Die Kindermörderin

Inhaltsangabe

Das Trauerspiel »Die Kindermörderin« von Heinrich Leopold Wagner attackiert gesellschaftliche Missstände seiner Zeit auf ungewöhnlich scharfe Weise. Daher wurde es 1776 zunächst anonym veröffentlicht. Protagonistin des Stücks ist Evchen Humbrecht, eine junge Frau aus dem Bürgertum, die von einem adeligen Soldaten geschwängert und dann Opfer einer Intrige wird. Aus Verzweiflung tötet sie ihr Kind. Ort der Handlung ist Straßburg. Das Drama spielt in einem Zeitraum von mehr als neun Monaten zur Zeit seiner Entstehung.


Erster Akt

Nach einem Faschingsball betreten Evchen Humbrecht, ihre Mutter sowie Lieutenant von Gröningseck ein einfaches Wirtshaus. Frau Humbrecht lässt sich vom Lieutenant versichern, dass sie sich in einem ehrenwerten Haus befinden. Während sie ihre Masken ablegen, macht Gröningseck scherzhafte Annäherungsversuche bei Evchen, die sie und ihre Mutter halbherzig abwehren.

Als die beiden Frauen ins Nebenzimmer gehen, um sich umzuziehen, tritt die Magd Marianel ein. Ihrem Gespräch mit Gröningseck ist zu entnehmen, dass sie sich prostituiert und Gröningseck einer ihrer Freier ist. Er stellt Marianel Geld in Aussicht, wenn sie ein Schlafmittel in den Punsch rührt, den er Frau Humbrecht servieren will.

Evchen und ihre Mutter kehren zurück. Nach dem Essen trinkt Frau Humbrecht den Punsch und schläft kurz darauf ein. Evchen ist besorgt. Gröningsecks Versuche sie zu küssen, sind ihr jetzt zuwider. Sie flüchtet ins Nebenzimmer. Gröningseck verfolgt sie dorthin und vergewaltigt sie.

Unterdessen betreten Marianel und die Wirtin den Hauptraum. Sie tun, als hörten sie die eindeutigen Geräusche von nebenan nicht. Marianel stiehlt eine Tabaksdose von Frau Humbrecht. Nachdem sie gegangen sind, treten Evchen und der Lieutenant ein. Evchen weint in völliger Verzweiflung, und Gröningseck verspricht ihr, sie binnen fünf Monaten zu heiraten.


Zweiter Akt

Frau Humbrecht und ihr Mann streiten über den vorangegangenen Abend. Humbrecht ist der Meinung, dass Personen bürgerlichen Standes nicht auf Bälle gehen sollten. Seine Frau wirft ihm vor, zu streng gegenüber Evchen zu sein. Als Magister Humbrecht, ein Vetter, hinzutritt, fragt Frau Humbrecht ihn nach seiner Ansicht als Geistlicher. Der Magister vertritt fortschrittliche Positionen und unterstützt die Mutter. Daraufhin verlässt der alte Humbrecht verärgert den Raum.

Kurz darauf betritt Gröningseck die Szene und provoziert den Magister. Als sie jedoch über Erziehungsfragen sprechen, ist Gröningseck angenehm überrascht von den reformpädagogischen Theorien des Magisters. Evchen erscheint und verhält sich reserviert gegenüber Gröningseck. Sie erinnert ihn aber diskret an sein Eheversprechen. Kurz darauf verlassen Gröningseck und der Magister gemeinsam das Haus. Frau Humbrecht bemerkt unterdessen, dass ihre Tabaksdose verschwunden ist.

Der alte Humbrecht kehrt zurück. Er ist wütend auf eine junge Frau, die unter seinem Dach lebt. Sie habe sich mit einem Offizier eingelassen und er will sie deshalb hinauswerfen. Evchen ahnt nicht, dass die Magd gemeint ist. Sie wirft sich, um Gnade bittend, ihrem Vater vor die Füße. Dieser missversteht die Geste und glaubt, Evchen täte es leid, auf den Ball gegangen zu sein. Er reagiert mit Milde. Zugleich macht er deutlich, dass er einen Vorfall wie am Vorabend nicht verzeihen würde.


Dritter Akt

Fünf Monate später: Gröningseck, der im Haus von Humbrecht logiert, hat Besuch von Lieutenant von Hasenpoth. Der zynische Hasenpoth begreift nicht, was seinen Freund Gröningseck seit dem Faschingsball so verändert hat. Er redet ihm zu, auszugehen und sich mit Frauen zu vergnügen. Hasenpoths anzügliche Bemerkungen über Evchen bringen Gröningseck auf. Er hält eine flammende Rede auf Evchens Tugend. Gröningseck scheint die Vergewaltigung zu bereuen und sich Vorwürfe zu machen.

Als der Magister die Szene betritt, wird deutlich, dass der Lieutenant sich inzwischen eng an den Geistlichen angeschlossen hat. Er fragt ihn nach Evchen. Der Magister berichtet, dass sie immer ernster und trauriger wirke. Ihre einzige Lektüre seien Edward Youngs »Nachtgedanken« (eine düstere Betrachtung über Tod und Vergänglichkeit). Gröningseck bittet den Magister, Evchen auszurichten, wie sehr er an ihrem Wohlergehen interessiert sei.

