Ein ungezähmtes Leben (Half Broke Horses)

Inhaltsangabe

Der Roman »Ein ungezähmtes Leben« von Jeannette Walls schildert das Leben von Lily Casey Smith (1901 – 1968), der Großmutter der Autorin. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts stellt die Protagonistin in Texas, Arizona und Chicago ihre ungewöhnliche Eigenständigkeit unter Beweis. Die leidenschaftliche Lehrerin ist zupackend und nimmt es mit jedem Mann im früheren »Wilden Westen« auf: Sie reitet Pferde zu, spielt Poker und lernt Fliegen. Die Lektionen, die ihr das Leben erteilt, versucht sie an ihre Kinder weiterzugeben. Die Originalausgabe (»Half Broke Horses«) erschien 2009 in den USA, die deutsche Übersetzung erstmals 2010.

Verbindung von Biografie und Fiktion

Der Roman »Half Broke Horses« ist in der Ich-Form geschrieben. Dies erweckt den Eindruck, als handele es sich um eine (Auto-)Biografie. In ihrem Nachwort schreibt die Autorin jedoch, dass der Roman nicht unbedingt der historischen Wahrheit entspreche: Er stehe in der Tradition der mündlichen Überlieferung. Es handele sich um Geschichten, die in der Familie weitergegeben wurden. Jeannette Walls Hauptquelle sind die Erzählungen ihrer Mutter. Die Autorin verknüpft tatsächliche Begebenheiten mit Fiktion. Dabei entsteht das Bild einer selbstbewussten, aber auch harten Lily Casey. Die vermeintliche Autobiografin hinterfragt weder ihre Überzeugungen noch ihr Handeln. Andererseits erlaubt die Ich-Form des Romans keine Kommentare der tatsächlichen Autorin.


1 – Salt Draw

Die Romanhandlung setzt unvermittelt ein: Der Salt Draw River tritt über die Ufer. Die zehnjährige Protagonistin und Ich-Erzählerin Lily Casey rettet ihre jüngeren Geschwister Buster, 9, und Helen, 7, vor dem Ertrinken.

Lily ist 1901 geboren. Sie verlebt ihre Kindheit auf einer Ranch am Salt Draw River in West Texas. Die Gegend ist trocken, die Erde hart und die Vegetation spärlich. Elektrizität gibt es nicht. Lilys irisch-stämmiger Vater ist nach einem Unfall als Kind gehbehindert. Er hat zudem eine Sprachstörung. Aufgewachsen auf der Casey Ranch im Hondo Valley, New Mexico, hat er seine Heimat wegen Erbstreitigkeiten verlassen.

Den Lebensunterhalt verdient die Familie mit der Abrichtung von Kutschpferden. Der Vater ist intelligent und gebildet. Als Gegner der Industrialisierung schreibt er Briefe an Politiker und Journalisten. Lily wird von ihm zu Hause unterrichtet. Sie wiederum gibt das Gelernte an ihre Geschwister weiter. Spielen erachtet der Vater als überflüssig.

Die streng katholische Mutter ist zierlich und von zarter Natur. Krisen versucht sie durch Beten abzuwenden; grobe Arbeiten verrichtet ihr Mann. Ihre Hoffnung auf ein Leben in Wohlstand hat sich nicht erfüllt. Gleichwohl bemüht sie sich, in der texanischen Wildnis wie eine Dame aufzutreten. Ihre Töchter hofft sie gut verheiraten zu können.

Auf Lily lastet schon früh große Verantwortung. Sie reitet die Kutschpferde zu und versorgt die anderen Tiere auf der Farm. Lily zeigt sich den regelmäßigen Überschwemmungen gewachsen und weiß mit Klapperschlangen und Skorpionen umzugehen. Dank ihrer Zähigkeit übersteht sie Krankheiten, Unfälle und Katastrophen. Als Lily elf ist, zerstört einer der häufigen Tornados das Holzhaus der Familie, die daraufhin auf die Casey-Ranch in New Mexico umzieht.

