Der Sandmann

Zitate und Textstellen

  • »Das ist ein böser Mann, der kommt zu den Kindern, wenn sie nicht zu Bett gehen wollen, und wirft ihnen Händevoll Sand in die Augen, dass sie blutig zum Kopf herausspringen, die wirft er dann in den Sack und trägt sie in den Halbmond zur Atzung für seine Kinderchen; die sitzen dort im Nest und haben krumme Schnäbel, wie die Eulen, damit picken sie der unartigen Menschenkinder Augen auf«
    – Die Kinderfrau an Nathanael, S. 9

    Als Nathanael die Kinderfrau nach dem Sandmann fragt, gibt sie ihm diese Erklärung, um ihm Angst zu machen und ihm Gehorsam einzutrichtern. Dies hat jedoch ungeahnte Folgen und löst bei ihm eine lebenslange Angst vor dem Verlust seiner Augen aus. Nachdem er zuvor nur neugierig und beunruhigt war, überkommt ihn nun panische Angst vor dem Sandmann, was schließlich zu seinem Kindheitstrauma führt, das ihn bis ins Erwachsenenalter verfolgt.

  • »Der Sandmann, der fürchterliche Sandmann ist der alte Advokat Coppelius, der manchmal bei uns zu Mittage isst! – Aber die grässlichste Gestalt hätte mir nicht tieferes Entsetzen erregen können als eben dieser Coppelius.«
    – Nathanael an Lothar, S. 9

    Nathanael schreibt dies an Lothar in seinem ersten Brief. Er beschreibt hier den Moment, in dem er, im Zimmer seines Vaters versteckt, den nächtlichen Besucher, den er für den Sandmann hält, als Coppelius identifiziert. Von diesem Moment an ist er überzeugt, dass Coppelius der Sandmann ist. Hier erkennt man, dass es für ihn keinen Zweifel daran gibt, dass der Sandmann real ist, denn statt zu folgern, dass es sich nicht um ein mystisches Wesen, sondern nur um den Menschen Coppelius handelt, verbindet Nathanael seine Fantasie mit seiner Wahrnehmung. Coppelius passt perfekt in das Bild, das Nathanael sich vom Sandmann gemacht hat: Er hasst Kinder, nennt sie »kleine Bestien« und ist ihnen gegenüber sadistisch. Zudem hat der Vater Angst vor ihm, als wäre er ein höheres Wesen, was ebenfalls für Nathanaels Theorie spricht. Als Coppelius Nathanael entdeckt und ihm wehtut, brennt sich dieses Erlebnis in Form eines Traumas in Nathanael ein. Als er in seinem Studienort Coppelius in Coppola wiederzuerkennen glaubt, ist er überzeugt, dass der Sandmann gekommen ist, um ihn weiter zu quälen und fühlt sich dieser dunklen Macht hilflos ausgeliefert.

  • »Ich bitte dich, schlage dir den hässlichen Advokaten Coppelius und den Wetterglashändler Giuseppe Coppola ganz aus dem Sinn. Sei überzeugt, dass diese fremden Gestalten nichts über dich vermögen; nur der Glaube an ihre feindliche Gewalt kann sie dir in der Tat feindlich machen.«
    – Clara an Nathanael, S. 18

    Clara schreibt dies in ihrem Brief an Nathanael, in dem sie versucht, ihn zu beruhigen, indem sie seine Kindheitserlebnisse psychologisch analysiert und rationalisiert. Sie erklärt Nathanael, dass er selbst Coppelius durch seine Angst Macht über sich verleiht. Er muss nur aufhören, daran zu denken, um wieder normal leben zu können.

    Clara glaubt, nachdem sie alles logisch erklärt und bewiesen hat, dass Nathanael keine Angst vor dem Sandmann zu haben braucht, dieser einfach alles vergessen könne. Dies wird von Nathanael jedoch nicht wertgeschätzt, da er sich nicht verstanden und nicht ernst genommen fühlt.

    Zudem bleibt ungeklärt, ob die Geschichte anders verlaufen wäre, wenn Nathanael ihren Ratschlag befolgt hätte, da es nicht eindeutig ist, ob er sich die Verschwörung gegen ihn nur eingebildet oder ob eine dunkle Macht es wirklich auf ihn abgesehen hat.

