Mein Sohn, der Fanatiker (My Son the Fanatic)

Inhaltsangabe

»Mein Sohn, der Fanatiker« (im Original: »My Son the Fanatic«) ist eine 1994 erschienene Kurzgeschichte des britisch-pakistanischen Schriftstellers Hanif Kureishi. Sie spielt im London der 1990er Jahre und handelt vom Konflikt des pakistanischen Taxifahrers Parvez mit seinem Sohn Ali. Parvez ist in die britische Gesellschaft integriert und fühlt sich in London zu Hause. Der Teenager Ali hingegen isoliert sich zunehmend und wendet sich dem fundamentalen Islam zu.


Der Londoner Taxifahrer Parvez bemerkt, dass sein Sohn Ali sich verändert: Er räumt plötzlich sein Zimmer auf, gibt Computerspiele, den Fernseher und seine Gitarre weg. Die Beziehung mit seiner englischen Freundin beendet er und seine Freunde rufen nicht mehr an. Parvez ist beunruhigt. Seine Kollegen vermuten, Ali verkaufe seine Sachen, weil er Geld für Drogen brauche.

Info: Pakistani in Großbritannien

In Großbritannien leben mehr als eine Million Menschen mit pakistanischen Wurzeln, davon rund 163.000 in London. Die Einwanderer der ersten Generation kamen in den 1950er Jahren ins Land. Die meisten von ihnen arbeiteten in der Stahlindustrie. Viele gründeten aber auch erfolgreich eigene Geschäfte. Manche schrieben sogar wahre Erfolgsgeschichten, wie Sir Anwar Pervez, der Gründer der Bestway-Gruppe.

Schockiert bittet Parvez die befreundete Prostituierte Bettina um Rat. Sie sagt ihm, woran er Drogenkonsum erkennen könne. Parvez entdeckt bei Ali aber keine Anzeichen dafür. Obwohl Ali aufgehört hat, Sport zu treiben, wirkt er gesund. Er ist konzentriert und trägt jetzt einen Bart. Parvez ist befremdet, als er mitbekommt, dass sein Sohn fünfmal am Tag betet. Er selbst hat zwar in Lahore Koranunterricht bekommen, lebt aber ebenso wenig religiös wie seine pakistanischen Kollegen. Er will in Ruhe mit Ali sprechen.

Bei einem Restaurantbesuch kritisiert Ali seinen Vater heftig, weil er muslimische Glaubensregeln breche: Er trinke Alkohol, spiele und esse Schweinefleisch. Parvez verteidigt sich: Er habe Schwächen, bemühe sich aber, ein anständiger Mensch zu sein. Ali spricht hasserfüllt über das Leben in England. Die westliche Welt sei voller Laster, doch der Islam werde siegen. Er sei bereit, sein Leben im Dschihad zu lassen.

Info: Einwanderer der zweiten Generation

Kureishi stellt die Frage, wie es dazu kommen kann, dass pakistanisch-stämmige Jugendliche der zweiten Generation, die bereits in Großbritannien geboren sind, sich radikalisieren. Warum fühlen sie sich, anders als ihre eingewanderten Eltern, in England heimatlos und ausgegrenzt? Die Geschichte gibt darauf keine eindeutige Antwort.

Parvez ist fassungslos. Auf der Heimfahrt sitzt Ali im Wagen hinter ihm wie ein Fremder. Als Parvez beim Aussteigen stürzt, bietet sein Sohn ihm keine Hilfe an. Am anderen Tag tröstet Bettina ihn: Ali habe nur eine schwierige Phase, wie viele Teenager. Parvez solle nicht aufhören, ihn liebevoll zu unterstützen und das Gespräch zu suchen.

Bei einem weiteren Gesprächsversuch offenbart Parvez seinem Sohn seine persönliche Weltanschauung: Es gebe kein Leben nach dem Tod. Man solle das Leben genießen, ohne andere dabei zu verletzen. Ali reagiert mit völligem Unverständnis. Er wiederholt aggressiv seine Auffassung, dass Muslime auf der ganzen Welt Unterdrückte seien, die Moral aber siegen werde.

Eines Tages fährt Parvez mit Bettina im Taxi durch einen einfachen Londoner Stadtteil. Als sie zufällig Ali sehen, der hier eine Moschee besucht hat, halten sie an. Ali steigt ein, doch auf Bettinas Versuch, ihn mit seinem Vater zu versöhnen, reagiert er mit Beleidigungen. Eine Frau wie sie habe kein Recht, ihm etwas zu sagen. Bettina steigt aus und läuft davon.

Zu Hause angekommen, kann Parvez sich nicht mehr beherrschen. Wütend schlägt er auf seinen Sohn ein. Ali fragt ihn, wer denn nun der Fanatiker sei.

Info: Publikation und Verfilmung

Die Geschichte wurde am 28. März 1994 in der US-amerikanischen Literaturzeitschrift »The New Yorker« erstveröffentlicht. In Buchform erschien sie 1997 neben anderen Kurzgeschichten Kureishis in dem Sammelband »Love in a Blue Time« (deutscher Titel: »Blau ist die Liebe«).

1997 verfilmte der indischstämmige Regisseur Udayan Prasad die Geschichte. Das Drehbuch schrieb ebenfalls Hanif Kureishi.

Info: Salman Rushdie und die Fatwa

Hanif Kureishi beschäftigt sich seit den 1990er Jahren mit dem Problem des fundamentalen Islam. Auslöser dafür war eine Fatwa (Rechtsgutachten) vom 14. Februar 1989, die der damalige iranische Staatschef Ajatollah Chomeini erließ. Darin wurde Kureishis Freund, der britisch-indische Schriftsteller Salman Rushdie, aufgrund seines Buches »Satanische Verse« zum Tode verurteilt. Chomeini rief gläubige Muslime in aller Welt dazu auf, das Urteil zu vollstrecken. Rushdie erhielt Morddrohungen und lebte jahrelang unter Polizeischutz an wechselnden Wohnorten.