Inhaltsangabe

Die Novelle »Schweigeminute« von Siegfried Lenz erzählt die heimliche Liebesgeschichte zwischen der jungen Lehrerin Stella Petersen und dem Abiturienten Christian. Stella ist beim Segeln tödlich verunglückt. Während der Gedenkfeier für sie blickt Christian auf die gemeinsame Zeit zurück. Die Handlung ist also vom Ende her aufgebaut. Christian tritt als Ich-Erzähler auf; wiederholt wendet er sich auch in persönlicher Rede an seine verstorbene Geliebte. Orte der Handlung sind die fiktive Kleinstadt Hirtshafen an der Ostsee sowie das benachbarte Scharmünde in den 1970er Jahren.

In der Aula des Lessing-Gymasiums findet eine Gedenkstunde zu Ehren von Stella Petersen statt. Die beliebte Englischlehrerin war bei einem Segelunfall ums Leben gekommen. Als Klassensprecher war Christian gebeten worden, eine Ansprache zu halten; er hatte dies abgelehnt.

Ein Foto von Stella steht auf dem Podium. Ihr Bild vor Augen, erinnert Christian sich an ihre erste Begegnung in den Sommerferien: In Hirtshafen war ein neuer Wellenbrecher gebaut worden. Die Steine dafür holten Christian und sein Vater an anderer Stelle aus der Ostsee. Stella hatte das Projekt interessiert verfolgt; Christian bot Stella an, ihr demnächst die unterseeischen Steinfelder zu zeigen. Später hatten Christian und Stella beim Strandfest miteinander getanzt.

Unter den Trauernden in der Aula ist auch Ole, Sieger bei der Regatta der Optimist-Jollen in Hirtshafen. Oles Anblick löst bei Christian eine weitere Erinnerung aus: In böigem Wind war eine der Jollen gekentert; Stella, die als Zuschauerin dabei war, hatte ihren Lieblingsschüler Georg Bisanz vor dem Ertrinken gerettet.

Auf dem Weg zu den Steinfeldern im Meer waren Christian und Stella an einem der folgenden Tage im Gewitter vor der »Vogelinsel« gestrandet. In der verlassenen Hütte des Vogelwarts hatten sie Schutz vor dem Regen gefunden. Den ersten zarten Berührungen folgte eine Liebesnacht in Stellas Hotelzimmer im »Seeblick«.

Die Gemeinschaft der Schüler und Lehrer legt eine Schweigeminute ein, während Christian weiter seinen Erinnerungen nachhängt. In der ersten Schulstunde nach den Sommerferien hatte Stella ihn mit derselben Distanz wie ihre anderen Schüler behandelt. Vergeblich hatte er auf ein Zeichen von Vertrautheit gewartet und sich verzweifelt nach der Intimität ihrer früheren Begegnungen gesehnt. Als das Schulorchester spielt, spürt Christian den überwältigenden Verlust, den Stellas Tod bedeutet.

Nach der Feierstunde nimmt Christian das Foto von Stella heimlich an sich. Beim Betrachten fällt ihm sein Besuch in Scharmünde ein, wo Stella mit ihrem Vater gelebt hatte. Bei dieser letzten Begegnung war Stella einem persönlichen Gespräch ausgewichen; sie hatte darauf bestanden, ihre Liebesbeziehung und ihre Stellung als Christians Lehrerin strikt zu trennen. Stellas Aufbruch zu einem Segeltörn mit Freunden hatte unmittelbar bevorgestanden und sie hatte Christian auf ihre Rückkehr vertröstet.

Herr Block, der Direktor der Schule, verlangt die Herausgabe von Stellas Foto. Christian stellt es bereitwillig in die Reihe der Porträts anderer verstorbener Lehrkräfte. Es hatte ihm für kurze Zeit das Glück zurückgebracht, das er mit Stella an einem Sommertag nach den Ferien erlebt hatte: Dabei hatten sie einen – in ihren Augen unverfänglichen – Schnappschuss von sich gemacht. Zu einem späteren Zeitpunkt hatte jedoch Christians Mutter beim Betrachten des Fotos erkannt, dass er und Stella ein Paar waren. 

Christian erinnert sich an sein sehnsüchtiges Warten auf Stellas Rückkehr von der Segeltour. Ein Brief von ihr hatte in ihm Hoffnungen auf eine gemeinsame Zukunft geweckt. In seinem Antwortbrief hatte er ihr seinen Plan unterbreitet, die Hütte des Vogelwarts für sie beide zum Wohnen herrichten zu wollen. Die Tatsache, dass Stella sich am Rande einer internationalen Fischerei-Konferenz schon einmal zu ihm bekannt hatte, bestärkte ihn in seinem Vorhaben. Um das Zusammenleben finanzieren zu können, hatte Christian seinen Vater gebeten, ihm seine Arbeit für ihn in Zukunft angemessen zu vergüten.

Schließlich erinnert Christian sich an den Tag, als er das Segelschiff mit Stella an Bord in schwerem Sturm den Hafen ansteuern sah. Das Boot fuhr unter Großsegel, rammte mit zuviel Fahrt den Wellenbrecher und prallte gegen die Hafenmauer. Stella und ein junger Mann gingen vom vorderen Mast getroffen über Bord. Beide konnten geborgen werden; Christian rettete seine Geliebte. Einige Tage später war Stella im Krankenhaus ihren Kopfverletzungen erlegen. Erst danach erhielt Christian einen weiteren Brief von ihrer Reise.

Ihrem Wunsch entsprechend wurde Stella auf See bestattet. Vom Schlepper seines Vaters aus hatte Christian beobachtet, wie ihre Asche ins Meer gestreut wurde. Dabei hatte er beschlossen, das Geheimnis ihrer Liebe zu bewahren.

In der Novelle geht es um eine unmögliche Liebe und die Sehnsucht nach Dauer, doch mehr noch um Tod und Verlust. Die Sprache ist poetisch und sinnlich; vieles wird nur angedeutet und bleibt der Fantasie des Lesers überlassen. Siegfried Lenz versteht es meisterhaft, die Atmosphäre an der norddeutschen Küste einzufangen: Wind und Wellen beeinflussen das Geschehen, haben darüber hinaus symbolhaften Charakter. »Love, Christian, is a warm bearing wave«, schreibt Stella im zweiten Brief. – Dem Beruf des Steinfischers, der gegen Mitte der 1970er Jahre an der schleswig-holsteinischen Ostseeküste ausstarb, setzt der Autor mit dem Werk zudem ein literarisches Denkmal.


© Inhaltsangabe.de. Es gelten unsere Nutzungs- und Lizenzbedingungen.
  Wie hilfreich waren die Informationen? 13 Stimmen bisher.