Anne Frank: Tagebuch

Zitate und Textstellen

„Ich habe, da ich schon mit kaum dreizehn Jahren hierher gekommen bin, früher damit angefangen, über mich nachzudenken, und früher gewusst, dass ich ein eigenständiger Mensch bin.“ (06.01.44, S. 160)

„Du kannst und darfst mich nicht wie eine Vierzehnjährige betrachten, ich bin durch alle Schwierigkeiten älter geworden.“ (05.05.44, S. 268; Auszug aus dem Brief an den Vater)

Die beiden Zitate zeigen, dass Anne den frühen Reifeprozess, der durch ihre Lebensumstände hervorgerufen wird, selbst erkennt und einzuordnen weiß. Da ihr im Versteck sonstige Vergnügungen und Ablenkungen einer Jugendlichen fehlen, hat Anne viel Zeit, über sich und ihre Ansichten zu reflektieren.

 

„Ich irre von einem Zimmer zum anderen, die Treppe hinunter und wieder hinauf, und habe ein Gefühl wie ein Singvogel, dem die Flügel mit harter Hand ausgerissen worden sind und der in vollkommener Dunkelheit gegen die Stäbe seines engen Käfigs fliegt. ‚Nach draußen, Luft und Lachen!‘, schreit es in mir.“ (29.10.43, S. 140 f.)

„Ich sehe uns acht im Hinterhaus, als wären wir ein Stück blauer Himmel, umringt von schwarzen, schwarzen Regenwolken. Das runde Fleckchen, auf dem wir stehen, ist noch sicher, aber die Wolken rücken immer näher, und der Ring, der uns von der nahenden Gefahr trennt, wird immer enger.“ (08.11.43, S. 146)

Hier wird deutlich, wie Anne unter dem Eingesperrtsein im Versteck leidet und sich nach Freiheit und der Außenwelt sehnt. Gleichzeitig bildet das Gefängnis des Verstecks den einzig sicheren Raum vor der äußeren Bedrohung. Auffällig sind die eindrücklichen sprachlichen Bilder (Singvogel im Käfig, Ring aus dunklen Wolken), die Anne verwendet und die auf ihre literarische Entwicklung verweisen.

 

„Die Sonne scheint, der Himmel ist tiefblau, es weht ein herrlicher Wind, und ich sehne mich so, sehne mich so nach allem ... Nach Reden, nach Freiheit, nach Freunden, nach Alleinsein. Ich sehne mich so nach ... Weinen! [...] Ich bin unruhig, laufe von einem Zimmer ins andere [...].

Ich glaube, dass ich den Frühling in mir fühle. Ich fühle das Frühlingserwachsen, fühle es in meinem Körper und in meiner Seele. [...] Ich bin völlig durcheinander, weiß nicht, was zu lesen, was zu schreiben, was zu tun ist, weiß nur, dass ich mich sehne ...“ (12.02.44, S. 184)

Dieser Eintrag aus dem Frühjahr 1944 zeigt deutlich Annes emotionales Aufgewühltsein angesichts ihrer pubertären Veränderung und Verliebtheit: sexuelles Erwachen und Frühlingserwachen fallen zusammen. Gleichbleibend stark ist die Sehnsucht nach der Außenwelt.

 

„Ich werde immer unabhängiger von meinen Eltern. So jung ich bin, habe ich mehr Lebensmut, ein sichereres Rechtsgefühl als Mutter. Ich weiß, was ich will, habe ein Ziel, habe eine eigene Meinung, habe einen Glauben und eine Liebe. Lasst mich ich selbst sein, dann bin ich zufrieden! Ich weiß, dass ich eine Frau bin, eine Frau mit innerer Stärke und viel Mut!“ (11.04.44, S. 249)

Anne zeichnet ein Streben nach Unabhängigkeit und Emanzipation von Erwachsenen aus. Im Zitat sind deutlich Annes ausgeprägtes Selbstbewusstsein und ihr Bedürfnis nach Eigenständigkeit zu erkennen. Zudem grenzt sie sich von ihrer Mutter ab, deren charakterliche Mängel sie in ihrem Tagebuch oft thematisiert.

 

„Ach, mir kommt so viel hoch, wenn ich abends allein bin, auch tagsüber, wenn ich die Leute aushalten muss, die mir zum Hals heraushängen oder meine Absichten immer verkehrt auffassen. Letztendlich komme ich deshalb immer wieder auf mein Tagebuch zurück, das ist mein Anfang und mein Ende, denn Kitty ist immer geduldig.“ (30.10.43, S. 143)

„Allein bin ich in meinem geteilten Zimmer nie, und doch sehne ich mich so sehr danach. Das ist auch der Grund, weshalb ich zum Dachboden flüchte. Dort und bei dir kann ich mal kurz, ganz kurz, ich selbst sein.“ (16.03.44, S. 212)

Die beiden Zitate zeigen, welche Bedeutung das Tagebuch für Anne besitzt. In der fiktiven Freundin Kitty findet Anne eine geduldige Zuhörerin in einem Umfeld, in dem sie sich oft unverstanden fühlt. Zudem bildet das Tagebuch einen Rückzugsort, an dem sie sich in Ruhe mit ihren Gedanken und Gefühlen auseinandersetzen kann.

 

 „Ich weiß, dass ich schreiben kann. Ein paar Geschichten sind gut, meine Hinterhausbeschreibungen humorvoll [...], aber ob ich wirklich Talent habe, das steht noch dahin. [...]

Aber ich will weiterkommen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich so leben muss wie Mutter, Frau van Daan und all die anderen Frauen, die ihre Arbeit machen und später vergessen sind. Ich muss neben Mann und Kindern etwas haben, dem ich mich ganz widmen kann! O ja, ich will nicht umsonst gelebt haben wie die meisten Menschen. Ich will fortleben, auch nach meinem Tod.
[...]

Mit Schreiben werde ich alles los. Mein Kummer verschwindet, mein Mut lebt wieder auf.“ (05.04.44, S. 238)

Hier zeigt sich Annes für die 1940er Jahre äußert modernes Frauenbild: Anstatt sich mit der traditionellen Rolle der Haus- und Ehefrau zu begnügen, möchte sie eine Rolle in der Öffentlichkeit spielen und Bekanntheit über ihren Tod hinaus erlangen. Das Schreiben bildet dabei für Anne ein Instrument der Emanzipation: Sie möchte eine erfolgreiche Schriftstellerin werden. 

 

 „Wer hat uns das auferlegt? Wer hat uns Juden zu einer Ausnahme unter allen Völkern gemacht? Wer hat uns bis jetzt so leiden lassen? Es ist Gott, der uns so gemacht hat, aber es wird auch Gott sein, der uns aufrichtet. [...] Wir können niemals nur Niederländer oder nur Engländer oder was auch immer werden, wir müssen daneben immer Juden bleiben. Aber wir wollen es auch bleiben.

Seid mutig! Wir wollen uns unserer Aufgabe bewusst bleiben und nicht murren, es wird einen Ausweg geben.“ (11.04.44, S. 248 f.)

In diesem Zitat zeigt sich deutlich Annes Stärke. Anstatt an der Grausamkeit der äußeren Umstände zu verzweifeln, spricht sie sich und allen anderen Juden und Jüdinnen Mut zu. Anders als Peter, dem es lieber wäre, kein Jude zu sein, steht Anne zu ihrem Jüdischsein und will dieses nicht ablegen.

Veröffentlicht am 19. August 2022. Zuletzt aktualisiert am 21. September 2022.