Neue Sachlichkeit / Weimarer Republik (1918–1933)

»Neue Sachlichkeit« bezeichnet die Literaturepoche zur Zeit der Weimarer Republik. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde der Begriff als Stilbezeichnung in der Malerei und im Kontext der Kunst verwendet. Nach 1925 übertrug man ihn dann auch auf die Literatur. Die literarischen Werke der Strömung weisen eine illusionslose, nüchterne und vor allem sachliche Beschreibung der damaligen Gesellschaft auf.

Geschichtlicher Hintergrund 

Die Epoche der Neuen Sachlichkeit war geprägt von Krisen, Widersprüchen und politischen Veränderungen. Es gab sowohl positive als auch negative Wirtschaftsentwicklungen und gesellschaftliche Veränderungen.

Einerseit war das Leben der Menschen geprägt von den wirtschaftlichen Problemen und sozialen Folgen des Ersten Weltkriegs. Vielerorts wuchs die Existenzangst, die durch die Inflation von 1924 und die Weltwirtschaftskrise im Jahr 1929 hervorgerufen wurde. Die Folge war ein Erstarken der links- und. rechtsextremistischen Gesinnung innerhalb der Gesellschaft. Letztlich mündete dies in einer Radikalisierung der beiden politischen Lager, die sich feindlich gegenüberstanden.

Andererseits folgten den wirtschaftlichen Krisen die sogenannten Goldenen Zwanziger, die der Bevölkerung mehr Wohlstand und Konsum brachten. Jazzlokale, Kinos und Kabaretts erlebten in der modernen Massengesellschaft eine Blütezeit. Auch die neuen Medien Radio und Film hielten Einzug in den Alltag der Menschen.

Vorstellung vom Menschen

  • Die zwischenmenschlichen Beziehungen hatten einen »Warencharakter« (Austauschbarkeit von Menschen)
  • Die Menschen waren aufgrund der Kriegserfahrung (Erster Weltkrieg) desillusioniert
  • Gesellschaftliche Verhältnisse wurden von den Einzelnen als chaotisch und widersprüchlich empfunden

Literatur der Neuen Sachlichkeit

Es herrschte eine Medienvielfalt und die Unterhaltung gewann an Bedeutung für das kulturelle Leben. Dadurch veränderten sich auch die Anforderungen an Autoren und die Bedingungen für die Literatur der Zeit. Mit den Massenmedien (Radio und Fernsehen) entstanden völlig neue Formate. 

Die Bereiche Rundfunk und Film eröffneten den Autoren neue Möglichkeiten, um mit ihrer literarischer Arbeit Geld zu verdienen. Es entstanden viele Hörspiele (Radio) und Drehbücher (Film).

Viele Autoren bestritten ihren Lebensunterhalt auch mit journalistischen Aufträgen von Zeitungen und verfassten für diese Feuilletons, Reportagen und Berichte.

Mit Entstehung zahlreicher Kabaretts stieg die Popularität von Gedichten, Prosa und Sketchen, die nun einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurden.

Die Meinungsfreiheit war faktisch nur auf dem Papier vorhanden. Die Wirklichkeit sah anders aus und Veröffentlichungen wurden beispielsweise durch das Schund- und Schmutzgesetz gestört. Es folgten Verbote von Büchern bestimmter Autoren.

Wichtige Autoren und Werke der Neuen Sachlichkeit

Literarische Merkmale

Die Vertreter der Neuen Sachlichkeit verwendeten in ihren Werken überwiegend eine kühle, emotionslose, distanzierte und einfache Sprache

Eine Abkehr des Expressionismus, bei dem vor allem eine Ausrichtung auf den einzelnen Menschen im Mittelpunkt stand, prägte die Literatur dieser Epoche. Ziel war nun eine sachliche Darstellung des Alltages. Mit ihrer Literatur wollten die Autoren der Neuen Sachlichkeit die breite Masse der Bürger erreichen.

Häufige Themen waren die Probleme der einfachen Bevölkerung, Großstadt, Technik, Industrie und Arbeitslosigkeit. Daneben spielte auch die Darstellung von Krieg eine wichtige Rolle.

Techniken aus dem Filmbereich – zum Beispiel die Montagetechnik – wurden auf die Literatur übertragen. Dabei fügten die Autoren verschiedene Texte bzw. Textsorten (Briefe, Zeitungsartikel, Protokolle) zu einem neuen literarischen Werk zusammen. Die Montagetechnik wurde aber auch auf die Sprache angewandt. So vermischte Gottfried Benn in seinen Werken die Umgangssprache mit Termini aus der medizinischen Fachsprache. 

