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Der Tod in Venedig

Figuren

  • Gustav von Aschenbach

    Die Hauptfigur Gustav von Aschenbach steht im Mittelpunkt der Novelle, um ihr Schicksal herum entwickelt sich die gesamte Handlung und der Leser nimmt den Fortgang des Geschehens zu einem Großteil aus ihrer Perspektive wahr. Der Leser lernt Aschenbach als international bewunderten und ausgezeichneten Schriftsteller kennen, der im Zenit seines Ruhms steht. Der Handlungsverlauf zeigt den Niedergang und die Auflösung dieser scheinbar gesicherten Künstlerexsistenz, die Thomas Mann auch selbst als Novelle der Entwürdigung bezeichnet hat, als »richtige Tragödie« (Bahr, S.124).

    Die genaueste Charakterisierung der Figur erfolgt im 2. Kapitel der Novelle, wobei auch hier die Einzelheiten über persönliche Details wie sein Aussehen, seine Familie und Herkunft und seine Lebensumstände eher gering ausfallen und ganz hinter dem Werk und der Charakterisierung seiner künstlerischen Entwicklung zurücktreten. Aschenbach ist etwas kleiner als der Durchschnitt, sein Haar ist brünett, sein Gesicht glatt rasiert. Sein Haar ist zurückgekämmt und ergraut, der Kopf ist etwas zu groß im Verhältnis zum restlichen Körper. Er trägt eine goldene Brille mit randlosen Gläsern, die Stirn ist hoch und von geistiger Tätigkeit zerfurcht, der Mund ist schlaff, die Wangen mager, das Kinn wirkt weich, den Kopf hält er meist wie leidend leicht seitlich geneigt (vgl. 29f.). Er wirkt so, als ob er ein bewegtes, schweres, an Prüfungen reiches Leben gehabt hätte, doch hat er diese Kämpfe nur in der Kunst durchlebt und es sind geistige Abenteuer, die er durchstehen musste.

    Der Protagonist ist zu Beginn der Novelle 53 Jahre alt, drei Jahre zuvor war er in den Adelsstand erhoben worden und heißt seither Gustav von Aschenbach. Er lebt seit langer Zeit alleine, seit er in jungen Jahren verwitwet ist und da die einzige Tochter inzwischen auch verheiratet ist, in der Prinz-Regentenstraße in München, einer sehr teuren und edlen Wohngegend. Er stammt aus der Kreisstadt L. in Schlesien, der Vater war ein höherer Justizbeamter und stand damit in einer Linie von Offizieren und Beamten, die allesamt in Staatsdiensten gewesen waren. Aschenbachs Mutter indes brachte als Tochter eines böhmischen Kapellmeisters ein dazu im Gegensatz stehendes, musikalisch-sinnliches Element in die Herkunft Aschenbachs mit ein. Sein Künstlertum resultiert genau aus der Gegensätzlichkeit dieses Erbes, der Mischung aus diensteifriger Nüchternheit und der künstlerischen, temperamentvollen Seite der Mutter (vgl. 19). Der Dichter war ein schwächliches, zu Krankheit neigendes Kind, das daher auch keine öffentliche Schule besuchte, sondern von Privatlehrern unterrichtet wurde und in Einsamkeit und ohne Kameraden aufwuchs. Das Streben nach Ruhm, öffentlicher Anerkennung und künstlerischen Erfolgen zeigte sich bei ihm bereits im Alter eines Gymnasiasten. Hier schon formte sich sein spezieller Tonfall heraus und er konnte sich einen Namen als Autor machen. Bereits zehn Jahre später war er ein international anerkannter Autor.

    Dabei hat er sein Publikum sowohl in der breiten Masse der Leser, als auch im kleinen Kreis der anspruchsvollen Intellektuellen, was auch daran liegt, dass er weder dem Banalen noch dem zu Ausgefallenen zuneigt. Dabei war er früh schon sehr diszipliniert, ausschließlich auf den Dienst am Werk ausgerichtet, er lebt in ständiger Anspannung, kennt keine Entspannung und keine Mußestunden, obwohl seine Konstitution dafür eigentlich nicht ausgerichtet ist. Sinnbildlich steht hierfür das Symbol des Lebens mit geballter, angespannter Faust, als der ein Bekannter Aschenbachs Lebensweise einmal charakterisierte (vgl. 20f.). Diese ungünstige Ausgangslage kompensiert er mit einem eisernen Durchhaltewillen, mit der er allen inneren und äußeren Widrigkeiten zum Trotz sein schriftstellerisches Werk durchsetzen und auch zu Ende bringen will. »Durchhalten« ist daher sein Lieblingswort und einer seiner größten Wünsche ist es, ein hohes Alter zu erreichen, um das Künstlertum in allen Lebensstufen zu durchleben und ausdrucken zu können.

