Der Hochwald
Waldwiese
Zusammenfassung
Die Töchter stellen am nächsten Morgen fest, dass Gregor weitere Sicherheitsvorkehrungen getroffen hat, und dass sie ihre gewöhnliche Freiheit, auf der Wiese um das Haus allein spazieren zu gehen, nicht mehr haben. Von der Magd Susanna erfahren sie außerdem, dass Gregor in der Nacht außer Haus war. Um zwölf Uhr ersteigen sie wieder den Blokenstein und sehen mit dem Fernrohr – im Vorgefühl, es das letzte Mal zu sehen – nach der väterlichen Burg, die immer noch wohlbehalten dasteht.
Fünf Tage geschieht nichts, dann hören Clarissa und Johanna in der Nacht Gesang von einer Männerstimme: Es ist das Lied, das Clarissa in der Burg angesungen hatte. Im Gegensatz zu ihrer Schwester fürchtet sich Clarissa nicht. Sie macht sich auf die Begegnung mit dem Sänger gefasst, die sie am nächsten Tag herbeiführen will.
Deswegen spricht sie am Morgen mit Gregor. Johanna und er sollen sie zu dem Treffen am Mittag begleiten. Clarissa zieht sich festlich dazu an. Johanna packt wieder die Furcht vor dem Wildschützen.
Auf der Wiese treffen sie auf einen schönen Mann in einfacher Kleidung, der nun die Aussprache mit Clarissa beginnt.
Es ist Ronald, ein unehelicher Sohn Gustav Adolfs, des mittlerweile gefallenen schwedischen Königs. Dieser hatte ihn groß machen wollen und ihn abgöttisch als Ebenbild seiner Mutter geliebt; er wollte Schweden groß machen, Ronald sollte ihm zunächst stehen und er wollte an ihm vergelten, was er an seiner Mutter verschuldet hatte. Er ließ Ronalds Jugend schwärmen und gab ihm Freiheit zu reisen – auch in Feindesland.
So kommt er auch auf das Wittinghausener Schloss, als Clarissa noch ein Kind ist, und der Freiherr gewinnt ihn lieb. Mit Clarissa verbindet ihn bald eine leidenschaftliche Liebe.
Als er seinen Vater bittet, sie heiraten zu dürfen, bittet dieser ihn, zuerst fortzugehen und weiter zu reisen, selbst über das Meer; wenn er dann wiederkäme und sie noch wolle, dürfte er sie heiraten und nach Schweden führen.
Er geht zuerst monatelang durch die Wälder um Burg Wittinghausen und trifft dabei Gregor, den er wie ein Sohn liebt. In dieser Zeit entsteht das Gerücht von dem Wildschützen und seiner kleinen Kugel. Gregor fragt ihn nicht nach seinem Namen und weiß nichts von seiner Liebe.
Als er wiederkommt (aus Frankreich, aus Amerika), ist Gustav Adolf tot. Er hatte dem Kanzler die Pläne für Ronald mitgeteilt, und mit ihm und den anderen Führern muss Ronald ein Jahr kämpfen, bis er sich die Freiheit erringt, zu tun, was er will. Er geht zuerst zu Clarissa, um zu erfragen, was er ihr noch bedeute, dann will er zur Mutter.
Er kommt zur Burg Wittinghausen, sieht sie bedroht und die Töchter geflüchtet, ohne dass er erfragen kann, wohin; er findet ihre Spur auf einer Straße, die zum Wald geht, sucht Gregors Hütte, findet sie leer, geht wochenlang durch die Wälder, bis ihm wie der Blitz der See einfällt, den ihm Gregor einst gezeigt hat; er klettert die Felswand des Blokensteins hinunter und findet sich kaum hundert Ellen von ihr und unbemerkt. Dann lebt er länger in ihrer Nähe, oft unbemerkt ihnen nahe.
Er schießt den Geier, um sich durch die Kugel Gregor zu erkennen zu geben, und bittet ihn, Botschaft an Clarissa zu überbringen, aber der lehnt ab; also singt er das Lied, das sie kennen musste.
Jetzt bittet er sie um ihre Hand, um mit ihr hier im Wald oder bei seiner Mutter leben zu können. Er erhofft sich ein baldiges Ende des Krieges und eine Verbrüderung der schwedischen und deutschen Völker.
Clarissa gibt ihren ersten Widerstand auf und willigt ein. Gregor, der diesmal die Vaterrolle einnimmt, heißt die Verlobung gut. Ronald möchte nun so schnell wie möglich zur Burg zurück, um dort bei dem schwedischen General Torstensohn zu erwirken, dass die Belagerung aufgehoben werde. Er möchte sich bei dem Freiherrn von Wittinghausen vorstellen und um die Hand der Tochter bitten.