In diesem Moment erscheint ein weiterer Soldat, Major Lindsthal. Er teilt mit, dass dem Urlaubsgesuch von Gröningseck stattgegeben wurde. In einem kurzen Intermezzo spricht Lindsthal über ein Erlebnis vom Vortag, das um die Themen Soldatenehre und Duelle kreist. Die Schilderung entfacht ein Wortgefecht zwischen ihm und dem Magister. Unterschiede zwischen adeliger und bürgerlicher Gesinnung werden offensichtlich.

Nachdem die Diskutanten gegangen sind, eröffnet Gröningseck Hasenpoth, dass er den Dienst quittieren und die schwangere Evchen heiraten will. Hasenpoth ist entgeistert und beschließt für sich, diese Heirat durch eine Intrige zu verhindern.


Vierter Akt

Während Evchen und ihre Mutter am Abend auf die Heimkehr des Vaters warten, spricht Frau Humbrecht ihre Tochter auf deren verändertes Verhalten an. Sie wirft ihr vor, ihren Eltern nicht mehr zu vertrauen und Geheimnisse zu haben. Es gelingt Evchen nicht, die Mutter von ihrer unveränderten Liebe zu überzeugen.

Der Vater tritt ein und redet in gewohnt lärmendem Ton mit Frau und Tochter. Als beide Eltern schlafen gegangen sind, erscheint Gröningseck, um sich von Evchen für längere Zeit zu verabschieden. Evchen und er versichern sich ihre gegenseitige Liebe und Gröningseck wiederholt sein Eheversprechen.

Dennoch kann Evchen ihre Gedanken nicht für sich behalten: Sie erschreckt Gröningseck mit ihren Vorahnungen eines Schicksals, das »mit Blut geschrieben« sei. Außerdem erzählt sie ihm, dass sie dem Magister nicht traue und ihre Mutter den Vetter gern als Schwiegersohn sähe. Gröningseck verspricht Evchen, in zwei Monaten wieder bei ihr zu sein. Sie verabschiedet ihn mit einem Kuss.


Fünfter Akt

Gröningseck ist nicht zurückgekehrt und hat sein Eheversprechen offenbar gebrochen. Evchen tauscht in den frühen Morgenstunden mit ihrer Magd Lissel die Kleider und verlässt hastig das Haus. Lissel schaut ihr besorgt hinterher.

Der Magister kommt und verlangt, den alten Humbrecht zu sehen. Er erzählt ihm vom gestrigen Gottesdienst: In der Predigt ging es um Unkeuschheit und Kindermord. Er habe beobachtet, wie Evchen dabei fast ohnmächtig zu werden schien. Der Magister deutet an, dass ihm dies verdächtig erscheine. Humbrecht findet es normal, wenn ein junges Mädchen bei solchen Themen aufgewühlt wäre.

Frau Humbrecht kommt hinzu und der Magister zieht einen Brief hervor, vermeintlich von Gröningseck geschrieben. Darin wendet sich dieser direkt an Humbrecht und teilt mit, dass er Evchen nicht heiraten werde. Er sei aber bereit, mit Geld auszuhelfen, falls Humbrecht seine Tochter »ins Findlingshaus« geben wolle.

Frau Humbrecht bezweifelt, dass Gröningseck der Verfasser des Briefs ist. Sie verlässt wütend das Zimmer. Humbrecht hingegen folgt den Reden des Magisters und droht, Evchen »die Rippen im Leib« zu zertreten, falls etwas Wahres daran sei.

Ein grobschlächtiger Gerichtsdiener namens Fausthammer erscheint, um Humbrecht die verlorene Tabaksdose auszuhändigen. Humbrecht hasst den grausamen Mann, der einmal ein bettelndes Kind totgeschlagen hat. Darum prügelt er ihn hinaus.

Gleich darauf kommt Frau Humbrecht aufgeregt ins Zimmer und ruft aus, dass Evchen nirgendwo zu finden sei. Die Eltern sind jetzt überzeugt, dass der Magister mit seinen Andeutungen recht hatte. In völliger Auflösung und Verzweiflung sitzen sie da, als der Gerichtsdiener erneut eintritt. Er ist in Begleitung eines Kollegen und eines höhergestellten Polizeibeamten, einem Fiskal.

Der Fiskal erhebt Vorwürfe gegen Humbrecht, weil er den Fausthammer geschlagen hat. Zugleich wird die Geschichte der angeblich verlorenen Tabaksdose enthüllt: Die Polizei hatte sie bei der gesuchten Magd Marianel gefunden und die Spur zurück bis ins Wirtshaus »Zum gelben Kreutz« verfolgt. So kommt heraus, dass Frau Humbrecht mit Gröningseck und Evchen nach dem Ball in einem Bordell war. Der Mutter dämmert auf einmal die ganze Wahrheit.