Lebensweisheiten von Lilys Eltern

Lilys Mom:
»Wenn du dir die Liebe Gottes in Erinnerung rufen willst, schau dir einfach einen Sonnenaufgang an.» (Seite 45)

Lilys Dad:
»Das Wichtigste im Leben ist, zu lernen, wie man fällt.« (Seite 39)
»Hoffe das Beste und rechne mit dem Schlimmsten.« (Seite 40)
»Und wenn du dir den Zorn Gottes in Erinnerung rufen willst, schau dir einen Tornado an.«, Seite 45)


2 – Die Wundertreppe

Das Steinhaus der Casey-Ranch (wegen der Liebe des Vaters zur Lautschrift KC Ranch genannt) liegt inmitten einer fruchtbaren Landschaft. Die Bewirtschaftung der Farm unterscheidet sich sehr von der Tierhaltung im kargen Texas. Lily muss Farmarbeiter einstellen und beaufsichtigten, während ihr Vater sich der Schriftstellerei widmet. Erst mit dreizehn darf sie eine Schule besuchen.

Im 200 Kilometer entfernten Santa Fe wird Lily von katholischen Nonnen unterrichtet. Mutter Albertina ist eine starke Persönlichkeit; für sie ist die Welt voller Wunder. Die wissbegierige Lily genießt das Leben im Internat; sie will Lehrerin werden. Doch vor Ende des ersten Jahres muss sie die Schule verlassen und wieder auf der Farm arbeiten. Lilys Vater hat für das Schulgeld Zuchthunde gekauft.

Ein Jahr später legt Lily auf Mutter Albertinas Rat hin eine Prüfung ab, um als Hilfslehrerin arbeiten zu können. Sie erhält eine Anstellung in der Rancherstadt Red Lake in Nordarizona. Mit ihrem Pferd Patches macht sich die Fünfzehnjährige auf den 500 Meilen langen Ritt durch die Wüste.

Lebensweisheiten von Mutter Albertina

»Ich glaube, dass alles ein Wunder ist.« (Seite 57)
»Lehren ist […] eine Berufung. Und ich habe schon immer gedacht, dass Lehrer auf ihre eigene Art heilig sind – Engel, die ihre Herde aus der Dunkelheit führen.« (Seite 60)
»Wenn Gott ein Fenster schließt, öffnet Er eine Tür.« (Seite 64)


3 – Versprechungen

Wegen des Ersten Weltkrieges herrscht vor allem in ländlichen Gebieten Lehrermangel. In den folgenden drei Jahren wird Lily an verschiedenen Orten als Aushilfe beschäftigt. Sobald jedoch eine qualifizierte Lehrkraft gefunden wird, muss Lily gehen. Sie ist eine gute Lehrerin; dennoch wird sie nach Kriegsende entlassen. Unterwegs zur KC Ranch sieht Lily zum ersten Mal ein Flugzeug in der Luft.

Buster ist inzwischen mit der zupackenden Dorothy verheiratet. Lily wird auf der Farm nicht mehr gebraucht. Sie sehnt sich danach, die Welt zu entdecken. Mit der Eisenbahn fährt sie nach Chicago. Dort findet sie eine Stelle als Dienstmädchen; abends besucht sie die Highschool. Lily ist glücklich und fühlt sich in der modernen Welt angekommen. Sie heiratet den Staubsaugervertreter Ted Conover.

Mit 26 macht Lily ihren Highschool-Abschluss. Zufällig erfährt sie, dass Ted eine zweite Ehefrau und drei Kinder hat. Wütend lässt Lily ihre Ehe annullieren. Sie bewirbt sich erfolgreich am Teacher’s College in Flagstaff, Arizona. Nach acht Jahren verlässt sie Chicago ohne Bedauern.


4 – Die rote Seidenbluse

Zurück auf der KC Farm spürt Lily, dass sie dort nicht mehr hingehört. Busters Kinder wachsen heran und die Eltern haben sich aufs Altenteil zurückgezogen. Lilys jüngere Schwester Helen ist nach Los Angeles gegangen, um Filmstar zu werden.

