Der Sandmann

Interpretation

Das Augenmotiv

In der Erzählung wird ständig Bezug auf Augen und das Sehen genommen. Dies wird bereits im Titel deutlich, denn der Sandmann ist allgemein dafür bekannt, dass er Sand in die Augen von Kindern streut, damit sie schlafen. Die in der Erzählung beschriebene Figur ist allerdings um einiges düsterer, denn sie raubt Kindern die Augen, um sie an Raubvögel zu verfüttern.

Seit die Kinderfrau Nathanael von dieser Schreckgestalt erzählt hat, hat sich die Angst vor dem Sandmann und dem Verlust seiner Augen tief in ihn eingebrannt. Deshalb versetzt ihn Coppelius Ausruf »Augen her, Augen her!« (Hoffmann 11) in Panik, da er ihn für den Sandmann hält. Diese Angst verfolgt ihn auch im Erwachsenenalter noch, was er in seinem Gedicht zum Ausdruck bringt. Darin berührt Coppelius Claras Augen, die daraufhin blutig gegen Nathanaels Brust prallen und der Tod blickt ihn mit Claras Augen an.

Auch Coppola, der Doppelgänger von Coppelius, weckt in ihm die alte Angst. Der Name Coppola ist abgeleitet von dem italienischen Wort coppo, das im weiteren Sinne Augenhöhle bedeutet. Zudem bietet er Nathanael »sköne Oke« an, was dieser zunächst für Augen hält. Es handelt sich jedoch um Brillen. Die Brillen und Perspektive, die Coppola anbietet, nehmen wieder Bezug auf das Sehen, denn sie vergrößern und verändern das Gesehene.

Das Auge ist ein für die Wahrnehmung enorm wichtiges Organ. Die Wahrnehmung kann jedoch getäuscht werden, wie es bei Nathanael passiert. Schon als Kind konnte er nicht zwischen Fantasie und Wirklichkeit unterscheiden, aber das Perspektiv verzerrt seine Wahrnehmung und »nimmt ihm endgültig die Möglichkeit, die Realität so zu nehmen, wie sie ist. […] Was er wahrnimmt, wird mehr und mehr Ausdruck seiner narzisstischen Strebungen, ist Projekt seiner Wünsche« (Bekes 76f). Dadurch ändert sich vor allem seine Wahrnehmung in Bezug auf Olimpia. Die fehlende Sehkraft in ihren Augen ist ihm zunächst unheimlich, denn die Augen sind der Spiegel der Seele und verraten, dass Olimpia keine Seele besitzt. Nachdem er durch das Perspektiv gesehen hat, glaubt Nathanael, in Olimpias Blick Gefühle wie Liebe, Sehnsucht und Leidenschaft zu erkennen, aber das sind nur seine eigenen Blicke, die sich in ihren Augen spiegeln. Er sieht seine eigene Seele in ihr und belebt sie somit. Das Perspektiv fokussiert seinen Blick und somit auch seine Wahrnehmung auf einen eingeschränkten Bereich, nämlich Olimpia, und so kann er nichts anderes mehr sehen als sie und projiziert seine Gefühle und Ideale auf sie, sodass sie zum Spiegel seines eigenen Wesens wird. Er liebt also nicht sie, sondern sich selbst.

Olimpia schließlich ohne Augen zu sehen (»Olimpias toderbleichtes Wachsgesicht hatte keine Augen, statt ihrer schwarze Höhlen; sie war eine leblose Puppe«, Hoffmann 41), erinnert ihn an die Nacht, in der er seinen Vater und Coppelius beobachtet hat. Denn auch damals war ihm, »als würden Menschengesichter ringsumher sichtbar, aber keine Augen – scheußliche, tiefe schwarze Höhlen statt ihrer« (Hoffmann 11). Erst als Olimpia ihre Augen verliert, begreift Nathanael, dass sie eine Puppe ist, aber da er sich selbst in ihr gesehen hat und sie nun gestohlen wird, verliert er mit ihr auch sich selbst und wird deshalb wahnsinnig. Spalanzani wirft Olimpias Augen Nathanael zu, die gegen seine Brust prallen, was eine Parallele zu seinem Gedicht darstellt, in dem Claras Augen »wie blutige Funken sengend und brennend« in seine Brust springen (Hoffmann 26).

