Novelle

Die Novelle ist eigenständiges Genre. Sie ist eine Prosaform von mittlerer Länge. Geschildert wird ein neues und skandalhaftes Ereignis, das eine Wende markiert. Die Erzählweise ist straff und gedrängt.

Was ist eine Novelle?

Eine Novelle ist ein kurzer Prosatext. Sie gehört zur literarischen Gattung der Epik, der erzählenden Texte. Der Begriff der Novelle hat seinen Ursprung im lateinischen novus = neu, dann im italienischen novella = Neuigkeit . Erzählt wird also etwas Neues, und zwar ein einzelnes, außergewöhnliches Ereignis. Dieses wird krisenhaft zugespitzt und führt zu einer Wende. Das Genre entstand in Italien zur Zeit der Renaissance (14. bis 16. Jahrhundert) und gilt als Wegbereiter für modernes Ideengut und realistische Literatur.

Merkmale einer Novelle

Die Novelle kann unterschiedliche Formen annehmen. In jüngerer Zeit verwischen oft die Grenzen zwischen Novelle und Kurzgeschichte. Dennoch gibt es einige wesentliche Kennzeichen, die eine Novelle definieren. Unverzichtbar ist zum Beispiel die ursprüngliche Erzählsituation. Häufig sind Novellen deshalb in eine Rahmenhandlung eingebettet. Ältestes und berühmtes Beispiel ist Boccaccios »Decamerone«. Dort sind ein Kreis junger Leute zehn Tage in einem Landhaus bei Florenz versammelt, wo sie sich gegenseitig Geschichten erzählen.

Die wichtigsten Merkmale
  • Ursprüngliche Erzählsituation
  • Kürze und Einfachheit
  • Schilderung einer neuen und unerhörten Einzelbegebenheit
  • Dichte Darstellung
  • Gedrängte und auf ein Ziel (Konflikt) hinführende Erzählweise
  • Geradliniger Handlungsverlauf
  • Nahezu objektiver Berichtstil ohne Einmischung des Erzählers
  • Leitmotiv

Umfang

Die Novelle ist eine kurze oder mittellange Erzählung. Ihr fehlt die epische Breite der Schilderung, wie man sie im Roman findet. Es gibt keine Nebenhandlungen. Die Darstellung ist gerafft. Entsprechend werden die Charaktere knapp gezeichnet und nicht länger ausgemalt.

Inhalt

Johann Wolfgang von Goethe beschrieb die Novelle als »eine sich ereignete unerhörte Begebenheit« (zu Eckermann 1827). Unerhört zwar, im Gegensatz zum Märchen aber eine tatsächliche oder mögliche Begebenheit. Das Ereignis ist neu, ungewöhnlich und interessant. Der romantische Dichter Ludwig Tieck definierte die Novelle als einen Wendepunkt, an dem sich ein einzigartiges Ereignis mit dem Alltäglichen verbindet. Ein Geschehen wird auf ein krisenhaftes Ereignis zugespitzt. Dadurch wird schlaglichtartig das Schicksal eines Menschen oder die Tendenz eines Zeitalters erhellt. Der Leser erkennt tiefere Wahrheiten. Die Gesellschaft bildet sich selbst ab.

Die Hauptfiguren in Novellen sind häufig einsame oder ausgegrenzte Personen. In der Regel verändern sie sich nicht, sie durchlaufen keine Entwicklung.

Aufbau

Theodor Storm nannte die Novelle »die kleine Schwester des Dramas«. Tatsächlich sind beide tektonisch aufgebaut. Unter »Tektonik« versteht man einen geschlossenen, regelmäßigen und symmetrischen Aufbau. Die Handlungsführung ist ähnlich der im Drama. Auch in der Novelle wird der Konflikt zur Krise geführt. Dann erfolgt eine Wende. Auch das anschließende Abklingen gehört zur klar gegliederten Struktur. Anders als eine Kurzgeschichte hat die Novelle somit ein Ende. Das weitere Leben der Hauptfigur wird jedoch meist offen gelassen.

Erzählweise

Die Erzählweise ist gedrängt. Erzählt wird in einem nahezu objektiven Berichtstil. Der Erzähler kommentiert das Geschehen nicht. Dafür hat die Novelle häufig eine Rahmenerzählung. Ein (längerer) zeitlicher Abstand, oder das Mittel, sich als Chronist auszugeben, erlauben dem Dichter eine eigene Stellungnahme.

Leitmotiv

Die Handlung einer Novelle hat ein Leitmotiv. Das können formelhaft wiederholte Wortfolgen sein, oder wiederkehrende Sprachbilder. Sie weisen auf Zusammenhänge hin, rufen sie in Erinnerung, stellen Figuren, Situationen, Gefühle oder Ideen in einen Zusammenhang. Leitmotiv kann auch ein Dingsymbol sein. Das ist ein Gegenstand von symbolhafter Bedeutung, wie zum Beispiel die Buche in Annette von Droste-Hülshoffs »Judenbuche«.