Am College in Flagstaff ist Lily die älteste und motivierteste Studentin. Noch während des ersten Studienjahres wird ihr erneut eine Stelle in Red Lake angeboten. Lily verschafft sich dort schnell Respekt: Außerhalb des Unterrichts nimmt sie an Pferderennen und Pokerspielen teil. Von den Preisgeldern kauft sie sich eine extravagante rote Seidenbluse. Jim Smith, zwanzig Jahre älter als Lily und Inhaber einer Autowerkstatt, bringt ihr in einem Ford T das Fahren bei.

Helen gelingt es unterdessen nicht, in Hollywood Fuß zu fassen. Sie hat wechselnde Männerbekanntschaften. Als sie schwanger wird, nimmt Lily sie bei sich auf. Sie versucht alles, um der verzweifelten Schwester Mut zu machen. Einzig die rote Seidenbluse kann Helen zum Lächeln bringen.

Die Eltern von Lilys Schülern und der Priester der Stadt verlangen von Lily, ihre »liederliche« Schwester wegzuschicken. Helen sieht keinen Ausweg und erhängt sich. Eine christliche Beerdigung wird ihr verwehrt. Lily begräbt Helen auf dem freien Land – in der geliebten Seidenbluse.


5 – Lämmchen

Die Trauer um Helen und das ungeborene Kind weckt bei Lily den Wunsch nach einem Baby. Mit 29 heiratet sie Jim Smith. In Ash Fork, dreißig Meilen westlich, baut das Paar gemeinsam eine Autowerkstatt auf. Die Tochter Rosemary wird geboren; eineinhalb Jahre später kommt der Sohn Little Jim zur Welt. In der Weltwirtschaftskrise kann Lily die Pleite der Werkstatt ein Jahr lang hinauszögern, indem sie schwarz gebrannten Whisky verkauft.

Dann erhält Jim überraschend das Angebot, in Arizona die AIC Ranch zu leiten. Eigentümer der mehr als 40.000 Hektar großen Ranch sind englische Investoren. Jim nimmt an. Er leitet die Ranch mit Voraussicht und Geschick; Lily steht ihm zur Seite. Das riesige Problem der Wasserversorgung lösen Jim und Lily durch den Bau eines Dammes, der den seltenen Regen in einem Becken staut.

Die Hausarbeit beschränkt Lily auf das Notwendigste. Die Kinder wachsen in familiärer Geborgenheit und großer Freiheit auf; Rosemary besitzt ein eigenes Lamm. Mit großem Einsatz rettet die Familie die Ranch durch eine schwere Dürre. Im Jahr danach gelingt es während sintflutartiger Regenfälle eine Überschwemmung abzuwenden.


6 – Frau Lehrerin

Die Ranch wird durch Zukäufe erweitert, während Lily von eigenem Land träumt. Um Geld dafür zu beschaffen ersinnt sie immer neue Verdienstmöglichkeiten und spannt auch ihre Kinder ein. Die Arbeit als Buschpilotin erscheint Lily besonders verlockend; mit knapp 39 Jahren nimmt sie ihre erste Flugstunde.

Lily beginnt wieder als Lehrerin zu arbeiten. Im Arizona Strip unterrichtet sie Kinder von Mormonen. Mormonen leben polygam und Lily hält es für ihre Pflicht, insbesondere den Mädchen lebenswerte Alternativen außerhalb der religiösen Gemeinschaft aufzuzeigen. Nach einem Jahr wird sie deshalb entlassen.

Sie wird Lehrerin in Peach Springs, 65 Meilen entfernt von der Ranch. Daneben fährt sie den Schulbus, einen umlackierten Leichenwagen; sonntags bietet sie Taxidienste an. Als sie in Peach Springs einen Schüler prügelt, tritt dessen einflussreicher Vater auf den Plan. Nach ihrer neuerlichen Entlassung ist Lily enttäuscht, verteidigt aber ihre guten Absichten.


7 – Der Garten Eden

Die Kinder genießen das naturnahe Leben auf der Ranch. Als Jim acht und Rosemary neun ist, kommen sie in Internate; beide sind krank vor Heimweh. Unterdessen macht Lily in Phoenix ihren College-Abschluss. Anschließend ziehen alle drei zurück auf die Ranch.

