Inhaltsangabe

Hugo von Hofmannsthals Prosa-Text »Ein Brief« (»Brief des Lord Chandos an Francis Bacon«) wurde 1902 veröffentlicht. In einem auf August 1603 datierten Schreiben wendet sich der fiktive 26-jährige Philipp Lord Chandos an seinen Mentor, den englischen Philosophen und Naturwissenschaftler Francis Bacon. Chandos schildert seine persönliche Krise als Folge der Unzulänglichkeit der Sprache und begründet damit seinen völligen Rückzug vom literarischen Schaffen.

Lord Chandos blickt zurück auf sein Frühwerk, das höchste Anerkennung erfuhr, dem Dichter selbst jedoch – vom heutigen Standpunkt und nach einer zweijährigen Schaffenspause – fremd ist. Er distanziert sich von seinen früheren Plänen, die er gemeinsam mit seinem Mentor entworfen hatte. Deren Grundlage war die Erkenntnis der Form als Kern jeder Dichtung, und sie fußten auf der Annahme, dass alles Leben eine Einheit bilde. Alles bedinge und erschließe sich wechselseitig.

Seine frühere Haltung bewertet der Dichter als anmaßend und beschreibt sich jetzt als kleinmütig und kraftlos. Er sei nicht mehr in der Lage Zusammenhänge denkend oder sprechend darzustellen. Er habe keinen Zugang zu einer Trost spendenden Religion und gleichzeitig entferne er sich von den Menschen. Alles zerfalle in Teile, die zu ordnen die im Alltagsgebrauch abgenutzte Sprache nicht mehr im Stande sei. Chandos beklagt, dass Worte zu Wirbeln würden, die ihn ins Nichts hinabzögen. Vergeblich suche der Dichter Hilfe bei Seneca und Cicero, in der Sprache der römischen Antike.

Chandos beschreibt erhabene oder aufwühlende Empfindungen, die er zum Beispiel beim Anblick eines Baumes oder einer Gießkanne habe, die sich aber nicht in Worte fassen ließen. Die Empfindungen flössen hinüber zum Objekt der Anteilnahme und lösten vorübergehend die Grenzen des Subjekts auf. Chandos hat die Ahnung eines möglichen neuen Verhältnisses zum ganzen Dasein, sofern es gelänge, mit dem Herzen zu denken.

Außerhalb der geschilderten Situationen fühlt er Leere und Gleichgültigkeit, die er vor den Mitmenschen zu verbergen versuche. Seine heftigen Empfindungen fänden nachts ihren Niederschlag in einer Art fiebrigen Denkens außerhalb von Worten. Es verursache ebenfalls Wirbel, die ihn aber nicht ins Leere, sondern zu sich selbst führten.

Da er in keiner der ihm bekannten Sprachen mehr schreiben könne und er von der Sprache, in der die stummen Dinge zu ihm sprächen, keine Worte kenne, gäbe er das Schreiben auf, so Chandos.

Der »Chandos-Brief« gilt als eine der Gründungsurkunden der modernen Literatur und ist als Manifest der Sprachkritik in die Geschichte eingegangen. Die Figur des Lord Chandos trägt ohne Zweifel autobiographische Züge des Dichters Hugo von Hofmannsthal, der wie sein Protagonist auf ein hoch gelobtes Frühwerk zurückblicken konnte. Der vorliegende Brief markiert eine Wende im Schaffen des Künstlers: Wie auch andere Schriftsteller um die Jahrhundertwende bezweifelt Hugo von Hofmannsthal jetzt, dass Wirklichkeit objektiv erfassbar und mithilfe von Sprache und Literatur abbildbar sei.


Zusammenfassung von Mia Sabinger /  Inhaltsangabe.de.
Veröffentlicht am 29. Mai 2013, zuletzt aktualsiert am 26. März 2017.