Die dunkle Seite des Mondes

Inhaltsangabe

Martin Suters Roman »Die dunkle Seite des Mondes« handelt von der dramatischen Persönlichkeitsveränderung des Wirtschaftsanwalts Urs Blank, der durch die Einnahme halluzinogener Pilze vom erfolgreichen und gesellschaftlich konform lebenden Juristen zum Mörder und einsamen Waldbewohner auf der Flucht vor der Polizei wird. Was mit einer vergleichsweise harmlosen Midlife-Krise beginnt, endet für ihn und sein Umfeld in einer Katastrophe. Das Geschehen ist zeitlich etwa im Erscheinungsjahr des Romans (2000) angesiedelt und spielt in der Schweiz, vermutlich in und um Zürich.


Der Anwalt Dr. Urs Blank (45) arbeitet in einer erfolgreichen Wirtschaftskanzlei, die auf Fusionen spezialisiert ist. Bei der Firmenübernahme, mit der er aktuell befasst ist, handelt es sich um den Zusammenschluss zweier Textilketten. Dr. Fluri ist gezwungen, seine Firma »Elegantsa« in der »Charade« aufgehen zu lassen, da er sich bei einem wirtschaftlichen Engagement in Russland übernommen hat. Unter dem Einfluss des skrupellosen Multimillionärs Pius Ott (63), Inhaber der »Charade«, zwingt Blank dem unterlegenen Fluri eine Vertragsklausel auf, die ihn in der Folge ruiniert und in den Selbstmord treibt.

Während Blank zunehmend unzufrieden mit seiner Tätigkeit in der Kanzlei ist, wo ihm sein junger Gehilfe Christoph Gerber mit seinem Ehrgeiz lästig fällt, ist auch sein Privatleben von Routine und Langeweile gekennzeichnet. Blank ist geschieden, kinderlos und lebt mit der Enddreißigerin Evelyne Vogt zusammen, die einen Antiquitätenladen besitzt. Sie führen ein finanziell sorgenfreies Luxusleben, haben sich jedoch längst voneinander entfremdet und konzentrieren sich auf ihre Arbeit und ihre getrennten Freundeskreise.

Als Blank durch Zufall das Hippiemädchen Lucille Roth an ihrem Flohmarktstand kennenlernt, beginnt er eine Beziehung mit ihr, die er im Laufe der folgenden Wochen immer weniger geheimzuhalten versucht. Lucilles alternatives Leben öffnet ihm eine neue Welt. Blanks zunehmende Gleichgültigkeit gegenüber Konventionen zeigt sich in seinem Geschäftsgebaren: unliebsame Partner bezeichnet er vor seiner Sekretärin als »Arschloch«; Termine hält er nicht ein. Nicht nur auf Anraten ihrer Freundin Ruth Zopp, einer Society-Lady der Stadt, trennt sich Evelyne von Blank und verlangt seinen Auszug aus der gemeinsamen Wohnung, worauf er in ein Luxushotel im Stadtzentrum zieht.

Eines Tages lädt Lucille ihn zu einem nicht ganz legalen Ausflug ein: In einem alten Gehöft auf dem Land trifft sich regelmäßig eine Gruppe, die mit halluzinogenen Pilzen experimentiert. Zentrale Figuren der bunten Truppe sind Joe Gasser, ein Althippie um die Sechzig, und Trudi Frei, genannt Shiva. Außerdem gehören dazu der Bankangestellte Edwin und seine Frau Pia, der junge Straßenmusiker Benny sowie die Lehrerin Susi.

In einer Schwitzhütte bereiten die Teilnehmer sich nackt auf das Essen der psilocybinhaltigen Pilze vor. Shiva und Joe geben Instruktionen, die Pilzstücke werden auf einem Teller herumgereicht und intensiv gekaut. Doch während die anderen Beteiligten anschließend ihre veränderten Bewusstseinszustände genießen, beginnt für Urs ein Trip, nach dem für ihn nichts mehr ist wie zuvor.

Durch die Droge glaubt Urs zu erkennen, dass es nichts Wirkliches gibt außer ihm selbst. Er fühlt sich gottgleich und kann nach seinem Willen alle Personen, die je in seinem Leben eine Rolle gespielt haben, erschaffen und wieder zerstören. Da nichts außer ihm existiert, gibt es auch keine richtende moralische Instanz, kein Gut oder Böse. Unterdessen bemerken die anderen lediglich sein dominantes Gebaren während eines Trommelrituals und schaffen ihn aus dem Zelt. Später findet Lucille ihn weinend in der Schwitzhütte.