Als er das nächste Mal durch das Perspektiv blickt, sieht er Clara und wird wahnsinnig. Dies könnte damit zu begründen sein, dass er sich an den Schluss seines Gedichtes erinnert fühlt: »es ist der Tod, der mit Claras Augen ihn freundlich anschaut« (Hoffmann 27). Er versucht daraufhin, Clara umzubringen und nachdem er Coppelius in der Menschenmenge erblickt, springt er schließlich mit den Worten »Ha! Sköne Oke – Sköne Oke« (Hoffmann 45) vom Turm. Hier wird deutlich, dass er davon überzeugt ist, dass Coppola und Coppelius ein und dieselbe Person sind und er hereingelegt und manipuliert wurde. »Die Angst vor dem Verlust und die Täuschung der Augen sind die Auslöser für Nathanaels Wahnsinn und letztendlich der Grund für seinen Selbstmord« (Hutschenreuter 11).

Sigmund Freud

Sigmund Freud fand die Erzählung »Der Sandmann« so faszinierend, dass er sie in seinem Werk »Das Unheimliche« psychologisch analysierte. Für ihn steht fest, dass die Angst vor dem Verlust der Augen in Wahrheit ein Ersatz für Kastrationsangst ist, da die Drohung des Augenverlustes/der Sandmann immer als Zerstörer des Liebesglücks auftritt.

Nathanaels Vater und Coppelius sind laut Freud ein und dieselbe Person und symbolisieren zwei Seiten des Vaters. Coppelius symbolisiert die dunkle Seite, von der die Kastrationsdrohung ausgeht, während der Vater die gute Seite symbolisiert, die die Augen seines Kindes retten will. Coppola und Spalanzani spiegeln diese Spaltung wider als Väter Olimpias. Diese ist somit Nathanaels Gegenstück und das Objekt seiner narzisstischen Liebe. Nathanael dient als Beispiel dafür, wie ein Kastrationskomplex einen Jungen auf seinen Vater fixiert und er so unfähig wird, eine Frau zu lieben. Dies ist der Grund, warum seine Beziehung mit Clara scheitert und er sich über Olimpia in sich selbst verliebt.

Olimpia ist für Freud die Verwirklichung eines Kinderwunsches Nathanaels, da Kinder mit Puppen spielen und diese dabei oftmals für lebendig halten oder zumindest so behandeln.

Weiterhin hält Freud die in der Erzählung erwähnten Treppen und Etagen für Symbole von Nathanaels Bewusstseinsebenen. So sind in seiner Kindheit die Geräusche auf der Treppe, die Coppelius Ankunft verkünden, ein Symbol für die Gefahr, die aus Nathanaels Unterbewusstsein hervorgeht, die er aber nicht erkennt, da seine Mutter ihn daran hindert, nachzuschauen.

Auch kurz vor Nathanaels Abgleiten in den Wahnsinn spielt diese Symbolik eine Rolle. Nathanael geht die Treppe hinauf zu Olimpia und wird dort Zeuge des Streits um die Puppe: »[E]r verlässt den Bereich des Unbewussten […] und gelangt in den Bereich des […] Bewussten. Hier wird er mit der brutalen Wahrheit konfrontiert« (Schwake 88). Die Parallelität zwischen seinen Vätern und den Vätern Olimpias und die Tatsache, dass seine große Liebe eine leblose Puppe ist, treiben ihn in den Wahnsinn.

Das mehrfache böse Lachen Coppolas von der Treppe aus symbolisiert die Ahnung von Gefahr und die ständige Bedrohung aus Nathanaels eigenem Unterbewusstsein, in dem der Wahnsinn schon lauert.

