Inhaltsangabe

»Die Berliner Antigone« ist eine Novelle des deutschen Schriftstellers Rolf Hochhuth. Sie wurde 1963 geschrieben und in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) veröffentlicht. 1964 erschien sie im Rowohlt Verlag. Ihre Handlung ist 1943 in Berlin angesiedelt und erstreckt sich über wenige Tage. Hauptfigur ist die junge Anne, deren Bruder von den Nationalsozialisten hingerichtet worden ist. Für den Versuch, seine Leiche zu begraben, wird auch sie zum Tode verurteilt. Anne nimmt diese Konsequenz mutig in Kauf. Damit steht sie in der Tradition Antigones, einer Figur der antiken griechischen Mythologie. Auch Antigone wird hingerichtet, weil sie ihren aufrührerischen Bruder trotz des königlichen Verbotes bestattet.

Zum Aufbau der Novelle

Die Novelle umfasst in der Taschenbuchausgabe des Rowohlt Verlages nur 15 Seiten und ist damit weitaus kürzer als das Drama »Antigone« (442 v. Chr.) des griechischen Dichters Sophokles. Dennoch entspricht sie in Aufbau und Struktur der antiken Vorlage. Wie ein klassisches Drama lässt sie sich in die fünf Abschnitte Exposition, erregendes Moment, Höhe- bzw. Wendepunkt, retardierendes Moment und Katastrophe gliedern.

Exposition: Die Hinrichtung von Annes Bruder

Annes Bruder wird als schwer verwundeter Soldat im Zweiten Weltkrieg aus dem Kessel von Stalingrad ausgeflogen. Nach seiner Genesung erklärt er, nicht die russische Armee, sondern Hitler trage die Verantwortung für die Katastrophe von Stalingrad. Dafür wird er als Hochverräter angeklagt und zum Tode verurteilt. Annes Mutter nimmt sich das Leben, als sie von dem Urteil erfährt. Sogenannten »politischen Verbrechern« wird im NS-Staat das Begräbnis verweigert; ihre Leichen werden für anatomische Experimente freigegeben.

Erregendes Moment: Annes Entwendung der Leiche

Darum will Anne die Leiche ihres Bruders heimlich begraben. Sie weiß, dass sie sich damit selbst in Lebensgefahr begibt. Während eines Bombenangriffs auf Berlin gelingt es ihr, im allgemeinen Chaos der brennenden Stadt die Leiche mit einem Handwagen aus der Anatomie der Universität zu schaffen. Eine Kommilitonin sieht sie auf dem Universitätshof und denunziert sie. Anne wird vor Gericht gestellt.

Rose Schlösinger

Der Erzählung ist die Widmung »Für Marianne« vorangestellt. Hochhuths erste Frau Marianne war die Tochter der Widerstandskämpferin Rose Schlösinger (1907 – 1943). Rose Schlösinger war Mitglied der antifaschistischen Widerstandsgruppe »Rote Kapelle« und wurde am 5. August 1943 in Berlin-Plötzensee hingerichtet. Mit der Figur der Anne erinnert Rolf Hochhuth an ihr Schicksal und das von insgesamt 269 in Berlin hingerichteten Frauen in den Jahren 1939 – 1945. Ihre Leichen wurden nicht bestattet, sondern der Anatomie der Berliner Universität übergeben.

Höhe- und Wendepunkt: Der Prozess

Der Generalrichter ist der Vater von Annes Verlobtem Bodo, was weder der Beisitzer noch der Staatsanwalt wissen. Um seines Sohnes willen stellt der Richter Annes Geständnis als Lüge hin: Er glaube nicht, dass sie die Leiche ihres Bruders allein auf den Invalidenfriedhof gebracht haben könne. Als sie an ihrer Aussage festhält, versucht er auf andere Art, das Todesurteil abzuwenden.

Er sagt, man könne bei ihrer Tat nicht von »Plünderung« sprechen, da es sich bei der Entwendung der Leiche nicht um persönliche Bereicherung handele; die Beerdigung des Toten sei nicht zwingend ein staatsfeindliches Bekenntnis der Angeklagten, da er ihr Bruder sei; dessen Hinrichtung sei der Freitod der Mutter gefolgt, es liege bei der Angeklagten also ein Fall seelischer Zerrüttung vor.