Urs hat sich komplett verwandelt. Er lässt seinen Launen in der Kanzlei freien Lauf, stößt seine Partner von Berg und Dr. Geiger vor den Kopf, schreit Gerber an und verlässt unvermittelt Meetings. Als er in Lucilles Wohnung auf sie wartet, dreht er ihrer Katze Troll den Hals um, weil sie ihn stört, und versteckt die Tierleiche in seiner Aktentasche. Bei einer Autofahrt auf der Landstraße beschleunigt er, als ihn ein Wagen überholen will, und bremst, als dieser verlangsamt – so lange, bis der Überholer in ein entgegenkommendes Auto rast. Blank fährt ungerührt weiter und empfindet nichts angesichts der Zeitungsmeldungen am anderen Tag, die von einem Unfall mit zwei Toten berichten.

Blank versteht nicht, was mit ihm vorgeht, und will wieder etwas fühlen können. Er holt sich, ohne von seinem Verbrechen zu erzählen, Rat bei seinem Freund Alfred Wenger, einem Psychoanalytiker. Wenger empfiehlt Blank, den Pilztrip unter kontrollierten Bedingungen zu wiederholen, um die Wirkung umzukehren. Daraufhin nimmt Blank erneut Kontakt mit Joe Gasser auf und bietet ihm eine hohe Geldsumme für einen zweiten Trip, der tatsächlich viel harmonischer verläuft als der erste. Blanks Verhalten ändert sich jedoch lediglich dahingehend, dass er nun Reue empfindet, nachdem er eine Tat begangen hat: So schlägt er einen Junkie nieder, von dem er im Wald bedroht wird, und fährt anschließend mit seinem Wagen über den am Boden liegenden Mann. Erst viel später verfolgt ihn das Bild des zuckenden Körpers. Auch die Nachricht, dass Dr. Fluri sich erschossen hat, lässt ihn kalt.

Blank fährt noch einmal zu Joe, denn er erinnert sich inzwischen an einen Pilz, den er beim ersten Trip konsumiert hat und den er für den Auslöser seiner Veränderung hält, weil er anders aussah als die übrigen Pilze. Als er Joe bedroht, überlässt dieser ihm eine handschriftliche Beschreibung des seltenen Pilzes und nennt ihm den Namen, den er selbst ihm gegeben hat: Bläuling.

Um ungestört weiteren Recherchen nachzugehen, lässt Blank sich krankschreiben und in die Reha-Klinik Eschengut einweisen. Man glaubt ihm sofort, dass er überarbeitet ist und unter Burn-out leidet. Ausgerechnet Pius Ott ist zur selben Zeit im Eschengut. Einem ungeschriebenen Gesetz der High Society folgend, fragen die beiden sich nicht nach den jeweiligen Gründen für ihren Aufenthalt. Ott lädt jedoch Blank, den er aufgrund seiner zunehmenden Härte schätzt, zu einem Pilzessen auf sein Zimmer ein. Hier serviert er ihm ein Gericht aus Pilzen, deren Verzehr im Zusammenhang mit Alkohol tödlich sein kann. Als Blank dies begreift, schlägt er Ott ins Gesicht und verlässt dessen Zimmer. Allein zurückgelassen, beschließt Ott, Rache zu nehmen.

Als bekannt wird, dass der Althippie Joe Gasser auf seinem niedergebrannten Gehöft ums Leben gekommen ist, nimmt Detektivwachtmeister Rolf Blaser die Ermittlungen auf. Die Polizei geht von einem Unfall aus, doch Blaser erhält Hinweise auf einen schwarzen Jaguar (Blanks Wagen), der kurz zuvor beim Hof gesehen wurde. Er vermutet, dass der Fahrer dieses Wagens Joe Gasser getötet und das Gehöft angezündet hat.

Unterdessen entfernt sich Lucille von dem ihr fremd gewordenen Urs und beginnt nach einem Aufenthalt in Indonesien eine Beziehung mit ihrem Flohmarktkollegen Arshad. Als Urs überraschend in ihrer Wohnung auftaucht und auf Arshad trifft, versucht er, ihn zu erwürgen. Arshad und Lucille schlagen Urs in die Flucht. Am anderen Tag geht Lucille zur Polizei und sagt aus, dass sie den Fahrer des schwarzen Jaguars kennt und dieser versucht habe, ihren Freund zu töten. Die Polizei macht sich auf die Suche nach Blank; er ist jedoch unauffindbar.

Zur gleichen Zeit beginnt ein neues Kapitel in Urs Blanks Leben: Er lebt von nun an im Wald, immer auf der Flucht vor der Polizei. Er hat sich Survival-Kenntnisse angeeignet, besitzt eine umfangreiche Ausrüstung und ernährt sich von Früchten des Waldes und selbst erlegten Tieren. Blank mutiert mehr und mehr zum »Waldmenschen«. Während dieser Zeit stößt er einen harmlosen Pilzsammler in einen Abgrund, ein weiterer Mord, den er ohne jede Gefühlsregung begeht. Als sein Geländewagen mit Papieren und Geld am Ufer eines Sees gefunden wird, geht die Polizei von Selbstmord aus. So hat Blank eine Zeit lang Ruhe vor seinen Verfolgern und geht mit Besessenheit weiter seiner Suche nach dem »Bläuling« nach.

