Inhaltsangabe

Der 1999 erschienene und ein Jahr später mit dem Jugendliteraturpreis ausgezeichnete Zukunftsroman »Blueprint – Blaupause« von Charlotte Kerner handelt von der hochbegabten Musikerin Iris Sellin, die unheilbar erkrankt ist und sich deshalb klonen lässt. In ihrer Tochter Siri, die zugleich ihr eineiiger Zwilling ist, soll ihr Talent weiterleben. Der Roman spielt in der nahen Zukunft, überwiegend in Lübeck und Hamburg.

Siri Sellin ist ein Klon, lehnt den Begriff aber ab und nennt sich selbst »Blueprint«. Das gleichnamige Buch über ihr bisheriges Leben, das bis auf die beiden Epiloge mit dem vorliegenden Roman identisch ist, veröffentlicht sie im Alter von 22 Jahren kurz nach dem Tod ihrer Mutter Iris. Erzählt wird aus zwei unterschiedlichen Perspektiven: einer übergeordneten in der dritten Person, sowie in Form innerer Monologe, die Siri hält.

Iris Sellin ist eine berühmte Pianistin und Komponistin, bei der man im Alter von 30 Jahren Multiple Sklerose diagnostiziert, die zum Tod führen wird. Um ihre Begabung für die Nachwelt zu erhalten, überredet Iris den erfolgreichen Genforscher Fisher den ersten menschlichen Klon zu erzeugen.

Professor Fisher pflanzt den einer Hautzelle von Iris Sellin entnommenen Zellkern in eine zuvor entkernte Eizelle ein. Der Embryo mit dem Erbgut von Iris wird in deren Gebärmutter übertragen. Dem Neugeborenen gibt Iris ihren eigenen – rückwärts gelesenen – Namen.

Siri soll nicht um ihrer selbst willen leben, sondern einem höheren Zweck dienen. Iris sieht in ihrem Kind vor allem einen Zwilling von sich. In der Rückschau wirft Siri ihrer Mutter immer wieder Selbstsucht und Größenwahn vor, dem Arzt unterstellt sie Allmachtsphantasien.

Wie zuvor Iris wächst auch Siri vaterlos auf. Als das Kind drei Monate alt ist, wird die Musikpädagogin Daniela Hausmann, genannt Dada, als Kinderfrau engagiert. Sie hat selbst einen viereinhalbjährigen Sohn Janeck, der für Siri zum großen Bruder Janne wird.

Iris arbeitet viel und erfolgreich und ist oft unterwegs. Trotzdem verlebt Siri eine glückliche Kindheit mit Dada und Janeck, mit ihrer Mutter und dem geliebten Klavier im Kinderzimmer.

Siri beschreibt die Gefühle zwischen sich und ihrer Mutter einerseits als die totale Einheit und Nähe, wie sie zwischen eineiigen Zwillingen vermutet wird, aber sie spürt auch den kühlen, sachlichen Blick, mit dem Iris die Entwicklung ihres Klons beobachtet.

Sie spielt mit der Tochter geheime, so genannte Duich- und Ichdu-Spiele, bei denen sie vor einem Spiegel zu einer einzigen Identität finden. Siri genießt den Einklang, leidet aber gleichzeitig darunter, dass die Mutter in ihr kein eigenständiges Wesen sieht. Als die fünfjährige Siri eine Lüge von Iris enttarnt, nimmt das Mutterbild weiteren Schaden.

Siri ist sieben, als Iris einen ersten schweren MS-Schub erlebt. In der Folge nimmt Iris ihr Ziel stärker vor Augen und konzentriert sich auf Siris Ausbildung. Siri hat das Talent und die Begeisterung für die Musik geerbt und wünscht sich Pianistin zu werden. Ein Gegengewicht dazu und zu der Vereinnahmung durch die Mutter bilden die abenteuerlichen Streifzüge durch die Stadt, zu denen Janeck sie mitnimmt.

Als Iris der achtjährigen Siri ein gemeinsames Konzert in Aussicht stellt, übt diese noch intensiver als zuvor. Sie genießt die Nähe zu ihrer Mutter und das Einssein, und akzeptiert die sich daraus ergebende Isolation. Trotzdem wünscht sie sich von ihrer Mutter als Siri wahrgenommen zu werden.

Während der Pubertät wird die äußere Ähnlichkeit zwischen Mutter und Tochter immer offensichtlicher. Während Siri auf der Suche nach ihrer eigenen Identität ist, die sie nicht finden kann, leidet die Mutter, die immer kränker wird, an ihrem eigenen lebendigen Spiegelbild, das jung und schön ist. Beide sind in denselben Mann verliebt.

Bei ihrem Debüt im Konzertsaal scheitert Siri, während ihre todkranke Mutter noch einmal Begeisterungsstürme entfacht. Siri flüchtet nach Hamburg zu ihrem Freund Janeck und hört auf Klavier zu spielen. Als ihre Mutter sie um eine Aussprache bittet, wirft Siri ihr „Missbrut“ vor. Vergeblich versucht Iris ihrer Tochter ihre Liebe zu zeigen.

Iris‘ körperlicher Verfall schreitet voran. Siri besucht sie regelmäßig und hält auf dem Sterbebett deren Hand. Nach Iris‘ Tod fühlt Siri sich zum ersten Mal als Individuum, und wie ein zweites Mal geboren. Bei der Trauerfeier für ihre Mutter spielt sie nach langer Zeit noch einmal Klavier. Sie genießt den Applaus des Publikums, lehnt jedoch die Angebote einer Konzertagentur ab und bewirbt sich stattdessen an der Kunsthochschule in Berlin. Gleichzeitig schließt sie die Arbeit an »Blueprint« ab.

Im ersten Epilog begegnet Siri, dessen Künstlername jetzt Double-Jou ist, zehn Jahre später bei ihrer ersten Kunstausstellung dem Sohn von Professor Fisher. Sie fühlt sich zu ihm hingezogen und spürt die Versuchung sich der Vergangenheit zuzuwenden, aber sie widersteht und setzt ihr selbstbestimmtes Leben fort.

Im Epilog kommt eine fiktive Humangenetikerin zu Wort, die, ebenfalls zehn Jahre nach Iris‘ Tod, beschreibt, wie das Klonen – wenn auch staatlich reglementiert und überwacht – zu einer akzeptierten und tolerierten Art der Fortpflanzung geworden ist, und die Klone sich oft zu besonders starken Persönlichkeiten entwickeln.

Charlotte Kerner greift in »Blueprint – Blaupause« wie schon in »Geboren 1999« ein brisantes politisches Thema auf. Auch wenn man über Form und Stil geteilter Meinung sein kann, so ist der Roman allein wegen seiner Aktualität als lesenswert einzustufen. Zudem regt die Lektüre zum Nachdenken über Individualität und die Einzigartigkeit eines jedes Menschen an, Themen, die besonders Heranwachsende in der Zeit ihrer Persönlichkeitsentwicklung beschäftigen.


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