    Aschenbachs Arbeitsethos ist geprägt von Disziplin und Zucht – den Tag beginnt er mit Stürzen kalten Wassers über Brust und Rücken – mit der er sich immer wieder aufs Neue zum Dienst am Werk zwingt. Sein Sinnbild ist der heilige Sebastian, die christliche Märtyrerfigur, die ihr Schicksal, von Pfeilen durchbohrt zu werden, stoisch und in Anmut erträgt. Für Aschenbach ist es »das schönste Sinnbild, wenn nicht der Kunst überhaupt, so doch gewiß der in Rede stehenden Kunst« (24).

    Gerade aber, weil sein Werk aus Leid und Qual, aus Durchhaltewillen entstanden ist, gewinnt Aschenbach die Sympathien seiner Leser, die die Übereinstimmung zu ihren eigenen Sorgen und Qualen spüren. Er vertritt einen »Heroismus der Schwäche« (vgl. 24), mit dem sich all jene identifizieren können, die nach Größe und Leistung streben und durch reine Willenskraft bis zur Erschöpfung auf dieses Ziel hinarbeiten.

    Zur Handlungszeit der Novelle steht Aschenbach als klassizistischer Künstler auf dem Höhepunkt seines Ruhms und der öffentlichen Anerkennung, er ist inzwischen sogar Schulbuchautor und dient der Jugend als moralisches und stilistisches Vorbild. Allerdings fühlt er sich seit einiger Zeit müde und erschöpft, bemerkt eine fortschreitende »Abnutzbarkeit seiner Kräfte« (9), befindet sich in einer Krise seines Schreibens und seiner Kreativität. Schon kommt ihm der Gedanke, dass seine Lebensuhr vielleicht abgelaufen sein könnte, bevor er all seine schriftstellerischen Werke vollendet hätte. Er blickt auf ein reiches, mit Ehren und Würdigungen bedachtes und international beliebtes Werk zurück: ein groß angelegtes Epos über Friedrich den Großen, der Roman »Maja« und die bekannte Erzählung »Ein Elender« sowie eine Abhandlung über Geist und Kunst, die von den Kritikern sogar ein Rang neben Schillers Werk eingeräumt wird (vgl. 18f.).

    Die künstlerische Entwicklung Aschenbachs hat ihn zum klassizistischen Meister gemacht. In seiner Jugend jedoch durchlief er verschiedene Stadien, die ihn auch öffentlich anecken und straucheln ließen. Sein Frühwerk war rebellisch, taktlos, ohne Rücksichtnahmen und »durchzogen von zynischen Kommentaren über seine Zeit. Inzwischen aber hat er die Melancholie, die »Sympathie mit dem Abgrund« (27), den »unanständigen Psychologismus der Zeit« (26) hinter sich gelassen. Nun steht er als Künstler für eine Orientierung am Schönheitssinn, für formale Strenge und Einfachheit und hat eine klassische Meisterlichkeit erreicht.

    Im weiteren Verlauf verändern sich sowohl der Charakter als auch das Verhalten und die Gewohnheiten Gustav von Aschenbachs tiefgreifend. So ist von der festgelegten, routinierten Arbeitsdisziplin in Venedig nichts mehr zu spüren, bis auf eine kurze Abhandlung am Strand schreibt Aschenbach an keinen weiteren Werken mehr, sondern widmet sich dem Müßiggang. Auch das errichtete Selbstbild und die Fassade des bewunderten, großbürgerlichen Autors von Weltruhm bekommt zunehmend Risse, je mehr Aschenbach sich in Venedig in seine Obsession zu Tadzio hineinsteigert und keine Rücksicht mehr auf moralische Bedenken oder sein gesellschaftliches Ansehen nimmt. Vielmehr ist er bereit, seine ganze Existenz für die unmögliche und unmoralische Liebe und Nähe zu einem 14-jährigen Jugend aufzugeben.

