Der Hochwald
Waldwanderung
Zusammenfassung
Clarissa und Johanna siedeln in einer längeren Wanderung in das Haus am Waldsee über. Sie werden von ihrem Vater Wittinghausen, ihrem Bruder Felix und dem Ritter Bruno begleitet. An einem Felsen treffen sie Gregor, den alten Freund Wittinghausens, der mit ihnen im Waldhaus wohnen und sie auf dem Rest des Weges führen soll. An dem Felsen werden auch die Pferde drei Männern übergeben, die sie zurückführen.
Nach einer Rast und einem kurzen Anstieg treffen sie auf einem Rasenplatz zwei Männer, die eine Sänfte bei sich haben. Darin legen die Töchter den Rest des Weges zurück. Gregor erklärt ihnen sein Verhältnis zum Wald und auch der Vater erzählt von ihrer früheren Bekanntschaft. Im Gespräch mit Clarissa berichtet Gregor von zwei Erklärungen, die wegen des immer zitternden Espenlaubs kursieren, und setzt seine genaue Beobachtung und Erklärung des Phänomens dagegen. In der Abenddämmerung erreichen sie den See. Mit einem Floß setzen sie über, dann werden sie von den beiden Mägden und den drei Knechten empfangen, die im Waldhaus dienen, und die Töchter werden von Wittinghausen in ihre Gemächer geführt, die denen in der Burg detailgetreu nachgeahmt sind. Alle begeben sich zur Ruhe.
Analyse
Auf über 15 Seiten schildert das Kapitel den Übergang von der Burg in das neue Domizil der Töchter am Blokenstein. Dieser Weg wurde von der Erzählung schon einmal ›genommen‹, aber in umgekehrter Richtung, und ohne auf der Textebene die Beschwerlichkeiten und die Länge einer tatsächlichen Wanderung abzubilden: Im ersten Kapitel hatte es geheißen: »Dieß ist der eine der zwei obbemerkten Punkte, lasset uns nun zu dem andern übergehen.« (262) Die Entfernung wird dort mit zehn Wegstunden angegeben, was der vollen Tagesreise des zweiten Kapitels entspricht: Man beachte, wie sorgfältig der Erzähler die Tageszeiten und ihre Lichtverhältnisse notiert.
Die Begegnung Gregors stellt die wichtigste Gliederung dar, etwa auf der Hälfte des Weges und nach einem Drittel des Textes. Gregor übernimmt im Wald die väterliche Funktion des Beschützers. Obwohl Wittinghausen noch bis zum Waldhaus mitkommt, erscheint es so, als ob die Töchter der neuen Autorität auf halbem Wege übergeben würden. An dieser Stelle ändert sich auch das Fortbewegungsmittel: Zuerst sind sie geritten, dann werden sie in einer Sänfte getragen. Und erst ab der Begegnung mit Gregor werden Gespräche vom Erzähler wiedergegeben. Sie dienen der Vorstellung der neuen Figur, die im ersten Kapitel nur kurz von Wittinghausen erwähnt worden war.
Interessant ist die Gegenwart noch einer weiteren Figur, die nun tatsächlich, wäre es auch nur durch Andeutungen, im Eingangskapitel nicht eingeführt worden war, und die auch jetzt ohne Namen bleibt. Das ist – wie der Leser im Schlusskapitel endlich erfahren wird – der Ritter Bruno, ein entfernter Verwandter der Töchter, der in eigenartiger Zurückhaltung, wohl aber mit dem Wohlwollen des Vaters, um Clarissa wirbt. »Nachdenklich« ist das wiederholt bei seiner Erwähnung gebrauchte Beiwort – so heißt es bei der ersten Stelle:
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und endlich noch ein fünfter Reiter, ein hoher Mann mit sprechendem Antlitze, nachlässig edel sein Pferd zwischen den schlanken Waldsäulen vorwärts geleitend, – und, wie es schien, in seine dunklen Augen nachdenklich einprägend die so schönen vor ihm schwebenden schuldlosen, aber auch schutzlosen Gestalten. (282)
Wer immer eine Liebesgeschichte vermutet, wird in diesem fünften Ritter den männlichen Protagonisten derselben ausgemacht zu haben wähnen.
Die landschaftlichen Beschreibungen des Kapitels laufen entlang einer topographischen Steigung und einer semantischen Steigerung: Die Reisenden orientieren sich an Wasserläufen und sie bewegen sich gegen die Fließrichtung, also aufwärts. Dabei steigert sich die Wildheit und Unzugänglichkeit des Waldes – und das, obwohl gleich zu Beginn des Kapitels ein Äußerstes an Unberührtheit schon gesetzt wird (vgl. 281). So behauptet der Erzähler, die Reisenden seien die ersten Menschen, die das gewundene Waldtal, das er beschreibt, jemals betreten hätten.
Erst nach zweieinhalb Seiten beginnt der Erzähler so zu erzählen, als ob er sie begleite, als ob er mit ihnen die Umgebung wahrnähme. Zuerst entwirft er eine umgekehrte Wahrnehmungssituation: Die Rasenstelle in dem Waldtal nimmt die Reisenden wahr, und der Erzähler bleibt mit den Pflanzen und Tieren an dieser Stelle. Das Darstellungsmittel ist eigentlich ein bevorzugtes filmisches Darstellungsmittel: Die Kamera wird an einer Stelle des Weges postiert und ›sieht die Menschen vorüberziehen‹ – sieht sie auftreten und sieht sie verschwinden:
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bis nach und nach nur mehr weiße Stückchen zwischen dem grünen Gitter wankten – und endlich selbst die nicht mehr – aber auch der Reiter tauchte in die Tiefe des Waldes, und verschwand, und wieder nur der glänzende Rasen, die lichtbetupften Stämme, die alte Stille und Einöde und der dareinredende Bach blieben zurück, nur die zerquetschten Kräutlein suchten sich aufzurichten und der Rasen zeigte seine zarte Verwundung. – Vorüber war der Zug – unser lieblich Waldplätzchen hatte die ersten Menschen gesehen. (283)
Der Schluss der Erzählung, der von der Zerstörung des Waldhauses und der Rückeroberung des Waldplatzes durch die Natur berichtet, wird hier im Kleinen vorweggenommen. Dort heißt es nämlich:
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Gregor hatte das Waldhaus angezündet, und Waldsamen auf die Stelle gestreut, die Ahornen, die Buchen, die Fichten und die andern, die auf der Waldwiese standen, hatten zahlreiche Nachkommenschaft, und überwuchsen die Stelle, so daß wieder die tiefe jungfräuliche Wildniß entstand, wie sonst, und wie sie noch heute ist. (359)
Einerseits ist das die Erzählung – von einem vorübergehenden Eindringen des Menschen in die Natur und einer vollständigen Renaturierung; andererseits durchziehen die Erzählung Signale nun doch von einem unumkehrbahren Vordringen des Kulturraumes. Das Waldplätzchen, das die Reisenden vorbeiziehen ›sieht‹, gehört in der Gegenwart des Erzählers bereits zum Kulturraum (vgl. 281).