Der bekannte Novellist Paul von Heyse (1830–1914) stellte dazu seine sogenannte »Falkentheorie« auf: Er fordert von jeder guten Novelle einen »Falken«, das heißt ein Dingsymbol oder Leitmotiv. Jeder Erzähler solle sich fragen, wo das Spezifische der Novelle liege, das, was die Begebenheit von allen anderen unterscheide. Von Heyse bezieht sich dabei auf Boccaccios »Falkennovelle«. Dort erscheint als verbindendes Bild an allen wesentlichen Stellen der Falke als Dingsymbol.

Giovanni Boccaccios »Falkennovelle«

Die neunte Geschichte des fünften Tages im »Decamerone« handelt vom Ritter Federigo degli Alberighi und seinem Falken. Federigo liebt die verheiratete Dame Giovanna und wirbt mit allen Mitteln um sie. Dabei verliert er sein gesamtes Vermögen. Am Ende bleibt ihm einzig sein wertvoller und edler Jagdfalke. Unterdessen ist Giovanna verwitwet und wohnt in der Nähe von Federigos Gut. Ihr Sohn ist begeistert von Federigos Jagdfalken.

Als das Kind schwer erkrankt, stattet Giovanna Federigo einen Besuch ab. Sie hofft, dass dieser ihren Sohn mit den Kunststücken seines Falken aufmuntern wird. Um die verehrte Dame angemessen bewirten zu können, lässt der ahnungslose Federigo seinen Falken schlachten und ihr als Mahl servieren. Er ist untröstlich, als er vom Grund ihres Besuchs erfährt. Giovannas Sohn stirbt bald darauf. Das ehrenhafte Verhalten Federigos bleibt Giovanna im Gedächtnis. Später erhört sie den Ritter und vermählt sich mit ihm.

Die Novelle in Geschichte und Gegenwart

Die Novelle ist ein eigenständiges Genre ohne formale Vorbilder in der Antike. Giovanni Boccaccio (1349–1353) wird als Vater der Novelle angesehen.

Erste Novellen im 14. Jahrhundert: Boccaccios »Decamerone«

Sein Werk, das »Decamerone« (= zehn Tage), gilt als stilbildend: Es wurde zum Vorbild fast aller weiteren abendländischen Novellensammlungen. Dabei handelt es sich um eine Sammlung von 100 Novellen, die über zehn Tage erzählt werden. Der Dichter schildert nicht – wie bis dahin üblich – christliche Begebenheiten, die das Glück im Jenseits ansiedeln. Boccaccios Novellen erzählen vielmehr lebensnahe Geschichten. Diese behandeln sowohl ernsthafte als auch heitere Themen. Sie sind jedoch allesamt auf das Diesseits gerichtet.

Die Rahmenhandlung hat Boccaccio in einem Landhaus in der Nähe von Florenz angesiedelt. Dorthin sind sieben Frauen und drei junge Männer vor der Pest geflüchtet. Um sich abzulenken, werden Novellen erzählt. Jeder der Anwesenden gibt an einem Tag den Themenkreis vor. Nach zehn Tagen (und zehn mal zehn Novellen) geht die Gruppe zurück nach Florenz.

Wichtige Novellisten im 18. Jahrhundert: Goethe und Kleist

In seiner Novellensammlung »Unterhaltungen deutscher Ausgewanderter« griff Johann Wolfgang von Goethe 1795 auf die beschriebene Erzählsituation zurück. Er übernahm das Konzept der Rahmenhandlung aus Boccaccios »Decamerone«: Der realen Situation einer Gruppe, die einen Zerfall der Kultur erlebt (Französische Revolution), wird eine Erzählwelt entgegengesetzt.

Als »Meister der Novelle« gilt Heinrich von Kleist (1777–1811). Wie keinem anderen gelangen ihm der geschlossene Aufbau, die sprachliche Verdichtung sowie das Herausarbeiten des für die Novelle typischen Spannungsbogens. Berühmt sind vor allem seine Werke:

Novellisten der Romantik

Unter den Novellisten der Romantik sind Achim von Arnim, Ludwig Tieck, Joseph von Eichendorff oder E. T. A. Hoffmann. Zum Teil überhöhen sie das geschilderte Ereignis ins Phantastisch-Märchenhafte. Berühmte Beispiele sind:

Weitere Novellen aus dem 19. Jahrhundert

Folgende Werke von Autoren wie Anette von Droste-Hülshoff, Theodor Storm, Gottfried Keller oder Gerhart Hauptmann entsprechen ebenfalls der klassischen Form der Novelle und stellen eine Auswahl dar:

Die Novelle im 20. Jahrhundert

Aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts erfüllen u. a. Werke von Arthur Schnitzler, Thomas Mann und Stefan Zweig die strengen formalen Voraussetzungen der Novelle:

Berühmtes Beispiel für eine Novelle der modernen Weltliteratur ist »Der alte Mann und das Meer« (1952). Dieser Klassiker wurde bei der Verleihung des Literaturnobelpreises (1954) an Ernest Hemingway ausdrücklich erwähnt. Erzählt wird die Geschichte des armen kubanischen Fischer Santiago. Weit draußen auf dem Meer kämpft er verzweifelt mit einem großen Fisch. Er obsiegt, doch bald darauf jagen ihm Haie seine Beute wieder ab.

