Brief an den Vater

Inhaltsangabe

1919 schrieb Franz Kafka in Schelesen bei Prag einen rund 100 Seiten langen Brief an seinen Vater Hermann. Er wurde jedoch nie abgeschickt und erst 1952 in der Literaturzeitschrift »Neue Rundschau« veröffentlicht. Der »Brief an den Vater« ist eine Abrechnung Kafkas mit seinem übermächtigen Vater und eine eigene Standortbestimmung. Dem Schreiben war ein Streit um Franz Kafkas geplante Heirat mit der Sekretärin Julie Wohryzek vorausgegangen. Er gilt als eines der wichtigsten Zeugnisse zum Verständnis von Kafkas Leben und Werk.

Hermann Kafka

Hermann Kafka (1852 – 1931) wurde im südböhmischen Dorf Wossek als Sohn eines Fleischhauers geboren. Ebenso wie seine fünf Geschwister musste er schon als Kind schwer arbeiten. Jeden Morgen lieferte er mit dem Handkarren Fleisch in die umliegenden Ortschaften aus. Nach dem Abschluss seiner Schul- und Militärzeit heiratete er Julie Löwy. Ihre Mitgift ermöglichte ihm die Gründung eines Galanteriewarengeschäfts. Mit dem Umzug vom Land in die Stadt strebte Hermann Kafka den Aufstieg in das gehobene Bürgertum an. Dank seines geschäftlichen Erfolgs konnte er seine vier Kinder auf gute Schulen schicken.

Der Anlass dem Vater zu schreiben

Kafka nennt zu Beginn den Grund für seinen Brief. Sein Vater habe ihn gefragt, warum er sich vor ihm fürchte. Eben diese Furcht aber mache es ihm unmöglich, seine Frage mündlich zu beantworten. Beim Schreiben sei er ruhiger, könne seine Gedanken ordnen und der Komplexität des Themas besser gerecht werden.

Die Sicht des Vaters und die Antwort des Sohnes

Anschließend schildert Kafka die Sicht des Vaters: Er arbeite hart, um seinen Kindern ein finanziell sorgenfreies Leben zu ermöglichen. Doch Franz sei verschlossen, kalt und unnahbar. Dies müsse dem Vater wie Undank erscheinen. Für ihn trage darum allein der Sohn die Schuld an ihrem schwierigen Verhältnis. Kafka antwortet auf den von ihm unterstellten Vorwurf des Vaters: Den Vater treffe tatsächlich keine Schuld. Doch auch der Sohn sei unschuldig. Ziel des Briefes sei, dass sein Vater diese Schuldlosigkeit anerkenne.

Gegenüberstellung der Charaktere von Vater und Sohn

Kafka beschreibt die grundverschiedenen Wesenszüge von Vater und Sohn. Hermann ist vital, willensstark, selbstgerecht und cholerisch. Franz ist ängstlich, still und introvertiert. Auch äußerlich haben die beiden nichts gemeinsam. Der Vater ist stark und athletisch, der Sohn mager und schwach.

Die Erziehungsmethoden des Vaters

Der Vater wertet den Sohn permanent mit Worten ab. Was immer Franz sagt, wird lächerlich gemacht. Häufig verwendet der Vater dabei Ironie. Er verachtet die Interessen des Sohnes und diffamiert seine Freunde, ohne sie zu kennen. Die Regeln, die der Vater aufstellt, gelten nicht für ihn selbst. Er verlangt zum Beispiel vom Sohn perfekte Tischmanieren, benimmt sich jedoch selbst beim Essen vulgär.

Die Erziehungsmethoden des Vaters sind brutal. So bestraft er Franz als Kind, indem er ihn, nur mit einem Hemd bekleidet, auf den eiskalten Balkon stellt. Dieses Erlebnis ist für den Sohn traumatisch; er vergisst es nie. Zu körperlicher Gewalt kommt es ansonsten nur selten. Doch allein die häufige Androhung von Schlägen wirkt sich verheerend aus.

Folgen der autoritären Erziehung

Der cholerische Vater erlaubt keine Widerrede. Seine herrische Art macht bei Meinungsverschiedenheiten ein ruhiges Gespräch unmöglich. Der Sohn wagt darum kaum noch zu sprechen und stottert. Ein Teufelskreis entsteht: Statt den Sohn zu dem forschen Mann zu erziehen, den er sich wünscht, treibt der Vater ihn mit seinen Methoden immer mehr in das von ihm verachtete, schwächliche Verhalten.