Epik

Die Epoche der Neuen Sachlichkeit bevorzugte die sogenannte Gebrauchsliteratur. Mit dieser wurden alltägliche Themen und Dinge behandelt. Nicht das fiktionale (ausgedachte), sondern das reale (echte) Leben sollte Gegenstand der Gebrauchsliteratur sein. Daher erfreuten sich Berichte, Dokumentationen und Reportagen großer Beliebtheit.  

Daneben waren vor allem Zeitromane, die die Lebensbedingungen der Menschen genau schilderten, prägend für die Neue Sachlichkeit. Der Großstadtroman »Berlin Alexanderplatz« (1929) von Alfred Döblin gilt als eines der Hauptwerke dieser Zeit. Weitere bedeutende Werke sind der Anti-Kriegsroman »Im Westen nichts Neues« (1928) von Erich Maria Remarques und Hans Falladas Roman »Kleiner Mann –  was nun?« (1932). 

Lyrik

In der Lyrik galt der Gebrauchswert (Nutzen, den ein Werk hat) von Gedichten als wichtigster Wert. Daher spricht man auch von Gebrauchslyrik. Viele Gedichte entstanden aufgrund eines bestimmten Anlasses oder dienten einem ganz besonderen Zweck. 

Die Lyrik der Neuen Sachlichkeit zeichnete sich durch eine einfache, schnörkellose Sprache aus. Damit erreichten die Lyriker viele Menschen aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten. In den Gedichten prangerten die Vertreter der Neuen Sachlichkeit gesellschaftliche Missstände, zunehmenden Militarismus und den aufkeimenden Faschismus an.

Beispiel

Kurt Tucholsky: »Ideal und Wirklichkeit«

In stiller Nacht und monogamen Betten
denkst du dir aus, was dir am Leben fehlt.
Die Nerven knistern. Wenn wir das doch hätten,
was uns, weil es nicht da ist, leise quält.
Du präparierst dir im Gedankengange
das, was du willst - und nachher kriegst das nie ...
Man möchte immer eine große Lange,
und dann bekommt man eine kleine Dicke -
C'est la vie -!

Sie muß sich wie in einem Kugellager
in ihren Hüften biegen, groß und blond.
Ein Pfund zu wenig - und sie wäre mager,
wer je in diesen Haaren sich gesonnt ...
Nachher erliegst du dem verfluchten Hange,
der Eile und der Phantasie.
Man möchte immer eine große Lange,
und dann bekommt man eine kleine Dicke -
Ssälawih -!

Man möchte eine helle Pfeife kaufen
Und kauft die dunkle - andere sind nicht da.
Man möchte jeden Morgen dauerlaufen
und tut es nicht. Beinah ... beinah ...
Wir dachten unter kaiserlichem Zwange
an eine Republik ... und nun ists die!
Man möchte immer eine große Lange,
und dann bekommt man eine kleine Dicke -
Ssälawih -!

Drama

In der Zeit der Neuen Sachlichkeit entstand eine neue Theaterform, das epische Theater. Wichtigstes Merkmal des epischen Theaters sind Verfremdungseffekte, durch die eine Distanz des Zuschauers zum Bühnengeschehen aufgebaut wird. 

Bertolt Brecht entwickelte im Zuge der Arbeit an der Oper »Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny« ersten theoretischen Überlegungen zum epischen Theater und schrieb diese in die Anmerkungen.

Übersicht: Merkmale des epischen Theaters

  • kein strenger Aufbau (Einteilung in Akte und Szenen), sondern Verwendung von Episoden
  • Ende ist meist offen; Publikum soll selbst Alternativen entwickeln und Stück interpretieren
  • Ziel des epischen Theaters: Publikum soll Missstände erkennen und anschließende verändern
  • Bezeichnung episch, weil ein Erzähler zwischen Publikum und Handlung vermittelt
  • Verfremdungseffekte: Kommentare (Erzähler oder Figur), direkte Ansprache der Zuschauenden, Spruchbänder, Plakate, Lieder 

Neue Akzente erhielt auch das Volkstheater, denn das Volk selbst (Bauern, Arbeiter, Handwerker) wurde zum Thema oder trat als Laiendarsteller auf die Bühne. Oft wurden gesellschaftliche und politische Themen dabei verarbeitet. Erklärtes Ziel des Theaters war es, das Publikum zum Nachdenken anzuregen.