Inhaltsangabe

Erich Hackls dokumentarische Erzählung »Abschied von Sidonie« basiert auf der wahren Lebensgeschichte des Roma-Mädchens Sidonie Adlersburg. Das Findelkind wurde 1933 im österreichischen Steyr von einer Pflegefamilie aufgenommen. 1943 starb es im Alter von zehn Jahren im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau.

Hackl versteht sich als Chronist. In seinem 1989 veröffentlichten Werk schildert er Sidonies Schicksal nüchtern und ohne persönliche Stellungnahme. Der Charakter einer Chronik wird durch eingestreutes dokumentarisches Material wie beispielsweise Behördenbriefe unterstrichen.

Kapitel 1

Der Pförtner findet am 18.8.1933 einen ausgesetzten Säugling vor dem Krankenhaus von Steyr. Das Kind wird wegen seiner dunklen Haut für ein Roma-Mädchen gehalten. Eine Frau, die sich als Anna Adlersburg ausgibt, fragt einige Tage später telefonisch nach ihrer Tochter Sidonie. Dabei gibt sie ihren Aufenthaltsort nicht preis. Als die Nachforschungen des Jugendamtes ohne Ergebnis bleiben, kommt Sidonie zu einer Pflegemutter. Diese bringt das Mädchen zurück, weil ihr Mann kein Roma-Kind aufziehen will.

Der Begriff »Zigeuner«

Entsprechend dem Sprachgebrauch der 1930er Jahre wird in der Erzählung der Begriff »Zigeuner« verwendet. Dabei macht der Chronist durch den jeweiligen Kontext deutlich, dass das Wort auch zu jener Zeit schon einen negativen Beiklang hatte und keineswegs wertfrei verwendet wurde (siehe z. B. Kapitel 6).

Kapitel 2

In Steyr sind viele Fabriken stillgelegt worden. Der Schleifer Hans Breirather aus der Nachbargemeinde Sierning-Letten gehört zu den wenigen, die noch Arbeit haben. Er ist Sozialdemokrat und Ortsgruppenleiter des verbotenen Republikanischen Schutzbundes. Er wird verraten und kommt in Untersuchungshaft. Bis zum Urteil setzt man ihn wieder auf freien Fuß. Am Tag seiner Haftentlassung holt seine Frau Josefa Sidonie vom Jugendamt ab. Hans und Josefa haben nur einen Sohn, Manfred. Sie haben sich schon lange ein Pflegekind gewünscht und sorgen hingebungsvoll für die kränkliche Sidonie. Sidonies Rachitis heilt aus.


Kapitel 3

Am 12.2.1934 will Hans im Kreisgefängnis in Steyr seine Strafe antreten. Unterwegs schließt er sich aufständischen Arbeitern an, die sich Gefechte mit der Polizei liefern. Der Aufstand wird niedergeschlagen und Hans zu 18 Monaten Haft verurteilt. Josefa bringt die Kinder unter großen Anstrengungen allein durch. Auf Druck des Gefängnisseelsorgers tritt Hans in die Kirche ein; im Gefängnis holt er die kirchliche Trauung mit Josefa nach.


Kapitel 4

Im März 1935 wird Hans vorzeitig entlassen. Ein Jahr später findet er wieder Arbeit als Schleifer. Er vereinsamt, weil viele seiner früheren Mitstreiter zu den illegalen Nationalsozialisten überlaufen. Josefa hat inzwischen ein weiteres Mädchen namens Hilde in die Familie aufgenommen. Cäcilia Grimm vom Jugendamt sieht regelmäßig nach Sidonie, der es in ihrer Pflegefamilie sehr gut geht. Die Behörde erstattet wegen Verletzung der Unterhaltspflicht Anzeige gegen Sidonies leibliche Eltern. Als man Anna Adlersburg aufgreift, bestreitet sie, Sidonies Mutter zu sein. Aufgrund der ungeklärten Situation können Hans und Josefa Sidonie nicht adoptieren.

Verfilmung der Erzählung

1990 drehte Regisseurin Karin Brandauer für das österreichische Fernsehen ein TV-Drama nach Hackls Erzählung, ebenfalls unter dem Titel »Abschied von Sidonie«. Die Rollen von Hans und Josefa Breirather wurden von den österreichischen Darstellern Georg Marin und Kitty Speiser übernommen. Sidonie wurde von dem iranischen Mädchen Arghavan Sadeghi-Seragi gespielt, die große Ähnlichkeit mit Sidonie Adlersburg hat. Der Film wurde 1990 für den Fernsehspiel-Sonderpreis der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste nominiert.


Kapitel 5

Im März 1938 wird Österreich in das Deutsche Reich eingegliedert. Hans und Josefa bekommen neue Nachbarn aus dem Sudetenland, die abfällig über Sidonie reden. Hans sucht in Wien Kontakt zu Widerstandskämpfern. Josefa wird aufgrund einer harmlosen Bemerkung denunziert und von der Gestapo verhört. Die Polizei erhängt einen polnischen Arbeiter. Seine österreichische Geliebte wird kahlgeschoren und durch das Dorf getrieben. Josefa ohrfeigt einen Jungen, der lachend zusieht.


Kapitel 6

Sidonie geht gern zur Schule und liebt ihre Lehrerin Frau Schönauer. Dennoch muss sie wegen Lernschwierigkeiten eine Klasse wiederholen. Eines Tages liest sie stolz einen Aufsatz über ihr Elternhaus vor. Ein Mitschüler weist sie zurecht, dass sie nur ein Pflegekind sei und beschimpft sie als »Zigeunerin«. Von Nachbarn wird sie bespuckt. Josefa hat Angst um Sidonie. Eine Freundin der Familie sorgt für Sidonies Firmung und übernimmt die Patenschaft.