  • Tadzio

    Der ungefähr 14 Jahre alte Knabe Tadzio ist zwar die wichtigste Nebenfigur der Novelle und neben Aschenbach das wichtigste handlungsbestimmende Element, doch erhält der Leser keine direkte Charakterisierung des Jungen und auch keine Informationen durch eine Innenperspektive von ihm. Alle Informationen über Tadzio sind durch den Blick Aschenbachs auf ihn und seine Perspektive gefiltert. Selbst sein Name Tadzio, als Abkürzung von »Tadeusz«, ist nur eine Annahme Aschenbachs, die er aus den Koseformen »Adgio« und »Adgiu«, mit lange gedehnten u-Lauten (vgl. 61), mit denen der Junge von seinen Kameraden am Strand gerufen wird, ableitet.

    Tadzio hat auch keine eigene Stimme, zwischen Aschenbach und ihm wird nie ein Wort gewechselt, Aschenbach hört ihn nur mit seiner Familie das ihm nicht verständliche Polnisch sprechen. Die Beziehung zwischen beiden beruht daher nur auf Blicken. Alle Informationen zu Tadzio stammen aus Aschenbachs Wahrnehmungen seines Äußeren und einigen Gesten und Verhaltensweisen, die er im Umgang mit seiner Familie, den Kameraden oder anderen Gästen des Hotels zeigt.

    Im Vordergrund der Wahrnehmung Tadzios durch Aschenbach steht dabei seine vollkommene Schönheit, die durch seinen ernsthaften, anmutigen Ausdruck und sein klassisches Profil an die Perfektion einer antiken griechischen Statue erinnert. Er übertrifft damit sogar alles, was der Dichter sowohl in der Natur als auch in der Kunst jemals gesehen hat. Später, am Strand, erscheint ihm die Schönheit des Jungen dann wahrhaft gottähnlich (vgl. 57). Er hat langes, lockiges, honigfarbenes Haar, ein bleiches Gesicht mit gerader Nase und lieblichem Mund sowie »dämmergraue[n] Augen« (53). Während seine beiden älteren Schwestern nüchtern und sehr einfach gekleidet sind, wirkt Tadzio herausgeputzt und verwöhnt, tritt beispielsweise im »englische[n] Matrosenkostüm« (51) mit schwarzen Lackschuhen oder im gestreiften Leinenanzug mit roter Masche (vgl. 76) auf. Gleichzeitig wirkt der Junge auch zart, zerbrechlich und kränklich, so unterliegt er in den Raufereien mit seinen Kameraden stets und als Aschenbach ihm bei einer Begegnung im Aufzug einmal näher kommt, nimmt er die Zähne des Jungen wahr, die »etwas zackig und blaß [waren] […] und von eigentümlich spröder Durchsichtigkeit, wie zuweilen bei Bleichsüchtigen« (66).

    Als Tadzio in der ersten Strandszene vor den Augen Aschenbachs an einer russischen Familie vorbeigeht, verzieht er verächtlich das Gesicht, seine Augen funkeln böse. Dieser hasserfüllte Ausdruck ist eine der wenigen menschlichen Regungen, die einen Schluss auf die Gefühle Tadzios zulassen.

    Im Verlauf der Handlung nimmt Aschenbach eine Veränderung im Verhalten des Jungen ihm gegenüber wahr. War Tadzios Auftreten in Aschenbachs Gegenwart zu Beginn noch von großer Scheu, Scham und Schüchternheit geprägt, entsteht später eine Art stummer Kommunikation zwischen den beiden, der Junge erwidert seinen Blick. Er scheint sich seiner Aufmerksamkeit und seiner Präsenz zu versichern, in dem er sich während der Spaziergänge in Venedig, auf denen Aschenbach ihm und seiner Familie folgt, immer wieder umdreht, »um sich über die Schulter hinweg der Gefolgschaft seines Liebhabers mit einem Blick seiner eigentümlich dämmergrauen Augen zu versichern« (132).