Nach kurzem Zögern – er möchte die Gegenwart ihrer Zusammenkunft noch einen Moment genießen – bricht er auf.
Analyse
Wie man sieht, geht die Zickzackbewegung weiter. Der gute Ausgang der Erzählung scheint gewiss.
Auf der Seite des Wildschützen:
- Derjenige, der den Geier schoss, ist wirklich derjenige gewesen, der in der Gegend als Wildschütze bekannt wurde; aber nicht nur Gregor kennt ihn, sondern auch Clarissa. Die Entstehung des Gerüchts von dem Wildschützen kann jetzt vollständig rekonstruiert werden. Alles Unheimliche ist daraus gewichen. Es droht keine Gefahr, denn er wird Clarissas Verlobter.
Und auf der Seite des Krieges:
- Die Burg wird inzwischen doch von Schweden belagert.
- Der Eindringling auf dem Waldplatz ist doch von der feindlichen, der schwedischen Partei – und auch noch ein unehelicher Sohn des verstorbenen schwedischen Königs.
- Er hat sich aber aus seiner politischen und militärischen Bestimmung freigekämpft, um nur seinem Willen folgen und Clarissa heiraten zu können.
- Er hat die Absicht und die Mittel, den Sturm auf die Burg zu verhindern und die Aufhebung der Belagerung zu erwirken.
Nach der kleinen Kugel, die als Zeichen für den Wildschützen im ersten Kapitel eingeführt wurde, realisiert das Kapitel nun auch das zweite, vorbedeutungsvolle Motiv – das dreistrophige Lied, das Clarissa angesungen hatte.
Dieses Lied ist im Volksliedton gedichtet – das metrische Schema entspricht exakt dem Schema von »Es war ein König in Thule«, der bekannten Ballade aus Goethes »Faust«. Was bedeutet es, mit Blick auf die Handlung des »Hochwalds«? Die Frage ist nicht eindeutig zu beantworten. Es gibt Parallelen in der Elterngeneration: Ronalds Vater ist ein König, und er ist tot; er hat, mit Blick auf Ronalds Mutter, offenbar Schuld auf sich geladen, aber ermordet hat er sie nicht – sie lebt noch. Auch gibt es in der Erzählung keinen zweiten König, der die Leiche des ersten, schuldigen Königs entdecken könnte, und niemanden, der einen Schuldigen aufforderte, selbst Gerechtigkeit an sich zu üben. Die Mutter Clarissas und Johannas ist seit zehn Jahren tot, doch über die Ursache ihres Todes wissen wir nichts, und es scheint keine schuldhafte Verstrickung des Freiherrn zu geben.
Das Lied verschränkt auf engstem Raum leidenschaftliche Liebe, Gewalt, Vergeltung und Tod – Affekte und Handlungen, die weder in der Idylle der Wittinghausener Kleinfamilie, noch in der Naturwelt des Hochwaldes Platz haben. Hier werden sie durch das Lied mit Ronald in Verbindung gebracht, sodass Johannas Abwehrreaktion, sodass ihre Furcht vor dem Liebhaber der Schwester nachvollziehbar erscheint.
Es sei auch noch darauf hingewiesen, wie komplex das Gespräch zwischen Ronald und Clarissa gestaltet ist. Die in der Zusammenfassung gebündelte Vorgeschichte Ronalds ist in Wirklichkeit aus verschiedenen Rückschauen zusammengetragen, die Ronald während des Gespräches macht, und die immer bestimmte Aspekte auslassen. Der Leser verliert so, in der Tendenz, die Übersicht, aber gerade dadurch wird die Vergangenheit als Quell immer neuer Reden und Erklärungen plastisch. Ziel der Binnenerzählung ist ja nicht die reine Information, sondern die Brautwerbung, die, da auch Gregor als Vaterersatz anwesend ist, und obwohl im Ton höchster Leidenschaft vorgetragen, durchaus allen gesellschaftlichen Anforderungen genügt.
Die überbordende Eloquenz Ronalds, die Clarissa als Zauber und Gewalt fürchtet, und der sie doch erliegt, steht in auffälligem Kontrast zu Brunos stiller, in sich gekehrter Zurückhaltung, und auch zu der vielen Naturstille in der monoton verlaufenen Zeit des Waldaufenthaltes. Man meint, die Reden Ronalds müssten an dem abgelegenen Ort besonders deutlich vernehmbar gewesen sein. See und Felswand erscheinen wie Elemente eines natürlichen Amphitheaters. Über den See geht der Schall ohne Widerstand, und die Felswand wirft ihn verstärkend zurück.