Gefangenschaft entlassen wurde, in die Ruine, in der die Schwestern in einer notdürftig hergerichteten Wohnung hausen. Er wird von ihnen begrüßt, die noch über den Hergang der Katastrophe keine genaue Kenntnis haben. Bruno gibt seine Werbung um Clarissa auf, und er sagt, wenn er um ihr Verhältnis zu Ronald gewusst hätte, hätte er schon früher sich nur als Verwandter zu ihr verhalten, ja vielleicht die Katastrophe verhindert. Weil sie darum bitten, gibt er ihnen Bericht:

Der Heerzug der Schweden sollte weit links gehen und Wittinghausen nicht berühren; aber Gallas sendete Völker (Bruno darunter), um in einem Wald, der sich von hier nach rechts gegen das Moldautal zuwendet, Schanzen aufzuwerfen und den Feind zurückzuweisen. Friedbergs Bewohner mussten sie graben. Bruno warnte Wittinghausen einen Tag vor dem Angriff, zu fliehen, doch der wähnte sich sicher, da ein Haufen Kaiserlicher die Burg bewachte. Singend stiegen die Schweden den Wald heran; sie wurden angegriffen und taumelten zurück, verbrannten Friedberg und setzten zum Gegenangriff an. Die Kaiserlichen zogen sich teilweise in die Burg Wittinghausen zurück, die nun belagert wurde, und hielten gegen den ersten Angriff aus. Die Belagerung zog sich dann über mehrere ereignislose Wochen. Als gerade die Unterhandlung beginnen und die Belagerung aufgehoben werden sollte, kam ein junger Mann zu den Schweden, der allgemeinen Respekt zu genießen schien. Er machte sich zur Burg auf und verlor zufällig seinen Helm, sodass seine blonden Locken sichtbar wurden. Wittinghausen, von der Burg her ihn unverwandt anstarrend, warf zornentbrannt nach ihm seine Lanze. War dieser Wurf selbst unschädlich, diente er doch den Belagerten zum Zeichen des Angriffs. Sie schossen auf den Schweden und es begann eine Schlacht, die Wittinghausens, Ronalds und Felix’ Leben forderte.

Clarissa plagen Schuldgefühle, sie verwünscht die Waldwiese und verspricht, von nun an Johanna ihre ganze Liebe wieder zuzuwenden. Sie bittet Bruno, ein Fenster in ihrer neuen Wohnung zu machen. Er verspricht allen Beistand und reitet wieder fort.

Die Schwestern bleiben in der Ruine wohnen, ohne die Burg völlig wieder zu errichten. Sie bleiben unvermählt. Clarissa bewahrt das Andenken Ronalds, während Johannas Liebe auf ihre Schwester gerichtet bleibt. Sie werden beide sehr alt.

Das Waldhaus zündet Gregor wie geplant an – der Platz wird wieder Wildnis.

Analyse

Die beiden Zickzacklinien der Bedrohung durch den Wildschützen einerseits und durch den Krieg andererseits können mit dem Bericht Brunos endlich zusammengeführt werden. Im sechsten Kapitel war die Katastrophe auf das äußere Zeichen ihrer Wirkung, die Zerstörung der Burg Wittinghausen, reduziert worden. Weil Ronald versprochen hatte, in die Kriegshandlung zugunsten der Familie einzugreifen, erscheint die Tatsache, dass die Burg nun doch zerstört wurde, als Scheitern seiner Bemühungen; aber wenigstens mit Blick auf Leben und Unversehrtheit der Verwandten verspricht man sich einen guten Ausgang.

Tatsächlich – das wird nun klar – liegen die Dinge genau umgekehrt. Der Krieg selbst hätte für Burg und Familie keine Bedrohung mehr dargestellt. Erst das Hinzukommen Ronalds und dass er von Wittinghausen erkannt wird, bringt – bildlich gesprochen – das um die Burg angehäufte Pulver zur Explosion.

Die wichtigste Frage ist nun die nach der Motivation des Lanzenwurfes. Weder Gregor noch Clarissa noch Ronald selbst scheinen gegen die Verlobung mit einem entschiedenen Widerstand des Vaters der Braut zu rechnen. Das Verhältnis Wittinghausens und Ronalds bei dem früheren Aufenthalt wird ausdrücklich als ein gutes Verhältnis charakterisiert. Hat der Freiherr Gregor einfach nicht erkannt – hat er ihn für einen neuen Feind gehalten, ist er einer falschen Einschätzung im Militärischen erlegen – hat Ronald seine Funktion als Unterhändler nicht deutlich genug signalisiert? Diese erst einmal naheliegende Erklärung scheidet bei genauerem Hinsehen auf den Text jedoch aus. Die Passage lautet:

