Literatur der 1960er-Jahre

Die westdeutsche Literatur der 1960er-Jahre erlebte eine zunehmende Politisierung. Der rasante gesellschaftliche Wandel, die studentische Protestbewegung und politische Debatten beeinflussten die Themen der literarischen Werke.

Geschichtlicher Hintergrund

Anfang der 1960er-Jahre erreichte das atomare Wettrüsten zwischen den USA und der Sowjetunion seinen Höhepunkt. Der Kalte Krieg schürte die Angst vor einem Atomkrieg. Durch den Bau der Berliner Mauer (1961) und der Stationierung von sowjetischen Atomraketen auf Kuba (1962) drohte die Konfrontation zwischen beiden Supermächten zu eskalieren. Der Krieg in Vietnam wurde mehr und mehr zu einem Stellvertreterkrieg zwischen den USA und der Sowjetunion. 

Mitte der 1960er-Jahre flachte der wirtschaftliche Aufschwung der Wirtschaftswunderjahre ab. Die Rezession 1966/67, also der wirtschaftliche Abschwung, wirkte sich auf Politik und Gesellschaft aus, denn Steuereinnahmen sanken und die Zahl der Arbeitslosen stieg. Arbeiterinnen und Arbeiter gingen auf die Straße, um trotz Krise Lohnerhöhungen durchzusetzen; Höhepunkt der Arbeitskämpfe waren die September-Streiks im Jahr 1969.

Im Jahr 1968 wurden die Notstandsgesetze im Deutschen Bundestag verabschiedet, was eine Änderung des Grundgesetzes nach sich zog. Die Notstandsgesetze besagten, dass der Deutsche Staat im Fall einer Krisensituation (Krieg, Aufstand, Naturkatastrophe) Grundrechte der Bürger einschränken konnte.

Der Beschluss der Notstandsgesetze führte zu einer Welle des Protestes. Es folgten Massendemonstrationen von Studenten, Bürgerbewegungen und Gewerkschaften in den Jahren 1968 und 1969.

Gesellschaft der 1960er-Jahre

In den 1950er-Jahren verdrängten viele Menschen die NS-Vergangenheit und arbeiteten das Erlebte nicht auf. Das stieß vermehrt auf die Kritik der Studierenden, von denen sich viele mit der Frage nach der Schuld der Elterngeneration am Nationalsozialismus beschäftigten. Forderungen nach einer Aufarbeitung der Vergangenheit in der NS-Diktatur wurden laut.

Ende der 1960er-Jahre entstand eine große Protestbewegung, getragen vor allem von jungen Menschen und Studierenden. Ihren Höhepunkt erreichten die Proteste im Jahr 1968; daher spricht man von der 68er-Bewegung. Beeinflusst von der Hippie-Bewegung aus den USA waren die Merkmale der Protestbewegung: pazifistisch, antiautoritär und antikapitalistisch.

Neue Subkulturen (Jugendkulturen) wie etwa der Rock ’n’ Roll etablierten sich in Westdeutschland und standen für ein neues Lebensgefühl der jungen Bevölkerung. Man traf sich auf großen Musikfestivals wie Woodstock und auch die Mode der jungen Menschen veränderte sich sehr. War der Minirock Anfang der 1960er-Jahre noch ein Skandal, so etablierte er sich zum Ende des Jahrzehnts als normales Kleidungsstück.

Mit der Einführung der Antibabypille trat auch die feministische Bewegung zunehmend in den Fokus der Öffentlichkeit. Frauen forderten mehr Gleichberechtigung und Selbstbestimmung in der sehr männerdominierten Welt.

