Der Hochwald
Waldsee
Zusammenfassung
Die Wochen vergehen ereignislos. Schon im Nachsommer sitzen die Töchter eines Tages mit Gregor am See. Er erzählt von der Entdeckung des Sees, den er nur ihrem Vater und einem anderen, jungen Manne gezeigt habe, in seiner Jugend.
Während er erzählt, bemerken sie einen über dem See kreisenden Geier, den zu schießen Gregor anbietet, damit die Töchter die Federn haben können. Sie lehnen aber aus Mitleid mit dem schönen Tier ab.
Gregor nimmt seine Erzählung wieder auf. Verschiedene Erzählungen seien wegen des Sees im Umlauf gewesen: Von einem in der Felswand verborgenen Schatz, der nur an Karfreitag zugänglich würde und von Versuchen, den Schatz zu heben; von dem Dreisesselberg und von einem Fischfang im See: Die Fische wurden in der Pfanne immer lebendiger, es gab ein Brausen und Sausen, in dem die Worte zu vernehmen waren, nicht alle seien zu Hause – da warfen die Männer die Fische wieder in den See, und alles wurde ruhig.
Er aber habe in seiner Jugend den Wald immer besser kennengelernt, und sei einmal auf den See gestoßen, und habe sich nicht gefürchtet. Denn er habe damals schon gewusst, dass diese Sagen Andichtungen böser Menschen seien, die die wahren, unscheinbaren Wunder des Waldes gar nicht wahrnehmen können.
Noch in seiner Rede fällt ein Schuss, und der Geier, getroffen, fällt auf das Wasser. Nichts sonst ist zu sehen. Sie steigen in das Floß und fahren langsam zu dem Geier, den sie herausfischen. Gregor untersucht ihn und findet in ihm eine sehr kleine Kugel, die er erkennt. Er macht deutlich, dass er weiß, wer der Schütze war, und dass von ihm keine Gefahr droht. Die Töchter fordert er auf, sich ohne Angst zur Ruhe zu begeben, und das tun sie.
Clarissa liegt noch wach, bis sie hört, wie die Knechte, die auf Nahrungsmittel ausgeschickt waren, in der Nacht zurückkommen und von Gregor über den See gesetzt werden.
Analyse
Nach ereignislosen Wochen geschieht etwas. Aber ist es das Befürchtete?
Von Johanna gefürchtet wurde der sagenhafte Wildschütze, der besonders kleine Kugeln verwendet (vgl. 269: »und kein Mensch, als nur dieser Wildschütze gebrauche so kleine Kugeln«). Diese Angst wird, als Gregor die Kugel aus dem Geier birgt, wieder wach (vgl. 316: »Johanna fuhr vor Schreck zusammen – und auch Clarissa sah gespannten Auges und klopfenden Herzens auf das Angesicht des Jägers«), doch Gregor kann sie, weil er den Schützen zu erkennen meint und selbst keine Furcht zeigt, beruhigen. Man sieht die Zickzackbewegungen des Textes:
- Es gibt einen unheimlichen und gefährlichen Wildschützen im Wald, der besonders kleine Kugeln verwendet.
- Es gibt ihn nicht – das ist nur ein Gerücht, für das niemand Beweise hat.
- Es gibt ihn doch – Gregor erkennt ihn an der kleinen Kugel – aber Gregor kennt ihn und er ist harmlos.
Dies ist die Perspektive der Töchter, mit Blick auf den Wald als gefährlichen Ort.
Anders noch sieht es aus der Perspektive des Vaters aus, der auf den Krieg blickt.
- Der Vater fürchtet die Belagerung der Burg und ist bereit, sie einer Übermacht zu übergeben.
- Er fürchtet auch die kriegerische Belagerung des Waldhauses.
- Eine Belagerung der Burg bleibt vorerst aus.
- Auch eine Belagerung des Waldhauses findet nicht statt. Der Eindringling, der den Geier schießt, ist kein Militär, sondern ein Bekannter Gregors.
Wir werden sehen, wie beide Zickzackbewegungen weitergeführt werden, und wie sie am Ende in einem Punkt zusammentreffen.
Die Szene, die zum Gegenstand des Kapitels wird, ist kunstvoll gebaut. Aus dem raffenden Erzählmodus schert der Erzähler schon im zweiten Absatz durch die geläufige Formel aus und markiert diesen Wechsel mit einem doppelten Gedankenstrich: » – – da geschah es eines Tages, daß […].« (307) Man ist bereits im Spätsommer und die Wärme, die noch einmal herrscht, steht zu der vorgerückten Jahreszeit schon im Verhältnis des Außergewöhnlichen und Besonderen. Die beiläufige Erwähnung der Aktivitäten des Dienstpersonals zeigt eine gewisse Verwundbarkeit der Waldfestung an: Die Knechte sind schon seit drei Tagen »um Lebensmittel aus« (308) und werden am Abend zurückerwartet. Der Erzähler greift diese Ankündigung am Schluss des Kapitels auf: Ihre Rückkehr ist das letzte, was Clarissa vor dem Einschlafen noch wahrnimmt, und dieses Sich-Erfüllen der Erwartung und die Tatsache, dass die Knechte von dem Geschehenen nichts mitbekommen werden, scheint noch einmal zu bestätigen, dass das Befürchtete nicht passiert ist, dass alles in Ordnung ist.
Der Schuss auf den Geier bedarf eines Hintergrundes, das Außergewöhnliche bedarf des Gewöhnlichen, um kenntlich zu werden und seine Wirkung zu entfalten. Das Gewöhnliche ist in diesem Fall die Rast am See und das Gespräch Gregors und der Töchter. Wenn das Gespräch als solches mit Blick auf den Schuss zur Nebensache wird – der Inhalt des Gespräches ist doch für die Bedeutung der Erzählung zentral. Die öfter schon wiederholte, aufklärerische Bewegung, den Volksglauben, der sich an eine bestimmte Naturerscheinung geheftet hat, erst zu reproduzieren und dann zurückzuweisen, betrifft jetzt den Aufenthalt der Töchter selbst, den Waldsee, der schon in der Einführung durch den Erzähler mittels der Augenmetapher als Zentrum des Naturraumes ausgewiesen worden war:
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Oft entstand mir ein und derselbe Gedanke, wenn ich an diesen Gestaden saß, als sei es ein unheimlich Naturauge, das mich hier ansehe – tief schwarz – überragt von der Stirne und Braue der Felsen, gesäumt von der Wimper dunkler Tannen – drinn das Wasser regungslos, wie eine versteinerte Thräne. (261)
In der letzten Rede vor dem Schuss findet der Leser noch einmal eine Zusammenfassung von Gregors besonderem Verhältnis zur Natur: Er hält das Wunderbare, das die Menschen der Natur andichten, für unzulässige Vermenschlichungen der Natur, für Beweise der mangelnden Fähigkeit der Menschen, sich wirklich auf die Natur und ihre Erscheinungen einzulassen. Tatsächlich sei die Natur voller Wunder, tatsächlich sei sie ein Ort der Gottesbegegnung: doch still und unscheinbar, und nur für den sichtbar, der von sich selbst absehen kann. Zu dieser Erkenntnis sei Gregor bei der Gegenüberstellung des Waldsees und des Dreisesselberges und der Menschenländer gelangt:
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– und wie ich nun öfter hier und dort war, erkannte ich gar wohl, daß dieß alles nur Gottes Werk sei und nicht der Menschen, zu denen sich nur die Sage davon verlor. Sie können nichts bewundern, als was sie selber gemacht haben, und nichts betrachten, als in der Meinung, es sei für sie gebildet. (313)