Lissel stürzt herein und gesteht den Anwesenden den morgendlichen Kleidertausch mit Evchen, worauf sich die Gerichtsdiener auf die Suche nach ihr machen.


Sechster Akt

Evchen wohnt mit ihrem Säugling in einem Zimmer bei Frau Marthan, einer Lohnwäscherin. Trotz eigener Armut hat sie Mutter und Kind bei sich aufgenommen. Evchen ist verzweifelt und gibt sich ganz ihrem Elend hin. Ohne zu wissen, dass Evchen Humbrechts Tochter ist, berichtet Frau Marthan den Stadtklatsch über die Familie. Als sie erzählt, dass Frau Humbrecht vor Kummer gestorben sei, bricht Evchen zusammen und offenbart ihr, wer sie ist. Sie schlägt Frau Marthan vor, sie bei der Polizei zu melden, um sich so die hundert Taler zu verdienen, die auf sie ausgesetzt sind. Frau Marthan geht darauf ein und lässt Evchen in ihrer Wohnung zurück.

Allein mit dem Kind spricht Evchen immer verworrener vor sich hin und scheint wahnsinnig zu werden. Schließlich versucht sie, das Kind durch einen Nadelstich in seine Schläfe zu töten. Als ihr Vater, Frau Marthan und der Magister zur Tür hereinstürmen, liegt das Kind bereits leblos auf dem Bett. Zu spät erfahren Evchen und der alte Humbrecht vom Magister, dass sie einer Intrige zum Opfer gefallen sind und in Wahrheit Hasenpoth den Brief geschrieben hat.

Wegen einer schweren Krankheit konnte Gröningseck den Hochzeitstermin nicht einhalten. Als er schließlich erscheint, ist sein Kind tot und Evchen stehen Festnahme und Hinrichtung bevor. Der alte Humbrecht will sich mit Rattengift umbringen. Gröningseck kündigt an, dass er persönlich in Versailles um Evchens Begnadigung bitten will. Evchen selbst aber will sich dem Urteil ohne Zögern beugen.


Die Mittel, die Heinrich Leopold Wagner zur Darstellung der sozialen Verhältnisse seiner Zeit verwendet, sind für das 18. Jahrhundert revolutionär. Schon die Sprengung der aristotelischen Einheit von Ort, Zeit (mehr als neun Monate) und Handlung ist eine formale Grenzüberschreitung. Doch gehört sie immerhin zur Programmatik der Literaturepoche des Sturm und Drang. Sie überrascht darum nicht so sehr wie die realistische Darstellung der Vergewaltigung und der Kindstötung auf offener Bühne. Vergleichbares findet man erst wieder im naturalistischen Drama des ausgehenden 19. Jahrhunderts. So verwundert es nicht, dass »Die Kindermörderin« nur in einer durch Karl Lessing überarbeiteten und dabei stark entschärften Fassung 1777 in Berlin zur Uraufführung gelangte.


Hauptpersonen

Evchen

Lieutenant von Gröningseck

Frau Humbrecht

Herr Humbrecht

Magister Humbrecht

Hasenpoth


Interpretationsansätze

Mit seinem Drama »Die Kindermörderin« geißelt Heinrich Leopold Wagner in radikaler Weise die gesellschaftlichen Zustände seiner Zeit. Der Adel maßte sich auch im 18. Jahrhundert noch Rechte an, die ihm in der bürgerlichen Gesellschaft eigentlich nicht mehr zukamen. Dies zeigt u. a. die Diskussion um die Praxis des Duellierens. Offiziell verboten, war es für die adeligen Offiziere dennoch eine Selbstverständlichkeit, das Duell weiterhin auszuüben. Die Strafe der Justiz bedeutete ihnen wenig bis gar nichts gegenüber dem Verlust der Standesehre, die nach wie vor verlangte, sich unter bestimmten Voraussetzungen zu duellieren.

Die Soldaten im 18. Jahrhundert waren zum größten Teil junge Adelige, die bei bürgerlichen Familien untergebracht wurden, wenn sie in einer Garnisonsstadt stationiert waren. Dabei kam es oft zu Verbindungen zwischen ihnen und den Töchtern ihrer Hauswirte. Ungewollte Schwangerschaften, mit denen die Frauen völlig alleingelassen wurden, waren keine Seltenheit. Sie konnten nicht damit rechnen, von den Adeligen finanziell unterstützt oder sogar geheiratet zu werden.

Stattdessen wurde die »Schande« ganz allein ihnen angelastet, und der Verlust der bürgerlichen Familienehre war die Folge, während die Soldaten längst weitergezogen waren. Mit der Figur des Lieutenants von Hasenpoth zeigt Wagner deutlich die menschenverachtende Grundhaltung, mit der die meisten der adeligen Soldaten ihren bürgerlichen Geliebten begegneten. In einigen Fällen kam es zu Kindstötungen durch verzweifelte Mütter. Ein realer Fall, der sich in Straßburg ereignet hatte und zur Hinrichtung der Täterin führte, diente Wagner als Vorlage.