Nathanael ist zudem Druck durch äußere Faktoren (Normen, Regeln, Gesellschaft) ausgesetzt. Clara versucht, Nathanael durch Logik zu erklären, dass er sich den Sandmann und seine Ängste nur einbildet und nichts davon real ist. Siegmund spricht stellvertretend für die Gesellschaft und versucht, ihm klarzumachen, dass mit Olimpia etwas nicht stimmt, und dass ihr zu verfallen zu nichts Gutem führen kann. Nathanael ignoriert jedoch die Warnungen, wird wahnsinnig und die Gesellschaft verstößt ihn: Er wird in die Nervenheilanstalt gebracht.

»Insgesamt kann man die negative Entwicklungsgeschichte Nathanaels insofern psychoanalytisch deuten, als dass es dem Protagonisten nicht gelingt, die notwendige Balance zwischen den Ansprüchen des [Unterbewussten] und den Ansprüchen [der Gesellschaft und seines Umfelds] herzustellen« (Schwake 89f). Er verliert sich immer mehr in seinem eigenen Unterbewusstsein und büßt die Fähigkeit zur Selbstbestimmung ein. Er »wird zum Spielball von Mächten, die entweder größer sind als er oder aber die er zu groß hat werden lassen« (Schwake 89). Er weigert sich, sich der Gesellschaft anzupassen und verliert den Bezug zur Realität.

Das Automatenmotiv

Zur Zeit der Veröffentlichung der Erzählung war die Faszination für künstliche Menschen, aber auch die Angst vor ihnen groß. Dies wird mit der Figur der Olimpia deutlich. Ihr Erfinder basiert auf dem italienischen Naturforscher Lazzaro Spallanzani, der unter anderem an dem Prozess der Befruchtung forschte und somit lose mit der künstlichen Erschaffung von Menschen in Verbindung gebracht werden kann.

Olimpia dient in der Erzählung dazu, Kritik an der Gesellschaft zu üben, die sich wie sie in festgelegten Mustern bewegt, sich passiv, leblos, künstlich und aufgesetzt verhält, weswegen niemand Olimpia als Puppe erkennt.

Es ist ironisch, dass Nathanael Clara Gefühlskälte vorwirft und sie als Automat beschimpft, aber später einem Automaten verfällt. Als Narzisst akzeptiert er nichts anderes als absolute Bewunderung und uneingeschränkte Zustimmung, die er von Olimpia zu erhalten glaubt, während Clara intelligente Diskussionen führen kann, ihm aber oft widerspricht, da sie eine andere Lebenseinstellung hat. Clara kann eigenständig denken und fühlen und ist zudem fantasievoll und an Poesie interessiert. Nathanael ähnelt mehr einem Automaten als sie, da er durch sein Kindheitstrauma, seine Unfähigkeit, Fantasie und Realität auseinanderzuhalten, und schließlich von seinen Wahnsinnsanfällen fremdbestimmt wird und nicht völlig frei zu handeln vermag.

Durch die Figur der Olimpia wird zudem das damalige Frauenbild kritisiert. So wird zum Beispiel die unnatürliche Form ihres Rückens einem zu eng geschnürten Korsett und ihre steifen Bewegungen dem gesellschaftlichen Zwang zugeschrieben. Sich unnatürlich und künstlich zu verhalten ist also für Frauen normal und wird nicht als seltsam erachtet.

Auch bei Teezirkeln sitzt Olimpia nur leblos da und niest und gähnt ab und zu. Dass sie hier nicht auffällt, zeugt davon, dass auch die Menschen hier nur herumsitzen und sich in höflichen Floskeln und künstlichem Gehabe verlieren, anstatt intelligente Unterhaltungen zu führen. Olimpia ist den Damen der Gesellschaft in ihrem Verhalten so ähnlich, dass diese nach dem Skandal verdächtigt werden, ebenfalls nur Maschinen zu sein und von ihren Geliebten aufgefordert werden, ihre Menschlichkeit zu beweisen.

Dies macht die Angst der Gesellschaft, Maschinen könnten Menschen ersetzen, deutlich. Hierdurch übt Hoffmann Kritik an der Industrialisierung, durch die Menschen oft stundenlang an Maschinen sitzen und immer wieder die gleichen Bewegungen machen und so selbst zu einer Art Maschine werden. Nathanaels Liebe zu Olimpia sehen viele »als eine Unterwerfung des Menschen, da sich dieser dem Rhythmus der Maschine anpasst« (Leingang 31).

