Jean Anouilh (1910 – 1987) war einer der erfolgreichsten französischen Dramatiker des 20. Jahrhunderts. Seine Werke sind von der existentialistischen Philosophie geprägt. Sie stellen die Frage nach der moralischen Integrität des Einzelnen in einer Gesellschaft ohne verbindliche Werte. Das wohl berühmteste Beispiel dafür ist die Tragödie »Antigone« (1942).

Als Theaterautor war Anouilh von ungeheurer Produktivität. Er schrieb mehr als dreißig Bühnenstücke. Seine Werke wurden vor allem in den 1960er und 1970er Jahren häufig auf europäischen Bühnen aufgeführt. Jean Anouilh wurde mit mehreren Theaterpreisen ausgezeichnet, darunter 1980 der »Grand Prix du Théâtre« der Académie Française. Zahlreiche seiner Stücke wurden verfilmt.

Biografie

Jugend und frühe literarische Ambitionen

Jean Marie Lucien Pierre Anouilh wurde am 23. Juni 1910 als Sohn eines Schneiders und einer Pianistin und Klavierlehrerin in Bordeaux geboren. Durch den Beruf seiner Mutter kam er bereits früh mit dem Theater in Kontakt. 1919 zog er mit seinen Eltern nach Paris um, wo er ein katholisches Gymnasium besuchte.

Schon als Schüler begann Anouilh, sich für Literatur zu interessieren und zu schreiben. Autoren, die ihn beeindruckten, waren u. a. Paul Claudel, Luigi Pirandello und George Bernard Shaw. Nach dem Baccalauréat studierte Anouilh zunächst Jura, brach das Studium jedoch nach einem Jahr ab. Um sein Leben als freier Schriftsteller zu finanzieren, arbeitete er bis 1932 in einem Verlagshaus und einer Werbeagentur. Außerdem war er Sekretär des Regisseurs Louis Jouvet.

Erfolg als Dramatiker

1932 schrieb Jean Anouilh die Dramen »Das Weib Jesebel« (im Original: »Jezabel«) und »Der Hermelin« (im Original: »L’Hermine«). »Der Hermelin« wurde im selben Jahr im Pariser »Théâtre de l’Oeuvre« uraufgeführt. Bereits sein erstes Stück war so erfolgreich, dass Anouilh fortan von seinen Einkünften als Autor leben konnte. Einen weiteren großen Durchbruch erzielte er 1937 mit dem Drama »Der Reisende ohne Gepäck« (im Original: »Le Voyageur sans bagages«).

»Antigone« als Sinnbild der Résistance

Zwischen 1941 und 1946 beschäftigte sich Jean Anouilh mit antiken griechischen Stoffen und schuf die Dramen »Euridike« (1941), »Orest« (1945) und »Medea« (1946). Die erfolgreichste seiner Adaptionen griechischer Dramen aber war »Antigone« nach der Tragödie des Sophokles. 1942 geschrieben und 1944 in Paris uraufgeführt, wurde das Stück zum Sinnbild des französischen Widerstandes gegen die deutsche Besatzungsmacht.

Vielfalt des Schaffens

In Deutschland wurde Jean Anouilh vor allem als Autor von Tragödien bekannt. Tatsächlich brachte er seine Anliegen jedoch in ganz unterschiedlicher Form zum Ausdruck. Die zentralen Themen seines Schaffens blieben dabei dieselben. Soziale Ungerechtigkeit, die vergebliche Suche nach dem verlorenen Paradies und die Sinnlosigkeit menschlichen Strebens ließen sich nicht nur in der Tragödie, sondern auch im satirischen Sittenbild und in der Komödie darstellen.

Eigene Genrebezeichnungen

Jean Anouilh etikettierte seine Werke mit selbstgeschaffenen Genrebezeichnungen wie zum Beispiel:

  • Pièces noires (= »Schwarze Stücke«, z. B. »Antigone«, 1942);
  • Pièces roses (= »Rosafarbene Stücke«, z. B. »Léocadia«, 1939);
  • Pièces brillantes (= »Glanzvolle Stücke«, z. B. »Colombe«, 1951);
  • Pièces costumées (= »Kostümstücke«, z. B. »Beckett oder Die Ehre Gottes«, 1959).

Ehrungen und Auszeichnungen

Jean Anouilh war bereits zu Lebzeiten ein gefeierter Dramatiker und konnte von seinen Einkünften als Autor sorgenfrei leben. In der Nachkriegszeit waren seine Stücke beim Publikum äußerst beliebt. Etliche von ihnen wurden auch verfilmt, darunter »Der Walzer der Toreros« (1961, Regie: John Guillermin) oder »Beckett« (1963, Regie: Peter Glenville).

1970 erhielt er den »Grand Prix mondial Cino del Duca« und den »Preis der französischen Theaterkritik«. 1980 verlieh die Académie Française erstmalig den neu geschaffenen »Grand Prix du Théâtre« an Jean Anouilh. Mehrfach war Anouilh auch für den Literaturnobelpreis nominiert.

Privatleben

1932, im Jahr seines Theaterdebüts, heiratete Jean Anouilh die Schauspielerin Monelle Valentin. Die gemeinsame Tochter Catherine Anouilh (1934 – 1989) wurde ebenfalls Schauspielerin und trat in vielen Stücken ihres Vaters auf. Seit den 1980er Jahren lebte Anouilh zurückgezogen am Genfer See. Im Jahre 1987, kurz vor seinem Tod, veröffentlichte er unter dem Titel »La vicomtesse d’Eristal n’a pas reçu son balai mécanique« (deutscher Titel: »Das Leben ist unerhört«) seine Jugenderinnerungen.

Jean Anouilh starb am 3. Oktober 1987 in Lausanne.

Werke von Jean Anouilh (Auswahl)

1932
»Das Weib Jesebel«
1932
»Der Hermelin«
1932
»Der Ball der Diebe«
1937
»Der Reisende ohne Gepäck«
1939
»Léocadia«
1941
»Euridike«
1942
»Antigone«
1945
»Orest«
1946
»Medea«
1951
»Colombe«
1956
»Der arme Bitos oder Das Diner der Köpfe«
1959
»Mademoiselle Molière«
1959
»Beckett oder Die Ehre Gottes«
1970
»Die Goldfische«

Auszeichnungen und Preise (Auswahl)

1961 Tony Award für »Beckett oder Die Ehre Gottes« (Best Play)
1970 Grand Prix mondial Cino del Duca
1971 Prix du Brigadier für »Die Goldfische«, »Wecken Sie Madame nicht auf« und »Du warst so nett als du klein warst«
1980 Grand Prix du Théâtre der Académie Française

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