Eines Nachts dringt er in sein altes Büro ein, um im Internet Seiten über Pilze aufzurufen und sie auszudrucken. Sein Nachfolger Gerber bemerkt am anderen Tag, dass jemand an seinem Computer war und gerät in Panik, denn die Kanzlei ist an einem illegalen Insider-Geschäft beteiligt. Wichtige Daten dazu befinden sich auf Gerbers PC. Er glaubt, diese seien von Blank gehackt worden und vermutet richtig, dass er noch lebt. über Blanks wahre Beweggründe, an seinen alten Rechner zu gehen, ahnt er nichts. Er weiht Geiger ein, und die Partner beschließen, das Ganze zunächst für sich zu behalten, damit ihre illegalen Aktivitäten nicht auffliegen. Sie setzen darauf, dass Blank nicht gefunden wird.

Die Polizei befragt Pius Ott, weil sie seinen Namen als Notiz in einem Pilzbuch von Blank gefunden hat – ein Hinweis auf das Pilzessen in der Kurklinik. Durch die Befragung und einige andere Fakten kombiniert Ott, dass Blank noch lebt und sich in den Wäldern versteckt hält. Auf eigene Faust macht er sich auf die Suche nach dem Mann, der ihm seit dem Schlag ins Gesicht verhasst ist. Wichtige – indirekte – Hinweise erhält er von Pilzkontrolleur Theo Huber. Die offizielle Suche nach Blank nimmt ebenfalls wieder Fahrt auf, als der Gesuchte in der Nähe seines Verstecks einen Polizeihund tötet. Der Halter des Tiers, Polizeigefreiter Paul Welti, kommt über den Verlust nicht hinweg und will den Täter um jeden Preis fassen. Darum bietet er Rolf Blaser die Zusammenarbeit an.

Nach einer ermüdenden Wanderung findet Blank den gesuchten Pilz schließlich eher zufällig in der Nähe des abgebrannten Gehöfts. In der Schwitzhütte, die den Brand überstanden hat, bereitet er sich darauf vor, sich endlich diesen Pilz einzuverleiben. Unterdessen hat Pius Ott Blanks Versteck im Wald gefunden und wartet auf seinen Feind. Als Blank nach seinem Pilzritual zurückkehrt, kommt es zum Zweikampf. Obwohl er Gelegenheit hat, Ott zu erstechen, hält ihn etwas zurück. Er wehrt sich nicht, als er sieht, wie Ott seine Pistole zieht, und lässt sich von ihm erschießen. Im selben Moment erscheint Blaser auf der Bildfläche, der inzwischen weiß, dass Ott ebenfalls Jagd auf Blank macht und dessen Wagen gefolgt ist, und verhaftet Ott.

Wenige Monate später wird die Kanzlei, in der Blank tätig war, geschlossen.


Hauptpersonen

Urs Blank

Evelyne Vogt

Lucille Roth

Alfred Wenger

Pius Ott

Christoph Gerber

Joe Gasser


Interpretationsansätze

Martin Suter hat einmal geäußert, dass er einen Roman schreiben wollte, in dem der Wald eine große Rolle spielt. Im Verlauf der Handlung ist nicht nur die verstörende Verwandlung der Hauptperson von großer Bedeutung, sondern auch die Gegenüberstellung der Lebensräume Stadt und Wald, die so nah beieinander liegen und doch so komplett verschiedenen Gesetzmäßigkeiten gehorchen.

Der Roman beginnt mit zwei Szenen, die den grundsätzlichen Gegensatz zwischen städtischer Zivilisation und vermeintlich »freiem« Leben im Wald spiegeln, der konstitutiv für die gesamte Handlung ist: Zunächst telefoniert Urs Blank in seinem Büro mit einem Verhandlungspartner. Das Telefonat mit Kurt Fluri zeigt, dass Blank genervt ist und sich nur mit Mühe höflich gibt. Anschließend geht er zu Fuß zu einem Termin und wählt dabei bewusst eine längere Route durch den Wald. Er genießt die Eindrücke und fragt sich, warum er schon so lange nicht mehr im Wald war und was in seinem Leben falsch läuft, wenn es ihn von derart einfachen Genüssen abhält.

