Anne Frank: Tagebuch

Stil und Sprache

Trotz ihrer Lebenssituation, die von äußerer Bedrohung und der steten Gefahr der Entdeckung und des Todes geprägt ist, bewahrt Anne zu großen Teilen einen leichten und oftmals humoristischen Tonfall, in dem sie anekdotisch über das Leben im Hinterhaus berichtet. Daneben sind jedoch auch ernste und nachdenkliche Einträge Bestandteil des Tagebuchs. In dem Wechsel zwischen heiteren und ernsten Passagen spiegeln sich Annes Stimmungen sowie die verschiedenen Seiten ihrer Persönlichkeit wider.

Dadurch, dass es sich bei Anne um eine Autorin im Teenageralter handelt, die sich an eine gleichaltrige fiktive Freundin richtet, bietet das Tagebuch Zugang für eine jüngere Leserschaft. Aufgrund von Annes Reife und ihrem entwickelten literarischen Stil eignet es sich jedoch ebenso für eine erwachsene Leserschaft. 

Dass Anne wiederholt mit verschiedenen Formen experimentiert, sorgt für Abwechslung und Auflockerung. Beispielsweise gibt sie in wörtlicher Rede Gespräche der Hinterhausbewohner/-innen wieder, schreibt einen humoristischen Nachruf auf ihren Füller oder verfasst einen typischen Tagesablauf im Hinterhaus. Als sprachliche Mittel verwendet sie häufig Ironie, Ausrufe, sprachliche Bilder sowie rhetorische Fragen und Wortkreationen; deutlich erkennbar ist Annes Talent für pointierte Situationserfassungen (vgl. Freund-Spork, 68).

Dass Anne über den Stil und den Aufbau ihrer Tagebucheinträge nachdenkt, zeigt sich anhand des folgenden Zitats: „Und ich muss mich schon bei dir entschuldigen, Kitty, dass mein Stil heute unter dem sonstigen Niveau liegt. Ich habe einfach aufgeschrieben, was mir eingefallen ist.“ (19.03.44)

In ihrer Überarbeitung der ursprünglichen Tagebuchfassung fügt Anne kleine Szenen hinzu, um ihre Darstellung des Hinterhauses zu beleben und arbeitet auch an der Komposition: 

„[D]ie Bezüge sind logischer, die Übergänge gestraffter, der Ausdruck ist prägnanter. Die Lose-Blätter-Fassung [Annes überarbeitete Version des Tagebuchs] hat also ihre eigene Komposition, sie stellt eine darstellerisch und stilistisch neu gestaltete Form des Tagebuchtextes dar.“ (Heimsath, 114)

In der Gesamtbetrachtung des Tagebuchs lässt sich eine Entwicklung von Stil und Sprache erkennen: Von einer kindlich, spontan berichtenden Erzählerin entwickelt Anne sich zu einer elaborierten Erzählerin und einer „bewussten, konzentriert das Wesentliche erfassenden Gestalterin“ (Freund-Spork, 68).

Dadurch, dass die Leser/-innen des Tagebuchs einen unmittelbaren Einblick in das Leben im Hinterhaus erhalten und Anne ihre Gedanken und Gefühle mit ihnen teilt, wird ein hoher Grad an Nähe und Identifikation mit Anne geschaffen.

Veröffentlicht am 15. September 2022. Zuletzt aktualisiert am 21. September 2022.