    Am andern Morgen ritt derselbe Mann – ach wir glaubten, um zu recognosciren, ungewöhnlich nahe an die Mauern – und, wie es manchmal der Zufall will, der Helm entfiel ihm – ein ganzer Wall von blonden Locken rollte in diesem Momente über seinen Nacken – – …
    War es nun Verblendung, war es Verhängnis, das sich erfüllen mußte, wir verstanden die Zeichen des Jünglings nicht, wie er so zuversichtlich vorritt, ja euer Vater mit allen Merkmalen höchster Überraschung sah lange und unverwandt auf ihn hin; – da sah ich nach und nach ein Rot in seine Wangen steigen, bis sie dunkel wie in Zornesglut brannten. Ohne eine Silbe zu sagen, schleuderte er mit einem Male seine Lanze gegen den Reiter, nicht bedenkend, daß sie auf diese Entfernung gar nicht treffen könne – ach, sie traf auch nicht, die arme, schwache, unschuldige Lanze – allein sie wurde das Zeichen zu vielen andern, die augenblicks von unsern Leuten flogen; auch hörten wir zugleich das Krachen von unsern Doppelhaken hinter uns. Von den Schweden sahen wir nur noch, wie viele vorsprengten, um den Reiter in ihre Mitte zu nehmen, wie er sank – und dann, ehe uns noch kaum Besinnung wiederkehren konnte – – war schon Sturm hier, dort, überall – wütend von der Schwedenseite, wie nie – Rauch, daß kein Antlitz auf drei Schritte erkennbar war – – Clarissa, höret Ihr? (355 f.)

Während die Verteidiger der Burg das Geschehen durchweg militärisch deuten, drängt sich für Wittinghausen selbst noch eine andere Dimension auf. Sein langes Hinsehen und sein Zornesausbruch, der auf dieses Hinsehen folgt, deuten darauf, dass er Ronald doch erkennt. Er verliert ja gerade den Helm und erscheint in der vollen Schönheit seiner Locken – tauscht gewissermaßen das militärische gegen das erotische Attribut.

Gibt es in Wittinghausen also etwas, das sich mit ungestümem Affekt gegen die Preisgabe seiner Tochter an einen Fremden wehrt? Jetzt, in der Rückschau, wird die Sorgfalt doch etwas verdächtig, mit der er die Töchter verbergen, mit der er ihren Kontakt zu den Schweden um jeden Preis verhindern wollte – auch um den Preis der Übergabe der Burg und seiner eigenen Person (vgl. 297). Der Vetter Bruno, der offenbar mit dem Wohlwollen des Vaters um Clarissa verhalten wirbt, ist ein entfernter Verwandter – ist also kein Fremder, und offenbar niemand, der Clarissa erotisch zu überwältigen und in ihr die Leidenschaft zu entfachen verdächtig wäre, die Ronald in ihr schon im Kindesalter geweckt hat.

Gibt es im ersten Kapitel eine Andeutung auf den Kontrollverlust, den Wittinghausen in der Katastrophe erleidet, liegt er vielleicht bei der Erwähnung des Wildschützens durch Johanna – also an ganz passender Stelle, auch wenn nicht klar ist, ob Wittinghausen um die Identität des Wildschützens Bescheid weiß, oder ob er ihn wirklich für das Produkt eines haltlosen Gerüchts hält. Dort sagt Johanna: »Aber ein Mörder und Wildschütze ist dort.« Und dann heißt es: »Der Vater zuckte bei diesen Worten empor, und sagte, aber sehr gelassen und fest: ›Es ist keiner dort. […]‹« (276)

Während Vater, Sohn und Bräutigam bei dem Sturm ums Leben kommen, von der Gewalteruption, die der Lanzenwurf ausgelöst hatte, also verschlungen werden, erstirbt in den Töchtern die Fähigkeit zur Verwandlung und zur Reproduktion. Die Konservation ihres innigen Verhältnisses bis ins hohe Alter erscheint in Wirklichkeit als Erstarrung: Die Entwicklung, die in Clarissa angezeigt worden war – die Umwälzung der Persönlichkeit unter der Wirkung des Eros, die Loslösung von der Familie und die Stiftung einer neuen Verbindung – kommt nicht zur Ausführung, in Johanna beginnt sie gar nicht erst. Bruno, der eigentlich jetzt hätte zum Zuge kommen können, gibt seine Werbung auf und zieht sich auf die Rolle des Verwandten und des Beschützers zurück.

Die Ruine wird bewohnbar gemacht, ohne doch den Charakter der Ruine zu verlieren. Die Bitte Clarissas um ein Fenster schließt die komplexe Reihe optischer Motive ab (vgl. Choh, The Glass Between: Window and Telescope as Framing Devices in Adalbert Stifter’s Der Hochwald).

Gregor, als Repräsentant des im sechsten Kapitel zurückgelassenen Naturraums, hat im siebten Kapitel nurmehr einen schemenhaften, beinahe geisterhaften Auftritt. Ihm ist der Schluss der Erzählung gewidmet. Er geht in den Waldesraum wieder ein, der ein ahistorischer Raum ohne distinkte Ereignisse ist. Deswegen ist auch sein Tod, sein Verschwinden nicht deutlich bezeichnet, deswegen heißt es lediglich:

    Einen alten Mann, wie einen Schemen, sah man noch öfter durch den Wald gehen, aber kein Mensch kann eine Zeit sagen, wo er noch ging, und eine, wo er nicht mehr ging. (359)
Veröffentlicht am 19. Februar 2025. Zuletzt aktualisiert am 19. Februar 2025.