    Ein einziges Mal schenkt der Junge seinem Bewunderer ein Lächeln, als er mit seiner Familie spät aus der Stadt an den Lido zurückkommt und Aschenbach zufällig vor dem Hotel trifft. Dieses Lächeln erscheint Aschenbach als das des »Narziß« (96), der seine eigene Schönheit im bewundernden Blick Aschenbachs gespiegelt sieht und sich in ihr gefällt.

    Ganz am Schluss ist es Tadzio, der dem sterbenden Aschenbach vermeintlich aus der Ferne zuwinkt und ihn in die unendliche Weite des Meeres führen will (vgl. 139).

  • Todesboten

    Außer den Protagonisten Aschenbach und Tadzio treten in der Novelle eine Reihe von Figuren auf, denen jedoch jegliche persönliche Charakterisierung abgeht und die keine eigene Entwicklung durchmachen. Sie treten fast alle nur einmalig und stets sehr kurz auf; es handelt sich um zufällige Begegnungen Aschenbachs oder kurze Kontakte des Dichters mit Dienstleistern. Dennoch haben sie grundlegende, leitmotivische Bedeutung für den Fortgang der Handlung: Sie lösen eine Entwicklung aus und treiben sie voran, die auf das nahende Ende und den bevorstehenden Tod Aschenbachs hindeutet, sie begleiten seinen Weg in den Niedergang und die Auflösung seiner bürgerlichen, disziplinierten Existenz und deuten damit von Anfang an sein Schicksal voraus. Sie können daher unter der Funktion des Todesboten zusammengefasst werden.

    Alle sechs Figuren, die in dieser Funktion auftreten, weisen verbindende Elemente auf, die sich vor allem in ihrem Äußeren, aber auch in ihren Verhaltensweisen und ihrer Wirkung auf den Protagonisten zeigen. So zeichnen sie sich alle durch ihren kleinen, schmächtigen und hageren Körperbau aus, sind meist rothaarig, bartlos und mit stumpfer, kleiner Nase und stark hervortretendem Adamsapfel. Zwischen den Augenbrauen fallen bei einigen von ihnen zwei senkrechte Furchen auf, ihre Lippen sind so hochgezogen oder kurz, dass sie lange weiße Zähne freilegen. Sie wirken immer fremdartig, nicht in ihre Umgebung gehörig, schneiden oft Grimassen und haben generell ein wildes, unheimliches Auftreten, wozu auch ihr plötzliches Auftauchen und Verschwinden passt.

  • Der fremde Wanderer am Münchner Nordfriedhof

    Er taucht auf einmal vor der Aussegnungshalle des Nördlichen Friedhofs auf und verschwindet nach seiner Begegnung mit Aschenbach ebenso plötzlich wieder. Er weist all jene äußeren Kennzeichen auf, die sich bei den späteren Todesboten wiederholen werden:

      Mäßig hochgewachsen, mager, bartlos, und auffallend stumpfnäsig, gehörte der Mann zum rothaarigen Typ und besaß dessen milchige und sommersprossige Haut. Offenbar war er durchaus nicht bajuwarischen Schlages: wie denn wenigstens der breit und gerade gerandete Basthut, der ihm den Kopf bedeckte, seinem Aussehen ein Gepräge des Fremdländischen und Weitherkommenden verlieh. (11)

    Zudem trägt der Wanderer einen typischen Rucksack sowie einen »gelblichen Gurtanzug« (12) und einen Stock, auf den er sich mit gekreuzten Füßen stützt. Sein Adamsapfel tritt stark aus dem Sporthemd, mit dem er bekleidet ist, hervor und zwischen den Brauen bilden sich zwei senkrechte Furchen. Die Lippen des Mannes sind so kurz, dass es an eine körperliche Entstellung erinnert, die die langen weißen Zähne hervorblecken lässt, was zusammen mit dem mageren, bartlosen und stumpfnäsen Gesicht an einen Totenschädel erinnert.

    Der Fremde erschreckt den zufällig vorbeikommenden Aschenbach sowohl mit seinem fremdländischen Auftreten als auch mit seiner wilden, herrischen Haltung und seinem Blick, der Art Grimassen zu schneiden, aber er fasziniert ihn auch, so dass er kaum mehr den Blick von ihm lassen kann, bis ihm dessen kriegerischer Ausdruck bewusst wird, mit dem er seinem Blick standhält.

