Inhaltsangabe

Der 1932 erschienene Roman »Das kunstseidene Mädchen« von Irmgard Keun schildert die Nöte und Sehnsüchte der Menschen in der Zeit der Weltwirtschaftskrise ab 1929. Die Handlung ist von Sommer 1931 bis Anfang 1932 in der rheinischen Provinz und in Berlin angesiedelt. Im Mittelpunkt steht die achtzehnjährige Doris, die von einem Leben wie im Film träumt und in die Großstadt geht, um dort »ein Glanz« zu werden.

Erster Teil: Ende des Sommers und die mittlere Stadt

Die achtzehnjährige Ich-Erzählerin Doris ist Sekretärin eines Rechtsanwalt in der rheinischen Provinz. Sie lebt in ärmlichen Verhältnissen; der arbeitslose Stiefvater trinkt, die Mutter ist Garderobiere am Theater. Für das winzige Zimmer in deren Wohnung muss Doris ihnen einen Großteil ihres Lohns überlassen.

Doris ist voller Träume und Leidenschaften. Sie hält sich für etwas Besonderes und ersehnt sich ein Leben wie im Film. Da sie nichts gelernt hat, ist ein sozialer Aufstieg aus eigener Kraft schwer zu erreichen. Sie unterhält zahlreiche Liebschaften und lernt, die Männer zu durchschauen. Mit deren Geschenken vervollständigt sie ihr Outfit. Ihre einzige große Liebe Hubert hat sich von ihr getrennt, nachdem er seine Promotion abgeschlossen hatte, um eine Frau aus seinen Kreisen zu heiraten.

Mit verführerischen Blicken gelingt es Doris, ihren Chef von den Fehlern in den getippten Briefen abzulenken. Als der Mann zudringlich wird, weist sie ihn heftig ab. Ihr wird gekündigt und ihre Mutter verschafft ihr eine Statistenrolle am Theater. Doris stellt schnell fest, dass die Schauspielschülerinnen ebenso von Höherem träumen wie die Büromädchen. Um sich Anerkennung zu verschaffen, behauptet Doris, ein Verhältnis mit dem Direktor Leo Olmütz zu haben.

Mithilfe eines Tricks erhält Doris eine kleine Rolle und wird in die Schauspielschule aufgenommen. Dies bestärkt sie in ihrer Absicht, »ein Glanz« zu werden. Ihre Lüge, die Geliebte des Direktors zu sein, fliegt auf und zeitgleich erscheint Hubert wieder in der Stadt. Um ihn zu beeindrucken, stiehlt Doris spontan einen Pelzmantel. Aus Angst vor der Polizei flieht sie nach Berlin.

Zweiter Teil: Später Herbst – und die große Stadt

Doris ist fasziniert von der Betriebsamkeit in Berlin, den vielen Menschen und Lichtreklamen. Ihr Pelz erscheint ihr als Eintrittskarte zu einer Welt voller Verheißungen. Sie sucht Margrete Weißbach auf, eine Freundin von Therese, die mit Doris zusammen im Rechtsanwaltsbüro gearbeitet hat. Margrete ist hochschwanger, ihr Mann arbeitslos. Doris bezahlt eine Hebamme, mit deren Hilfe ein Mädchen zur Welt kommt. Margrete schickt Doris zu Tilli Scherer, deren Mann zur Zeit auf Montage arbeitet.

Doris meldet sich nicht polizeilich an, weil sie fürchtet, zur Fahndung ausgeschrieben zu sein. Folglich kann sie keiner legalen Arbeit nachgehen und ist mehr denn je auf Männerbekanntschaften angewiesen. Mit ihnen genießt sie die glitzernde Welt der Musikbars und Varietés auf der Friedrichstraße oder dem Ku’damm. Insgeheim sehnt sie sich jedoch nach jemandem, den sie lieben kann und der sie liebt.