Urs Blank ist schon durch seinen Namen (»Ursus« = lat. »Bär«) als jemand gekennzeichnet, der »zurück zur Natur« will. Doch der Ausflug in die Ursprünglichkeit ist keineswegs die Lösung für seine Probleme, die ihn als typischen Angehörigen der oberen Mittelschicht zeigen: Er hat keine finanziellen Sorgen, lebt mit allen Annehmlichkeiten und schafft es dennoch nicht, eine erfüllende Liebesbeziehung aufzubauen. Er hat keine Kinder und ist genervt von seinem Berufsalltag, ohne wirklich zu wissen, was die Alternative sein könnte. Er fühlt eine vage Unzufriedenheit, die ihn in die Affäre mit Lucille hineinschlittern lässt. Ironie des Schicksals: Ausgerechnet er, der nur einmal versuchshalber Pilze isst, verliert im Gegensatz zu den Aussteigern in der Gruppe jeglichen Halt und wird in der Folge zum Kriminellen und Antagonisten bürgerlichen Lebens, während die anderen irgendwie damit koexistieren.

Auf dem Weg zum Gehöft fahren Urs und Lucille durch eine Naturidylle mit »blühenden Kirschbäumen«, »grünen Laubwäldern«, »Kinderbuchhimmel« und »verirrten Wolkenschäfchen« – Versatzstücke bürgerlicher Sonntagsausflüge. Doch sie hören im Auto Pink Floyds »Dark Side of the Moon«, Hinweis auf einen ganz anderen Naturbegriff. In der Folge zeigt sich, wie gefährlich es ist, mit dieser »dunklen Seite des Mondes«, die dem Roman seinen Titel gibt, in Berührung zu kommen. Der Mond, der mit den gefühlvollen, passiven und unbewussten Seiten des menschlichen Wesens assoziiert wird, hat eben auch eine finstere, beängstigende Seite. Menschliche Abgründe werden offenbar, wenn die dünne Schicht der Zivilisation wegbricht. Im Roman ist es Urs Blank, der offensichtlich zum Monster wird.

Andererseits gibt es auch innerhalb der scheinbar zivilisierten Welt Monster wie Pius Ott, die das Leben eines Verhandlungspartners gewissenlos opfern, um geschäftliche Ziele zu erreichen. Dieses Verhalten ist gesellschaftlich sanktioniert, weil die unmittelbare Ursache-Wirkungsbeziehung nicht so deutlich ist wie bei Blanks Morden. In gewisser Weise macht Blank das, was viele tun, nur auf eine völlig unverhohlene Art: Er folgt allein seinem Ego, weil er glaubt, dass es niemanden außer ihm auf der Welt gibt. Letzten Endes ist es genau dieses Verhalten, dass die Zivilisation an ihre Grenzen bringt und die Zerstörung der Natur vorantreibt.

Der Mond steht in der christlichen Ikonographie für alles Wandelbare und damit Weltliche. So kann der Titel »Die dunkle Seite des Mondes« durchaus als Zivilisationskritik verstanden werden, denn der Roman, der auch ein Wirtschaftskrimi ist, zeigt die illegalen Machenschaften der »Männer von Welt« und die kriminellen Abgründe der modernen Wirtschaft.

Dass der Wald dennoch als Lebensraum keine Alternative und keineswegs identisch mit dem Paradies ist, wird u. a. daran deutlich, dass ein brutaler Jäger wie Pius Ott sich dort wie ein Fisch im Wasser fühlt. Fressen und gefressen werden lautet hier das Gesetz, das Urs Blank gnadenlos durchzieht, als er einen arglosen Steinpilzsammler umbringt, von dem er sich um seine Nahrung gebracht fühlt. Und auch Pius Ott tritt an einer der wichtigsten Stellen im Roman als Pilzesser auf: Er serviert Blank ein Pilzgericht, das tödlich sein kann, und zwar interessanterweise in Verbindung mit Alkohol, der einzigen legalen Droge. Otts »Pilzexperiment« ist also ungleich extremer und gefährlicher als das der Hippiegruppe auf dem Gehöft. So erscheint Ott in mancher Hinsicht als diabolisches Zerrbild der »Zurück-zur-Natur«-Fraktion.

Städtische Welt und Wald sind im Roman auf vielfältige und komplexe Weise miteinander verzahnt, und keinem der beiden Lebensräume lässt sich eindeutig »Gut« oder »Böse« zuordnen. Personen wie Alfred Wenger oder Lucille Roth zeigen aber Ansätze zu einem Ausweg aus dem Dilemma: Lucille ist alles andere als gesetzeshörig, zögert aber nicht, die Polizei zu informieren, als Blank zum Verbrecher wird. Wenger ist als Psychoanalytiker schon von Berufs wegen mit den dunklen Seiten der menschlichen Seele vertraut, setzt aber auf Vernunft und rationalistisches Vorgehen (der »kontrollierte« Trip), um seinem Freund zu helfen. So stehen sie exemplarisch für einen »mittleren Weg«, der den unbewussten und spontanen Seiten des Menschen Rechnung trägt, ohne sie absolut zu setzen.