    Zwar wechselt Aschenbach mit dem Fremden kein Wort und die Begegnung dauert nur wenige Augenblicke, dennoch entfacht er in Aschenbach die Reiselust, die Sehnsucht nach der Ferne, nach Entgrenzung und Auflösung, nach einer Unterbrechung seines geregelten Lebens, das mit einer Fahrt in den Tod enden wird.

    Zahlreiche dieser Beschreibungen der äußeren Erscheinung wiederholen sich später fast wortwörtlich bei den weiteren auftretenden Todesboten.

  • Der Zahlmeister des Schiffes

    Auf dem düsteren, alten Schiff nach Venedig hat Aschenbach eine weitere seltsame Begegnung mit einer unheimlich erscheinenden Gestalt, die ebenfalls Attribute des ersten Todesboten aufweist und einem altmodischen Zirkusdirektor ähnelt. Es ist der Zahlmeister des Schiffes, bei dem Aschenbach seine Fahrkarte kauft, die Begegnung verläuft ebenfalls sehr kurz.

    Wie die erste Figur trägt auch diese einen Hut und weist zahlreiche Teufelsmerkmale auf. Das deutlichste ist der Ziegenbart. Seine Schrift, die an »große Krähenfüße« (33) erinnert und die »gelben und knochigen Finger[ ]« (ebd.) gemahnen ebenfalls daran. Die ganze Prozedur des Verkaufs der Fahrkarte nach Venedig erinnert an einen Teufelspakt, bei der der mephistophelische Zahlmeister mit der Feder ins Tintenfass stößt und anschließend blauen Sand auf der Schrift verstreut. Dazu passt auch seine Aussage: »Sie sind bedient« (ebd.), sein ganzes aufgesetzt fröhliches Geschwätz, mit dem er Aschenbach in Richtung Venedig drängt und von dem etwas »Betäubendes und Ablenkendes« (ebd.) ausgeht und mit dem er den Reisenden in Richtung Venedig drängt, damit sich Aschenbach nicht im letzten Moment noch anders entscheidet. Wie auch einige der anderen Todesboten, tritt auch dieser allein auf; »obgleich niemand mehr da war« (ebd.).

  • Der falsche Jüngling

    Der als junger Mann farbenfroh und geckenhaft gekleidete Greis, den Aschenbach ebenfalls auf der Überfahrt nach Venedig trifft, tritt auch nur zweimal kurz auf, dennoch hinterlässt er bei Aschenbach einen bleibenden Eindruck, der mit Abscheu und Ekel verbunden ist.

    Der Greis hat sich auf dem Schiff unter eine Gruppe junger Handelsgehilfen aus Pola gemischt und fällt zunächst vor allem dadurch auf, dass er besonders exzentrisch, »übermodern« (34) und farbenfroh, im hellgelben Sommeranzug, mit roter Krawatte und großem Panamahut gekleidet ist und sich durch seine aufgekratzte, laute Art besonders hervortut. Erst auf den zweiten Blick fällt dem ihn beobachtenden Aschenbach mit Entsetzen auf, »daß der Jüngling falsch war. Er war alt, man konnte nicht zweifeln« (ebd.). Der alte Mann ist geschminkt, was die Falten und Runzeln seiner Haut nur unzureichend überdeckt, trägt eine Perücke, einen gefärbten Bart und falsche, billige Zähne. An seinen mit Ringen geschmückten Händen erkennt man jedoch sein Alter.

    In der Abschiedsszene des Greises auf dem Schiff ist dieser inzwischen kläglich betrunken, schwankt und lallt und hat sich nicht mehr unter Kontrolle. Auch leckt er sich auf obszöne Weise mit der Zungenspitze die Mundwinkel. Mit seinem anzüglichen Gefasel von den Komplimenten an ein imaginäres Liebchen, die an Aschenbach gerichtet sind, hält nun auch eine sinnliche Komponente Einzug in sein Auftreten. Aschenbach ist voller Abscheu vor dem Auftritt dieses Sinnbilds des Verfalls und der falschen Jugendlichkeit, die ihn an die Vergänglichkeit des Lebens und sein eigenes unaufhaltsames Altern erinnert.