Der Staatsanwalt folgt den Ausführungen seines Vorgesetzten mit größtem Misstrauen. Der Richter bietet Anne an, die Todesstrafe in eine Zuchthausstrafe umzuwandeln, falls sie bereit sei, die Leiche des Bruders unter Bewachung zu exhumieren. Er gibt ihr 24 Stunden für die Entscheidung. Anne bricht unter der Androhung der Todesstrafe zusammen.

Retardierendes Moment: Annes Bedenkzeit in der Zelle

Am Abend schreibt Anne im Gefängnis einen Brief an Bodo, den der Wärter für sie hinausschmuggeln will. Darin teilt sie ihm mit, dass man das Todesurteil über sie verhängt habe. Sie werde dem Gefängnispfarrer Ohm sagen, wo sie ihren Bruder begraben habe, damit Bodo den Ort aufsuchen könne. Ihre Gedanken gehen zurück zu dieser Handlung:

Berlin steht nach einem Bombenangriff in Flammen, doch auf dem Friedhof fühlt Anne sich vor dem Feuer sicher. Hier schneidet sie eine Moosdecke aus und legt ihren toten Bruder darunter. Später wirft sie ihr Werkzeug in die glühenden Trümmer und schenkt zwei Hitlerjungen den Handwagen.

Anne hat große Angst vor der Hinrichtung, glaubt aber an den Sinn ihrer Handlung und entscheidet sich für den Tod. Als eine Luftmine den Gerichtshof zerstört, wird ihre Bedenkzeit auf elf Tage verlängert. Während dieser Zeit führt Pfarrer Ohm ihr vor Augen, dass auch ein unbestatteter Mensch nach christlicher Auffassung Frieden finde. Annes Pflichtverteidiger weiß inzwischen, dass sie mit dem Sohn des Richters verlobt ist. Er legt ihr ebenfalls nahe, sich für die Exhumierung ihres Bruders zu entscheiden. Anne beginnt zu zweifeln.

Vier Tage lang teilt sie die Zelle mit einer 19-jährigen Zwangsarbeiterin aus Polen, die hingerichtet werden soll, weil sie Brot gestohlen hat. Als die junge Frau zum Schafott geführt wird, beschließt Anne, auf das Angebot des Richters einzugehen.

Katastrophe: Bodos Selbstmord und Annes Hinrichtung

Nur wenig später betritt Pfarrer Ohm ihre Zelle und teilt ihr mit, dass Bodo sich erschossen habe. Er hat ihren Brief erhalten und geglaubt, sie sei bereits tot. Der Generalrichter widerruft sein Angebot nach dem Selbstmord seines Sohnes zwar nicht ausdrücklich, doch Annes Gnadengesuch bleibt nun unbeachtet. Es interessiert sich niemand mehr für sie. Am 5. August 1943 wird Anne in einem Schuppen auf dem Gefängnishof enthauptet.

In den abschließenden Sätzen ergänzt der Erzähler, dass ein Jahr später die Attentäter des 20. Juli hingerichtet wurden. Ihr Henker Röttger war derselbe Mann, der auch Annes Todesurteil vollstreckt hatte.

Das Attentat auf Adolf Hitler vom 20. Juli 1944

1944 scheiterte ein Attentat auf Adolf Hitler, das von einer Gruppe Adeliger und Wehrmachtsoffiziere unter dem Namen »Operation Walküre« geplant worden war. Diese Gruppe sah Hitlers Tod als Voraussetzung für einen politischen Umsturz an. Einer ihrer führenden Köpfe, Claus Schenk Graf von Stauffenberg, schleuste am 20. Juli einen Sprengsatz in das Führerhauptquartier, die »Wolfsschanze«, ein. Während einer Lagesbesprechung Hitlers detonierte der Sprengsatz, tötete ihn aber nicht.

Stauffenberg und drei Mitverschwörer wurden noch am Abend desselben Tages im Hof des Berliner Bendlerblocks erschossen. Weitere Planer und Mitwisser der »Operation Walküre« wurden im Laufe der folgenden Wochen hingerichtet. Hitler befahl, sie »wie Schlachtvieh« aufzuhängen. Der Todeskampf der Verurteilten wurde gefilmt und später Adolf Hitler und Joseph Goebbels vorgeführt. Darauf bezieht sich der letzte Satz der Erzählung, »dass selbst der satanische Parteigenosse Hitlers, sein Propagandaminister, während der Filmveranstaltung sich mehrmals die Hand vor Augen hielt.«


Zusammenfassung von Dr. Susanne Niemuth-Engelmann /  Inhaltsangabe.de.
Veröffentlicht am 16. Januar 2017, zuletzt aktualsiert am 26. März 2017.