Kapitel 7

Am 9.3.1943 erfährt Josefa vom Jugendamt, dass Sidonie zu ihrer leiblichen Mutter ziehen müsse. Josefa und Hans ahnen, dass diese Familienzusammenführung nur dazu dient, Sidonie mit anderen Roma in ein Konzentrationslager zu bringen. Josefa sucht verzweifelt Hilfe bei Cäcilia Grimm, die sie an ihre Vorgesetzte Korn verweist. Korn beruft sich auf Dienstanweisungen. In Wahrheit liegt es in ihrem Ermessen, das Kind in der Pflegefamilie zu belassen. Stattdessen arbeitet sie gemeinsam mit anderen darauf hin, Sidonie von ihrer Familie zu trennen.

Stellungnahmen des Chronisten

Nur an zwei Stellen im gesamten Text erlaubt sich der Chronist einen persönlichen Kommentar. In Kapitel 7 bezeichnet er das Verhalten Frau Grimms, Frau Korns und der Honoratioren des Ortes als »Bestialität des Anstandes«.

In Kapitel 8 schreibt er, bevor er den Abschied von Mutter und Kind schildert: »Das ist die Stelle, an der sich der Chronist nicht länger hinter Fakten und Mutmaßungen verbergen kann. An der er seine ohnmächtige Wut hinausschreien möchte.«


Kapitel 8

Am Tag vor Sidonies Abreise bereiten ihr Verwandte und Freunde einen Abschied mit Geschenken. Sidonie ist fröhlich und betrachtet alles als Abenteuer. Sie bemerkt nicht, dass die Erwachsenen verstohlen weinen. Am anderen Tag begleitet Josefa sie mit dem Zug nach Linz. Cäcilia Grimm ist auch dabei. Erst jetzt begreift Sidonie die bevorstehende Trennung. Sie weint verzweifelt und will Josefa nicht loslassen.


Kapitel 9

Cäcilia Grimm überstellt Sidonie nach Hopfgarten im Brixental. Die Roma der Gegend sind hier in einer Barackensiedlung kaserniert. Die schreiende Sidonie wird ihrer leiblichen Mutter übergeben. Einige Tage später sieht Hans‘ ehemaliger Genosse Georg Fink aus dem Linzer Hauptbahnhof einen Güterzug abfahren. Aus zwei angehängten Waggons schauen Menschen heraus, unter ihnen Sidonie.

Der Völkermord an Sinti und Roma

Die systematische Ermordung von Sinti und Roma wurde am 16.12.1942 durch die Nationalsozialisten als Teil der »Endlösung« beschlossen. Sie begann im Februar 1943. Aus elf europäischen Ländern wurden während des Krieges fast 23.000 Sinti und Roma in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert. Bereits während der Deportation in Güterwaggons der Reichsbahn starben viele von ihnen durch Hunger und Entkräftung. Diejenigen, die im Lager ankamen, wurden an einer Rampe selektiert. Wer »nicht arbeitsfähig« war, wurde sofort in den Gaskammern ermordet. Die meisten der als »arbeitsfähig« eingestuften Häftlinge starben an den Folgen der bestialischen Zwangsarbeit.


Kapitel 10

Nach Kriegsende trägt man Hans das Bürgermeisteramt an. Im Rahmen seines Amtes kann er in Erfahrung bringen, dass Sidonie in Auschwitz an Typhus gestorben ist. Hans und Josefa bleiben mit ihrem Schmerz allein. In den folgenden Jahrzehnten erinnert Hans im Gemeinderat unablässig an den Mord an Sidonie. Vergebens kämpft er für eine Gedenktafel. Die Nachbarn verhalten sich, als habe es das Kind nie gegeben.

Am 20.5.1980 stirbt Hans Breirather. Josefa, Manfred und Hilde lassen auch Sidonies Namen auf den Stein des Familiengrabes setzen. In den folgenden Jahren versucht Manfred, das Schweigen der Gemeinde zu brechen. Dies gelingt jedoch erst Jahre später dem Chronisten: An der Fassade des sozialistischen Jugendheimes von Letten wird eine Gedenktafel angebracht. Josefa Breirather wird 88 Jahre alt. Bis zu ihrem Lebensende sucht sie die Schuld für Sidonies Schicksal bei sich.


Kapitel 11

Im November 1988 spricht der Chronist mit Joschi Adlersburg, dem leiblichen Bruder Sidonies. Joschi hat das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau überlebt. Er berichtet, dass Sidonie nicht an Typhus gestorben sei, sondern an den Qualen der Trennung von ihrer Familie. Sie habe aufgehört zu essen und sei eines Morgens nicht mehr aufgewacht.

Zum Schluss fasst der Chronist Sidonies kurzen Lebensweg zusammen. Er macht deutlich, wie Entscheidungen einzelner Menschen ihr Schicksal besiegelt haben. Hackl beendet die Erzählung mit dem Hinweis auf einen vergleichbaren Fall in der Steiermark. Auch hier hatte man versucht, ein Roma-Mädchen namens Margit seiner Pflegefamilie zu entreißen. Die Ausgangslage war ähnlich gewesen, doch die Dorfbewohner hatten sich hier anders verhalten und Zivilcourage gezeigt. Nur so konnte Margit überleben.


Zusammenfassung von Dr. Susanne Niemuth-Engelmann /  Inhaltsangabe.de.
Veröffentlicht am 28. Juli 2016, zuletzt aktualsiert am 26. März 2017.