  • Der Gondoliere

    Der Gondoliere, mit dem Aschenbach nach seiner Ankunft in Venedig zur nächsten Dampferstation übersetzen möchte, um von dort das Vaporetto zum Lido zu nehmen, ist die eindeutigste Todesfigur. Die Gondel, in deren weichen Sitze sich Aschenbach wie in einen »mattschwarz gepolsterte[n] Armstuhl, der weichste, üppigste, der erschlaffendste Sitz von der Welt« (41) sinken lässt, gemahnt sogar Aschenbach an den Tod und lässt ihn mit Scheu und einem leichten Gruseln Platz nehmen. So ist die Gondel »eigentümlich schwarz, wie es sonst unter allen Dingen nur Särge sind …es erinnert […] an den Tod selbst, an Bahre und düsteres Begängnis und letzte, schweigsame Fahrt« (ebd.).

    Erst als Aschenbach bemerkt, dass der Gondoliere ihn keineswegs wie vereinbart nur zur Dampferstation, sondern hinaus in die Lagune und Richtung Lido fährt und auch auf seine wiederholte Anweisung nicht reagiert, sieht er sich seinen Fahrer genauer an. Der äußeren Beschreibung nach korrespondiert der Gondoliere eng mit dem Wanderer vom Münchner Nordfriedhof: Auch er ist eher schmächtig und unauffällig, hat rötliche Brauen, eine kleine, aufgeworfene Nase und einen brutalen, wilden Gesichtsausdruck. Auch er trägt einen Strohhut und wirkt fremdländisch: »Seine Gesichtsbildung, sein blonder, lockiger Schnurrbart unter der kurz aufgeworfenen Nase ließen ihn durchaus nicht italienischen Schlages erscheinen« (43). Die Lippen, die er vor Anstrengung zurückzieht, entblößen seine weißen Zähne. Er ist seemännisch in Blau, mit gelber Schärpe gegürtet, zieht Grimassen und spricht zwischen den Zähnen mit sich selbst. Auch das plötzliche Verschwinden nach der Ankunft am Lido, wo er aus Furcht vor den kontrollierenden Polizeibeamten flieht, verbindet ihn mit der Wandererfigur aus München.

    Seine stille, unheimlich entschlossene Art, Aschenbach in seinem sargähnlichen Gefährt über die stillen Wasser einem unbekannten Ziele zu zu rudern, auf das der Reisende keinen Einfluß hat und seine bedrohlich wirkende Antwort aufs Aschenbachs Frage, was die Fahrt denn kosten solle – »Sie werden bezahlen« (45) – lassen ihn zu einer Verkörperung des Fährmannes Charon werden, der im antiken Mythos die Seelen der Verstorbenen über den Fluss Styx in den Hades übersetzt und dafür einen Obulus fordert. Auch Aschenbach hat diese Assoziation, als er in einem inneren Monolog reflektiert, dass dieser Fährmann ihn, auch wenn er ein Verbrecher sein sollte, gut fuhr, »selbst, wenn du […] mich hinterrücks mit einem Ruderschlage ins Haus des Aides schickst, wirst du mich gut gefahren haben« (45).

  • Der Musikant

    Auch der Straßensänger, der im 5. Kapitel eines Abends mit seiner Gruppe ins Hotel kommt, um die verbliebenen Gäste mit musikalischen Darbietungen zu unterhalten und von der zunehmend bedrohlichen Lage in Venedig abzulenken, weist deutliche Merkmale der Aschenbach begleitenden und seinen Tod vorausdeutenden, einmalig auftretenden Figuren auf. Er ist »eine Art Bariton-Buffo [...], mimisch begabt und von bemerkenswert komischer Energie« (109). Auch er ist von schmächtiger Figur, hat ein mageres, ausgemergeltes, bartloses Gesicht, das sich zu Grimassen verzerrt und eine stumpfe, kleine Nase. Unter seinem Hut sind rote Haare zu erkennen, er hat einen hervorstechenden Adamsapfel und die beiden Furchen verleihen ihm ein herrisches, wildes und furchterregendes Aussehen: »Ein Lächeln tückischer Unterwürfigkeit entblößte seine starken Zähne, während doch immer noch die beiden Furchen drohend zwischen seinen roten Brauen standen« (113).