Menschenbild der 1960er-Jahre

  • Ältere Generation gilt als angepasst und durch alte Konventionen gehemmt
  • Junge Generation gilt als politisch aktiv und selbstbestimmt
  • Der Mensch darf frei über seine Sexualität entscheiden (sexuelle Selbstbestimmung)
  • Der politisch aktive Mensch ist in der Lage, gesellschaftliche Entwicklungen mitzugestalten

Literatur in den 1960er-Jahren

Durch die zahlreichen Umbrüche in der Gesellschaft entbrannte eine Diskussion zum Verhältnis von Literatur und Politik. Vor allem die junge Generation verlangte nach einer Literatur, die politische Funktionen erfüllt (Politisierung der Literatur). Der deutsche Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger verkündete 1968 in seinem »Kursbuch« sogar den Tod der Literatur und meinte damit den Tod einer unpolitischen Literatur.

Viele Autoren traten in Parteien ein und engagierten sich verstärkt in links- bzw. rechtsgerichteten politischen Lagern. Das vermehrte politische Engagement beeinflusste auch die literarischen Werke dieser Zeit. Die Verbrechen der NS-Zeit und die Schuldfrage der Eltern wurden ein zentrales Themenfeld in der Literatur.

Während Kurzgeschichten und lyrische Werke die Trümmerliteratur (Nachkriegsliteratur) prägten, wurde der Dokumentarismus bzw. die Reportage- und Dokumentarliteratur in den 1960er-Jahren immer populärer. Dabei flossen authentische Materialien (Zeitungsartikel, Zeugenaussagen, Fotos, Filme, Protokolle) in die Werke ein.

Wichtige Autoren der 1960er-Jahre

Epik

Der Roman war die meist verwendete epische Textsorte der 1960er-Jahre. Allgemeine gesellschaftspolitische Themen und der Generationenkonflikt – zwischen den Eltern mit NS-Vergangenheit und den jungen Protestierenden – stehen im Mittelpunkt der literarischen Arbeit.

Begünstigt durch die feministische Bewegung wächst das Interesse an Frauenliteratur. Die bisher von Männern dominierte literarische Welt erweiterte sich um die weibliche Sichtweise auf Bereiche des gesellschaftlichen Lebens.

Romane und Novellen der 1960er-Jahre

  • Heinrich Böll: »Ansichten eines Clowns«
  • Ingeborg Bachmann: »Der Fall Franza«
  • Günter Grass: »Katz und Maus«
  • Rolf Hochhuth: »Die Berliner Antigone«
  • Uwe Johnson: »Zwei Ansichten«
  • Siegfried Lenz: »Deutschstunde«

Lyrik

Die Lyrik der 1960er-Jahre befasst sich insbesondere mit dem Vietnamkrieg, der Studentenbewegung sowie der rasanten Zerstörung der Natur. Auffallend häufig weisen die Gedichte einen Appell auf, der die Lesenden zu aktivem Handeln auffordert. Man spricht deswegen auch von einer engagierten Lyrik.

Bekannte lyrische Werke der 1960er-Jahre

  • Erich Fried: »und Vietnam und« (Gedichtband)

Dramatik

Die starken Tendenzen zum Dokumentarismus zeigen sich im besonders deutlich im Dokumentartheater. In die Theaterstücke fließen echte Dokumente wie Zeitungsartikel, Mitschnitte von Interviews oder Protokolle ein. Durch die Montage von authentischen (echten) und fiktionalen (ausgedachten) Elementen verschwimmt dabei die Grenzen zwischen Realität und Fantasie.

Rolf Hochhuth

Rolf Hochhuth

Der deutsche Dramatiker Rolf Hochhuth gilt als einer der Mitbegründer des Dokumentartheaters, auch wenn er dieses Etikett selbst ablehnt. Sein bekanntestes Drama ist sein Erstlingswerk »Der Stellvertreter« (1963), das dem Vatikan eine Mitverantwortung am Holocaust zuschreibt.

Zur Biografie von Rolf Hochhuth

Theaterformen wie das kritisch-realistisches Volksstück, das sich an ein breites Publikum richtet, und das politische Theater sind in den 1960er-Jahren beliebt.

Bekannte Bühnenwerke der 1960er-Jahre

  • Max Frisch: »Andorra«
  • Peter Weiss: »Die Ermittlung«
  • Rolf Hochhuth: »Der Stellvertreter«