Mit 13 verliebt Rosemary sich in einen jungen Cowboy: Fidel Hanna stammt aus dem Reservat der Havasupai. Der Stamm lebt abgeschieden an einem Zufluss des Colorado. Bei einem Besuch erscheint dem jungen Mädchen das Havusai-Dorf wie der Garten Eden. Nachts badet Rosemary verbotenerweise mit Fidel Hanna halbnackt in einem Teich. Sie wird von Lily hart bestraft und zurück aufs Internat geschickt.

Die Engländer wollen ihr Geld fortan in der Rüstungsindustrie anlegen. Sie verkaufen die Farm an einen unerfahrenen Rancher. Jim wird als Leiter entlassen. Nach elf Jahren verlässt die Familie schweren Herzens die Farm. Ihre gesamte Habe passt in den verbeulten Leichenwagen.


8 – Schnüfflerinnen

Die Familie zieht nach Phoenix. Anfangs genießt sie die Annehmlichkeiten des Stadtlebens. Lily und Jim finden schnell Arbeit. Doch schon bald wird ihnen die Stadt zu laut und anstrengend. Sie fühlen sich eingeengt. Als ein tagelanger Schneesturm in Arizona wütet, verendet das Vieh auf den Weiden. Der erfahrene Jim wird geholt, um den hilflosen Ranchern zu helfen. Noch einmal kann er beweisen, was in ihm steckt.

In den Wochen danach fürchtet Lily plötzlich, dass Jim sie mit einer Frau aus der Stadt betrügt. Gemeinsam mit Rosemary überwacht sie ihren Mann. Der Verdacht bestätigt sich nicht. Lily und Jim erkennen aber, dass sie so nicht weiterleben können. Sie beschließen wegzuziehen.

Ausblick auf das »Schloss aus Glas« (engl. »Castle Of Glass«)

Das neunte und letzte Kapitel sowie der Epilog geben einen Ausblick auf Jeannette Walls erfolgreichen Debütroman »Schloss aus Glas«: Lily ist nicht glücklich über die Hochzeit ihrer Tochter mit dem sprunghaften Rex. In »Schloss aus Glas« sind Rosemary, die sich als Künstlerin Rose Mary nennt, und Rex die wurzellosen Eltern der heutigen Bestsellerautorin Walls. In ihrem vielschichtigen Erstling schildert Walls ihre eigene ungewöhnliche Kindheit. Das Werk wurde von der Kritik hoch gelobt; es stand monatelang auf Bestsellerlisten und wurde in 23 Sprachen übersetzt. Es wirkt authentischer als sein Nachfolger, vielleicht weil es auf persönlichem Erleben der Autorin beruht und Licht und Schatten gleichermaßen schildert.


9 – Der Flieger

Die Familie zieht nach Horse Mesa östlich von Phoenix. Es ist ein kleiner und friedlicher Ort inmitten einer malerischen Landschaft. Lily unterrichtet die Kinder im Dorf; Jim arbeitet beim Amt für Landgewinnung. Da die örtliche Schule nur bis zur achten Klasse geht, müssen Jim und Rosemary wieder aufs Internat. Lily engagiert sich in der Demokratischen Partei.

Im ersten Jahr an der Arizona State University lernt Jim seine spätere Frau Diane kennen. Er bricht sein Studium ab und wird Polizist. Für Rosemary wünscht Lily sich einen besonnenen und zuverlässigen Mann. Im Sommer nach dem dritten Studienjahr begegnet Rosemary Rex Walls.

Rex ist charmant und sprüht vor Ideen. Er ist wagemutig und zeigt sich Lily auch beim Pokern gewachsen. Der Pilot bei der Air Force nimmt Lily gegen die Vorschriften im Flugzeug mit. Lily unterstützt die Wahl ihrer Tochter nicht. Dennoch heiraten Rex und Rosemary. Rex’ Militärdienst ist inzwischen zu Ende. Rosemary lässt sich lachend auf eine ungewisse Zukunft ein.


Epilog

Rex Walls hält seine junge Familie mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Jeannette ist das dritte von vier Kindern, die Rosemary zur Welt bringt. Lily fühlt sich ihr besonders verbunden. Sie stirbt, als Jeannette acht Jahre alt ist.