    Zudem hat er wie der Greis auf dem Schiff die Angewohnheit, »die Zunge schlüpfrig im Mundwinkel spielen zu lassen« (112), was, zusammen mit den derben volkstümlichen Liedern, die er gesten- und anspielungsreich und grimassierend vorträgt, auf ähnlich sinnliche, anstößige, triebhafte Element hinweist. Auch der Musikant fällt von seinem Aussehen und seinem ganzen Wesen her als fremdartig auf: »Er schien nicht venezianischen Schlages« (111f.). Zum Abschied streckt er seinen Gästen die Zunge heraus und bedenkt sie mit Hohngelächter.

    Da ihm zudem ein starker Karbolgeruch, ein Geruch nach Desinfektion und Tod anhaftet, was nur Aschenbach aufzufallen scheint, wird klar, dass sein Auftauchen nicht nur auf den bevorstehenden Tod Aschenbachs, sondern auch auf den Niedergang der Stadt Venedig durch die sich ausbreitende Seuche hindeutet. Doch auch er verrät Aschenbach bei seiner Nachfrage nichts von der Wahrheit über die todbringende Lage in Venedig.

  • Der Friseur

    Der Hotelfriseur ist einer der wenigen Personen, zu denen Aschenbach regelmäßigen Kontakt pflegt und mit denen er in einer Art sozialen Austausches steht, wenn auch hier nur in Form eines Dienstleistungsverhältnisses.

    Sein Äußeres wird nicht genauer beschrieben, weshalb er keine äußerliche Ähnlichkeit zu den anderen Todesboten aufweist, ebenso wenig gibt es im Text persönliche Details zu dieser Figur, obwohl sie, im Gegensatz zu anderen der Todesboten, öfter im Laufe der Handlung auftritt. Aschenbach bezeichnet ihn wiederholt als »Schwätzer« (98). Er ist es auch, der den Dichter das erste Mal auf ein »Übel« (ebd.) anspricht, das in der Stadt grassiere und die anderen Gäste des Hotels in die Flucht treibe. Auf seine Nachfragen stellt er sich aber taub und wechselt schnell das Thema.

    Seine ablenkende, ja verführerische Beredsamkeit erinnert an den Zahlmeister auf dem Schiff, ebenso versucht der Friseur, den Protagonisten von wichtigen Dingen, wie den tatsächlichen Zuständen in Venedig, abzulenken und ihn in eine andere Richtung zu drängen. So ist er es auch, der den alternden Aschenbach, der mit zunehmender Liebe zum jugendlichen Tadzio an seinem Alter, seinem grauen Haar, seinen eingefallenen Wangen verzweifelt, zu einer kosmetischen Verjüngungskur überredet. Er färbt ihm das Haar, schminkt ihm Gesicht und Lippen, behandelt seine Falten und rät ihm schließlich: »Nun kann der Herr sich unbedenklich verlieben« (131).

    Indem er offen diese von Aschenbach in seinem bisherigen Leben so vollkommen verdrängte sinnliche, emotionale und erotische Komponente anspricht, setzt er den Weg fort, auf den schon der jugendlich verstellte Greis auf dem Schiff den Dichter gelockt hatte, bzw. den er ihm vorausgesagt hatte. Tatsächlich ähnelt der verwandelte Schriftsteller nun dem falschen Jüngling, den er auf seiner Fahrt nach Venedig nur mit Abscheu und Ekel betrachtet hatte. An sich selbst bemerkt er das Falsche, Unnatürlich, das Lächerliche nicht, als er »traumglücklich, verwirrt und furchtsam« (131) von seinem letzten Friseurbesuch kommt.

    Der Friseur trägt damit aktiv zur Entwürdigung Aschenbachs bei, er beschleunigt seinen moralischen und auch gesellschaftlich sichtbaren Niedergang, in dem er ihn, kosmetisch verjüngt, vor allen Augen der Lächerlichkeit preisgibt, und ihn in einen verliebten alten Gecken verwandelt. Die obsessive Liebe Aschenbachs, in der ihn der Friseur noch unterstützt und sein würdeloser Niedergang, der durch die äußere Verwandlung beschleunigt wird, sind der Grund für Aschenbachs Tod und machen auch aus dem Friseur einen der dieses Schicksal begleitenden Todesfiguren.

Veröffentlicht am 2. Juli 2025. Zuletzt aktualisiert am 4. Juli 2025.