  • »Alles, das ganze Leben war ihm Traum und Ahnung geworden; immer sprach er davon, wie jeder Mensch, sich frei wähnend, nur dunklen Mächten zum grausamen Spiel diene, vergeblich lehne man sich dagegen auf, demütig müsse man sich dem fügen, was das Schicksal verhängt habe.«
    – S. 24

    Diese Beschreibung des Erzählers macht klar, dass Nathanael nicht an die Autonomie des Menschen glaubt. Stattdessen ist er der Meinung, sein Schicksal sei schon festgelegt und er habe keinerlei Handlungsfreiheit oder Selbstbestimmung. Er verliert immer mehr den Bezug zur Realität und versinkt in einer Fantasiewelt. Er glaubt, dass der Sandmann eine dunkle Macht ist, die in Form von Coppelius und Coppola in sein Leben tritt, um ihn zu vernichten. Er fühlt sich dieser Macht hilflos ausgeliefert.

    Bis zum Schluss der Erzählung bleibt unklar, ob Nathanael mit seiner Befürchtung recht hatte, oder ob er unter Verfolgungswahn leidet und sich die Verschwörung gegen ihn nur eingebildet hat.

  • »Endlich, als sie schon am Traualtar stehen, erscheint Coppelius und berührt Claras holde Augen: Die springen in Nathanaels Brust wie blutige Funken sengend und brennend, Coppelius fasst ihn und wirft ihn in einen flammenden Feuerkreis, der sich dreht mit der Schnelligkeit des Sturmes und ihn sausend und brausend fortreißt. […] Nathanael blickt in Claras Augen; aber es ist der Tod, der mit Claras Augen ihn freundlich anschaut.«
    – Aus Nathanaels Gedicht, S. 26f.

    Dieses Zitat stammt aus Nathanaels Gedicht, in dem er beschreibt, wie Coppelius seine Beziehung zu Clara zerstören wird. Es ist eine düstere Vorahnung und ein Ausdruck seines tief sitzenden Traumas. Claras blutige Augen, die in seine Brust springen, und der ihn gefangenhaltende Feuerkreis spiegeln sich später wider, als Spalanzani ihm Olimpias Augen zuwirft, die gegen seine Brust prallen. Durch diese Realisierung seiner Befürchtungen wird er metaphorisch in den Feuerkreis geworfen, der den Wahnsinn symbolisiert. Auch sieht er in dem Gedicht seinen eigenen Tod voraus, was sich ebenfalls bewahrheitet.

  • »Du lebloses, verdammtes Automat!«
    – Nathanael an Clara, S. 28

    Nathanael sagt dies zu Clara, nachdem sie ihn gebeten hat, sein wahnsinniges Gedicht zu verbrennen. In seinen Augen ist sie wie eine Maschine mit festgelegten Denkmustern, da sie nicht in der Lage ist, Fantastisches und Mystisches zu begreifen und seine Ängste zu verstehen. Er fühlt sich von Clara nicht verstanden und empfindet ihre Bitte als Ablehnung seiner Gefühle und Ängste.
    Obwohl er Clara vorwirft, ein Automat zu sein, verliebt er sich später in den Automaten Olimpia, weil er eigentlich jemanden will, der ihm zuhört, ihn anhimmelt, nicht widerspricht und ihm immer zustimmt. Dies konnte Clara ihm nicht bieten, da sie ein intelligenter Mensch mit eigenen Gedanken und Meinungen ist.

  • »Nur die Augen schienen ihm gar seltsam starr und tot. Doch wie er immer schärfer und schärfer durch das Glas hinschaute, war es, als gingen in Olimpias Augen feuchte Mondstrahlen auf. Es schien, als wenn nun erst die Sehkraft entzündet würde; immer lebendiger und lebendiger flammten die Blicke.«
    – S. 31f.