Anfang der 1990er Jahre gelang dem beliebten Autor Uwe Timm ein großer Erfolg mit seiner Novelle »Die Entdeckung der Currywurst« (1993). Das Werk, das die Entdeckung der Currywurst in den Hamburger Nachkriegsjahren verortet, wurde in mehr als 20 Sprachen übersetzt.

Ein Meister seines Fachs ist der 1937 geborene Hartmut Lange. Er kultiviert die literarische Form der Novelle und erzählt – ganz im Sinne Goethes – unerhörte Begebenheiten, u. a. in dem Band »Italienische Novellen« (1998).

Die Novelle im 21. Jahrhundert

Hartmut Langes Novellen prägen auch die Literaturlandschaft des 21. Jahrhundert mit Bänden wie »Der Therapeut« (2007), »Das Haus in der Dorotheenstraße« (2013) oder »An der Prorer Wiek und anderswo« (2018). Daneben haben in den ersten beiden Jahrzehnten des 21. Jahrhunderts weitere Autoren die literarische Form der Novelle neu entdeckt und belebt, unter ihnen Siegfried Lenz, Dirk Kurbjuweit oder Günter Grass:

Inhaltsangaben bekannter Novellen

Auf unseren Seiten findest du eine große Auswahl von Inhaltsangaben von Novellen. Einige der bekanntesten stellen wir hier kurz vor. Ausführliche Inhaltsangaben stehen auf der jeweiligen Einzelseite.

»Aus dem Leben eines Taugenichts« von Joseph von Eichendorff (1826)

Diese Novelle steht wie kaum ein anderes Werk für die Literatur der Romantik. Der charmante Protagonist, der Taugenichts, bricht mit allen Konventionen. Heiter und naturverbunden zieht er durch die Welt und folgt der Stimme seines Herzens. Leitmotiv ist das Wandern, Reisen und Fahren hinaus in die Natur. Dingsymbol ist die Geige, die der Taugenichts immer mit sich führt. Auf ihr spielt er seine Lieder und singt dazu.

»Die Judenbuche« von Annette von Droste-Hülshoff (1842)

Friedrich Mergel wird in eine verrohte und erbarmungslose Gesellschaft ohne Werte hineingeboren. Er kann sich nicht dagegen behaupten und begeht am Ende Suizid. Die Buche im Brederwald wird mehrfach zum Schauplatz schrecklicher Ereignisse. Sie verbindet die Geschehnisse miteinander und steht als Dingsymbol für Gewalt und Schuld. Auch die Narbe, an der man den erhängten Friedrich identifiziert, ist ein Symbol für Schuld. Die Parallele zum biblischen »Kainsmal« ist unübersehbar.

»Der Schimmelreiter« von Theodor Storm (1888)

Hauke Haiens Leben und Tod sind aufs Engste mit dem Deich verknüpft. Der Deich dient als Dingsymbol und spiegelt in gewisser Weise das Leben des Protagonisten wider. Als Kind ist Hauke fasziniert von der Geometrie des Deiches. Später widmet er sein Leben der Verbesserung des Deichbaus. Die Deiche halten – und Hauke Haiens Leben verläuft unauffällig und ruhig. Den öffentlichen Anfeindungen steht ein harmonisches Familienleben gegenüber. Die Novelle wird der Zeit des bürgerlichen Realismus zugerechnet. Als der Deich bricht, stürzen Hauke und seine Familie in den Tod. Der Deich steht auch symbolhaft für den Kampf des Menschen gegen die Natur.

»Bahnwärter Thiel« von Gerhart Hauptmann (1888)

Die sinnlichen Reize seiner zweiten Frau Lene stehen im Gegensatz zur Reinheit der Gefühle in der ersten Ehe des Bahnwärters Thiel. Thiels ruhiges und geregeltes Leben gerät aus den Fugen. Dingsymbol ist die Eisenbahn, die die Geschehnisse in Thiels Leben verbindet. Mit dem Schnellzug, der seinen Sohn Tobias erfasst, wird die mühsam aufrechterhaltene Ordnung unwiderruflich zerstört. Das Werk gehört in die Literaturepoche des Naturalismus. Die Eisenbahn ist auch Symbol für die Industrialisierung und Abwendung von der Natur.

Quellen und weiterführende Literatur:
Basiswissen Schule Deutsch Abitur, Duden Schulbuchverlag Berlin, Mannheim, Zürich, 2011.
Gero von Wilpert, Sachwörterbuch der Literatur, Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 2013.