Das Muschelessen

Inhaltsangabe

Birgit Vanderbekes 1990 veröffentlichte Erzählung »Das Muschelessen« schildert den Zusammensturz einer scheinbaren Familienidylle innerhalb weniger Stunden. Vor einem Topf mit Muscheln wartet die Familie in der Küche auf die Rückkehr des Vaters von einer Dienstreise. Die volljährige Tochter und Ich-Erzählerin beginnt, mit dem abwesenden Patriarchen abzurechnen, der jüngere Bruder und die Mutter schließen sich an und am Ende des Abends ist nichts mehr, wie es war.


Der Vater soll um sechs Uhr abends von einer Dienstreise zurückkommen. Da eine Beförderung zu feiern ist, hat die Mutter Muscheln vorbereitet, die in der Familie in Erinnerung an die Hochzeitsreise der Eltern als Festessen gelten. Während der Berg lebender Tiere im Topf klappert, versuchen sich alle auf den Vater einzustellen, um seiner Idee von einer »richtigen Familie« zu entsprechen.

Das Warten auf den sonst pünktlichen Vater macht gereizt, und nach einer Stunde wünscht sich die Tochter, dass er gar nicht mehr käme. Kurz vor acht kocht die Mutter die Muscheln, aber niemand mag davon essen. Zögernd beginnt man, darüber zu sprechen, wie es wäre, wenn der Vater wegbliebe. Das gegenseitige Misstrauen sitzt tief, denn normalerweise denunzieren sich alle gegenseitig beim Vater.

Überraschend gibt die Mutter zu, oft Angst vor ihrem Mann zu haben. Der beansprucht für sich Vernunft und Sachlichkeit und verachtet sogenannte Gefühlsmenschen wie seine Frau und seinen Sohn. Er verlangt Zusammenhalt und verlässt sich dabei auf die unbedingte Anpassungsfähigkeit und Tatkraft seiner Frau. Ihm zuliebe hat sie auf ein Musikstudium verzichtet und sie war es auch, die die Familie in den ersten Jahren nach der Flucht aus der DDR in den Westen durchgebracht hat.

Inzwischen zeigt jeder offen seinen Ekel vor dem Muschelberg auf dem Tisch. Eine Flasche Wein sorgt für eine zunehmend gelöste Stimmung. Die Familie vermutet einen Autounfall des Vaters und malt sich aus, einen Sonntagvormittag lang nicht – im Wohnzimmer eingesperrt – seine Lieblingsopern anhören zu müssen. Die von ihm erzwungenen anschließenden Sonntagsausflüge waren allen ebenso verhasst wie die Urlaubsreisen in den Süden.

Nur wenn der Vater auf Dienstreise war, entstand vorübergehend wirkliche Gemeinschaft zwischen ihnen und gleichzeitig konnte jeder seinen eigenen Interessen nachgehen. Plötzlich taucht in der Runde die Frage auf, warum sich alle drei die Tyrannei des Vaters gefallen lassen.

Der Vater hat nie Verständnis für Angst oder Schwäche gezeigt. Er beschimpfte die Kinder als Feiglinge und Drückeberger. Den Sohn hält er für einen Versager, die Tochter für uncharmant und hässlich. Als Baby hat er sie wegen ihres Geschreis gegen die Wand geworfen. Dem Sohn wirft er die schlechten Schulleistungen vor, das Einserzeugnis der Tochter betrachtet er wegen des allgemeinen Leistungsverfalls als wertlos.

Von der Mutter kommt der Einwand, dass der Vater sich aus kleinen Verhältnissen hochgearbeitet und es schwer gehabt habe. Seine ärmliche Herkunft hat er verleugnet und sich seiner eigenen Mutter geschämt, erinnert sich die Tochter.

Um die Kinder zur Rede zu stellen, hatte sich der Vater mit jeweils einem von ihnen im Wohnzimmer eingeschlossen. Die abendlichen Verhöre endeten mit brutalen Prügeln, während derer die Kinder aufpassen mussten, nicht gegen den schweren eichenen Wohnzimmerschrank geschleudert zu werden. Sie gestehen, immer wieder überlegt zu haben, sich vor der Gewalttätigkeit des Vaters durch einen Sprung aus dem Fenster zu retten.

Die Mutter hat stets weggeschaut. Heimlich suchte sie Trost beim Musizieren; musische Neigungen in der Familie wurden vom Vater ebenso unterdrückt wie soziale Kontakte. Während er selbst mit Geld um sich warf, verspottete er seine Frau wegen ihrer Einfachheit und Sparsamkeit.

Bei der zweiten Flasche Wein verkündet die Mutter, sich nicht weiter ausnutzen und alles bieten zu lassen. Sie gibt zu, sogar erwogen zu haben, die Familie zu vergiften und dem freudlosen Leben ein Ende zu machen. Während sie sich jetzt dafür schämt, sind die Kinder froh, dass die Mutter endlich ihre versöhnliche Haltung aufgibt und Position bezieht.

Um Viertel vor zehn klingelt das Telefon und alle geraten in Panik. Die Mutter schwankt, dann fasst sie sich und ignoriert das Klingeln. Sie kippt die Muscheln in den Mülleimer und bittet ihren Sohn, den Müll hinunterzutragen.


Birgit Vanderbekes über hundertseitige Erzählung ist ein fließender Text ohne Absätze. In langen Sätzen brechen Erinnerungen an die vom autoritären Vater beherrschte Kindheit aus der Tochter heraus. Dabei entsteht ein Sog, der den Leser mit sich reißt. Die Situation der Familie ist bedrückend festgefahren, woran nicht nur der Vater als eigentliche Hauptfigur, sondern ebenso die duldsamen und sich wegduckenden übrigen Familienmitglieder ihren Anteil haben. Am Ende scheint ein Aufbrechen möglich. Ein Übertragen auf größere politische Zusammenhänge liegt nahe.