Der Sandmann

Prüfungsaufgaben

  • Vergleiche die Beziehung Nathanaels zu Clara mit seiner Beziehung zu Olimpia.

    Nathanael fühlt sich von Clara nicht verstanden, da sie seinen Glauben an das Übernatürliche nicht teilt und stets versucht, alles zu rationalisieren. Olimpia dagegen dient ihm als Spiegel seiner eigenen Emotionen und Gedanken und ist daher das perfekte Gefäß für seinen Narzissmus. Durch sie bekommt er endlich, was er im Grunde immer wollte: eine Frau ohne eigene Gedanken, die ihm immer zuhört und bei allem zustimmt.

  • Wieso wird Nathanael oft als sensible Künstlernatur bezeichnet?

    Nathanael ist seit frühester Kindheit sehr emotional, kreativ, fantasievoll und fasziniert von Fabelwesen. Außerdem zeigt er großes Interesse an Poesie und Literatur. In seine Angst vor dem Sandmann hat er sich so sehr hineingesteigert, dass sie ihn bis ins Erwachsenenalter verfolgt. Seine extreme Sensibilität zeigt sich auch darin, dass er sehr empfindlich reagiert, wenn Clara keine Zeit hat, seinen Lesungen zu lauschen, denn er sieht dies als Ablehnung.

  • Beschreibe kurz Nathanaels Weg in den Wahnsinn.

    Nathanaels psychische Probleme werden durch sein Kindheitstrauma ausgelöst, das durch seine Begegnung mit Coppola wieder auflebt, da er glaubt, in ihm Coppelius wiederzuerkennen. Das Gedicht, das Nathanael schreibt, ist ein Ausdruck seines inneren Zustands und seine verzerrte Wahrnehmung führt schließlich dazu, dass er sich in Olimpia verliebt. Als er feststellen muss, dass sie nur eine Puppe ist, löst dies einen Wahnanfall aus. Nach seiner scheinbaren Genesung erleidet er jedoch auf dem Turm einen Rückfall und begeht schließlich Selbstmord.

  • Welche Rolle spielt das Augenmotiv in der Erzählung?

    Das Augenmotiv ist ein zentrales Motiv der Erzählung und es wird oft Bezug auf Augen und Sehen genommen. Das Auge ist ein wichtiges Organ, das der Wahrnehmung dient. Nathanaels Wahrnehmung wird durch das Perspektiv verzerrt, wodurch er den Bezug zur Realität verliert. Die Angst vor dem Verlust seiner Augen verfolgt ihn durch die gesamte Erzählung hindurch und manifestiert sich in der Figur des Sandmanns.

  • Was spricht dafür, dass Coppelius und Coppola ein und dieselbe Person und somit der Sandmann sind? Was spricht dagegen?

    Einerseits versichert Spalanzani Nathanael, Coppola sei Italiener, während Coppelius Deutscher ist, aber beim Streit um Olimpia verliert Coppola seinen Akzent und Spalanzani nennt ihn Coppelius. Auch scheinen einige der Ereignisse mehr als Zufälle zu sein, wie dass Nathanaels Wohnung abbrennt und sein neues Zimmer genau gegenüber von Olimpias liegt, und dass Coppelius wieder auftaucht, nachdem Coppola verschwunden ist. Wenn sie wirklich dieselbe Person sind, hätte Nathanael von Anfang an recht gehabt und der Sandmann ist ein reales, böses Wesen, das es auf ihn abgesehen hat.

  • Nenne einen Grund, warum Hoffmann die Szene, in der Coppelius die Augen von Nathanaels Schwester berührt, woraufhin diese erblindet und nach kurzer Zeit stirbt, gestrichen haben könnte.

    Diese Szene würde beweisen, dass Coppelius übernatürliche Kräfte hat. Es wäre nämlich ein sehr großer Zufall, wenn die Schwester nach seiner Berührung ihrer Augen einfach so erblindet und gestorben wäre. Hoffmann wollte die Geschichte uneindeutig halten, sodass der Leser seine eigene Interpretation finden muss, und hat deshalb die Szene gestrichen.

  • Inwiefern kritisiert Hoffmann mit seinem Werk sowohl die Romantik als auch die Aufklärung?

    Nathanael repräsentiert die Romantik und scheitert in der Erzählung aufgrund seiner übersteigerten Fantasie und seines fehlenden Bezugs zur Realität. Er wird wahnsinnig, von der Gesellschaft ausgeschlossen und begeht schließlich Selbstmord.
    Olimpia ist das Ergebnis von Spalanzanis aufklärerischem Denken, aber auch seiner mangelnden Ethik. Dass sie in der Gesellschaft nicht auffällt, zeigt, wie der Mensch immer mehr zur Maschine wird.

  • Nathanael beschimpft Clara als »lebloses, verdammtes Automat« (Hoffmann 28). Inwiefern trifft diese Aussage zu?

    Clara ist Nathanaels Meinung nach gefühllos und kalt, denkt und handelt in festgelegten Mustern und ist nicht in der Lage, über das rational Erklärbare hinauszudenken. Clara denkt und handelt jedoch freier als der Rest der Gesellschaft. Nathanael selbst hat mehr mit einem Automaten gemeinsam als sie. Er wird durch seine Ängste und seinen Wahnsinn fremdbestimmt und kann nicht frei handeln.

  • Beurteile Claras Ratschläge und ihren Umgang mit Nathanaels Ängsten.

    Clara zeigt sich in ihrem Brief an Nathanael durchaus mitfühlend und unternimmt den Versuch, seine Ängste zu zerstreuen, indem sie seine Erlebnisse logisch erklärt. Dabei lässt sie allerdings außer Acht, wie sensibel er ist und unterschätzt, wie tief diese Ängste in ihm verankert sind. Ihre Herangehensweise ist zu naiv und einseitig, denn indem sie jegliches übernatürliches Wirken ausschließt, verliert sie den Zugang zu Nathanael. Dieser ist nämlich von der Existenz einer dunklen Macht überzeugt und fühlt sich durch ihre streng rationale Denkweise nicht ernst genommen.

  • Inwiefern dient die Figur der Olimpia als Kritik an der Gesellschaft?

    Niemand in der Gesellschaft bemerkt, dass Olimpia eine Puppe ist. Die seltsame Form des Rückens wird mit einem Korsett erklärt und ihre steifen Schritte werden den Zwängen der Gesellschaft zugeschrieben. Sie nimmt an Teezirkeln teil, bei denen sich Frauen unterhalten, aber auch hier bemerkt niemand etwas, da die Gespräche nur aus auswendig gelernten höflichen, bedeutungslosen Floskeln bestehen. Nach dem Skandal wollen viele Männer Beweise dafür, dass ihre Verlobte kein Automat ist, was deutlich macht, wie künstlich sich die Frauen verhalten.

Veröffentlicht am 12. Oktober 2022. Zuletzt aktualisiert am 12. Oktober 2022.