Wahnsinn

Die Erzählung kann auch als stufenweise Darstellung des Krankheitsverlaufs eines Wahnsinnigen interpretiert werden. Nathanaels Unfähigkeit, Fantasie und Realität auseinanderzuhalten und seine verzerrte Wahrnehmung sind Symptome des Wahnsinns, ebenso wie sein Verfolgungswahn und sein Glaube, nicht selbstbestimmt handeln zu können, sondern durch dunkle Mächte fremdbestimmt zu werden.

Ausgelöst werden seine psychischen Probleme durch sein Kindheitstrauma. Nathanael wird mit seinen Ängsten alleingelassen. Seine Familie hilft ihm nicht und spricht nicht darüber. Durch seine Begegnung mit Coppola lebt sein Kindheitstrauma wieder auf. Das Gedicht, das Nathanael schreibt, ist ein Ausdruck seines inneren Zustands.

Seine verzerrte Wahrnehmung führt dazu, dass er sich in Olimpia verliebt. Er muss jedoch feststellen, dass sie eine Puppe ist, was in ihm den ersten Wahnanfall auslöst. Nach seiner scheinbaren Genesung erleidet er jedoch auf dem Turm einen Rückfall und begeht schließlich Selbstmord.

Fantasie und Realität

Im Laufe der Erzählung wird schnell klar, dass Nathanael nicht zwischen Fantasie und Realität unterscheiden kann, aber auch der Leser kann nicht ganz sicher sein, was von dem Gelesenen real und was eingebildet ist. »Für den Leser ist nicht erkennbar, ob das, was Nathanael erfährt, Produkt seiner Einbildungskraft, also eine Wahnvorstellung ist, die durch seine traumatischen Kindheitserlebnisse ausgelöst wurde und sich immer stärker ausgeweitet hat, oder ob es sich um dämonische Mächte des Übernatürlichen handelt« (Bekes 84).

Bis zum Schluss ist unklar, ob der Sandmann wirklich existiert und somit Coppelius und Coppola ein und dieselbe Person sind. Dies würde nämlich bedeuten, dass Nathanael recht hatte und tatsächlich eine Verschwörung dunkler Mächte gegen ihn im Gange ist.

Sind sie allerdings doch zwei verschiedene Personen, dann hat er sich die Hinweise darauf nur eingebildet, z. B., dass Spalanzani Coppola Coppelius genannt hat, oder dass Coppelius am Fuß des Turmes erschien. Coppola hätte in diesem Fall Nathanael das Perspektiv verkauft, um seine und Spalanzanis Erfindung (Olimpia) an ihm zu testen. Es wäre allerdings ein sehr großer Zufall, dass Nathanaels Wohnung niederbrennt und sein neues Zimmer, das er nicht selbst aussucht, gegenüber von Olimpias Zimmer liegt.

Auch ist seltsam, dass die Türen des Turmes plötzlich verschlossen sind, weshalb Clara nicht fliehen und Lothar ihr zunächst nicht helfen kann. Wer aber hat sie verschlossen? »Der Text erwähnt nicht, dass Nathanael die Türen verschlossen hat. Auch wäre es dem Studenten kaum möglich gewesen, diese zu verriegeln, ohne dass [C]lara es bemerkt bzw. Verdacht geschöpft hätte. Eine einleuchtende Erklärung wäre, dass Coppelius – ob selbst oder durch Zauberkräfte – die Türen undurchgängig machte, um Schaden anrichten zu können« (Scherer 25).

Das Werk soll zweideutig sein und den Leser verwirren, um Nathanaels Verunsicherung widerzuspiegeln. Der Leser muss selbst entscheiden, wie er das Werk deutet und was er für Realität und was für Einbildung hält.

Veröffentlicht am 12. Oktober 2022. Zuletzt aktualisiert am 12. Oktober 2022.