Berlin ist aufregend und schillernd, dabei zugleich unpersönlich und abweisend. Doris leidet unter Heimweh. Sie und Tilli haben kaum Geld und müssen hungern. Mit der Aussicht auf ein angenehmes Leben überwindet Doris ihren Ekel vor dem reichen Herrn »Onyx« und will seine Mätresse werden. Dass sie sich auch mit anderen Männern abgibt, findet Onyx unmoralisch und schickt sie weg. Über Tillis Wohnung wohnt ein Zuhälter, der seine Frauen brutal schlägt. Doris fragt sich, ob auch sie so enden wird.

Doris wird nicht müde zu wiederholen, ein Glanz werden zu wollen. Trotzdem nimmt sie sich Zeit für den kriegsblinden Nachbarn Brenner. Sie schildert ihm die Stadt, wie sie sie sieht und fängt deren Atemlosigkeit für ihn ein. Für kurze Zeit wird sie die Geliebte des reichen Alexander und ist überwältigt von dem Luxus, den sie sich so lange erträumt hatte. Sie fühlt sich als Glanz und lässt ihre Freundinnen und die Mutter an ihrem plötzlichen Wohlstand teilhaben. Als Alexander plötzlich verhaftet wird, kommt Doris bei Tilli unter. Da deren Mann ihr nachstellt, sucht Doris sich zunächst ein möbliertes Zimmer, dann findet sie Unterschlupf bei dem Journalisten Lippi Wiesel. Sie verlässt diesen, weil sie sich von ihm nicht wertgeschätzt fühlt.


Dritter Teil: Sehr viel Winter und ein Wartesaal

Doris lebt jetzt auf der Straße. Im Bahnhofswartesaal lernt sie den arbeitslosen Maschinenschlosser Karl kennen, der in einer Laubenkolonie wohnt und sich mit dem Verkauf von selbstgezogenem Gemüse und geschnitztem Spielzeug über Wasser hält. Er bietet Doris ein Obdach, doch diese ist sich zu schade anzunehmen.

Der siebenunddreißigjährige Ernst nimmt Doris aus Einsamkeit in seine gutbürgerliche Wohnung auf. Er ist gut zu ihr und verfolgt keine erotischen Absichten. Der Werbezeichner liebt nur seine Frau Hanne, die ihn verlassen hat. Doris fühlt sich zunehmend wohl bei ihm und wächst in die Rolle der Hausfrau hinein. Sie beginnt, Ernst zu lieben und will, dass er sie und ihre Vergangenheit kennenlernt. Sie gibt ihm ihr Tagebuch zu lesen.

Doris unterschlägt einen Brief von Hanne, in dem diese ihren Mann um Verzeihung bittet. Vergeblich bemüht sich Doris, mit Ernst – auch körperlich – die ersehnte Liebesbeziehung zu leben. Seine Liebe zu Hanne steht zwischen ihnen. Auch ihre unterschiedliche Erziehung und Bildung trennt die beiden: Ernst liest Baudelaire und hört Schubert; Doris’ Lieblingslied handelt von der Liebe der Matrosen. Schweren Herzens verlässt Doris Ernst und geht zu Hanne, um ihr zu sagen, dass ihr Mann auf sie warte.

Erneut mittel- und obdachlos erkennt Doris die Unmöglichkeit, ihrem Milieu zu entkommen. Sie beschließt, in die Gartenlaube zu Karl zu ziehen und zieht in Erwägung, dass es vielleicht doch nicht allein auf den »Glanz« ankomme.


Der Roman lässt sich der Neuen Sachlichkeit zuordnen. Mithilfe des kunstseidenen Mädchens entsteht ein Abbild der Zeit am Vorabend der nationalsozialistischen Machtergreifung, die geprägt war von Massenarbeitslosigkeit, Armut und Unzufriedenheit. Seine Lebendigkeit und Authentizität erhält das Werk vor allem durch die Sprache. Doris redet ungekünstelt und schnoddrig; es wimmelt von Grammatikfehlern.

Obgleich bis heute in sechzehn Sprachen übersetzt, stand Keuns Roman auf der »Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums« der Nazis. Er wurde erst Mitte der 1970er Jahre von der Literaturszene wiederentdeckt. Bühnenbearbeitungen entstanden 1973 in Bremen, 1985 in Bonn und 1988 in Hannover und Berlin. 1959 wurde der Roman von dem französischen Regisseur Julien Duvivier verfilmt.


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