    Hier beschreibt der Erzähler, wie Nathanael zum ersten Mal durch Coppolas Perspektiv sieht und Olimpia erblickt. Diese war ihm zuvor aufgrund ihres leeren Blickes unheimlich, aber nun erwacht sie in seinen Augen zum Leben. In Wahrheit ist es jedoch nur sein Blick, der sich in ihren Augen spiegelt. Mit dem ersten Blick durch das Perspektiv verzerrt sich seine Wahrnehmung und er verliert endgültig die Fähigkeit, zwischen Fantasie und Realität zu unterscheiden.
    Olimpia dient fortan als Spiegel seiner Gefühle und Gedanken. So wird sie zum Objekt seiner narzisstischen Liebe und er vergisst seine Familie und Clara, da das Perspektiv Olimpia in den Fokus seines Auges und seiner Gedanken rückt.

  • »Er lacht mich aus, weil ich ihm das kleine Perspektiv gewiss viel zu teuer bezahlt habe – zu teuer bezahlt!‘ – Indem er diese Worte leise sprach, war es, als halle ein tiefer Todesseufzer grauenvoll durch das Zimmer, Nathanaels Atem stockte vor innerer Angst. – Er hatte ja aber selbst so aufgeseufzt, das merkte er wohl.«
    – Selbstgespräch von Nathanael, S. 32

    Dieses Selbstgespräch führt Nathanael, nachdem er Coppola das Perspektiv abgekauft hat und diesen auf der Treppe laut lachen hört. Dass er das Perspektiv zu teuer bezahlt hat, trifft nicht nur in dem Sinne zu, dass er Coppola zu viel Geld gegeben hat. Er büßt durch den Kauf nämlich seine Wahrnehmung und somit indirekt seine Augen, seinen Verstand und schließlich sein Leben ein. Man könnte den Handel als Geschäft mit dem Teufel ansehen. Außerdem ist der Todesseufzer, den er ausstößt, ein weiterer Hinweis auf seinen Tod am Ende der Erzählung. Nathanael ahnt wohl unterbewusst, dass der Kauf des Perspektivs der Anfang vom Ende ist. Ab diesem Punkt gibt es kein Zurück mehr und er ist dem Untergang geweiht.

  • »Du tiefes Gemüt, in dem sich mein ganzes Sein spiegelt«
    – Nathanael an Olimpia, S. 35

    Nathanael sagt dies auf dem Ball zu Olimpia. Diese Aussage beschreibt seine Beziehung zu ihr perfekt. Sie ist keine echte Person, sondern nur ein Spiegel seines Selbst. Alle Gefühle, die er empfindet, sieht er in ihren Augen gespiegelt. Er fühlt sich von ihr verstanden, da sie ihm nicht widerspricht, sondern ihm zuhört und bedingungslos zustimmt. Er sieht sein eigenes Gemüt und seine eigenen Gedanken in ihr, weshalb sie nicht zu sprechen braucht, denn er unterhält sich sozusagen mit sich selbst. Er glaubt, tiefsinnige Gespräche mit ihr zu führen, und dass hinter ihren nichtssagenden Worten eine tiefe Bedeutung liegt, die nur er entschlüsseln kann. Seine Liebe zu ihr ist in Wahrheit narzisstische Selbstliebe.

  • »Sieh doch den sonderbaren kleinen grauen Busch, der ordentlich auf uns los zu schreiten scheint«
    – Clara an Nathanael, S. 44

    Diesen Satz sagt Clara zu Nathanael, als sie auf dem Ratsturm stehen und die Aussicht genießen. Ihre Aussage erinnert Nathanael an den stets grau gekleideten Coppelius und er fühlt sich bedroht, da sich das Objekt zu nähern scheint. Er greift »mechanisch« nach Coppolas Perspektiv, was zeigt, dass er erneut fremdbestimmt handelt, da er an sein Trauma erinnert wird, das bestimmte Reaktionen bei ihm auslöst. Als er Clara durch das Perspektiv ansieht, wird seine Wahrnehmung erneut verzerrt und er verfällt wieder dem Wahnsinn. Er versucht, Clara umzubringen, da er nun auch sie für eine Puppe hält. Nachdem Lothar sie jedoch gerettet hat, erblickt Nathanael Coppelius in der Menge am Fuß des Turmes, was seine Angst infolge Claras Kommentar zu bestätigen scheint. Nun sieht er keinen Ausweg mehr und begeht Selbstmord.

Veröffentlicht am 12. Oktober 2022. Zuletzt aktualisiert am 12. Oktober 2022.