Der Sohn weicht allem aus, was an den Vater erinnert. Dies ist vor allem das Geschäft, in dem der Vater ebenfalls als Tyrann auftritt. Franz wendet sich daher von kaufmännischen Dingen ab. Weil sein Vater jedoch jeden Enthusiasmus in ihm getötet hat, kann er auch anderen Berufswegen kein lebendiges Interesse entgegenbringen. Seine Entscheidungen sind von Angst gesteuert. Er hat eine Art Überlebenshaltung entwickelt, mit der er sich durch die Schule quält und später, innerlich gleichgültig, ein juristisches Examen macht.

Mögliche Auswege?

Auch die Religion trägt nicht zur Verständigung bei, da Hermann Kafka sein Judentum nur formal lebt und praktiziert. Er gibt seinen Kindern kein Beispiel. Als der Sohn sich aus eigenem Antrieb mit jüdischen Schriften befasst, lässt sich der Vater auch darüber verächtlich aus.

Einzig in seiner Arbeit als Schriftsteller erlebt der Sohn eine gewisse Unabhängigkeit. Das fehlende Interesse des Vaters ist ihm hier recht. Es bestätigt ihn in dem Gefühl, mit der Literatur seine ureigene Domäne gefunden zu haben.

Die Rolle der Mutter und der Schwestern

Die Mutter Julie Löwy steht loyal zu ihrem Ehemann. Zugleich ist sie mit ihrer Ruhe und Vernunft ein Gegengewicht zum väterlichen Despotismus. Ihr Bemühen das Verhalten ihres Mannes zu rechtfertigen jedoch erschweren Franz einen offenen Bruch mit dem Vater.

Seine Schwester Valli gleicht der Mutter und fügt sich. Ottla begehrt auf, bleibt aber in der Revolte gegen den Vater stecken. Allein Elli gelingt eine echte Emanzipation. Sie gründet eine eigene Familie und wandelt sich von einem verschlossenen, ängstlichen Mädchen zu einer fröhlichen und lebensbejahenden Frau.

Die Ehe als größte Prüfung

Zum Schluss spricht Kafka über den ursprünglichen Anlass seines Briefes: den Streit mit dem Vater über seine Heiratspläne. Ehe und Familiengründung seien ihm stets als große, aber kaum zu bewältigende Lebensaufgabe erschienen. Als er sich ihr stellen will, rate ihm der Vater stattdessen zu Prostituierten zu gehen. Diese Demütigung treffe Franz zutiefst. Der Gedanke, dass Julie ihm etwas bedeuten könne, komme dem Vater nicht. Das Ende des Briefes zeigt, dass der Sohn nicht mehr mit der Erfüllung persönlicher Wünsche rechnet.

Ausblick

Der vorletzte Abschnitt ist eine fiktive Antwort des Vaters. Ähnlich wie die unterstellten Vorwürfe des Vaters zu Beginn des Briefes, ist auch sie in Stil und Tonart eindeutig ein Werk des Sohnes. Der Brief endet schließlich mit der Antwort auf die Antwort: Der Sohn äußert die Hoffnung, dass künftig trotz aller Schwierigkeiten eine Art friedlicher Koexistenz von Vater und Sohn möglich sei.

Echter Brief oder konzipiertes Werk?

Bis heute wird diskutiert, ob Kafkas »Brief an den Vater« ein privates Zeugnis ist oder ob der Verfasser seinen Brief literarisch ausgestaltet, vielleicht sogar als literarisches Werk konzipiert hat. Dieser Gedanke liegt nahe, weil der Brief seinen Adressaten nie erreichte. Das Verhältnis zwischen Vater und Sohn blieb bis zu Franz Kafkas Tod angespannt. Andererseits ist es nicht ungewöhnlich, dass die Korrespondenz oder die Tagebucheintragungen eines Schriftstellers »literarischer« erscheinen als private Textzeugnisse anderer Menschen.

Auf jeden Fall aber ist der Brief auch als privates Dokument von herausragender Stellung innerhalb Kafkas autobiografischer Texte. Max Brod hat ihn daher in seiner Ausgabe der Schriften Kafkas nicht in die Korrespondenz eingereiht, sondern in das Werk aufgenommen.

Foto: © vermilion2006 / Shutterstock

Zusammenfassung von Dr. Susanne Niemuth-Engelmann /  Inhaltsangabe.de.
Veröffentlicht am 12. Januar 2016, zuletzt aktualsiert am 26. März 2017.